Grameen-Bank: Mikrokredite für Menschen ohne Einkommenssicherheiten

27.08.2009 | Dr. Frank Gaeth

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an den Wirtschaftswissenschaftler Prof. Mohamed Yunus im Jahr 2006 brachte das Thema Mikrofinanz und damit die Grameen-Bank als einen der herausragenden Mikrofinanzierer in den Mittelpunkt weltweiter Aufmerksamkeit. Das Konzept der Grameen-Bank wurde inzwischen in mehr als 100 Staaten, zumeist Entwicklungsländern wie Bangladesch, kopiert und trägt dort erfolgreich zur Beseitigung von Armut bei.

Die Übertragbarkeit von Gruppenkrediten nach dem Grameen-Prinzip in entwickelte Länder hingegen wird eher kritisch bewertet. Ein Hauptgrund hierfür wird im gesellschaftlichen Kontext entwickelter Länder gesehen, in welchem aufgrund mangelnder sozialer Kohäsion bzw. breiterer ökonomischer und sozialer Ausdifferenzierung und Mobilität die notwendigen Voraussetzungen für die Anwendung von Peer Monitoring und Peer Pressure nicht ausreichend vorhanden seien.

Die Grameen-Bank

Die Grameen-Bank (in wörtlicher Übersetzung: Dorfbank oder dörfliche Bank) ist ein 1983 gegründetes Mikrofinanz-Kreditinstitut, das Mikrokredite an Menschen ohne Einkommenssicherheiten in Bangladesch vergibt und damit versucht, die Armut der Bevölkerung zu beseitigen. Der Bank gehören zusätzlich Gesellschaften der Telefon-, Energie-, Textil- und Baubranche sowie weitere Dienstleistungen an.

Ihren Ursprung hat die Grameen-Bank in einem Feldexperiment, das 1976 von Muhammad Yunus, Ökonomieprofessor an der Universität Chittagong, nach einer Hungersnot initiiert wurde. 1979 entstand unter der Schirmherrschaft der Zentralbank das Grameen Bank Project. Ziel dieses Projekts war die Erprobung spezieller Kreditformen für die landlose Bevölkerung innerhalb der staatlichen Banken des Landes. In diesem Zusammenhang wurde die Grameen-Bank im September 1983 als Finanzinstitution für den ländlichen Raum gegründet. Gesucht war eine Lösung, um die Situation der Einkommensschwachen im Land zu verbessern. Beobachtungen von Yunus zeigten, dass auch die ärmsten Gesellschaftsschichten für ihren wirtschaftlichen Erfolg nur wenig Kapital benötigen, um den Wareneinsatz für ihr Handwerk zu finanzieren. Problematisch waren die hohen Zinsen der lokal ansässigen Geldverleiher. Die großen Banken waren aufgrund fehlender Sicherheiten nicht bereit, Kredite zu gewähren. Ein weiterer Grund ausbleibender Kredite durch konventionelle Banken liegt in dem Missverhältnis zwischen hohem Arbeitsaufwand pro Kunde und geringer Höhe der Mikrokredite.

Die Grameen-Bank stellt in ihrer Kreditvergabe scheinbar die Regeln des Bankensystems in Frage aber auch die in Entwicklungsprojekten häufig zu beobachtenden dauerhaften Abhängigkeiten von finanziellen Zuwendungen des Geldgebers. 1995 beschloss die Grameen-Bank, keine neuen Zuschüsse oder zinsvergünstigten Kredite mehr entgegenzunehmen. Die wachsende Summe der Einlagen sollte künftig ausreichen, um bestehende Kredite zu tilgen sowie das eigene Kreditprogramm zu finanzieren bzw. auszuweiten. Seit Januar 2003 werden sämtliche Zinsen aus eigenen Mitteln und Einlagen gezahlt. Seit ihrer Gründung konnte die Grameen-Bank nach eigenen Angaben jedes Jahr Gewinn verbuchen, lediglich in den Jahren 1983, 1991 und 1992 gelang dies nicht.

Ende 2007 hatte die Bank nach eigenen Angaben 7,34 Millionen Kreditnehmer, davon 97 % Frauen. Die Gesamtsumme des bisher verliehenen Geldes beläuft sich bis 2007 auf mehr als 6,5 Milliarden Dollar. Die Bank unterhält mehr als 2.500 Zweigstellen mit ca. 25.000 Mitarbeitern, die über 70 % der Dörfer in Bangladesch betreuen.

Die Bank befindet sich formal fast ausschließlich im Besitz der Kunden, lediglich zu etwa 6 % im Besitz des Staates Bangladesch. Im Laufe der Zeit entwickelte die Bank auch eigene Programme, bei denen Darlehen zu besonderen Bedingungen – z. B. Hausbaudarlehen für Familien – vergeben werden.

Nachhaltigkeit

Ein wesentlicher Teil der Kontroverse um die Grameen-Bank gilt der Frage der Nachhaltigkeit des Grameen-Konzepts und der damit verbundenen Fähigkeit des Unternehmens, aus eigenen finanziellen Mitteln bestehen zu können.

David Hulme stellt in einem 2009 erschienenen Beitrag die These auf, dass die Grameen-Bank in den 1990er Jahren unmittelbar vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch gestanden hätte. Als Beobachter vor Ort hätte er festgestellt, dass in den 1990er Jahren die Rückzahlungsquoten der Kreditnehmer kontinuierlich fielen. Kredite seien nicht konsequent für Investitionen genutzt worden, sondern auch für Konsum und sogar für die Zahlung von Mitgift. Da in der Folge aus den Einkünften der Investitionen nicht genügend Kapital für die Rückzahlungen zur Verfügung stand, hätten Kreditnehmer Einkünfte aus selbstständiger Tätigkeit mit Einkünften aus zusätzlicher Erwerbstätigkeit und einer Reihe von weiteren Krediten bei privaten Kreditgebern kombiniert. Als Folge stiegen die so angesammelten Kredite in Größenordnungen, die nicht mehr bedient werden konnten. In der Konsequenz bot die Grameen-Bank Kredite von erheblich größerem Umfang an, mit denen die Mitglieder ihre gesamten Schulden umschichten sollten. Im Zuge der Flutkatastrophe von 1998 brach jedoch das Kreditgeschäft im Bereich der Landwirtschaft zusammen und löste eine folgenschwere Kettenreaktion aus, die nach Ansicht von Hulme das bereits angeschlagene Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit gebracht hätte. Wie die Grameen-Bank schließlich diese Situation bewältigte, sei nicht bekannt, da keine unabhängigen Berichte vorlägen. Allerdings sei ein Überleben der Bank nur durch weitere finanzielle Zuwendungen durch internationale Spender denkbar. Hulme stellt in diesem Zusammenhang die These auf, dass Grameen I an seinen eigenen strukturellen Problemen gescheitert sei und nicht an den besonderen Umständen der Naturkatastrophe.

