Moralisches Missverständnis: Mindestlöhne sorgen für Gerechtigkeit

28.08.2012 | Ulf D. Posé

Lassen Sie es mich gleich vorweg sagen: Ich finde den Mindestlohn gut. Wer arbeitet, sollte mehr verdienen, als jemand, der es nicht tut. Ich glaube auch, dass Mindestlöhne Lohnarmut verhindern können. So stimmig die Argumente für eine Lohnuntergrenze aber auch sind – richtig sind sie deswegen noch lange nicht. Denn sie lassen einen wichtigen Teil der Wahrheit weg.

Wer redlich mit der Diskussion umgeht, sollte daher immer zwei Fragen beantworten: Was soll der Mindestlohn bezwecken und kann er es überhaupt? Und: Ist das auch finanzierbar?

Eine Lohnuntergrenze bezweckt, dass Menschen ohne staatliche Unterstützung von ihrer Arbeit leben können. So weit, so gut. Ein Blick auf die Zahlen zeigt jedoch: Das ist mit Stundensätzen unterhalb von 10 Euro kaum möglich. Das Hauptziel des Mindestlohns kann also mit den diskutierten Zahlen, die teilweise noch darunter liegen, gar nicht erreicht werden. Eine gesetzliche Lohnuntergrenze folgt darüber hinaus der Idee, dass Leistung unabhängig vom Nutzen entlohnt werden soll. Das mag menschlich verständlich sein, verstellt jedoch den Blick für die wahre Ursache der Entlohnung: die Wertschöpfung.

Damit stellt sich die Frage, ob eine Lohnuntergrenze überhaupt bezahlbar ist. Die Lohnhöhe bemisst sich nach Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt sowie nach dem Wertschöpfungsbeitrag, den die Arbeit leistet. Wird Arbeit nicht nachgefragt, sinkt der Stundensatz. Liegt der Lohn über dem Wertschöpfungsanteil, ist er nicht mehr finanzierbar, die Nachfrage stirbt. So bitter das im Einzelfall sein mag, gehorcht das Ganze doch einer einfachen, marktwirtschaftlichen Logik. Wird nun ein Unternehmer gezwungen, Löhne zu zahlen, die er mit seinen Aufträgen nicht erwirtschaften kann, wird er sein Unternehmen schließen müssen oder in die Schwarzarbeit gedrängt.

Gleichwohl muss überlegt werden dürfen, ob ein Unternehmen, das keine Löhne oberhalb des Sozialhilfesatzes bezahlen kann, nicht gravierende Managementfehler gemacht hat. Es bewegt sich möglicherweise entweder im falschen Marktsegment, bietet die falschen Produkte an oder trifft sonstwie falsche Entscheidungen. Die dadurch entstehenden Krisen dürfen Mitarbeiter nicht zu Gunsten des Managements in den finanziellen Ruin führen. Konsequenterweise müsste in so einem Fall erst einmal das Management für Niedriglöhne arbeiten, nicht die Mitarbeiter.

Wenn ein Unternehmen jedoch alles richtig gemacht hat, und den Mindestlohn trotzdem nicht finanzieren kann, dann wäre es aus Gerechtigkeitserwägungen nur konsequent, eine Lohnuntergrenze an ein Produktabnahmegesetz zu koppeln. Die Einführung einer Lohnuntergrenze müsste Kunden gesetzlich zwingen, einen angemessenen Preis zu zahlen – eine radikale marxistische Maßnahme, die kein Wirtschaftsökonom befürworten würde. Die aber klar macht, wie widersinnig die ganze Diskussion ist.

Damit ist das ethische Problem nicht gelöst, dass eine Vollzeitarbeit, die die Lebensbedürfnisse nicht befriedigt, menschenunwürdig ist. Die Verantwortung pauschal auf die Arbeitgeber abzuwälzen, ist aber keine Lösung. Denn die sind oft genug selbst betroffen: Selbstständige und Unternehmer arbeiten durchschnittlich 59 Stunden pro Woche, und leisten sich maximal 15 Urlaubstage pro Jahr. Trotzdem verdienen rund 600.000 Selbstständige weniger als sieben Euro pro Stunde, 200.000 Freiberufler sogar weniger als fünf Euro. Rund 100.000 Selbstständige haben ein Einkommen unterhalb der Pfändungsgrenze.

Und diese ach so reichen Unternehmer sollen also in Zukunft Mindestlöhne zahlen. Die Debatte um die Lohnuntergrenze blendet die Fürsorge für Freiberufler völlig aus. Was für Lohnempfänger als gerecht empfunden wird, sollte Arbeitgebern oder Selbstständigen nicht verwehrt werden. Es sei denn, wir geben zu, dass wir Selbstständige als Bürger zweiter Klasse ansehen, die keiner Hilfe bedürfen. Wenn wir also redlich mit der Frage umgehen wollen, ob Mindestlöhne nicht nur ethisch richtig, sondern auch nützlich und finanzierbar sind, dann muss man feststellen, dass gerade jenen Menschen etwas vorgaukelt wird, denen zu helfen man vorgibt: den Einkommensschwächsten.

Die Kolumne ist auch auf ManagerSeminare erschienen.

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