Die Ethik der Zukunft muss die Ästhetik sein - Marcuse

08.10.2006 | Helga Müller

Die Bedeutung des Kultur-Projekts MARIPOSA für eine neue Ästhetik und Ethik im Zeitalter rein wirtschaftlicher Globalisierung

Was fordert einen als Bürger dieses Landes heraus, die gesellschaftliche Entwicklung nicht einfach hinzunehmen. Warum versucht man, neue Impulse zu setzen? Für mich waren das sicher unsere Kinder. Wenn man der Kriegsgeneration angehört, weiß man, wie wichtig es ist, ganz persönlich Verantwortung zu übernehmen.

Die Probleme, mit denen sich die Jugend heute konfrontiert sieht, haben wir nicht gekannt. Nach der Währungsreform 1948 wurden wir Zeitzeugen und Nutznießer einer Prosperität ohne gleichen. Jeder, der sich anstrengte, konnte es zu etwas bringen. Wir schauten hoffnungsvoll und tatendurstig in eine Zukunft, in der scheinbar alles möglich war. – Aber mit wachsender Prosperität rückte ökonomisches Denken mehr und mehr ins Zentrum aller Entscheidungen. Damit einher ging der Verlust des sozialen Bewußtseins und des humanistischen Weltbildes. Die boomende Wirtschaft – ungezügelt durch ethische Werte – begünstigte den Egoismus, aber auch die Hybris, alles sei machbar. In den reichen Ländern, wo ein sicheres soziales Netz das Individuum natürlich auch „einlullt“, nahm der gesunde Instinkt, wach bleiben zu müssen, um existenz-bedrohenden Veränderungen die Stirn bieten zu können, langsam aber stetig ab. – Den alten Menschheitstraum, weniger zu arbeiten und alt zu werden, haben wir verwirklicht. Doch nun kommen die Folgen immer komplexer auf uns, vor allem aber auf die junge Generation zu.

Diese Entwicklung war schon 1984 absehbar. In jenem Jahr haben wir (mein Mann, der Galerist Hans-Jürgen Müller und Autor des Bestsellers „Kunst kommt nicht von Können“, und ich) uns entschlossen, ganz konkret etwas zu tun und das Kulturprojekt ATLANTIS/MARIPOSA aus der Taufe gehoben. Zu zweit die Gesellschaft verändern zu wollen, grenzt an Vermessenheit – ist ein großes Wagnis. Aber was wird aus unserer Gesellschaft, wenn wir keine Ideale mehr haben, wenn wir nicht mehr an die Möglichkeit zur Veränderung glauben und erst recht nichts dafür geben oder aufgeben wollen? Unsere Vorstellung war und ist, daß dieser kleine Schmetterling – so heißt MARIPOSA auf deutsch - zum Ausgangspunkt für andere Visionen als die heutigen mit Blick auf die Zukunft wird. Dabei spielt die Schönheit des gestalteten Raums, spielen Kunst und Ästhetik die entscheidende Rolle. Und natürlich die „MARIPOSIEN®“ (so heißen dort die Symposien), die kleine Gruppen von Experten aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik zusammenbringen wollen mit Künstlern, Querdenkern und philosophisch orientierten Persönlichkeiten, um kreative Lösungen für die anstehenden Probleme zu entwickeln. Dabei der Ort selbst zum Katalysator für die notwendigen Synergieeffekte.

Was tun gegen den „rasenden Stillstand“?

Mein Mann und ich – Galeristen der Avantgarde seit 1958 - wissen aus jahrzehntelanger Erfahrung mit Künstlern und anderen Kreativen, wie außerordentlich wichtig Schönheit und Muße ist. Für den sogenannten „Einfall“ braucht es Ruhe (keinen Streß), man darf nicht „wollen“, sondern man muß „zulassen“. Kreativität ist nicht planbar, sie ist u. a. an die vorgenannten Bedingungen gekoppelt. Nicht immer mehr Wissen brauchen die, die ohnehin so viel wissen. Schon Nietzsche meinte, wir sollten die „Höhe dieses Wissens“ vor allem messen an der „Tiefe unseres Könnens“. Schon vor mehr als hundert Jahren schrieb er folgendes: „Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Ruhelosen mehr gegolten. Es gehört deswegen zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muß, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken!

Die Angst, wir könnten etwas versäumen, hat unsere Zeit hektisch gemacht, hat uns dem Diktat der Uhr und des Terminkalenders unterworfen. Pausenlos tätig und unterwegs, wird nur noch dies oder das „zur Kenntnis genommen“. Man macht keine Erfahrungen mehr, Vorbedingung für Erkenntnis oder für das Aufleuchten einer Wahrheit, die einen betroffen macht. Geschwindigkeit und Beschleunigung töten die eigene Sinnenhaftigkeit ab und mit ihr die Erfahrung, daß man selbst leibhaftig ein Stück Natur ist. Eine der so rar gewordenen Möglichkeiten, die in MARIPOSA stecken, ist, daß beim Aufenthalt an diesem mit Liebe gestalteten Ort eine Art Gelassenheit entstehen kann, die sich aufs „Versäumen“ versteht. Damit kann sich auch eine Offenheit einstellen, in der etwas „ankommen“, etwas „einfallen“ kann. So ein „Einfall“ ist ja eine Art „Erleuchtung“, ein: „Hurrah, ich hab’s!“ Das heißt aber nicht, daß einem eine „Kenntnis“ einleuchtet, viel eher ist einem die Last des Wissens von den Schultern gefallen.