Die Wirtschaftlichkeit der Grameen-Bank bzw. die Nachhaltigkeit des Grameen-Konzepts stellen weitere Autoren in Frage. Zum Beispiel beschreibt Carlos Santos die Grameen-Bank als ein defizitäres Unternehmen. Dies gelte auch für Replikationen der Grameen-Bank außerhalb von Bangladesh. Obwohl sie Profit ausweise, sei die Grameen-Bank de facto kontinuierlich stark subventioniert und operiere keineswegs kostendeckend. So seien trotz der regelmäßig als sehr hoch ausgewiesenen Rückzahlungsraten die Kreditausfälle viel höher. Tatsächlich weist die Grameen-Bank im Rahmen ihres Kreditgeschäfts besonders hohe Rückzahlungsquoten aus: mehr als 98 % der vergebenen Kreditsumme in Bangladesch (sogar 99,6 % im Projekt New York - USA). Die von Grameen veröffentlichten Ausfallquoten basierten laut Santos auf einer Berechnungsmethode, die sich stark vom Standard anderer Mikrofinanz-Institutionen abhebt. Zahlungsverzüge von zwölf bzw. 24 Monaten würden in das Verhältnis zum Volumen der ausstehenden Kredite gesetzt. Die daraus abgeleiteten Ausfallquoten böten jedoch ein stark verzerrtes Bild, wenn die Kreditvergabe im Laufe der Zeit zunehme, was gerade bei Grameen meist der Fall sei.

Laut Santos bekomme die Grameen-Bank auch indirekte Subventionen in Form vergünstigter Kredite von ausländischen Hilfsinstitutionen, vor allem von IFAD (International Fund for Agricultural Development), NORAD (Norwegen), SIDA (Schweden), KFW und GTZ (Deutschland), DIDA (Kanada), OECF (Japan) und der Ford Foundation. Die Verzinsungen dieser Kredite lägen zwischen null und drei Prozent jährlich und sie wären (bis auf die Kredite der Ford Foundation) in der einheimischen Währung zurückzuzahlen. Auch die Zentralbank Bangladeshs diene als günstige Refinanzierungsquelle für die Grameen-Bank. Während sie zwischen 1993 und 1995 jährlich 5 bis 5,5 Prozent Zinsen für ihre Darlehen bei der Zentralbank zahlte, hätte der Leitzins der Zentralbank für Geschäftsbanken bei 6 bis 8 Prozent gelegen. Für ihre Refinanzierung auf dem inländischen Finanzmarkt würde die Grameen-Bank Zinsen zwischen 14 und 15 Prozent zahlen müssen. Eine dritte wichtige Refinanzierungsquelle der Bank stelle der Verkauf von Bonds dar. Während eine sichere Anlage in Bangladesh mit 9 Prozent jährlich verzinst werden würde, biete Grameen 4 Prozent für ihre 3-jährigen Bonds, 5 Prozent für die 5-jährigen und 6 Prozent für die 10-jährigen. Diese implizite Subvention sei möglich, weil die Bonds von der Regierung garantiert bzw. von staatlichen Banken massiv gekauft werden. Alles in allem mache die Grameen-Subventionen zwischen 1985 und 1996 insgesamt ca. US$ 144,2 Mio., also ca. US$ 15 pro Kreditnehmer und Jahr aus. Der deklarierte jährliche Durchschnittsnettogewinn sei zudem nur durch sehr niedrige Rückstellungen und Abschreibungen von Zahlungsverzügen bzw. nicht bezahlten Krediten möglich.

Die Schwierigkeiten, die sich aus einer derartigen Refinanzierung ergeben, verstärken sich zur Zeit der Finanzkrise, die auch an der Mikrofinanzbranche nicht spurlos vorübergeht. Der ECONOMIST berichtet von einem Milliarden-Defizit durch steigende Refinanzierungskosten bzw. ausbleibendes neues Kapital. Hier seien die Mikrofinanzinstitute (MFI) gerade deshalb betroffen, weil die Laufzeiten ihrer Kredite sehr kurz sind und eine Anschlussfinanzierung wesentlicher Teil des Kreditprozesses ist. Die Grameen-Bank sieht sich hier nach eigener Darstellung in einer Stellungnahme jedoch nicht betroffen und verweist darauf, dass die Kreditnehmer der Bank umfangreiche eigene Rücklagen gebildet hätten und unabhängig von Geldgebern seien.

Grameen-Programme

Die Grameen-Bank betreibt keineswegs nur das klassische Bankgeschäft, sondern wirkt als ein Instrument der Entwicklungshilfe u. a. in den Bereichen Infrastruktur/Kommunikation (Grameen Phone mit mehr als 250.000 sog. „Telephone-Ladies“ mit von Solarenergie gespeisten Mobiltelefonen), Bildung, Energie (Grameen Shakti: Verkauf von Sonnenkollektoren) und Ernährung (Fischzucht, Nahrungsergänzung, Milchprodukte). 2007 wurden ca. 30.000 Stipendien im Wert von 795.000 US$ vergeben, darunter 18.250 Studentenkredite. Grameen fördert den Anteil an Frauen in ihren Scholarship Programmen.

Besonders Bedürftige bzw. Mittellose werden über das sog. „Bettler-Programm“ angesprochen. Für diese Gruppe der struggling members, beggars ist ein besonderes Kreditprogramm aufgelegt worden, für das eigene Regeln gelten.

