Vom notwendigen Übergang zu einer Low Energy Kultur

05.05.2006 | Ulrich Rosemeyer

Seit dem Beginn des Industriezeitalters vor etwa 150 Jahren wurden der Einatz und die Ausbeutung der fossilen und nicht erneuerbaren Brennstoffe kontinuierlich und immer schneller vorangetrieben. Die künstliche Verbilligung durch Steuerverschwendungsmilliarden und die starke Fokussierung auf diesen sehr langsam wachsenden natürlichen Reichtum von hoher Energiekonzentration gleicht einem Tunnelblick, der Gefahr läuft, die Endlichkeit dieser wertvollen Ressourcen nicht rechtzeitig wahrzunehmen.

Unser heutiger beispielloser Reichtum und Wohlstand, der allein durch die rasante Ausbeutung der fossilen Energiespeicher möglich wurde, ist nicht nur ungerecht verteilt, sondern selbst in den reichen Ländern in dieser Form und Intensität nicht zukunftsfähig. Finanziell gesprochen, haben wir das weltweite Kapital auf eine sorglose Art und Weise verkonsumiert, die jedes Unternehmen in den Bankrott treiben würde. Dieser enorme Konzentrationsprozess von Macht, Reichtum und Wohlstand auf immer weniger Menschen hat uns gleichzeitig in eine Abhängigkeit getrieben, die einen friedlichen Übergang in die post-fossile Ära immer schwieriger machen.

Während diese Einsicht im wohlhabenden Teil der Weltbevölkerung genauso langsam wächst wie die Investition in erneuerbare Ressourcen, sollten wir die Zeit nutzen, um die unmittelbar verfügbaren Ressourcen vor Ort, mit denen die Natur seit jeher alles Leben auf der Erde ermöglicht und versorgt hat, wieder mehr in unser Bewusstsein rücken zu lassen. Ausgehend von der Sonne als Primärlieferant, die das Leben überhaupt erst ermöglicht, sind es die wichtigsten Energiespeicher, mit denen bereits die vorindustriellen Gesellschaften und Völker ihr Überleben auf lokaler Ebene gesichert haben: Wasser, lebendiger Boden, Bäume und Saatgut. Das Wertschätzen, sowie die adäquate Nutzung und Erhaltung dieses natürlichen Reichtums wird notwendig sein, um Katastrophen zu vermeiden, bei denen es nach und nach in immer mehr Regionen zu einer unvermeidbaren Unterbrechung der Versorgungswege für Energie und anderen Ressourcen kommen wird. Das Zeitalter des billig gemachten Erdöls ist vorbei, Uran ist keine Lösung!

Der Kapitalismus zwingt uns dazu, immer mehr zu verbrauchen, als wir eigentlich wollen und dürfen. Wenn wir in Frieden und Sicherheit weiterleben wollen, müssen wir Bildungs- und Nutzungskonzepte entwickeln für einen Übergang von einer destruktiven High Energy Gesellschaft zu einer zukunftsfähigen Low Energy Kultur, die sich sowohl auf lokaler, regionaler und globaler Ebene umsetzen lassen. Planung, Gestaltung, Nutzung und Erhaltung von Konzepten rund um die oben erwähnten vier elementaren Energieträger sind aufgrund geringen Technologiebedarfs wenig kapitalintensiv. Die entsprechend höhere Arbeitsintensität dürfte in Zeiten der heutigen künstlich herbeigeführten Massenarbeitslosigkeit leicht aufzubringen sein. Bezahlbar ist sie allemal.

Nutzung und Erhaltung unser aller natürlichen Reichtums

Die gedankenlose Schussfahrt der kapitalistischen Industrialisierung und jetzigen neoliberalen Turbo-Globalisierung hat nicht nur zu einer weitläufigen Vergessenheit dieser einfachen natürlichen Energiespeicher geführt, sondern ebenso ihre Zerstörung vorangetrieben: Wasserverschmutzung, Bodenabreicherung, Zerstörung der Regenwälder, reduzierte Saatgutqualität und viele andere destruktiven Entwicklungen bedrohen unser Leben. Die derzeit auffällige Häufung so genannter "Naturkatastrophen" ermahnt uns zur Achtung der natürlichen Belastbarkeit der Erde sowie zum verantwortungsvollen Umgang mit ihren Leben schenkenden Ressourcen. Um die Nutzung und den Erhalt des natürlichen Reichtums gewinnbringend und nachhaltig zu gestalten, müssen wir wieder lernen, wie die Natur diesen unser aller Reichtum errichtet und permanent regeneriert, um das Leben auf der Erde zu ermöglichen. Nutzen wir diese Erkenntnisse, wie die Natur Energie einfängt, speichert und regeneriert, dann können wir dieses natürliche Kapital auch wirtschaftlich nachhaltig nutzen, um die zukünftigen menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen - ohne Kriege.

