Menschenbildung - Grundlage nachhaltiger Politik

14.12.2004 | Rudolf Kuhr

Politik ist die Gesamtheit der Regelkreise menschlichen Zusammenlebens. Die derzeitige Politik ist überwiegend gekennzeichnet von einer Gewinnmitnahme-Haltung und Sozialdarwinismus. Umwelt und Menschlichkeit werden permanent mehr geschädigt als gefördert.

Der Mensch bleibt in seiner menschlichen Entwicklung hinter der Entwicklung von Technik und Wirtschaft unverhältnismäßig weit zurück. So wie sich die Menschheit - insgesamt gesehen - untereinander und gegenüber der Natur verhält, kann sie sich kaum als erwachsen und mündig bezeichnen. Sie verhält sich im Grunde wie ein Bakterienstamm, der sich solange vermehrt, bis seine Lebensgrundlagen aufgebraucht sind. Ist das der Sinn einer Schöpfung? Ja, es wäre denkbar, und auch der Natur entsprechend, also natürlich, denn der Mensch ist und bleibt ein Teil der Natur. Es fragt sich nur, ob wir es als unserer Art würdig erachten, mit dem Verantwortungsbewusstsein eines Bakterienstammes zu leben.

Es wäre wohl an der Zeit, die Bildung des Menschen in ganzheitlicher Weise mehr auf den Menschen selbst auszurichten, als fast ausschließlich auf ausserhalb seiner Person liegende Ziele. Das ist zwar unbequem, aber es wäre sinnvoll und sogar not-wendig, denn viel zu sehr verbreitet ist die Instrumentalisierung von gesellschaftlichen Angelegenheiten zur persönlichen Profilierung und materiellen Bereicherung. Zunehmend sind mangelnde Selbstwahrnehmung und Realtiätsverlust, was besonders bei Politikern verhängnisvoll sein kann. Selbstverständlich brauchen Politiker Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen, aber gleichzeitig bräuchten sie auch eine kritische Distanz zu sich selber, um die Ausmaße der egoistischen sowie altruistischen Anteile erkennen und in einem verantwortbaren Gleichgewicht halten zu können.

Hierzu ein Zitat:

Gerhard Schröder: '... Eins ist klar, ich betreibe relativ wenig Selbsterforschung, aus vielerlei Gründen.' Frage: 'Weil Sie gar nicht wollen, dass Sie sich näher kennenlernen?' Schröder: 'Ich mich selber? - Vielleicht auch das. Ich muss mir die Fähigkeit behalten, zu verdrängen, als Selbstschutz.' (WDR-Sendung 'Spuren der Macht - Die Verwandlung des Menschen durch das Amt am Beispiel der Politiker Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Renate Schmidt.' 29.09.1999)

Und ein weiteres Zitat:

' ... während sich die meisten Menschen in hybrider Weise als frei betrachten, sind wir doch in der neuronalen Sklaverei von Indoktrinationen gefesselt, Objekt für ausbeuterische Gehirnwäschen, Lust suchend auf Befehl anderer. ... Es besteht sehr wenig Hoffnung, die Mängel unserer Gesellschaft rasch zu beseitigen, wenn nicht jeder einzelne seine eigenen Motive, seine Lebensweise und seine gesellschaftsorientierte Mitarbeit einer gründlichen Kritik unterzieht. Selbsterkenntnis ist (jedoch), wenn sie offen und ehrlich geschieht, eines der stärksten Mittel um Unlust hervorzurufen. Solange diese Selbsterkenntnis nicht als Mittel eingesetzt wird, die Lebensweise zu ändern, was an sich bereits lustvoll ist, kann sich niemand als 'reif' betrachten, weder in geistiger noch in sozialer noch in neurophysiologischer Hinsicht. ...' Aus 'Campbell: Der Irrtum mit der Seele' (Originaltitel 'The Pleasure Areas') (Buchbesprechung unter www.humanistische-aktion.de/seele.htm)

Politik von morgen muss mehr am Menschen orientiert sein, wenn Gesellschaft und Umwelt nachhaltig stabilisiert werden sollen, um ein sinnerfülltes und menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Ich möchte das Bewusstsein mehr auf die ethische Orientierung der Menschen - der Politiker und der übrigen Bürger - lenken, denn es ist letztlich die verinnerlichte ethische Orientierung, welche die Qualität des Menschlichen und damit die Richtung des Denkens und der Handlungen bestimmt. Das Problem des Menschen ist der Mensch - und seine Lösung: Menschenbildung.

(Unveränderte Weiterveröffentlichung bei Quellenangabe und Belegexemplar an den Autor erwünscht. Kürzungen und Änderungen nach Absprache möglich.)

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