  • lange Rückzahlungsfristen in kleinsten Raten
  • Die Vergabe des Kredits ist mit einer Lebensversicherung und Kreditversicherung verbunden.
  • Bildung von Patenschaften für Mittellose
  • Auszeichnung durch Identifikations-anstecker, die Mittellose als Grameen-Bank-Mitglied ausweisen – als Unterstützung beim Haustürgeschäft

Die Zinssätze sind den einzelnen Programmen angepasst: für Investitionen 20 %, für Wohnungsbaukredite 8 %, für Studentenkredite: 5 %, für Kredite für Mittellose (Bettler) 0 %, für Einlagen maximal 12 % und mindestens 8,5 %.

Die Grameen-Bank ist folglich eher als Entwicklungsbank zu interpretieren, die Mikrokredite nutzt, um Tätigkeiten fördern zu können, die in entwickelten Ländern häufig oder sogar überwiegend als gesellschaftliche Aufgabe betrachtet werden (Bildungsinvestitionen, sozial geförderter Wohnungsbau). Dabei agiert Grameen als Mittler in Zusammenarbeit mit einer Reihe von internationalen Unternehmen, bspw. in Zusammenarbeit mit DANONE, VEOLIA, TELENOR, DIGICEL, SIEMENS und BASF im Rahmen von Social Business Konzepten.

Zur Frage der Übertragbarkeit: Grameen-Projekte in Industriestaaten

Good Faith Fund (Arkansas - USA)

Der Good Fatih Fund in Arkansas (USA) war Gegenstand einer Untersuchung durch Prof. Richard Taub, University of Chicago. Die Evaluation von Taub basiert auf persönlichen Interviews, einer 20-Prozent-Stichprobe der Kreditnehmer des Projekts in Arkansas über einen Zeitraum von zwei Jahren und anschließenden Interviews zwei Jahre später sowie einer per Post durchgeführten schriftlichen Befragung aller Kreditnehmer. Taub führte regelmäßig Gespräche mit allen Kreditgebern und Repräsentanten des Good Faith Funds und war als Beobachter an einer Reihe von Treffen beteiligt.

Der Southern Good Faith Fund (SGFF) ist eine gemeinnützige Tochtergesellschaft der Southern Bancorp., einer Holding-Gesellschaft mit Niederlassungen in Arkansas und Mississippi, mit drei Banken. Der Good Faith Fund begann sein Programm in Arkansas als eine Replikation der Grameen-Bank in Bangladesch. Zu Beginn verlangte der Fonds keine Sicherheiten, mit der Absicht, dass, wie bei Grameen in Bangladesch, allein die Gruppe den nötigen Druck aufbauen würde, um die rechtzeitige Rückzahlung von Krediten zu sichern. Es gab Centersitzungen, in denen sich die Gruppenmitglieder zweimal pro Monat trafen. Von Seiten der Projektleitung bestand Uneinigkeit darüber, ob die Bereitstellung technischer Hilfe durch die Bank notwendig sei und die einzelnen Teilnehmer sich besser untereinander Hilfestellung leisten sollten (Peer Support). So wurde zum Beispiel vorausgesetzt, dass die Gruppenmitglieder am besten wüssten, was für ihre Geschäftsgründungen angemessen sei, und daher sei Beratung seitens der Bank ein kostenintensiver und letztlich unnötiger Aufwand. Später wurde diese Sicht fallen gelassen und von jedem Teilnehmer erwartet, an einem sechswöchigen Business-Trainingsprogramm mit Schwerpunkt Steuern und rechtlichen Voraussetzungen einer Geschäftsgründung teilzunehmen.

Die Anzahl der Kredite des Good Faith Funds war anfangs sehr klein, zwischen 1989 und 1992 wurden im Durchschnitt pro Jahr etwa 18 Mikro-Kredite vergeben. Um stark am Grameen-Modell orientiert zu bleiben, war die individuelle Kredithöhe in den ersten vier Jahren auf unter US$ 1.600 begrenzt, später jedoch auf über US$ 3.000 für den ersten Kredit erweitert worden. Entgegen den späteren Erfahrungen in New York war die Ausfallquote sehr hoch und betrug hier zeitweise 48 % (1989). Es wurde deutlich, dass ein nicht unerheblicher Teil dieses Ausfalls auf Betrug durch Kreditnehmer zurückzuführen war und das Management entschied, dass Sicherheiten bei der Darlehensvergabe nun doch zukünftig von wesentlicher Bedeutung sein sollten. Auch wurde entschieden, dass der Fonds im Fall der Beschaffung von Betriebsmitteln die Gelder direkt an die Lieferanten der Waren zahlen sollte und nicht an den Kreditnehmer selbst, um zu gewährleisten, dass das Geld auch tatsächlich für den vorgesehenen Zweck ausgegeben wird.

Als weitere Konsequenz der hohen Ausfallquote entschied das Management, die Größe des ersten Darlehens zu verkleinern, so dass die Kreditnehmer nicht allzu große Schwierigkeiten haben würden, die Darlehen zurückzuzahlen. Die Rückzahlung des ersten Darlehens war ein wichtiger Indikator für die Bereitschaft zur Rückzahlung eines größeren Darlehens in der Folge. Diese Veränderungen in der Kreditvergabe führten zu drastisch reduzierten Ausfallquoten. In den Jahren 1993 und 1994 reduzierten sich die Ausfälle auf 11 % des Kreditgeschäfts pro Jahr. Zu den unterstützten Projekten gehörten Betreuung von Kindern, eine Tapeziererei, ein Beauty-Shop, eine Schneiderei, die sich auf Bekleidung im afrikanischen Stil spezialisierte, Hausmeister- und Gartenarbeiten und eine Catering-Firma. Insgesamt wurden überwiegend Dienstleistungen finanziert.

