Menschliche Zukunft - über die eigentlichen Probleme und deren Lösungen

10.06.2005 | Rudolf Kuhr

Immer mehr Bücher, Zeitschriften, Artikel, Tagungen und Vereine befassen sich mit dem Thema Zukunft in allen möglichen Bereichen. Allzu gern konzentriert man sich dabei auf Technik, Ökologie, Wirtschaft oder Politik. Was meistens fehlt, das ist das Thema Mensch.

Dabei ist der Mensch doch das eigentliche Problem des Menschen. Nicht die Technik bringt die Gefahr oder den Segen, sondern der Mensch, der sie schafft und sich ihrer bedient. Je weniger erwachsen und damit verantwortlich ein Mensch ist, um so eher läßt er sich zur Überschätzung und zum Mißbrauch der Technik verführen.

Probleme lassen sich nicht mit den Denkweisen lösen,
die zu ihnen geführt haben.
Albert Einstein

Mehr ganzheitliche Denk-Ansätze sind erforderlich, Ansätze, die den Menschen mit einbeziehen, denn immer sind es Menschen in ihrer jeweiligen geistigen Grund-Einstellung und Befindlichkeit, welche die Technik, die Wissenschaft etc. entwickeln, und es sind - meist andere - Menschen, welche die Ergebnisse aus diesen Gebieten anwenden. Wenn bei dem Thema Zukunft im Vordergrund das Gebiet der Technik steht, dann ist das etwa so, als wenn beim Thema Fußball-Spiel vordergründig die technische Beschaffenheit des Balles behandelt würde. Deshalb wären bei Zukunfts-Fragen der Mensch und die Menschlichkeit vorrangig zu erörtern, wenn das Thema nicht nur eine Alibifunktion erfüllen und zur Selbsttäuschung führen soll.

Warum denn wird der Mensch als Verursacher der Probleme und als "Endverbraucher" der Zukunftsvisionen nicht in die Überlegungen mit einbezogen? Was ist überhaupt Menschlichkeit, woraus besteht sie, wie entsteht sie, wie könnte, wie sollte, wie muß sie sein, wenn die derzeitigen Verhältnisse innerhalb der Gesellschaft - und zwischen Mensch und Natur - erhalten, stabilisiert und verbessert werden sollen? Welche Motive treiben Wissenschaftler, Techniker, Wirtschaftler, Politiker an, welche Welt- und Menschenbilder liegen ihrem zum Handeln zugrunde? Wie bilden sich diese Welt- und Menschenbilder und die daraus erwachsenden Werte? Schließlich: Sind die maßgebenden "Bilder" und Bildungs-Einrichtungen noch aktuell für eine sinnstiftende ethische Orientierung?

Gleich nach dem Thema Menschlichkeit, noch vor der Technik sollten die Medien auf die Zukunfts-Tagesordnung gesetzt werden. Presse, Funk und - vor allem - Fernsehen sind viel bedeutender für die gesellschaftliche Entwicklung als bisher allgemein angenommen wird. Und die Medienmacher tragen viel mehr Verantwortung als ihnen bewußt ist und aus ihren Arbeiten erkennbar wird. Sie könnten, sie sollten weit mehr Mediatoren sein, anstatt Unterhalter und Verstärker traditioneller Positionen. Es ist an der Zeit, zu diskutieren, ob die vom Gesetzgeber den öffentlich-rechtlichen Medien vorgegebenen Aufgaben - Information, Bildung und Unterhaltung - noch aktuell sind, und ob nicht die Vorgabe Unterhaltung durch Mediation ersetzt gehörte. Bei dem heutigen Überangebot an Informationen und sinnlichen Einflüssen ist sogar zu fragen, ob Unterhaltung ohne einen gewissen ethischen Anspruch nicht als Droge eingestuft werden müßte.

Mit Blick auf unsere Zukunft hat auch das weite Feld der Menschenbildung Vorrang. Im Vergleich zu Technik, Wirtschaft usw. besteht hier ein großer Nachholbedarf. Dabei sollte der Mensch stets als Entwickler und als Anwender zugleich im Blick behalten werden. Wenn die Gesellschaft nachhaltig stabilisiert und weiterentwickelt werden solle, dann muß unsere überwiegend analytisch orientierte Grundhaltung durch eine ganzheitliche, zusammenführende ersetzt werden. Gerade im Hinblick auf die Globalisierung können auch persönlichkeitsformende Faktoren wie Kultur und Religion nicht weiter privatisiert und tabuisiert bleiben. Auch hier müssen separierende und ausgrenzende Orientierungen überwunden werden zugunsten der Erkenntnis, daß es nur diese eine Welt und diese eine Menschheit gibt. Erst wenn die Identität der einzelnen Menschen nicht mehr durch Abgrenzung, sondern durch individuelle, eigenständige und unmittelbare Verbundenheit zum Ganzen gewonnen wird, kann sich auch das spezifisch Individuelle im Menschen frei von Abhängigkeiten voll entfalten und zur nachhaltigen Entwicklung der Mitwelt beitragen. Unsere Zukunft wird wesentlich von der Entwicklung des Menschen bestimmt, seine innere Stabilität und seine ethische Orientierung sind entscheidend.

Schon jetzt, nicht erst in der Zukunft, hätten wir alle Möglichkeiten um ein sinnerfülltes Leben zu führen. Wenn nur der Sinn mehr erkannt, verinnerlicht und berücksichtigt würde. An diesem, scheinbar unbedeutenden Punkt zeigt sich der Ursprung der menschlichen Fehlentwicklung. Wer denkt schon darüber nach? Wer hat überhaupt Interesse daran? Wer hat Zeit und Ruhe dazu? Die meisten Menschen, voran die Macher und Bestimmer, sind dermaßen von ihren täglichen Aufgaben besetzt, daß sie kaum über den Sinn ihrer Tätigkeit nachdenken, geschweige denn über den Sinn des und ihres Lebens. Und nun ist auch das Thema Zukunft für viele ein Mittel, um der schwierigen Gegenwart und einer bedrohlichen Besinnlichkeit zu entfliehen. Wie anders kann dies gesehen werden angesichts der zunehmenden Bücher, Zeitschriften, Artikel, Tagungen und Vereine, die sich fast ausschließlich mit Technik, Ökologie, Wirtschaft, Politik und deren Teilgebieten beschäftigen, nicht aber mit dem Menschen?

Wir haben in unserer Gesellschaft für alle möglichen Gebiete Experten. Was fehlt ist eine Orientierung an dem, was unsere Probleme verursacht und wo die Lösung zu finden wäre: beim Menschen. Im Grunde sehr einfach, aber für die meisten wohl zu schwer. Wie sagte Wilhelm Busch so schön? Was ist am schwersten zu erreichen? - Daß man sich selber hinter die Schliche kommt. Bleibt zu hoffen, daß vielleicht doch noch irgendwann genügend Menschen sich am universellen Menschentum orientieren, es verinnerlichen und sich deutlich dazu bekennen. Das ist allemal eine wesentliche Voraussetzung zur nachhaltigen Sicherung der Zukunft.

Unveränderter Nachdruck mit Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht.

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