All unser Fortschritt ging einher mit einer systemischen Fragmentierung aller Lebensbereiche und deren funktionaler Differenzierung. Dies ist inzwischen zu einem großen Problem geworden. Zwar war dieser „Optimierungsprozeß“ das Geheimnis des Erfolgs der Industrienationen, ist aber längst zur Bedrohung des Systems an sich, aber auch zur Bedrohung von uns allen geworden. Wir stehen vor der großen Aufgabe, wie dieser Zustand überwunden und auf einer höheren Ebene einer Synthese zugeführt werden kann, denn: die jeweils spezifischen Regeln, Sprachen und Logiken, die sich entwickelt haben, machen eine Verständigung untereinander außerordentlich schwer. Deshalb ist es überlebensnotwendig, daß die Systeme der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Kultur von einander lernen und für einander durchlässig werden, was aber nicht heißen muß, Eigenlogiken und notwendige Grenzen aufzugeben.

Dr. Jochen Rossbroich, Philosoph und Soziologe (er war viele Jahre für die Hypo-Bank, München, wissenschaftlicher Leiter eines ähnlich orientierten Projekts, der „Kempfenhausener Gespräche“), wird die „MARIPOSIEN®“ leiten. Bei seiner Einführungsrede dort sagte er folgendes: „Wir brauchen die Radikalität des ganzheitlichen Denkens, weil nur in seinem Licht Ansatzpunkte für Beeinflussung, Intervention und wirkliche Gestaltung in der Realität erkennbar werden. Nur so läßt sich gegen den aufkommenden Radikalismus der Forderung und der Tat ein Spielraum für verantwortungsbewußte, evolutionär orientierte Eingriffe gewinnen und verteidigen.“ Und er fährt fort: „In Zeiten drohender Entdifferenzierung muß die Vernunft - im Dialog - die Karten neu mischen, sonst tun es andere.“ Und er fordert die Rückkehr zur sogenannten „Umgangssprache“ für diese Dialoge, damit wieder ein Blick auf das Ganze möglich wird. Und dann sagt er etwas ungeheuer Bedeutsames und Wichtiges, nämlich, daß der Experte deshalb das sich anbahnende Neue oft nur schwer erkenne. Denn dieses erschließe sich eher einer intuitiven Wahrnehmung, die aus den Vorzeichen und Keimbildungen die Erstehung der neuen Gestalt erahne. Aber gerade diese Art der „Gestaltwahrnehmung“ sei Voraussetzung für erfolgreiche Gestaltung. Und er schließt mit den Worten: „Nichts ist so realistisch wie eine gute Vision“!

Große Visionen hatte auch der Vordenker Robert Jungk, der Erfinder der „Zukunftswerkstatt“. Als wir ihm 1985 von unseren Plänen erzählten, sprach er immer wieder von der ihn so sehr quälenden „optischen Umwelt-Verschmutzung“ und machte uns Mut für unser Projekt. Er hielt es für eminent wichtig, alles zu versuchen, um die Bedeutung von Schönheit wieder ins Bewußtsein zu heben. – Seit Jungk sind viele Zukunftswerkstätten entstanden – Soweit wir wissen, keine, die unter dem Primat der Schönheit gegründet worden ist. MARIPOSA scheint die einzige zu sein. Sie soll vor allem neue Impulse für Kultur und Ethik setzen. Was Kultur, was Ethik ist, scheint schwer zu fassen, weil jeder davon einen anderen „Begriff“ hat. Die vielen Bücher, die in den letzten Jahren zu diesen Themen geschrieben worden sind, zeigen wie wichtig uns dieses Thema ist. Das haben wir wohl erkannt. Doch wie kommen wir von der Theorie in die Praxis? Wird nicht immer nur über Symptome einer nicht mehr gelebten, nicht mehr erfahrbaren Kultur und Ethik gesprochen, von Problemen ausgelöst durch deren Abwesenheit? Und wem ist das im privaten oder beruflichen Alltag wirklich wichtig? Wo findet ein ernsthafter Diskurs darüber statt? An Universitäten, Schulen, in den Medien? In Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft? Erkennen wir, daß die brennenden gesellschaftlichen Probleme genau hier ihre Wurzeln haben? Und – falls das so ist – was hindert uns eigentlich daran, uns auf unsere Verantwortung zu besinnen und adäquat zu handeln?