Innerhalb der Anfangsphase des Programms wurde erwartet, dass Kreditnehmer bereits Gruppen (aus Nicht-Verwandten) vorzuweisen hätten. Aus verschiedenen Gründen, insbesondere wegen der geringen Bevölkerungsdichte sowie der sozialen Verhältnisse vor Ort, die sich von Bangladesch stark unterscheiden, konnten nur wenige Interessenten von Anfang an eine Gruppe vorweisen. Dies führte letztlich dazu, dass Teilnehmer auch dann an den Einführungskursen teilnehmen konnten, wenn diese keine Gruppe vorzuweisen hatten und stattdessen erst später, mit der Hilfe der Projektleitung, eine Gruppe formten, was jedoch zur Konsequenz hatte, dass die so geformte Gruppe aus Personen bestand, die einander fremd waren und kaum Gruppendruck aufbauen konnten. Es stellte sich heraus, dass die Zugehörigkeit zu einer konstruierten Gruppe nicht das Gleiche war wie die zu einer bereits bestehenden Gemeinschaft mit starken bereits vorhandenen sozialen Bindungen, in der Sanktionen möglich sind.

Einen weiteren Unterschied betrifft die Situation der Märkte in Bangladesch, welche zumeist lokal orientiert sind. Produktion und Verkauf liegen eng beieinander, verkauft werden die Waren auf Märkten vor Ort. Grameen kann einer Person bspw. den Kredit für den Erwerb von Vieh gewähren, das dann unmittelbar – und in kurzer Frist – Ertrag erwirtschaftet. Erste Rückzahlungen der Kreditsumme innerhalb weniger Wochen oder gar Tage erscheinen realistisch, wenngleich der Zwang zur schnellen Rückzahlung des Kredits bereits eine spezifische Tierhaltung und ihre Risiken stark bestimmt. In den USA hingegen sind die Märkte oft global ausgerichtet und geprägt vom Einfluss der Großunternehmen. Die selbst produzierten Waren eines Mikrokreditnehmers stünden hier einem ungleichen Wettbewerb gegenüber. Eine Chance läge für Kleinstunternehmen lediglich im Angebot von Dienstleistungen innerhalb lokal orientierter Märkte. Und daraus würde sich keine wirkliche Wertsteigerung für die Region entwickeln, wie Taub ausführt. Zu berücksichtigen sei auch die Struktur und Verbreitung von Armut. In Bangladesch sei Armut die Normalität für sehr viele Menschen, in den USA hingegen sei sie meist an spezielle Voraussetzungen geknüpft. So bestünden in einzelnen Regionen der USA, bspw. dort, wo Baumwolle erzeugt werde, durchaus Interessen, das Lohnniveau niedrig zu halten. Baumwollprodukte wären (unter den derzeitigen Produktionsbedingungen) kaum wettbewerbsfähig, falls das Lohnniveau signifikant steigen würde. Armut (nach US-Standards) wäre hier ein Faktor zur Kostensenkung und damit Absatzsicherung. Die lokalen politischen Strukturen besäßen kaum Interesse, diesen Kostensenkungsfaktor in Frage zu stellen.

Weitere Unterschiede betreffen die Struktur der Armut. Von Armut Betroffene in Arkansas seien meist älter, an große Familien gebunden, schlechter qualifiziert oder aus sonstigen Gründen immobil, folglich diejenigen, die die Mehrheitsgesellschaft zurücklässt. Dies sei nicht die Klientel in Bangladesch. Dort sind es in der Regel (mit Ausnahme des Bettlerprogramms) eher diejenigen, die in den USA oder in Europa die Mittelschicht ausmachen würden.

Die Voraussetzungen und Nebenbedingungen, die an die Zahlung von Sozialleistungen geknüpft sind, würden ebenfalls einer Selbstständigkeit im Wege stehen. Erreicht etwa der Nebenverdienst eine gewisse Höhe, werden Sozialleistungen entsprechend gekürzt. Hier steht die sichere Sozialleistung einer unsicheren eigenen Selbstständigkeit gegenüber und erzeugt in der Einschätzung von Taub einen so genannten Moral Hazard. Moral Hazard droht bspw., wenn ein Widerspruch zwischen dem, was für die Allgemeinheit (für das Kollektiv), und dem, was für das Individuum vernünftig ist, besteht, wenn also ein Widerspruch zwischen Kollektivrationalität und Individualrationalität vorliegt. Eine Leistung, die ohne jeden Aufwand sicher bezogen werden kann, wird ersetzt durch eine unsichere Erwartung einer Einkunft, die obendrein eine Gegenleistung erfordert. Die Entscheidung zugunsten der Aufgabe der sicheren Sozialleistung wäre bis zu einem gewissen Niveau für das Individuum irrational. Hinzu treten Besonderheiten der Förderung von Wohnraum, die vorsehen, dass in gefördertem Wohnraum kein Gewerbe ausgeübt werden darf. Bei Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit droht dem Individuum folglich der Verlust der finanziellen Unterstützung und des Wohnraums. Die von Taub als erfolgreich identifizierten Fälle hätten auch wenig gemein mit dem Durchschnitt der „Working Poor“. Erfolgreiche Fälle zeichneten sich dadurch aus, dass sie häufig Doppelverdiener seien, die entweder aus einer früheren Beschäftigung Renten bezögen, deren Ehepartner berufstätig seien oder die lediglich einen Zuverdienst anstrebten.

Heute habe der Good Faith Fund ein neues und völlig anderes Aussehen. Die Gruppenkreditvergabe an Kleinstunternehmer spiele nur noch eine geringe Rolle. Das Management sei zu der Einsicht gelangt, dass eine direkte 1:1-Übertragung des Grameen-Prinzips für Arkansas nicht funktioniere. Sukzessive Anpassungen waren notwendig. Kredite an Kleinunternehmer existieren zwar nach wie vor, eine größere Rolle spielen allerdings Kredite an größere Unternehmungen. Und hier sieht Taub auch die Perspektive für zukünftige Projekte. Als konkretes Beispiel führt Taub einen Kredit in Höhe von US$ 300.000 für ein Verpackungsunternehmen durch den Good Faith Fund an. Mehr als 20 Angestellte, sämtlich Afroamerikaner aus der Region Arkansas, erhielten hierdurch ein langfristiges Beschäftigungsverhältnis. Voraussetzung für das Funktionieren war jedoch von vornherein ein Start auf deutlich höherem Niveau mit der Expertise einer professionell arbeitenden Bank. Ohne die nötige wirtschaftliche Masse sei die Rentabilität von vornherein ausgeschlossen. Ein weiteres Beispiel sei die Kreditvergabe an ein Restaurantunternehmen mit angeschlossener Bäckerei. Hier wurde ein Kredit in Höhe von US$ 100.000 vergeben. Sämtliche anderen lokalen Banken hätten einen Kredit verweigert. Nach einer Neupositionierung des Angebots und einem Umbau der Anlagen sei das Geschäft nun rentabel. Allerdings ist die Größenordnung der Kreditvergabe von der eines Mikrokredits weit entfernt. Erfolgreiche Sozialprojekte des Good Faith Funds fänden sich heute im Bereich des Gesundheitswesens, der Betreuung von Kranken vor Ort und der Weiterbildung.