Wasser

Aufgrund der Schwerkraft ist die Wasseraufnahmekapazität der landgebundenen Ökosysteme temporär begrenzt. In einigen Regionen der Erde ist die regelmäßige Wasserversorgung zudem klimatisch bedingt stark gefährdet. Durch den Bau von Reservoiren, Dämmen, Senken, Tanks, Zisternen und anderen Strukturen haben die Menschen das biologische Potenzial der Landschaften zur Wasserspeicherung erhöht, und damit auch die Unterstützung anderer biologischer Prozesse. Jeder Eingriff in ein Ökosystem kann mit entsprechender Bildung (systemisches, kybernetisches Denken) zu einer Erhöhung der Produktivität durch neue Vielfalt führen. Wenn an den richtigen Stellen und in richtigen Maßstäben eingegriffen wird, sind die Vorteile für die Umwelt größer als die Beeinträchtigungen. Gerade für Wasserversorgungs- und Aquakultursysteme ist daher ein "Small-Scale Design" besonders wichtig: lokale Regenwassernutzung und Pflanzenkläranlagen; viele verteilte Mikrowasserkraftwerke statt wartungsintensive und naturzerstörerische Riesenstaudämme; nährstoffreiche flache Aquakulturen zur Proteinerzeugung statt energieintensive und gesundheitlich fragwürdige Vieh- und Milchwirtschaft. Wissen Sie, wieviel Wasser für die Herstellung eines Kilo Fleisches verbraucht und verschmutzt wird?

Lebendiger Boden

Während wir nahezu selbstverständlich mit tiefgekühlter Pizza, Mikrowellengerichten und anderem Fast-Food versorgt werden, haben die meisten Menschen in den wohlhabenden Ländern vergessen, dass ein gesunder humusreicher Boden für das "tägliche Brot" unerlässlich ist. Eine langfristig produktive Landwirtschaft ist nur auf lebendigen und mineralisch gut ballancierten Böden möglich.

Bevor wir uns also wundern, warum aus den Böden der Supermarktregale kein Essen mehr nachwächst, sollten wir den lebenswichtigen Garten- und Ackerböden größte Aufmerksamkeit widmen. Während wir nahezu die Hälfte des weltweiten fossilen Kohlenstoffs verbrannt haben, haben wir auf den weltweiten Anbauflächen bereits über die Hälfte des Bodenkohlenstoffs "verbrannt". Den Humusanteil landwirtschaftlicher Böden zu erhöhen war immer ein prinzipielles Ziel des organischen Landbaus. Durch einen Wandel in der Bewirtschaftung der Anbauflächen hin zu organischen und permakulturellen Strategien und Techniken kann diese Speicherung von Bodenkohlenstoff, Nährstoffen und Wasser derart wieder hergestellt werden, dass sie der von nätürlichem Weideland und Wäldern nahe kommt. Es ist wohl der größte Einzelbeitrag, den wir leisten können, um das zukünftige Überleben der Menschheit sicher zu stellen. Zu den konkreten Maßnahmen gehören: Rückführung der organischen Abfälle in Gärten und landwirtschaftliche Böden; extensive humusfördernde Weidewirtschaft statt intensive humusreduzierende Massentierzucht; Integration bodenbildender Baum- und Strauchsysteme. Wissen Sie noch, wie Humus aussieht, wie er sich anfühlt und riecht?

Bäume

In einer Low-Energy Zukunft wird der Wert ausgewachsener Wälder, die nachhaltige Erträge für ein vielfältiges Angebot an Holzprodukten gewährleisten, sehr hoch sein. Wie schon in der Vergangenheit, wird der Reichtum der Länder in der post-fossilen Ära wieder an der Quantität und Qualität der Wälder gemessen werden. In einer Welt abnehmender fossiler Brennstoffe ist der Anbau vielfach nuzbarer Mischwälder besonders wichtig: Sie wachsen auf den ärmsten Böden; schnell wachsende Wälder erzeugen eine mit Weideland vergleichbare Biomasse; langsam wachsende Nutzhölzer steigern und bewahren ihren Wert über lange Zeiträume; sie können als bodenverbessernde Kohlenstoffsenken den Treibhauseffekt mildern.

