Menschwerdung

04.10.2010 | Wolf Schneider

»Ich hab wieder was gelernt«, sagt man nach einer schmerzlichen Erfahrung. So wie politisch Bewegte einst sagten, sie seien »progressiv«: Man wähnte sich zugehend auf etwas, das besser ist als das hier, jetzt. Heute ist man »spirituell unterwegs«. Gut so, aber wohin denn? Sind wir Menschen nicht schon gut – oder wenigstens akzeptabel –, so, wie wir sind? Bildung und Erziehung sind die klassischen Worte für das Streben des Menschen sich zu bessern.

Die Befreiung von Bildern ist ebenso wichtig wie das Erwerben von Bildern; die Entschulung ebenso wichtig wie die Schulung. Bildung – bedeutet das heutzutage, ein paar gefragte Worte in der richtigen Reihenfolge googeln zu können?

Erst durch eine lange und mühevolle spirituelle Entwicklung wird der Mensch zum Menschen, sagte Georges I. Gurdjieff

Von Meister Eckart stammt das Wort, das zum Schlüsselbegriff für die geistige Schulung im deutschen Sprachraum wurde: Bildung. Es beschäftigt sich mit der »imago dei«-Lehre, gemäß der sich Gott im Menschen ein Bild von sich erschaffen habe. Aber auch der Mensch wirft ein Bild von sich nach außen, sagt Eckart – ein Ziel, eine Vision – und strebt dann danach, diesem Bild ähnlich zu werden – das ist Bildung. Dieselbe Wurzel hat das Wort »Einbildung«: Wir bilden uns ein, jemand zu sein, der wir aber nicht sind. Um nicht zu oft Einbildung mit Bildung zu verwechseln, mag es ratsam sein, nicht nur danach zu streben, zu einem geistig entworfenen Bild von sich selbst zu werden, sondern auch falsche Bilder von sich selbst (und der Welt) loszuwerden. Die Befreiung von Bildern ist genauso wichtig wie das Erwerben von Bildern; die Entschulung genauso wichtig wie die Schulung.

Den Kopf füllen oder freimachen?

Kurioserweise gibt es im Deutschen das Wort »Gehirnwäsche« (ähnlich dem brainwashing im Englischen) für die Indoktrination mit unerwünschten Bildern (von der Welt und von sich selbst). Obwohl doch eher die Bildung – im Sinne einer Einprägung von Bildern – eine Indoktrination mit etwas Aufgezwungenem ist. So viele Bilder werden uns ständig eingeprägt! Erst während der Jahre des Heranwachsens, dann fortlaufend durch die Medien. Da sollte doch ab und zu eine Wäsche, ein Wegwaschen des aus guten Gründen Verworfenen, des Veralteten oder Unnötigen, des Gerümpels im Kopf von Nutzen sein.

Hier zeigt sich die Unsicherheit unserer Kultur, vielleicht aller Kultur, bezüglich einer Ethik der Erziehung und Bildung: Geht es dabei eher darum, im Menschen etwas anzubringen, was noch nicht da ist, oder darum, sich von etwas zu befreien, was da ist, aber weg soll, weil es stört? Folgende aus Japan stammende Zen-Anekdote illustriert immerhin, dass Fülle stören kann:

Ein Professor kam zum Zenmeister mit der Frage, was Zen sei. Der Meister aber sagte nichts, sondern schenkte dem Besucher stattdessen erst einmal Tee ein. Zum Entsetzen des Professors aber hörte der Meister nicht auf zu gießen, als die Tasse schon voll war, so dass die heiße Flüssigkeit dem armen Fragesteller über die Hand rann, über den Tisch, auf den Boden … »Warum hören Sie denn nicht auf zu gießen? Die Tasse ist doch längst voll!«, entfuhr es ihm. »Sehen Sie, so ist es mit ihrem Verstand. Was auch immer ich sagen könnte über das Wesen von Zen, Ihr Speicher für ein solches Wissen ist doch schon übervoll und kann gar nichts mehr aufnehmen.«