In der Zusammenfassung kommt der Bericht zu dem Ergebnis, dass sich das ursprünglich als Replikation der Grameen-Bank gestartete Projekt aus Gründen wirtschaftlicher Nachhaltigkeit so weit vom ursprünglichen Modell der Grameen-Bank gelöst habe, dass zum Zeitpunkt der Untersuchung vom ursprünglichen Ziel wenig übrig geblieben sei.

Grameen America

In den USA versucht sich seit etwa einem Jahr ein weiteres Projekt an der Umsetzung des Grameen-Prinzips in einem städtischen Umfeld: Grameen America in New York (Queens). Unter großem medialem Interesse und unter Anwesenheit des Gründers der Grameen-Bank, Muhammed Yunus, wurde das Projekt im Januar 2008 gegründet. Grameen America begann mit einem Pilot-Projekt in New York City. Die erste Filiale hat in Jackson Heights/Queens eröffnet, und weitere Niederlassungen sollen in den nächsten Jahren in New York eröffnet werden. Grameen America plant ein zweites Pilotprojekt in den USA ab dem Jahr 2009 und weitere in Arkansas, Louisiana, Nebraska, Florida, North Carolina, Washington DC, Louisiana und Kalifornien.

Grameen America wurde bislang nicht wissenschaftlich evaluiert, zumindest sind gegenwärtig keine abgeschlossenen wissenschaftlichen Veröffentlichungen über das Projekt bekannt.

Grameen-Berlin/Genisis Institut

Das GENISIS Institut in Berlin bezeichnet sich als „Think-and-Do-Tank“ für das Thema Social Business. Seine Mission sei es, das Social Business Konzept von allen Seiten zu beleuchten und auf verschiedenen Wegen zu seiner Verankerung in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft beizutragen. Das GENISIS Institut beschäftigt sich nach eigener Darstellung mit den grundlegenden Implikationen des Social Business Konzeptes (Definition, Steuerung, Finanzierung etc.). Zudem werden öffentliche Aktionen für verbesserte (politische) Rahmenbedingungen geplant. Integriert in ein Netzwerk aus Unternehmern, Wissenschaftlern und Journalisten befasse sich das Institut mit dem Grundkonzept von Social Business (Definition, Steuerung, Finanzierung usw.) und entwickele sinnvolle Strategien zur praktischen Umsetzung – mit besonderem Fokus auf die Industrieländer. Das GENISIS Institut will eine gesamtgesellschaftliche Social Business Bewegung anregen und die Anwendung wirtschaftlicher Prinzipien auf soziale Problemstellungen auf breiter Basis erreichen.

Diskussion

Mikrokredite nach den Prinzipien der Grameen-Bank haben weltweit eine Vielzahl an unternehmerischen Kleinstgründungen ermöglicht und dadurch die Lebensbedingungen der Gründer und ihrer Angehörigen oft verbessert. Grameen hat dabei eine ganze Industrie im Bereich des Mikrokredits beeinflusst, wenn nicht sogar dessen Entwicklung seit den 1970er Jahren initiiert. Längst werden für die schnell expandierende Mikrofinanzwirtschaft jedoch auch Regelungen und Standards gefordert. Zu unklar sind teilweise die Konditionen und Finanzierungsschemata, zu undurchsichtig die realen wirtschaftlichen Belastungen für Kreditnehmer.

Ob sich Mikrokredite nach dem Grameen-Modell in wirtschaftlich entwickelten Ländern als Instrument zur Reintegration in das Erwerbsleben bzw. in Entwicklungsländern zur nachhaltigen Verbesserung der wirtschaftlichen Situation von Kreditnehmern eignen, wird unterschiedlich bewertet. Während das Projekt in New York besonders hohe Rückzahlungsquoten und Erfolge in der Selbstständigkeit der Teilnehmer meldet, liefert die Evaluation von Taub einige Jahre zuvor ein dazu gegensätzliches Bild. Allerdings fehlen den Darstellungen von Taub die für eine solche Beurteilung notwendigen Daten.

Auskünfte von verschiedenen unabhängigen Experten, die Projekte in Bangladesch evaluierten, zeigen zumindest, dass Grameen unter den dortigen Bedingungen funktioniert, wenngleich als gesamtes System mit seinen spezifischen Quersubventionen, etwa aus dem Telefongeschäft mit Grameen Telecom (GTC) oder dem Milchgeschäft gemeinsam mit der Firma DANONE.