Die Weltbevölkerung wächst explosionsartig; die westlichen Gesellschaften, vor allem unsere eigene, sind von Überalterung bedroht; die sozialen Verpflichtungen sind nicht mehr bezahlbar; wir bekommen die Arbeitslosigkeit nicht in den Griff. Aids, Drogen, steigende Kriminalität; der Krieg der Religionen; Terrorismus, Gewalt – selbst in Schulen und in den Familien. Die Veränderungen unserer Umwelt, in Atmosphäre und Biosphäre; die Ozonlöcher, das Abschmelzen der Polkappen; Klimakatastrophen. Eine immer tiefer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich (selbst in den wirtschaftlich erfolgreichen Ländern), der hoffnungslose Kampf gegen den Hunger in der Welt; die damit verbundenen Migrationen – welch ein Berg zu bewältigender Aufgaben!

All diese Entwicklungen sind nicht „vom Himmel gefallen“ – ihre Ursachen liegen im Fehlverhalten von Menschen. In diesem Kontext wird nur gelegentlich (und eher hinter vorgehaltener Hand) auch die Frage nach der Verursacher-Rolle von Politik, Welthandels-Organisationen, international operierenden Konzernen und Welt-Finanzmärkten gestellt, die ihrerseits gebetsmühlenartig versichern, man werde mit Hilfe innovativer Technologien Abhilfe zu schaffen wissen. Doch weder Technik, noch Ökonomie allein, noch restriktive Gesetze und deren Kontrolle, werden uns diese Herausforderungen meistern lassen. Das Problem ist, daß im gleichen Maß, wie die Lösungsschwerpunkte in Richtung „technisch Machbares“ und „nur ökonomisch Rentables“ liegen, von der Bedeutung von Kultur und Ethik fast nur noch in den berufsmäßig damit befaßten Institutionen, den entsprechenden Fakultäten unserer Hochschulen bzw. in den Feuilletons gesprochen wird. Keines der angerissenen Probleme wird lösbar sein, es sei denn die Verantwortlichen – und das sind wir alle, jeder einzelne! – finden zu ethischem Handeln zurück. Kultur und Ethik gehören ebenso wie Qualität und Anstand ins Zentrum gesellschaftlichen Bewußtseins. Sie müssen begriffen werden als die wesentlichen Voraussetzungen für alle Strategie-Überlegungen, die Grund-Bedingung für die Lösung der anstehenden Probleme. Sonst werden wir uns eines Tages eingestehen müssen, daß all unsere gut gemeinten Anstrengungen umsonst gewesen sind. Die Werte-Diskussion – wie wir sie zur Zeit führen – reicht nicht aus, wir brauchen dringend Modelle, um diesen Prozeß in Gang zu setzen. Mit einem rein intellektuellen Ansatz wird dies schwerlich gelingen - das sieht man an den bisher erzielten Resultaten.

Eine Erfahrung, die nicht durch die Sinne gegangen ist,
kann keine andere Wahrheit erzeugen als eine schädliche

Leonardo da Vinci

MARIPOSA ist ein sehr außergewöhnlicher, vielleicht einzigartiger Beitrag, um diesen Wandel zu unterstützen. Das Projekt wird kunstgeschichtlich eingereiht unter Projekte wie den Monte Verità, das Bauhaus etc., die in hohem Maße gesellschaftsverändernd gewirkt haben. Als Galeristen haben wir viel persönliche Erfahrung mit der transformativen Kraft, die in der Kunst und in der Schönheit für das Bewußtsein steckt. Aber auch wir standen vor der Frage, auf welche Weise, durch welche Erfahrung wir das Menschen nahebringen könnten. Schließlich war schon 1984 die „Klinge der Kultur“ stumpf geworden. Der gesellschaftliche Umgang mit ihr ist sehr oberflächlich geworden. Sie wurde nicht nur zum „Markt“, wir mißbrauchen sie auch als Event, als Instrument der Selbstdarstellung und der Eitelkeit oder ganz schlicht und einfach zur „Vernichtung von Freizeit“. – Wie hing das zusammen: der erschreckende kulturelle Niedergang, das zunehmend rücksichtslose Sozialverhalten (bei gleichzeitig wachsender Prosperität und – wie es damals schien - permanenten Wachstumsraten) und die gleichzeitig angebotene ungeheuere Vielfalt an Kultur- und Bildungs-Einrichtungen? Was konnten wir tun, welche Rolle konnte die Kunst (eine der entscheidenden Möglichkeiten zur Heranbildung der generellen menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit), welche Rolle die Ästhetik spielen? so fragten wir uns. Was war falsch gelaufen oder läuft falsch? Wir suchten nach Ursachen. – Zunächst bei uns, in unserem eigenen Umfeld. Galerien, Museen, Bibliotheken, Theater, Konzertsäle gab es ja schon damals genug. - Schließlich kamen wir dahinter, daß uns – auch in der Kunst – die Schönheit abhanden gekommen ist, übrigens in einem kulturellen Diskurs, der lange Zeit folgerichtig war. (Dies wäre aber ein eigenes Thema.) Und nicht nur die Schönheit in der Kunst, den Künsten allgemein, nein auch im öffentlichen Raum, und – in der Folge, wie wir meinen: im Denken, und im Handeln.