Bildung als Aufklärung

Bildung, dieses edle deutsche Wort, gibt sich so Mühe, sich abzuheben von der schnöden Ausbildung und der Erziehung »zu etwas«. Bildung will frei sein von Zweckdenken, will Menschwerdung sein im Eigentlichen, Gottesähnlichen. Bildung sei immer auch Aufklärung, sagten die Aufklärer in der Zeit der deutschen Klassik. Wenn denn also auch Bildung ein »Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit« (Kant) sein soll, dann geht man dabei raus aus etwas, man verlässt ein Gefängnis, das man sich laut Kant auch noch selbst gebaut hat; oder man hat die eigenen Erzieher es bauen lassen und versäumt, sich dagegen zu wehren. Also weg mit dem Müll, mit dem was mich einschränkt, mit den Schleiern vor meinen Augen, der Unmündigkeit und der Furcht, ich könne nicht zu mir selbst stehen, nicht mündig sein. Weg mit der Feigheit, den Schritt in die Freiheit nicht zu wagen und dem Verzagen vor dem Allzuvielen – weg damit. Demnach wäre Bildung nicht der Erwerb von etwas, wir haben doch schon genug, sondern ein Akt der Befreiung von etwas, eine Entledigung.

Jedenfalls hat jede Kultur und jede Epoche ihren eigenen Bildungsbegriff, und der hängt sehr eng mit dem zusammen, wofür sie sich selbst hält. Wer der Mensch sein will, zu dem will er sich bilden und seine Kinder dorthin gebildet haben. Bildungsdebatten sind deshalb immer Wertedebatten. Sie rühren ans Eingemachte einer Kultur, an die Traditionen ebenso wie an Zukunftsvisionen.

Wer weiß schon was

Gerade mal gut fünftausend Jahre ist es her, dass Menschen die Schrift erfanden. Noch bis ins 20. Jahrhundert konnten die meisten Menschen der Welt nicht lesen und schreiben. Sie erlernten entsprechend der Tätigkeit ihrer Eltern landwirtschaftliche oder handwerkliche Fertigkeiten ebenso wie die Benimmregeln ihrer Kultur. Lesen und Schreiben gehörten meist nicht dazu; nur die Oberschichten einiger Hochkulturen lehrten das, oft verbunden mit der Vermittlung eines Grundwissens über die Welt. Ein solches wird in Europa seit der Renaissance ausnehmend hoch bewertet, heute auch in Asien. In den USA, der wissenschaftlich führenden Nation der Erde, die sich als Erbin der Aufklärung sieht, sind die Differenzen zwischen dem Wissen der Elite und dem der Unterschichten jedoch so extrem wie eh und je. Als Bush junior den Irakkrieg begann, wussten die meisten Amerikaner nicht, wo dieses Land liegt. Heute hält ein Viertel der Amerikaner Obama für einen Muslim, seine Einführung einer Krankenversicherung halten sie abwechselnd für faschistisch und sozialistisch, und 42 % von ihnen glauben, dass die heutigen Lebewesen sich nie entwickelt haben, sondern schon immer so waren, wie sie sind, weil sie von Gott so erschaffen wurden.

Ist Bildung gut?

Der große Aufklärer Wilhelm von Humboldt (1767-1835) leitete in Preußen vorbildliche Bildungsreformen ein, die dann ab 1871 auch für das vereinigte Deutschland galten. Dazu gehörte das Ideal einer umfassenden Allgemeinbildung, und für die Universitäten die Verbindung von Forschung und Lehre. Bis in die Weimarer Republik galt das so bildungsreformierte Deutschland neben England als das gebildetste und wissenschaftlich führende Land der Erde. Das hielt die so »gebildeten« Deutschen jedoch nicht davon ab, ganz demokratisch und verfassungsgemäß Hitler zum Reichskanzler zu erwählen und dann von ihm und seiner Partei den größten Teil der geistigen Elite aus »völkischen Gründen« vertreiben oder vernichten zu lassen – ein schwerer Schlag für alle Bildungsoptimisten, die dem Glauben anhängen, je gebildeter der Mensch sei, desto klüger und vielleicht sogar ethisch besser sei er auch.