Mikrokredite können nur als ein Instrument für ökonomische Entwicklung gewertet werden, sie können jedoch keinen umfassenden Entwicklungsansatz ersetzen. Armut hat strukturelle Ursachen. Es besteht das Risiko, dass der Eindruck entsteht, jeder könne sich mit Hilfe eines Mikrokredites selbst aus der Armut befreien. Damit besteht auch die Gefahr, dass die Verantwortung für Armut auf den Einzelnen abgewälzt und sozioökonomische Ursachen ausgeblendet werden. Eine weitere Gefahr liegt darin, dass Armut über das Vehikel des Mikrokredits sogar noch weiter ausgebeutet wird. Nach Angabe von MFTransparency werden von Mikrofinanzanbietern Zinsen bis in dreistelliger Höhe gefordert (105 % Compartamos). Die hohen Fixkosten im Verhältnis zum geringen Volumen des Kredits erfordern auch bei moderaten Anbietern relativ hohe Zinsen. Die in der Mikrofinanz üblichen Zinssätze (laut CGAP lag der Durchschnittszins 2006 weltweit bei 28 %) würden in entwickelten Ländern wohl kaum durchsetzbar sein. Dieses Argument betrifft auch die Grameen-Bank. Die nominal 20 % Kreditzinsen der Grameen-Bank für Erwerbsgründungen ergeben bedingt durch die Konditionen einen Effektivzins von ca. 40 % p. a. (!). Die Schilderungen, wonach lokale Kreditmärkte noch deutlich höhere Zinsen forderten, scheinen kaum empirisch bestätigt zu sein. Einerseits konnten trotz umfangreicher Recherche weder Untersuchungen in der Literatur noch bei Experten vor Ort (KfW, GTZ in Bangladesch) ausfindig gemacht werden, die Auskunft zum lokalen Kreditmarkt geben können, andererseits muss bei lokalen Kreditgebern berücksichtigt werden, dass kleine Kreditbeträge über kurze Fristen lediglich als Spitzenfinanzierung nachgefragt werden, wodurch sich die Bedeutung eines (meist theoretisch hochgerechneten) Zinssatzes deutlich relativiert. Insgesamt scheint hier noch Klärungsbedarf zu bestehen.

Mikrofinanz bedeutet heute schon einen erheblichen Umsatz für eine Vielzahl der Anbieter. Die Kreditvolumina wachsen exponentiell und die Liste der Unterstützer des Mikrofinanzgedankens ist lang. Beispielsweise kooperiert das MFI KIVA mit PayPal, Youtube, Google, Yahoo, Intel, Facebook, Microsoft, Starbucks, MTV, MySpace und weitere Unternehmen. Experten gehen davon aus, dass bis 2010 rund 20 Mrd. Dollar weltweit in Mikrokrediten angelegt werden, 2007 waren es 4,4 Mrd. Dollar. Es sollte nicht übersehen werden, dass Mikrokredite für die oft privaten Kreditgeber beim Peer to Peer Lending nicht unbedingt risikolos sind, wie von MFIs und Medien oft behauptet. Selbst wenn das eigentliche Kerngeschäft des Mikrokreditnehmers von den europäischen und amerikanischen Märkten unabhängig sein sollte (Yunus), die Rückzahlung der Kredite geschieht häufig nicht in Landeswährung und deren Wechselkurse sind abhängig von den Finanzsystemen der Geberländer. Angesichts der schnell steigenden Volumina wäre durchaus auch eine Gefährdung für die Wirtschaften der Geberländer denkbar. Schneeballsysteme aus Krediten, die durch neue Kredite abgelöst werden (Kreditpyramiden), sind keine Hilfe für Entwicklungsländer und keine Win-Win- Situation für die Beteiligten. Auch sind kurze Laufzeiten und hohe Zinssätze, die wesentliche Teile eines Konzepts der Kreditvergabe ohne Sicherheiten darstellen, nicht für jeden Bedarf geeignet. Ob die Rückzahlungsquoten tatsächlich so hoch sind wie angegeben und ob das DANONE- oder das BASF-Projekt mit dem Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln in Bangladesch wirklich eine sinnvolle Entwicklung der Region darstellt, wäre eine zweite Frage. Allerdings spielt Mikrofinanz nach dem Grameen-Prinzip derzeit noch kaum eine wirtschaftliche Rolle. Die zunächst beeindruckende Größenordnung von etwa 7,5 Mio. offiziellen Mitgliedern der Grameen-Bank in Bangladesch muss vor dem Hintergrund einer Bevölkerung von mehr als 153 Mio. Einwohnern bewertet werden. Im Verhältnis zum bereits bestehenden Genossenschaftswesen der mehr als 900.000 Raiffeisengenossenschaften mit seinen über 500 Mio. Mitgliedern in 100 Ländern weltweit nimmt sich Grameen eher bescheiden aus. Allein in Deutschland finden sich 1.197 Kreditgenossenschaften mit einer Bilanzsumme von insgesamt 668 Mrd. Euro.

Die Bilanzen bzw. Bilanzierungsmethoden der Grameen-Bank scheinen nicht mit den Standards in entwickelten Ländern übereinzustimmen. Die tatsächlichen Rückzahlungsquoten sind vermutlich deutlich geringer, was dennoch prinzipiell positiv zu bewerten ist, da Entwicklungshilfe zumeist eher einen einseitigen Finanztransfer erwarten lässt. Der Erfolg von Grameen in Bangladesch gründet auf dem, was in entwickelten Ländern zu den (selbstverständlichen) Grundlagen einer Gesellschaft gehört, nämlich auf dem Angebot eines funktionierenden Bankensystems mit Krediten, Spar- und Transfermöglichkeiten. Darüber hinaus bietet Grameen in Bangladesch auch Leistungen, die in entwickelten Ländern eher Aufgabe der Gesellschaft sind (Sozialleistungen, Sozialversicherung, Infrastruktur, Finanzierung von Ausbildung etc.). Es ist nicht unbedingt verwunderlich, dass vor dem Hintergrund eines durch Bürgerkrieg, Korruption und zerstörte Infrastruktur gekennzeichneten Landes mit lediglich eingeschränkt funktionierenden staatlichen Strukturen eine Institution wie die Grameen Bank entsprechende Nachfrage findet. Von Bedeutung ist allerdings auch der Paradigmenwechsel innerhalb der Entwicklungsförderung, der vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Fehlallokationen von Leistungen an Regierungsstellen zunehmend an der Förderung von Einzelhaushalten ausgerichtet zu werden scheint.

