Mehr Studenten für Deutschland?

20.10.2006 | Dr. Jürgen Albers

Die deutschen Politiker fordern in seltener Einmütigkeit mehr Hochschulabsolventen. Deutschland brauche mehr und noch besser ausgebildete Fachkräfte mit akademischen Abschlüssen. Die Zahl der Studienanfänger solle auf das OECD-Niveau von etwa 40% steigen, der niedrige Akademisierungsgrad werde den Anforderungen der Wissensgesellschaft nicht mehr gerecht.

Dabei wird der Widerspruch zwischen den vorgenannten Forderungen und den Realitäten offensichtlich nicht wahrgenommen. Die Zahl der Studierenden an deutschen Hochschulen hatte bereits zum Wintersemester 2003/2004 die 2-Millionen-Marke überschritten. Vorlesungen mit bis zu 700 oder 800 Studierenden sind keine einmalige Ausnahme, sondern Alltag. Daneben ist eine stetig steigende Zahl an arbeitslosen Akademikern - zu schweigen vom gleichzeitig beklagten Mangel an Facharbeitern - zu beobachten. Seit Mitte der 90er-Jahre bewegt sich die Zahl arbeitsloser Akademiker in Deutschland kontinuierlich um oder sogar über der 200.000-Personen-Marke.

Das Abitur stellt nach wie vor die wesentliche Zugangsberechtigung in Deutschland dar. Wenn auch örtliche Beschränkungen, Numerus clausus und ZVS den Weg zu einzelnen Studienfächern verstellen oder zumindest erschweren, so kann doch immer noch jeder Abiturient ein Studium aufnehmen. Von einer flächendeckend gültigen Studienzulassung aufgrund Eignung und Motivation sind wir in Deutschland sehr weit entfernt. Allein die Verwendung der Begriffe ‚Zugangskontrolle' oder ‚Selektion' lassen Studentenvertreter an Zeiten dunkler Vergangenheit denken. Es ist ein für das gesamte Problemfeld ‚Hochschulzugang' kennzeichnendes Merkmal, dass Reformbestrebungen zuvörderst Ausgrenzung und Diskriminierung unterstellt wird. Die Chancen dagegen, die sich aus einem Zugangssystem ergeben würden, das verhältnismäßig unabhängig von Schulzeugnissen und Noten agiert, werden nicht wahrgenommen.

Zuerst muss die Fiktion von der ‚Allgemeinen Hochschulreife' fallen. Dass das Abitur oder eine der europäischen Entsprechungen mit Allgemeingültigkeitsanspruch zum Studium unterschiedlichster Studiengänge von Altamerikanistik bis Zoologie befähige, ist eine der Lebenslügen der deutschen Gegenwart.

Ebenso wenig, wie ein allgemeinbildender Schulabschluss als Nachweis genereller Studieneignung gelten kann, so lässt sich leugnen, dass fachspezifische Leistungen, aber auch die Wahl- bzw. Abwahl einzelner Fächer oder Fachkombinationen, Hinweise auf Neigungen und Leistungsschwerpunkte der Studieninteressenten geben können. Eine dialogorientierte Evaluation der Schulleistungen des einzelnen Schülers könnte Rückmeldung darüber liefern, welche Wege sich in der eingeschlagenen Richtung öffnen und ggf. verschließen. Im Gegensatz dazu beantwortet die heute vorherrschende Praxis der Endevaluation, in der Form einer Abiturprüfung, nur die generelle Frage über den Zugang zur überwiegenden Zahl der Studien- und Ausbildungswege. Hinweise zur individuellen Studienwahl lassen sich nur schwerlich ablesen. Vielmehr ‚erzieht' die bloße Fixierung auf eine Endnote, ohne Gewichtung einzelner Fächer, die Schüler zur ‚strategischen Fächerwahl'. Nicht die dem evtl. vorhandenen Studienwunsch dienlichen Fächer werden in der Oberstufe gewählt, sondern die im Hinblick auf die Abiturnote erfolgversprechensten.

Die eigentliche Entscheidung auf Zulassung zum Studium sollte allein der autonomen Hochschule und dazu innerhalb der Hochschule der betroffenen Fakultät vorbehalten bleiben. Nur die Fakultät kann die Vorgaben liefern, die zu einer für den einzelnen Studiengang treffenden Eignungsfeststellung führen. Auswahl und Beratung als Respekt vor dem Studienbewerber, der sich mit seinen Stärken und Schwächen wahrgenommen fühlt. Die differenzierte Beschäftigung mit dem einzelnen Schüler an den Übergängen im Bildungssystem, die sich eben nicht im bloßen ‚Abtesten' von Lernstoff erschöpft, wird von den Betroffenen als positiver Selbstwert betrachtet werden, dessen leistungsförderndes Moment nicht zu überschätzen ist. Von eminenter Bedeutung ist hierbei der klare Bezug zu einer Passung zwischen Studienangebot und den Talenten des Studienbewerbers. Keine undifferenzierte Reihung nach einer pauschalen Endnote, sondern eine vorurteilsfreie und beidseitige Soll-Ist-Analyse der Übereinstimmung ist das Ziel. Eine derartige Eignungsfeststellung kann Mängel in der Vorbildung des einzelnen Studieninteressenten diagnostizieren und zugleich darüber entscheiden, ob die Gesamtbeurteilung des Kandidaten ein Nachholen während der Studieneingangsphase möglich macht.