Neue Maschinen

Heute sind die Anforderungen an Erziehung, Bildung und Ausbildung andere als zu Zeiten von Humboldt und auch noch der Weimarer Republik. Das Rechnen haben Maschinen übernommen, die Rechtschreibung besorgen Computerprogramme. Schönschrift braucht man nicht mehr, man tippt ja auf Tastaturen. Anstelle von Allgemeinwissen haben wir Suchmaschinen – allen voran eine, über die 80 % aller Suchanfragen laufen, sie hat dem Suchen ein neues Wort gegeben: googeln. Über die Werbeanzeigen, die dort bei den Antworten platziert werden, ist Google zum mächtigsten Unternehmen der Welt geworden. Bildung, heißt das unter diesen Umständen nur noch, die richtigen Worte in der richtigen Reihenfolge bei Google eingeben zu können? Oder, falls der User ein Öko-Gewissen hat, bei Ecosia? Ist Bildung dann im Wesentlichen nur noch die Fähigkeit, die über Suchmaschinen gefundenen Antworten im Leben anzuwenden? Lebenskunst als Anwendung des Wissen, das wir gegoogelt oder sonstwie auf dem Bildschirm gefunden haben?

Neue Schwerpunkte

Jedenfalls müssen die Curricula von heute dem Erlernen folgender Fähigkeiten hohe Priorität geben: das Internet intelligent zu nutzen; mit Menschen umgehen zu können, die sehr verschieden sind; erfolgreich zu kommunizieren; Freiheit aushalten und nutzen zu können; sich entscheiden zu können; eine Beziehung zu führen; gesund zu leben; die eigene Einzigartigkeit zu erkennen und dazu zu stehen; zu meditieren. Kopfrechnen, Rechtschreibung, Gedichte auswendig rezitieren oder historische Daten aufsagen können und überhaupt: Faktenwissen aller Art hat an Bedeutung verloren. Wissen braucht man nicht mehr zu »haben«; viel klüger ist es, den Weg zu wissen, wie man es erwirbt, wenn man es denn mal braucht. Also zum Beispiel ein Smartphone am Gürtel zu haben, so wie die Cowboys damals den Colt, um damit im richtigen Moment die richtigen Fragen rausballern zu können. Denn das verfügbare – und lebensnotwendige! – Wissen nimmt so rasant zu, dass denjenigen, die mit der Infoflut nicht umgehen können, der Tod durch Ertrinken droht.

Elitenbildung einst und jetzt

Dabei ist es durchaus nützlich, sich zu erinnern, wie es damals war, als die Kulturen der Menschen sich zu Hochformen aufschwangen. Wie Sokrates unterrichtete (seine »Hebammenmethode«) oder was für Wissen der Mystiker und Mathematiker Heraklit weitergab. Wie Mysterienschulen ausbildeten, oder Freimaurerlogen. Wie in Tibet Eliten gebildet wurden: die Auswahl geistiger Führer nach dem Tulku-Prinzip und die dann folgende Ausbildung in Klöstern, im Falle des Dalai Lama im Potala-Palast. Oder die Auswahl und Ausbildung von Jiddu Krishnamurti durch die Theosophen, der sein radikaler Abschied von diesem Bildungsideal folgte, was aus ihm überhaupt erst den genialen Lehrer machte, der er dann bis zu seinem Lebensende war. Aus den Oberschichten dieser Länder, auch außerhalb des ehemaligen britischen Weltreichs, schickte, wer sich das leisten konnte, seine Kinder jedoch lieber nach Oxford oder Cambridge, an westliche Eliteschulen, zu denen heute führend auch die Top-Universitäten der USA gehören. In Frankreich besorgen Ähnliches die Écoles Normales Supérieures, in der Sowjetunion waren es die Kaderschmieden der Nomenklatura.

Bildung für die Armen

Demokratisiert das Internet den Zugang zur Bildung? Einerseits ja. Indien hatte einen 10-Dollar-Laptop geplant, der Kindern armer Familien einen Zugang zur Welt des Wissens geben sollte. Nun ist daraus der Tablet-Computer »Sakshat« geworden, der von der Firma HCL Technologies gebaut werden soll, für zunächst 30 Dollar, später auf 10 Dollar sinkend. Er soll 400 Universitäten und 25.000 Colleges verbinden mit einem E-Learning-Programm. Hoffentlich folgt dem noch ein Projekt, das auch den Grundschuülern auf dem Land zugute kommt. Jedenfalls ist solch eine Massenbildungsinitiative, auch wenn der Computer subventioniert werden muss, billiger, als zehn Millionen Lehrer bereit zu stellen, plus Millionen gut eingerichteter Schulhäuser. Damit antwortet Indien auf Negropontes Bildungsinitiative OLPC (One Laptop per Child).