Das sogenannte „Schöne“ (siehe Hegel, Schiller, Adorno, Ahrendt usw.) – war es das? Das Schöne – als „sinnliches Scheinen der Idee“, die kymische Hochzeit von Sensibilität und Intellekt? – Woran liegt es, daß wir heute kaum mehr Schönes hervorbringen? – Am niedrigen Anspruch heutiger Ideen, am Mangel an Sensibilität? – Wenn Erasmus von Rotterdam noch von der „Schönheit als dem Wetterleuchten der Wahrheit“ spricht, ist dann die Häßlichkeit unserer Vorstädte und Industriegebiete, die im allgemeinen unsagbar trostlose moderne Architektursprache, der Stumpfsinn heutiger Unterhaltungsmusik, mit der wir überall berieselt werden, das niedergehende Niveau unserer Tages- und Wochen-Zeitungen, die katastrophale Qualität unserer Fernsehprogramme – ist all diese „Häßlichkeit“ auch Ausdruck der Verlogenheit unserer Zeit?

Wenn man Churchill folgt, der einmal gesagt hat: „First we shape our buildings, later the buildings shape us!“, welche Auswirkungen haben Häßlichkeit und Belanglosigkeit unserer modernen Städte und Wohnungen auf unser aller Leben? Die unserer Universitäten und Schulen auf die Befindlichkeit von Studenten und Schülern, aber auch Professoren und Lehrern; auf die Rezeption der Lehrinhalte; auf Identifikation, Motivation und Kommunikation? Welche auf das spätere Leben? Wie ich meine, kommen wir einfach nicht darum herum, erneut die Bedeutung von Schönheit, von Ästhetik (was im Griechischen „mit den Sinnen wahrnehmen“ meint) für die Verfaßtheit, das Bewußtsein, das Wohlbefinden, die Kreativität, aber auch das soziale Verhalten des Menschen zu erkennen. Diesen Zusammenhang wieder bewußt zu machen, haben wir uns mit MARIPOSA vorgenommen, denn genau hier liegt einer der Schlüssel für den Niedergang unserer Zivilisation.

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat diesen inneren Zusammenhang zwischen dem geistigen Zustand unserer heutigen Zivilisation und der Häßlichkeit unserer modernen Städte klar benannt - ich zitiere ihn aus seinem Buch „Die acht Todsünden der Menschheit“: „Am wenigsten aber merkt die Gesellschaft, wie sehr sie im Verlaufe dieses barbarischen Prozesses an ihrer Seele Schaden nimmt. Die allgemeine und rasch um sich greifende Entfremdung von der lebenden Natur trägt einen großen Teil der Schuld an der ästhetischen und ethischen Verrohung des Zivilisationsmenschen. Woher soll dem heranwachsenden Menschen Ehrfurcht vor irgend etwas kommen, wenn alles, was er um sich sieht, Menschenwerk, und zwar sehr billiges und häßliches Menschenwerk ist? Selbst der Blick auf das gestirnte Firmament ist dem Städter durch Hochhäuser und chemische Atmosphärentrübung verhüllt. So nimmt es denn kaum wunder, wenn das Vordringen der Zivilisation mit einer so bedauernswerten Verhäßlichung von Stadt und Land einhergeht.“ Und an anderer Stelle schreibt er weiter: „Ästhetisches und ethisches Empfinden sind offenbar sehr eng miteinander verknüpft, und Menschen, die unter den eben besprochenen Bedingungen leben müssen, erleiden ganz offensichtlich eine Atrophie beider. Schönheit der Natur und Schönheit der menschengeschaffenen kulturellen Umgebung sind offensichtlich beide nötig, um den Menschen geistig und seelisch gesund zu erhalten. Die totale Seelenblindheit für alles Schöne, die heute allenthalben so rapide um sich greift, ist eine Geisteskrankheit, die schon deshalb ernst genommen werden muß, weil sie mit einer Unempfindlichkeit gegen das ethisch Verwerfliche einhergeht.“ (i)

Bei aller Sympathie und allem Respekt für die ökologische Bewegung – auch ihre Vertreter achten die Bedeutung von Ästhetik eher gering, wie mir scheint. Dies zeigt nur, daß die Erkenntnis von Konrad Lorenz nicht in der Gesellschaft angekommen ist. Ökologisch Einwandfreies muß doch nicht unbedingt „öko“ aussehen. Das betrifft das ästhetische Bild von Menschen ebenso wie das von Produkten, Architektur und Innenarchitektur. Auch unter nachhaltigen und ökologischen Gesichtspunkten vorbildliche Architektur spiegelt meist mit ihrer rein technischen Anmutung exakt den pragmatischen, unsensiblen Zeitgeist. Die Vorstellung, daß aus Gründen des Klima- und Ressourcen-Schutzes, der Erd-Erwärmung und baubiologisch unbedenklichen Wohnens, die Gestaltung künftiger Städte diesem Muster folgen könnte, bringt uns zurück zu Churchills Statement. Denn nicht nur belangslose oder häßliche Architektur ist gemeint, sondern auch technisch perfekt ausgestattete Bauten, deren Innenräume eher für Maschinen gemeint zu sein scheinen, statt für Menschen, die darin wohnen oder arbeiten.