Sicherlich kann davon ausgegangen werden, dass ein Grameen-Projekt in Deutschland, insofern es auf die Absicherung von Krediten durch Gruppenorientierung als wesentliches (Alleinstellungs-) Merkmal im Bereich der Mikrofinanz setzt, mit Problemen konfrontiert sein wird, da es in Deutschland auf eine individualisierte Gesellschaft trifft, in der Gruppenzugehörigkeiten selbst definiert werden und nicht unbedingt von langer Dauer sind. Eine 1:1-Adaptierung des Modells aus Bangladesch wird von Experten und Vertretern der Projekte in Berlin eher skeptisch beurteilt. In den Interviews wurde deutlich, dass zumindest in Deutschland eine nachhaltig lebensfähige Adaption des Grameen-Prinzips sehr pragmatisch mit den Vorgaben aus Bangladesch wird umgehen müssen. Entsprechend vage wurden die eigentlich wesentlichen Elemente dieser Projekte (die Zielgruppe, das Gruppenprinzip, die Haftung, die Laufzeiten, die Kontrollmechanismen) formuliert und von einem ersten Testlauf abhängig gemacht. Wie stark ein Projekt in Berlin an Vorgaben aus Bangladesch ausgerichtet wird, hängt von der Flexibilität der Vertreter aus Bangladesch ab. Hier sind Konflikte denkbar, denn die Leitung von Grameen hat nach dem Scheitern von Grameen I vermutlich wenig Interesse an einer unter ihrem Namen geführten Variante, die in wesentlichen Punkten von ihrem erprobten Konzept abweicht und deshalb (medienwirksam) scheitern könnte. Beispiele aus Malaysia und Albanien haben gezeigt, wie volatil die Anreiz- und Sanktionsmechanismen der Grameen-Bank sind und wie schnell die Missachtung einer konsequenten Steuerung in Form mangelnder Regeldurchsetzung durch die Projektleitung zum Zusammenbruch des gesamten Projekts führen kann.

Die Motivation zur Gründung von Grameen-Projekten in entwickelten Ländern ist eine andere als die in Bangladesch, entsprechend unterschiedlich sind die Motivationen der Teilnehmer aber auch der Projektgründer. Grameen-Projekte finden in entwickelten Ländern nicht nur eine völlig andere Situation vor, sie haben auch eine gänzlich andere Funktion.

Die verschiedenen wissenschaftlichen Forschungen zum Thema der Existenzgründung haben im Wesentlichen übereinstimmend gezeigt, dass viele Gründer in Deutschland kein oder kaum Fremdkapital im Bereich des Mikrokredits benötigen. Von den 4.162 Gründern des Datensatzes der Leipziger Gründer-Studie benötigten lediglich etwa 5 – 10 % Fremdkapital in Höhe eines Mikrokredits bis 2.500 Euro. Die übrigen finanzieren sich entweder selbst oder benötigen zum Teil erheblich mehr Kapital. Forschungsarbeiten zeigen, dass mit Kleinstkrediten von unter US$ 3.000 (Grameen America) – das DMI geht von max. 10.000 Euro aus – eine eigene nachhaltige Vollerwerbsgründung aufgebaut werden kann: Dort, wo Gründungen kleinteilig erfolgen und deshalb ohne nennenswerten Finanzmittelbedarf auskommen, kann ein Mikrokredit greifen. Das bestätigen Studien, unter ihnen auch die der KfW-Bankengruppe. Die Untersuchungen des IFM weisen in dieselbe Richtung, jedoch auch auf das Problem der Unterfinanzierung als wesentliche Ursache für das Scheitern von Gründungen, insbesondere in der Nachgründungsphase. Die Zusatzauswertungen der Leipziger Gründer-Studie bestätigen erneut diesen Sachverhalt. Dabei geraten Mikrofinanzierer in einen Zielkonflikt: Sind die Kredite zu hoch, besteht eine verringerte Rückzahlungsbereitschaft, wie die Erfahrungen aus Arkansas zeigen. Gleichzeitig belasten zu hohe Annuitäten die Existenzgründung. Sind die Kredite zu gering, droht eine Unterfinanzierung. Private Kreditinstitute werden sich aus Gründen der Sicherung von Rückzahlungen für kleine Anfangskredite entscheiden müssen, wie die Erfahrung aus Arkansas gezeigt hat und wie es auch in Bangladesch die Regel ist. Als Maßstab des Erfolgs aus entwicklungspolitischer Sicht ist die Rückzahlungsquote nicht ausreichend. Entscheidend aus dieser Sicht ist vielmehr die Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Tragfähigkeit der Existenzgründung.

Insgesamt liefert die Forschung ein unterschiedlich gemischtes Bild darüber, ob Gründungen einer Selbstständigkeit einen nachhaltigen Weg aus der Arbeitslosigkeit bieten. Zu unterschiedlich sind die Darstellungen der einzelnen Studien. Während die IAB-Studie diesem Instrument überwiegend positive Auswirkungen bescheinigt, liefern sowohl die G.I.B.-Studie als auch die KfW- und die Leipziger Gründer-Studie Ergebnisse, die eher verhaltenen Optimismus rechtfertigen. Etwa die Hälfte aller Gründungen scheitert. Die besten Chancen weisen diejenigen auf, die mit genügend finanziellen Ressourcen während der Gründungs- und Nachgründungsphase an den Markt gehen. Dabei hat sich erwartungswidrig herausgestellt, dass Erfahrungen in der Branche eine eher geringere Rolle zu spielen scheinen. Möglicherweise hängt dieser Sachverhalt damit zusammen, dass Gründer gut einschätzen können, in welcher Branche sie für sich eine Perspektive sehen. Insgesamt wird die Bereitschaft zur Gründung einer selbstständigen Vollerwerbstätigkeit in entwickelten Ländern eine starke Koppelung an die Binnenkonjunktur aufweisen. Die Bereitschaft zur Gründung einer wirtschaftlich selbstständigen Existenz korreliert mit den Verhältnissen am Arbeitsmarkt: Sobald diese sich für Arbeitnehmer verbessern, werden Selbstständigkeiten häufig wieder aufgegeben.