Außerdem werden wir die Tatsache anerkennen müssen, das insbesondere die Fähigkeit der Wälder, Kohlenstoff in Form von Brennholz und strukturiertem Nutzholz zu speichern, der Menschheit ermöglichen wird, in einer Low-Energy Zukunft nachhaltig mit erneuerbaren Ressourcen versorgt zu sein. Kennen Sie noch die Namen und die Funktionen der Bäume um sie herum?

Saatgut

Auch wenn wir für die kommenden Generationen einen Großteil unserer Arbeit in den Aufbau und Erhalt mehrjähriger Pflanzen investieren sollten, so bleiben doch die ein- und zweijährigen Gemüse- und Getreidearten eine wesentliche Existenzgrundlage. Sie produzieren derart hohe Mengen an Saatgut, die all jene erstaunen ließe, die nur den Anblick weniger Körner in einer Samentüte gewohnt sind. Das regelmäßige Einsammeln, Aufbewahren und Wiederanbauen reiner Saatgutlinien war für alle siedelnden Kulturen überlebenswichtig.

Im Zuge der kapitalistischen Machtkonzentration fand in den letzten Jahrzehnten eine sukzessive Übernahme regionaler Saatgutfirmen durch die multinationalen Agrarkonzerne statt. Diese drohende Privatisierung unserer Nahrungsgrundlagen und die Verbreitung minderwertiger Hybridsaaten löste unmittelbar eine weltweite Saatschutz-Bewegung aus. Um dem destruktiven und subventionierten Agrobusiness die Stirn zu bieten, ist es wichtig, dass dieser kulturelle Brauch wieder verstärkt von allen Menschen genutzt wird. Er ist grundlegend für unser Überleben. Haben Sie schon einmal selbst Saatgut gesammelt?

Design-Kriterien zur Nutzung und Erhaltung

Die oben erwähnten vier Energiespeicher, unser aller natürlicher Reichtum, haben folgende Merkmale gemeinsam, die in einer nachhaltigen Low-Energy Kultur wichtig sind:

  • Regenerative Wasser-, Boden- und Pflanzensysteme haben einen hohen Selbsterhaltungsgrad, der nur ein minimales menschliches Eingreifen erfordert.
  • Unterstützte natürliche Wasserkreisläufe, gut ballancierte Böden, langlebige Wälder und eine sortenreine Saatenvielfalt haben eine geringe Wertminderungsrate.
  • Unabhängig vom finanziellen Reichtum und Industrialisierungsgrad kann die Energie dieser Speicher von allen Menschen einfach entnommen und gewartet werden, auch ohne spezielle und teure Technologie.
  • Wenn wir die Speicher - nach dem Vorbild der Natur - weit zerstreut, in vielfältigen Varianten und nicht zu groß anlegen, werden sie nahezu resistent gegen Monopolisierung und Raubbau.
  • multifunktional (unterschiedliche Nutzung möglich)

Solche Konzepte, wie sie z.B. durch die weltweite Permakultur-Bewegung entworfen und implementiert werden, ermöglichen Haushalte, Kommunen und ganze Regionen zu mehr Selbstbestimmung und fördern die Etablierung regionaler Wirtschaftskreisläufe. Dies ist besonders wichtig in Zeiten der neoliberalen Globalisierung, die immer mehr Geld aus den ehemals prosperienden und nun im Stich gelassenen Regionen absaugt. Kleine Energiespeicher, die auf lokalen (regionalen) Ebenen angelegt werden, sind sicherer und stabiler als die teuren, zentralisierten und zunehmend privatisierten Versorgungssysteme. Die Störanfälligkeit und das schädliche Potenzial großer Systeme wird uns regelmäßig vor Augen geführt (Stromausfälle, Naturzerstörung, Überschwemmungen, ...).

Verantwortungsvolle Nutzung der nicht-erneuerbaren Ressourcen

Solange wir über fossile Brennstoffe verfügen, stehen wir gegenüber den nachfolgenden Generationen in der Verantwortung, diese hochwertige Energie so zu nutzen, dass die kommende Low-Energy Kultur ihre Bedürfnisse ausreichend und auf gewaltfreie Art befriedigen kann. Selbstbegrenzung ist heute eines der obersten Gebote; die nächsten Generationen werden unseren Wert daran messen. Somit gilt es, die nicht-erneuerbaren Ressourcen sozial und ökologisch nachhaltig zu nutzen und dafür zu sorgen, dass bereits jetzt die dazu notwendigen kommunalen und regionalen Subsistenz-Strukturen aufgebaut werden.

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