Vielleicht wundert sich der eine oder andere, wieso ausgerechnet Architekten, denen wir ja hauptsächlich das Bild unserer Städte verdanken, selbst oft lieber in einem Haus aus dem Jugendstil oder den 20-er Jahren wohnen und sogar Industrie-Lofts ihrer eigenen Architektur vorziehen. Der überwiegende Teil der Bevölkerung ist (oder muß es sein) scheinbar zufrieden mit seinem „modernen“ Anforderungen entsprechenden Zuhause, das von irgendeinem Investor unter Renditegesichtspunkten gebaut wurde. Um so tragischer, daß hier nicht einmal die volkswirtschaftliche Bilanz: „eingesetzte Ressourcen und Geld versus Langlebigkeit und Nutzungsverlangen bzw. –vergnügen“ stimmt! Lieblose, aus Abschreibungsgründen gebaute Wohn-Anlagen verkommen schnell und werden so eher zu „Geldvernichtungs-Anlagen“. Dies ist weder ökonomisch noch ökologisch und führt darüber hinaus dazu, daß der Mensch, der so leben muß, Schaden nimmt, und zwar Schaden an seiner Seele. Und – mehr als das! – zig Jahre stehen diese häßlichen Bauten inmitten unserer Städte. Sie sind nicht einmal „ruinenfähig“, wie Léon Krier schreibt. Sie stören nicht nur die Netzhaut, sondern prägen entscheidend Befinden und Bewußtsein der Menschen, auch das der heranwachsenden Jugend. Die Wechselwirkungen mit dem gesellschaftlichen System als Ganzes werden völlig unterschätzt.

Wie sagte der amerikanische Architekt Frank Lloyd Wright einmal so treffend über einen großen Kollegen? „Die Imagination ist das Werkzeug, dessen sich die Kraft in ihm bedient, um Wunder zu schaffen.“ Also die, der Entscheidung vorangehenden, „inneren Bilder“. Baumeister der Geschichte, wie Phidias, Bramante, Palladio oder Michelangelo, deren Bauweise unser aller Herz höher schlagen läßt, überließen ihre Bauten nicht Ingenieuren und Bauleitern. Nicht nach Plan ließen sie arbeiten, sondern nach visueller Intuition. - Wir wollen uns nicht mit ihnen vergleichen, aber auch für uns war diese Art des Bauens - aus dem „Genius loci“ heraus - Vorbild für die Gestaltung von MARIPOSA.

Homo sapiens –> Homo faber –> Homo oeconomicus –> Homo aestheticus

Die Vereinsamung des Menschen, seine brachliegende Kreativität, die Ungeborgenheit seines Seins inmitten der Gesellschaft, die zunehmende Unsicherheit und Perspektivlosigkeit angesichts einer rein ökonomisch orientierten Welt – dazu das Stakkato der akustischen und optischen Reize, die Hast und die tief sitzende Angst, in die uns der viel gepriesene Fortschritt geführt hat, bringt mich zu der Frage, was da vom Menschsein, vom Lebens-Sinn bleibt. Mensch – Natur – Kosmos. Was kann den Menschen als Teil dieses Ganzen zur Besinnung, was kann ihn zu neuen „Ein-Sichten“ bringen? Was ihn wieder die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen lassen – in diesem Zeitalter, das Nietzsche einmal – wahrhaft seherisch – das Zeitalter der „technischen Weltvollendung“ genannt hat?

Es ist allerhöchste Zeit für eine Umkehr! Und die muß dringend! und zu aller erst! bei den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und besonders auch bei den Medien beginnen, - Diese Gruppen, die ganz oben stehen in der Hierarchie der Gesellschaft, stehen auch ganz oben, wenn es um Verantwortung geht, und zwar deshalb, weil sie die Macht und damit die Möglichkeit haben, durch ihre Entscheidungen die richtigen oder falschen Impulse zu setzen - zu ermöglichen oder zu verhindern – und zwar sehr effizient. Außerdem sind sie in ihrem Herausgehobensein auch die Vorbilder – so oder so!

Denn: Wie wollen wir den Schaden abwenden, den eine perfekte Werbemaschinerie dadurch anrichtet, daß sie Bedürfnisse nach lauter Dingen schürt, die der Mensch eigentlich nicht braucht? - Was der Forderung der Volkswirtschaften nach immer mehr Wachstum und immer höherem Profit entgegensetzen, die uns so massive ökologische und soziale Probleme beschert? - Wie den Trend umkehren, wo eine immer billiger produzierende Maschinenwelt massenhaft Billigartikel herstellt, die schwerwiegende Übergriffe auf Natur und Umwelt notwendig machen? Artikel, die den Menschen sinnlich nicht mehr berühren, ihm im Grunde gleich-gültig, austauschbar sind, zu denen er keine echte Beziehung mehr hat. – Er selbst ist inzwischen zu einem Teil dieser Maschinerie geworden, ebenso wenig einmalig wie die Artikel, die unter seiner Mitwirkung entstehen oder vertrieben werden, ebenso austauschbar, ebenso entbehrlich! - Wie können aus den Einsichten, daß überall Veränderungen vorgenommen werden müssen, Aussichten werden, wie dies bewerkstelligt werden kann?