Eine wesentliche Bedingung erfolgreicher Existenzgründungen, nämlich umfangreiche Kenntnisse in Bezug auf sämtliche Aspekte der Selbstständigkeit, werden von Kreditnehmern nicht immer erwartet werden können. Ob die Vermittlung dieser Kenntnisse überwiegend oder sogar ausschließlich von den anderen Kreditnehmern der Kredit-Gruppe geleistet werden kann, nur weil diese den gleichen Erfahrungshintergrund aufweisen, bleibt abzuwarten. Tatsächlich zeigt sich jedoch in der KfW-Studie wie auch in den Zusatzauswertungen der Leipziger Gründerstudie, dass Gründer (insbesondere solche aus der Arbeitslosigkeit) eher Informationen bei Personen ihres Vertrauens einholen (Peer Support) als bei professionellen Beratern oder öffentlichen Einrichtungen. Hier hat Spiegel darauf hingewiesen, dass das Rollenverständnis mancher Experten eine sinnvolle Zusammenarbeit in Frage stellt. Peer Support auf gleicher Augenhöhe (Spiegel) erscheint durchaus als eine sinnvolle Ergänzung wenn nicht sogar Alternative. Die in der KfW- Studie gefundene geringe Zahl der Nennungen von Hausbanken als Beratungsstelle für Gründer (nur etwa 10 % der Nennungen) zeigt die große Distanz zum konventionellen Bankensektor. Die Leipziger Gründer-Studie hatte nach Hinderungsgründen bezüglich der Existenzgründung gefragt. Schlechte Erfahrungen werden auch hier wieder den Banken gegenüber attestiert. Nach ihren Erfahrungen befragt, äußern 40,3 % der Gründer negative Erfahrungen (15,7 % neutral/ 44,1 % positiv) während lediglich 9,1 % das Steuerrecht als Problem bewerten. Wenn es um Beratung geht, wenden sich Gründer eher an Bekannte und Freunde. 86,8 % der Gründer berichten hier positive Erfahrungen und nur 3,2 % negative.

Grameen bietet keine schnelle und billige Vergabe von Kleinkrediten, denn weder lässt sich innerhalb weniger Tage eine geeignete Gruppe zusammenstellen noch wären der Aufwand der Bank und die Ausfallquoten so gering, dass niedrige Zinshöhen zu erwarten wären. Auch das bestätigen Vertreter des Grameen-Projekts in Deutschland. Hier ist eine Vielzahl der Mikrofinanzierer sicherlich im Vorteil, die zum Teil in wenigen Tagen ihre Kreditentscheidungen treffen bzw. private Kreditgeber den Kredit mit dem Kreditnehmer online aushandeln lassen. Es ist erheblich schneller und kostengünstiger, Individualkredite etwa über eine Internetplattform wie Smava, Kiva, Zopa oder Betterplace zu organisieren. Für die Betroffenen aus der Langzeitarbeitslosigkeit wäre auch der Start in eine Vollerwerbsgründung mit Hilfe der Bundesagentur für Arbeit deutlich weniger risikobehaftet und dessen Beratung ist umfassend und kostenlos bzw. stark gefördert.

Die Investitionsbank Berlin – um ein weiteres Beispiel zu nennen – bietet für kleine und mittlere Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft sowie freie Berufe mit Betriebsstätte in Berlin aus dem 50 Mio. EUR umfassenden KMU-Fonds Mikrokredite bis 10.000 EUR zu 5,88 % effektivem Jahreszins mit sechs Monaten tilgungsfreier Zeit bei 100%iger Auszahlung ohne Bearbeitungsgebühren oder Bereitstellungszinsen (Stand 16. Januar 2009). Sicherheiten sind in der Regel nicht erforderlich, die Vergabe ist wenig dokumentenorientiert und die Entscheidung findet schnell statt.

Aus den hier zitierten Studien ergibt sich, dass Gründungen keineswegs erst bei sehr umfangreichen Finanzierungen tragfähig sind. Zwar wurde in einer Reihe von Untersuchungen empirisch bestätigt, dass Gründungen mit größerem Kapital eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit aufweisen. Dennoch zeigen die Untersuchungen, dass auch kleinere Existenzgründungen durchaus tragfähig sein können, wenn während der kritischen Anfangsphase ausreichend Unterstützung in Form von Sachkapital zur Verfügung gestellt wird. Gründungen aus der Arbeitslosigkeit bieten zudem eine Möglichkeit, im Arbeitsprozess zu verbleiben, bis eine sich verbessernde konjunkturelle Lage die Rückkehr in die abhängige Beschäftigung ermöglicht. Dass dieses Instrument auch in dieser Weise genutzt wird, zeigt die G.I.B.-Studie.

Trotz der unerwartet hohen Nachfrage nach Förderungen der Existenzgründung, die der Existenzgründungszuschuss (ExGZ) ausgelöst hatte, darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass einer Repräsentativumfrage des EUROBAROMETER zufolge Deutschland zu denjenigen Ländern gehört, in denen sich im Vergleich überproportional viele Menschen bei freier Wahl nicht vorstellen können, eine eigene Existenz aufzubauen. Während in den USA mehr als 61 % der Befragten aussagten, bei freier Wahl eine selbstständige Existenz aufbauen zu wollen, gaben dies in Deutschland nur 41 % an.

Fazit

Prinzipiell werden in Deutschland Mikrokredite für Existenzgründungen auch weiter an Bedeutung gewinnen, wenngleich der spezifische Mikrokredit nach dem Grameen-Prinzip mit großer Wahrscheinlichkeit einen eher überschaubaren Anteil am Markt einnehmen als ein neues soziales Wirtschaftswunder (Spiegel) begründen wird. Im Ergebnis wäre zwar Santos zuzustimmen, wonach Grameen keine „magic formala“ sei. Eine solche Erwartung würde aber auch eine Überfrachtung eines Entwicklungsinstruments bedeuten. Mikrokredite sind sicherlich kein Allheilmittel (und in Teilen sogar problematisch), es gibt jedoch durchaus auch in Deutschland Zielgruppen, denen das Grameen-Modell eine neue Perspektive erfolgreich eröffnen könnte.

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Die vorliegende Kurzversion wurde für Politik-Poker erstellt und bezieht sich auf das von der Hans-Böckler-Stiftung Düsseldorf geförderte Projekt des Autors

Grameen-Bank: Mikrokredite für Menschen ohne Einkommenssicherheiten.
Eine explorative Studie im Hinblick auf Transfermöglichkeiten.
Proj. Nr.: 2008-174-4

Gegenstand der Untersuchung war die Frage nach der Übertragbarkeit des spezifischen Mikrofinanzansatzes der Grameen-Bank auf Verhältnisse in entwickelten Ländern.

Der vollständige Text ist abrufbar unter:
http://www.boeckler.de/show_project_fofoe.html?projectfile=S-2008-174-4.xml

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