Solange das Internet nicht zensiert ist, werden sich Schlauköpfe damit immer Wissen beschaffen können, für weniger Geld und über geringere Hürden als einst. Die Differenzen zwischen arm und reich werden dadurch jedoch nicht aufgehoben. Sie haben in den vergangenen 60 Jahren weltweit zugenommen, auch in der Bildung. Sogar im sozialdemokratisierten Deutschland ist der Zugang der Unterschichten zur Bildung nicht leichter, sondern in vieler Hinsicht schwerer geworden. Denn Bildungschancen hängen nicht nur mit den bei Geburt vorhandenen Anlangen und dem finanziellen und sozialen Status der Eltern zusammen, sondern auch mit der Sprache und dem Dialekt der Eltern; dem, worüber zuhause gesprochen wird; dem Wertesystem von Eltern, Lehrern und Gleichaltrigen; der Möglichkeit, die Hausaufgaben tatsächlich erledigen zu können (Räume, ansprechbare Eltern); der körperlichen Gesundheit der Kinder und der Fähigkeit, diese zu erlangen und zu erhalten – und vielem anderen mehr.

Spirituelle Bildung

Soll ein gutes Bildungskonzept Spiritualität enthalten? Ja! Aber bitte nicht aus einem der religiösen Lager. Der christliche, islamische, mormonische, jüdische oder hinduistische Religionsunterricht fördert in der Regel nicht die spirituelle Intelligenz eines Kindes. Das hat auch der sozialistische Unterricht nicht getan und auch der anthroposophische und der atheistische nur selten. Kindern Spiritualität oder Religion »beizubringen« halte ich für falsch. Besser ist es, dafür offen zu sein, wenn sie davon etwas wissen wollen, oder wenn sie eine Praxis erlernen wollen. »Biblische Geschichten« und andere mit religiösem Inhalt sollten (wenn überhaupt) so erzählt und gelehrt werden wie die anderen Mythen und Märchen einer Kultur. Es ist ja seit je einer der größten Fehler in der Vermittlung von religiösem Kulturgut, Poetisches und Legendäres für im platten Sinne real zu halten und aus Geschichten Dogmen zu errichten. So wie die Kinder sich eines Tages vom Glauben an den Weihnachtsmann und Osterhasen verabschieden, so sollen sie, wenn die Zeit dafür gekommen ist, auch die anderen Mythen verabschieden dürfen, egal, ob das nun Christi oder Mohammeds Himmelfahrt, die Existenz von Himmel und Hölle, Buddhas Geburt als Weltenlehrer oder die Geschichte von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen ist.

Jenseits der Lagermentalität

Religiöse Lieder, die aus einer Lagermentalität entstanden sind (»Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen«) sollten durch Friedenslieder ersetzt werden, wie etwa die Sufis sie singen und die Friedensbewegung. Die Warmwassertheapien bieten meditative Erfahrungen, die auch Kindern gut tun, ohne ein festes Weltbild zu vermitteln, von dem die Empfänger dann meinen könnten, es eines Tages verteidigen zu müssen. Tanzen, Singen, Floating (z.B. im Samadhi-Tank) sind für Kinder erstmal Spiritualität und Mystik genug. Für Jugendliche dann die Praxis der Visionquests. Für Erwachsene auf jeden Fall auch das Sitzen in Stille (eventuell nach einer Bewegungsübung). Die Übung der Achtsamkeit tut allen Altersgruppen gut, egal welcher religiösen Herkunft. Die Religionen und ihre Riten sollten so gelehrt werden, wie Religionswissenschaft und Ethnologie es tun und nicht als Dogmen, um Gläubige heranzuziehen oder Kader für eine weltanschauliche Organisation.

Von Natur aus gut?