Wenn es - durch aggressive Werbung - McDonalds gelungen ist, den „Hamburger“ weltweit zum begehrtesten Gericht des jugendlichen Speisezettels zu machen, wenn der Ruf nach persönlicher Schönheit dazu führt, daß Schönheitschirurgen Hochkonjunktur haben, dann müßte es doch durch entsprechende „Aufklärung“ möglich sein, im Menschen wieder das Bedürfnis nach schönen Dingen zu wecken! Dinge, die ihm Freude machen, mit denen er gern umgeht, die „kostbar“ sind, ihm etwas bedeuten, die er bewahrt und weiter vererbt! Die aber kann nur der Mensch herstellen (dank seiner Phantasie und seinen Fertigkeiten) und nur die menschliche Hand. Bedenken wir: Wie viele neue und – sinnvolle Arbeitsplätze könnten wir schaffen!!

Außerdem, das beste Mittel, mit den Ressourcen unserer Erde verantwortungsvoll umzugehen, ist immer noch die bewußte Auswahl von Produkten. Wer ästhetisch geschult ist, sich mit Materialien und Verarbeitung auskennt, wer also Qualität von Talmi unterscheiden kann, kauft wahrhaft ökologisch und ökonomisch. Wer sich nicht unter den Einfluß von Moden bringen läßt und zeitlos Schönes wählt, braucht weder alle fünf Jahre eine neue Wohnungseinrichtung, noch dauernd etwas Neues zum Anziehen. Um es gleich vorweg zu sagen: Dies ist nicht eine Frage des Geldbeutels, sondern eine Frage des geschulten Geschmacks, ohne das man verloren ist in den Kaufhäusern und Möbeldiscountern unserer Tage.

Zur Höhe der Kultur führen viele Stufen hinauf und nur ein Schritt herunter
Hebbel

Diese Erkenntnis führt zur Frage nach Bildung. Deutschland, „das Land der Denker und Dichter“, die Wiege des Humanismus, - was ist aus uns geworden! - Wir müssen es als Herausforderung begreifen, bei der Heranbildung unserer Kinder, unserer Jugend, ganz entschieden einen Schwerpunkt auf solche Fächer zu legen, die die Entwicklung der sensorischen und der geistig-seelischen Fähigkeiten einüben, also: Kunst, Literatur, Musik, Ästhetik, Werken. Die Modelle gibt es! Montessori – Waldorf-Schulen. - Wenn die Erkenntnisse aus der „Pisa-Studie“ nur in die Debatte münden, daß nun bereits in den Grundschulen (nein, möglichst noch vorher) der Umgang mit Computern zu üben ist, dann ist die Stärkung der musischen und handwerklichen Fächer erst recht unabdingbar. – Was, wenn nicht eine Beschäftigung, bei der die Kinder selbst etwas herstellen, hervorbringen lernen, etwas das ihnen Spaß macht und auch Anerkennung bringt (weil die Gesellschaft dem wieder einen Wert beimißt), könnte es sonst mit den bequemen Reizen des Fernsehens, einer spannenden Reise ins World-Wide-Web, oder sonstigem heutigen „Zeitvertreib“ der Jugend aufnehmen?

Die Maus des Computers darf nicht zum Ersatz für die Hand werden - wie sollten wir be-greifen lernen? Den Menschen berührendes Gestalten kommt aus der Inspiration und nicht aus vorgegebenen Formen und Farbpaletten einer raffiniert ausgeklügelten Software. Die täuscht eine kreative Vielfalt nur vor, die sie aber nicht bieten kann. Ray Kurzweil – Autor des 1999 erschienen Buchs Was bleibt vom Menschen? Homos@piens (ii) sieht bald die Zeit heraufkommen, wo wir das Gehirn eines Menschen scannen werden, um es – man glaubt es nicht – in den PC herunterzuladen. Aber nicht nur das: Bis zum Jahr 2029 – in nur 23 Jahren also – soll maschinelle Intelligenz mit menschlicher Intelligenz in all ihrer Vielfalt gleichzusetzen sein. Lebende Künstler brauchen wir ab dem Jahr 2019 – also schon in 16 Jahren – auch nicht mehr, die ersetzen wir durch virtuelle. Und wen wollen wir noch ersetzen? Alle, die schwer zu finden oder zu teuer sind: Lehrer, Gesellschafter, Krankenpfleger, Liebhaber usw.? – Wenn das nicht wirklich kranker Phantasie entspringt! – Aber dies sind die Zukunfts-Visionen des Informationszeitalters und seiner Vordenker! – Lassen wir es zu, daß wir den Menschen ganz „abschaffen“? – Noch ist das meiste zwar Science-Fiction – und bleibt es hoffentlich auch. Aber – wiegen wir uns nicht in Sicherheit: Japan baut bereits fleißig am perfekten Roboter als Ersatz für die Krankenschwester....