Studiengebühren stellen eine entscheidende Frage einer zukünftigen Hochschulzugangsregulierung dar. Ein Ausblenden oder eine Tabuisierung dieses Bereiches führt nur zu einer weiteren Steigerung der Unverbindlichkeit des Hochschulstudiums. Hochschulbildung ist wie jede andere Ausbildung, die zu einer Berufstätigkeit führt, eine Investition in die persönliche Zukunft. Die bisherige Trennung in kostenpflichtige Ausbildungen, z.B. in Berufsbildern, die entweder komplett oder weitgehend an privaten Ausbildungseinrichtungen angeboten werden und kostenfreiem Hochschulstudium hat in der heutigen Gesellschaft jegliche Berechtigung verloren. Auf die Frage, warum der Gesellschaft an der Ausbildung eines Philosophie-Studenten mehr liegen sollte, als an der einer Kosmetikerin, das Gemeinwohl mehr von einem diplomierten Designer profitiere als von einem Physiotherapeuten, bleiben die Befürworter des kostenfreien Studiums die Antwort schuldig. Während der selbständige Maurer seine Existenzgrundlage erwirtschaften muss, wird sie dem Akademiker durch ein Hochschulstudium aus der öffentlichen Kasse finanziert.

Grundlegend für einen zielführenden Umgang mit der Kostendiskussion ist zunächst die Trennung zwischen Allgemeininteresse und Individualinteressen innerhalb des Hochschulsystems. Wissenschaftliche wie angewandte Forschung liegt im Interesse des Allgemeinwohls, und ihre Förderung ist daher klar eine Aufgabe der öffentlichen Hand. Ebenso selbstverständlich ist die Berufsausbildung des Individuums - und nichts anderes ist das Hochschulstudium - nicht Aufgabe des Staates und damit auch nicht der Allgemeinheit. Davon ausgehend erscheint eine angemessene Beteiligung der Nutzer des Hochschulsystems unvermeidlich, ja wünschenswert, d.h. staatliche Förderung für Forschung einerseits und Studiengebühren für Studierende andererseits. Der so oft beklagte Niedergang des Humboldtschen Bildungsideals der Einheit von Forschung und Lehre steht hierzu nicht in Widerspruch. Eine intelligent angesetzte Forschungsförderung, die nicht allein Forschung per se, sondern die Verbindung von Forschern, wissenschaftlichem Mittelbau und Studierenden alimentiert, schafft hierfür die Grundlage. Dies würde auch die immer stärker beklagte Abwanderung von hoch qualifizierten Spezialisten in reine Forschungseinrichtungen abbremsen.

Dass sich Leistung und Gegenleistung bei Studiengebühren die Waage halten müssen, ist selbstverständlich, bedarf aber gleichzeitig keines Eingriffs der Politik. Als zahlende Kunden werden die Studierenden mit den Füßen abstimmen.

Wie bereits angesprochen, bedarf eine qualitativ hoch stehende Hochschulausbildung einer beständigen Evaluation. Neben der Studieneignungsfeststellung am Zugang zur Hochschule, ist eine den Bildungsprozess begleitende Evaluation vorrangig erforderlich. Unter dem Deckmantel individueller Entfaltungsmöglichkeiten und akademischer Freiheiten sind Selektionsschranken und Leistungsüberprüfungen der Studierenden allzu lang verteufelt worden. Statt ein in kleine, und für alle Beteiligten nachvollziehbare, Schritte aufgefächertes Rückmeldesystem mit Vorwarnfunktion zu akzeptieren, kaprizieren sich insbesondere Studentenvertreter immer noch auf ein überkommenes System der finalen Endkontrolle, in dem Studierende teilweise 13-15 Fachsemester ohne nennenswerte Zwischenkontrollen studieren, um dann in der unumgänglichen Abschlussprüfung zu scheitern. Derartige Phänomene sind nicht Ausdruck individueller Freiheit, sondern sowohl volkswirtschaftlich als auch mit Blick auf das Schicksal des einzelnen Betroffenen unverantwortlich - letztlich die fallweise Bankrotterklärung eines hochspezialisierten Ausbildungssystems. Die große Zahl der arbeits- und chancenlosen Akademiker, die, teilweise unter enormen Kraftaufwand, ihre Studien mit Mühe und nur durchschnittlichen bzw. unterdurchschnittlichen Ergebnissen abschließen, ist hierfür beredtes Zeichen. Studienerfolg kann und muss in diesem Zusammenhang auch heißen, nicht nur das Hauptexamen zu bestehen, sondern auch: eine realistische Chance im Beruf zu haben.

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