Ist der Mensch schon Mensch, wenn er geboren ist, oder muss er erst – durch Bildung? – zum Menschen werden? Rousseau löste mit seinen pädagogischen Schriften (1762 erschien »Émile oder über die Erziehung«) die moderne gesellschaftliche Bewegung »Zurück zur Natur« aus. Der Mensch sei von Natur aus gut, schrieb er. Erst durch gesellschaftliche Einflüsse wie insbesondere die kindliche Erziehung würde er schlecht. Die meisten Gesellschaftslehren hingegen meinen, der Mensch sei von Natur aus entweder schlecht oder weder gut noch schlecht. Erst eine gute Erziehung würde ihn zu einem ethisch-moralisch guten Wesen machen.

Die neuere Sozialforschung, stark beeinflusst durch die Evolutionsbiologie, hat festgestellt, dass Grundtendenzen wie Egoismus, Altruismus und Empathie in allen Menschen angelegt sind (übrigens alle drei auch schon bei einigen Tieren). Diese Anlagen sind »anthropologische Konstanten«. Beim Menschen sind sie ausnehmend stark und vielfältig prägbar. Dieser ausgedehnten »Akkulturation« dient die lange Zeit kindlicher Hilflosigkeit und Abhängigkeit von den Eltern, bei keinem anderen Tier ist diese so ausgedehnt. Insofern gehört es zum Menschsein, eine tiefe Prägung zu erfahren, und diese Prägung ist immer eine Ausrichtung, die gewisse Möglichkeiten eröffnet und andere verschließt.

Zum Menschen werden

Da die meisten Menschen das Potenzial, das in ihnen liegt, nur ansatzweise erschließen, haben einige spirituelle Lehrer, wie z.B. Georges I. Gurdjieff (1866-1949), gesagt, der Mensch würde erst durch seine spirituelle Entfaltung zum Menschen. Zu diesem Zweck gründete Gurdjieff 1922 in Paris das »Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen«. Wenn wir von einer Tat sagen, sie sei »unmenschlich«, schwingt diese Beurteilung mit: Erst wenn du von solchem zutiefst abscheulichen Verhalten abrückst, bist du ein Mensch.

In Bezug auf Erziehung und Bildung gibt es seit je diese beiden Positionen: Wir sind schon, wer wir sein sollen, es gilt nur, dies zu erkennen und auszudrücken – unser natürliches menschliches Wesen, unsere Buddhanatur. Oder: Wir müssen erst werden, wofür wir bestimmt sind, erst dann sind wir Mensch, Christ, Bodhisattva, moralisches Wesen, altruistisch, gut, weise, oder was auch immer der gesellschaftliche Konsens vorsieht. Der Konflikt zwischen diesen beiden Positionen zieht sich durch die gesamte menschliche Geschichte.

Es ist, wie es ist...

Wenn etwa die moderne Satsangszene ihr »Es ist, wie es ist – und das ist gut so«, wiederholt, ähnlich Erich Frieds »Es ist, wie es ist, sagt die Liebe«, dann schlägt sie sich damit auf die eine Seite und lässt sich von ihren Gegnern Gleichgültigkeit vorwerfen. Demgegenüber stehen die Bestrebungen etwa des Buddhismus (speziell des tibetischen), der westlichen Religionen und auch der meisten anderen pädagogischen Lehren, den Menschen zu dem zu erziehen, was er sein soll. In der Montessori-Pädagogik, A. S. Neills Summerhill und anderen erfahren sie allerdings gewisse Gegenbewegungen.

Vermutlich liegt die Weisheit auch hier zwischen den beiden Polen: Basis jeder menschlichen Handlung, sei sie nun eine pädagogische oder nicht, sollte die Erkenntnis und Akzeptanz dessen sein, was ist. Egal als wie schlimm der Status Quo auch erscheinen mag – hierzu gilt es Ja zu sagen oder sogar (mit Erichs Frieds Worten): ihn zu lieben (»Es ist, wie es ist, sagt die Liebe«). Und dann beginnt hoffentlich das, was Krishnamurti die »göttliche Unzufriedenheit« (divine discontent) nannte: das Streben nach Besserem, Höherem; die Umsetzung des Traums von einer besseren Welt. Diesen Traum zu träumen ist menschlich, natürlich und allen fühlenden Wesen zutiefst eigen. Sich der Verwirklichung dieses Traums hinzugeben, gibt dem Leben Sinn und beglückt die so Tätigen.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Bildungspolitik | Wolf Schneider | weiterempfehlen →