Konrad Zuse, der Erfinder des Computers, hat prophezeit: „Die Gefahr, daß der Computer so wird wie der Mensch, ist nicht so groß wie die Gefahr, daß der Mensch so wird wie der Computer.“ Letztere Entwicklung hat längst begonnen! Um sie zu stoppen, haben wir jedoch nur dann eine Chance, wenn wir schnell Maßnahmen ergreifen, um die charakteristischen Anlagen im Menschen wieder zu entwickeln: seine Empathie, seine Intuition, seinen Glauben und seine Fähigkeit zur Demut, sein Verantwortungsgefühl, seine kreativen Fähigkeiten, seine Lust am Spiel und sein Bedürfnis zu helfen, zu lieben und zu verzeihen.

MARIPOSA – der Think-Tank für Kreativität

Schon vor 20 Jahren hieß es, es sei „kurz vor Zwölf“! Um so mehr erfordern die Verhältnisse heute völlig neue Denk- und Handlungsmuster. Dies geht nur durch tiefe Reflexion, echte Kreativität und Mut auf allen Ebenen der Gesellschaft, besonders und schnell aber auf der Ebene der Entscheidungsträger. Aus diesem Grund, wollen wir kleinen Gruppen von maximal zwölf Personen deutscher und internationaler Verantwortungsträger, aber auch jungen Akademikern und – in den Semesterferien auch Studierenden – die Möglichkeit bieten, auf MARIPOSA zusammenzukommen, um hier gemeinsam über die Bewältigung der vor uns liegenden Aufgaben nachzudenken. Wir brauchen mehr denn je neue Visionen von Zukunft und Klarheit über die daraus resultierenden notwendigen Schritte. Wenn wir nicht wissen, wo wir hin wollen, werden wir auch die Wege nicht finden, die uns dorthin führen!

Natürlich gibt es interdisziplinäre Foren. Seit vielen Jahren schon sehen wir, daß Manager ins Kloster oder zu Grenzerfahrungs-Trainings gehen. Die Wirtschaft leistet sich Ausbildungszentren, am Tegernsee oder anderen schönen Plätzen. Auch gibt es Weltkonzerne, die ihren CEO’s Sabbaticals ermöglichen. – Was also ist so anders an MARIPOSA, warum sollte dieser Platz bessere Ergebnisse bringen? – Nun, seine Gestalter sind alle Künstler – jeder Quadratmeter ist vor seiner Gestaltung durch Betrachtung ästhetisch abgeprüft und dann liebevoll von Hand neu erschaffen. Daraus ergibt sich eine bestimmte „Form“, eine Form, die man Schönheit nennt. Wenn man verstehen will, was man unter Schönheit verstehen soll, dann muß man Schiller lesen. Seine Briefe „Zur ästhetischen Erziehung des Menschen“. Seine Herleitung des Beweises der großen Bedeutung der Schönheit hier wiederzugeben, würde den Umfang dieses Textes sprengen. Lassen Sie mich nur eine Stelle daraus zitieren: „Die Schönheit ist also zwar Gegenstand für uns, weil die Reflexion die Bedingung ist, unter der wir eine Empfindung von ihr haben; zugleich aber ist sie ein Zustand unseres Subjekts, weil das Gefühl die Bedingung ist, unter der wir eine Vorstellung von ihr haben. Sie ist also zwar Form, weil wir sie betrachten; zugleich aber ist sie Leben, weil wir sie fühlen. Mit einem Wort: sie ist zugleich unser Zustand und unsere That.“ –

Die Schönheit von MARIPOSA ermöglicht die Gleichzeitigkeit von Gefühl und Intellekt und ist damit die wahre Grundlage, um ganzheitliche Ansätze für die anstehenden Problemlösungen zu finden. Außerdem, und das erscheint vielleicht banal, erlebt man beim Betrachten des Schönen Freude, innere Freude. Und die ist ein Garant dafür, daß aus heterogenen Gruppen plötzlich Gemeinschaften werden. Die Vertreter verschiedener Interessen und Überzeugungen fühlen sich auf einer anderen, inneren Ebene nicht mehr getrennt, sondern verbunden und sind deshalb eher bereit sind, sich auf ungewöhnliche Vorstellungen einzulassen. Teilnehmer der „MARIPOSIEN® (so heißen unsere Symposien), erleben mit großem Erstaunen, daß sich dort etwas einstellt, was internationale Beratungsunternehmen wie „McKinsey“ und „Roland Berger“ mit „emotionaler Intelligenz als heute unerläßlicher Führungsqualität“ oder mit „Soft Skills“ meinen.

In seinem „Glasperlenspiel“ – dem die polnische Künstlerin Lydia Karbowska eine Skulptur auf MARIPOSA widmet, schreibt Hermann Hesse folgendes: „Mir erscheint inmitten unseres heutigen Lebens – im Gegensatz zum alleinigen Kultus der Arbeit und des Geldes – der Sinn für das Spiel des Augenblicks, das Offenstehen für den Zufall etwas durchaus Wünschenswertes, woran wir alle sehr Mangel leiden... Wir sollen nicht aus der „Vita activa“ in die „Vita contemplativa“ fliehen, noch umgekehrt, – sondern zwischen beiden wechselnd unterwegs sein, in beiden zuhause sein, an beiden teilhaben.“ – sinngemäß steht das übrigens auch bei Schiller.

Die Menschheit steht förmlich an einem Scheideweg: Entweder die Richtung radikal zu ändern – oder unterzugehen, was im Grunde genommen keiner will! Der Weg aus den Sackgassen führt nur über die Erkenntnis, daß wir

  • die Bedeutung von Geist, von Kultur, von Kunst und von Schönheit neu entdecken,
  • daß wir wieder einen Werte-Kanon brauchen, der nicht an den internationalen Börsen gehandelt wird
  • und daß Herz und Verstand sich zu höherer Vernunft verbinden müssen.

Statt wie z. B. die USA darüber nachzudenken, Billionen in die Erwärmung der Mars-Atmosphäre zu investieren (wohin wir eines Tages auswandern sollen, nachdem wir diese Erde unbewohnbar gemacht haben werden), muß es das gemeinsame Ziel von uns allen sein (nicht zuletzt auch durch den Einsatz der dazu notwendigen Investitionen), diese – bisher im Kosmos einzig bekannte, wunderbare – Welt und all ihre Völker nicht nur als solitären verfügbaren Lebens-Raum, sondern auch als einen Kultur-Raum zu erhalten, in dessen Vielfältigkeit – ja, gerade in der Problematik seiner Widersprüchlichkeit – die Quelle jeder menschlichen Höher-Entwicklung und damit auch die Chance zu ihrer Rettung liegt. Die Komplexität der anstehenden Entscheidungen bedarf nicht nur der klaren intellektuellen Analyse, Voraussetzung ist auch und wie ich meine in erster Linie, ein ausdifferenziertes Kultur- und Ethik-Bewußtsein. Das Menschliche allein kann die Synthese erzeugen und uns in eine Zukunft führen, in der auch der Mensch selbst wieder ins Zentrum unserer Visionen rückt und in der Nachhaltigkeit ganz selbstverständlich ist.

In meiner Jugend war Davos nichts weiter als ein besonders tolles Ski-Paradies. – Visionäre der Wirtschaft gründeten dort in den 70er Jahren ein – zunächst kleines – Wirtschafts-Forum. Sie brachten es zu Weltgeltung, weil fundamentale – ja globale – Interessen sich damit verbanden. Ich bin sicher, ein weiterer Ausbau der Globalisierung der Wirtschaft nach gewohntem Muster wird in einer Katastrophe enden, wenn Kultur und Ethik nicht endlich – und zwar weltweit! - in ihrer vorrangigen Bedeutung begriffen werden. Es ist natürlich ungleich schwerer, Modelle wie MARIPOSA gesellschaftsfähig zu machen, weil sie eben nicht ökonomische Interessen verfolgen. Frühere Jahrhunderte, Jahrtausende haben uns Dome, Moscheen, Tempel, Grab-Denkmäler aller Art, Parke und vieles mehr hinterlassen, die wir zum Welt-Kulturerbe erküren und zum Ziel unserer Kulturreisen machen. Sie alle gäbe es nicht, hätten unsere Vorfahren nur „ökonomisch“ gedacht. Diese Kunst ließ den Menschen an etwas Höheres glauben, ließen ihn selbst nach Höherem streben. Deshalb muß es gelingen, der wirklichen Schönheit zu einer Wiedergeburt zu verhelfen, sonst kann der Mensch, seine Sinnfindung, der Erhalt seiner Lebensbedingungen auf diesem Planeten, sonst können Ästhetik und Ethik, kann die Kultur nicht ins Zentrum unseres Blicks genommen und zur globalen Herausforderung werden. –

Arona (ein kleines Dorf auf Teneriffa), wo MARIPOSA liegt, könnte für die Erreichung dieser Ziele das werden, was Davos einmal für die Weltwirtschaft war. Die augenblickliche Krise wird die große Chance gewesen sein, wenn es uns gelingt, die Zukunft neu und verantwortungsvoll zu gestalten. MARIPOSA wird dieser Aufgabe um so schneller und erfolgreicher dienen können, je mehr Menschen darin eine fundamentale Möglichkeit erkennen und den Ort für zielführende, kleine Konferenzen nutzen – Einstein hat einmal gesagt, daß man Probleme nicht mit den selben Methoden lösen kann, die die Probleme verursacht haben. „Bedenkenträgertum“ und Vorurteile verhindern neues Denken – es braucht deshalb Mut, den Willen dazu, das Zusammenwirken von Herz und Verstand, und es braucht dafür neue Orte! Unser ehemaliger Bundespräsident, Richard von Weizsäcker, hat das in treffende Worte gefaßt und unserem 1991 veröffentlichten Buch vorangestellt:

"Von Ruhe umgeben,
und angeleitet von der Kunst,
können wir frisches und schöpferisches
Denken lernen und gemeinsame Maßstäbe
für unser Handeln gewinnen.
Wir brauchen diese politische Kraft
menschlicher Kultur!
"

 

(i) Konrad Lorenz: Die acht Todsünden der Menschheit, Verlag Piper 1973
(ii) Ray Kurzweil: Was bleibt vom Menschen? Homos@piens, Econ Verlag 1999

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