Leitkultur

25.03.2011 | Siegfried Pater

Jugendliche rund um den Globus kennen die Ergebnisse der Fußballbundesliga. Internet und Sattelitenfernsehen machen es möglich. Aber die modernen Medien transportieren auch die Bilder vom Komasaufen deutscher Jugendlicher auf Mallorca und aus dem Container von Big Brother bis in die Innere Mongolei und ins Amazonasgebiet.

Und so fragen sich die Menschen in den Ländern des Südens immer häufiger: Was ist aus dem Land der Dichter und Denker geworden?

Wir haben unsere Art zu leben zum Maßstab der Entwicklung erhoben, und nun gehen wir einen Weg, der für viele nicht nachvollziehbar ist und der sogar immer mehr Menschen in der Dritten Welt richtiggehend Angst macht. Sie bekommen natürlich ein selektives Bild über das Satellitenfernsehen und das Internet vermittelt. Bei meinen zahlreichen Recherchereisen in Afrika, Asien und Lateinamerika werde ich deshalb in letzter Zeit immer häufiger mit kritischen Fragen und Kommentaren überschüttet. So beobachten sie beispielsweise mit Entsetzen die Medienwelle über die Suche nach besonderen Genen bei Juden und Muslimen.

Sie sehen auch, wie Schüler als Amokschützen auftreten, wie deutsche Soldaten in die Dritte Welt gehen, um dort für die Entwicklung des eigenen Landes Rohstoffe zu sichern, während offiziell gesagt wird, dass unsere Sicherheit am Hindukusch verteidigt werden muss. Und sie fragen sich natürlich immer häufiger: „Wo soll das enden?“

Wir kennen das umgekehrt aber auch, denn wir sehen über die Dritte Welt auch nur Katastrophen, wir sehen Überschwemmungen, Dürren. Wir sehen Hunger und Krankheit. Aber das ist nicht das ganze Bild. Viele Menschen leben in normalen Verhältnissen, sie haben einen Alltag, der sich oftmals nicht so sehr von unserem unterscheidet. Sie haben kulturell sehr viel zu bieten, sie haben eine wunderbare Musik, sie haben große Literaten. In den Schulen wird viel gelehrt über uns in Europa, sodass viele Schüler und Schülerinnen dort in den Ländern mehr wissen über uns, über Böll und Goethe, als wir umgekehrt über Schriftsteller in der so genannten Dritten Welt.

Das Wissen über die wirtschaftlichen Zusammenhänge in der globalisierten Welt wächst gerade auch in den bisher medial weniger erschlossenen Gebieten. So fragt mich ein Kleinbauer bei Dreharbeiten in Zentralbrasilien inmitten von Sojafeldern:

„Habt ihr so eine große Hungersnot, dass ihr so viel Soja hier bei uns kaufen müsst? Habt ihr nicht genug zu essen? Müssen wir euch deswegen helfen?“ – „Wir können das“, fährt der Kleinbauer fort, „weil bei uns auch viele Menschen an Hunger und Unterernährung sterben, deswegen sind wir auch gerne hilfsbereit. Aber ich habe im Internet gesehen – und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass das stimmt – dass ihr das Soja verfüttert und gar nicht selber esst. Und wir hier bauen immer mehr Soja an und haben immer weniger Fläche, um Bohnen, Reis und andere Dinge anzubauen, die wir essen können.“

Und in einem Dorf, unweit von Maputo, der Hauptstadt Mosambiks, umringen mich Frauen bei einer Buchrecherche in ihren bunten Gewändern. Eine fragt: „Warum tragen die Frauen bei euch fast nichts? Warum laufen sie halbnackt herum? So, wie das bei uns vor langer, langer Zeit mal war.“ Sie versteht das nicht. „Ich habe gelernt“, sagt sie weiter, „dass bei uns die Missionare dafür gesorgt haben, dass wir nicht nackt herumlaufen, sondern unsere Blößen verdecken. Und nun sehen wir Bilder aus den Ländern, wo die Missionare herkamen, wo die Frauen halbnackt herumlaufen.“

„Stimmt es, dass ihr in Europa Rinder esst? Stimmt das wirklich?“, fragt mich ein Junge in Kathmandu, der Hauptstadt von Nepal, während der Arbeit an einem Kinderbuch. Er ist ganz entsetzt, denn bei ihm sind Kühe heilig und deswegen ist es für ihn einfach unvorstellbar. Sein Vater kommt dazu und sagt: „Ja, und ich habe im Internet gesehen, dass ihr so viel Fleisch esst, dass ihr sogar krank davon werdet. Das kann ich mir nicht vorstellen, warum macht ihr das?“

In Kuba diskutieren Journalisten und Schriftsteller während eines Kongresses mit mir über die Politik in Deutschland und in Europa. Sie beklagen die engen Möglichkeiten im eigenen Land, als Autoren, als Journalisten, als Filmemacher zu berichten. Aber sie sind völlig verwirrt, wenn sie hören bzw. in den einschlägigen Medien sehen, dass bei uns die Demokratie völlig den Bach runter geht, dass immer weniger Menschen wählen gehen, dass die Politiker dauernd Gesetze erlassen, die gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung sind. Dass die Volksparteien im Grunde genommen ihren Namen nicht mehr verdienen. Dass Wahlkampfschlachten geführt werden. Dass dann die Parteien, die sich vorher stark unterschieden haben, nach den Wahlen versuchen, wieder zusammenzukommen, um zu regieren, was aber in letzter Zeit immer weniger klappt. Sie fragen mich, „Wie sollen wir das verstehen? Das wollt ihr uns unbedingt hierherbringen? Wir wünschen uns mehr Freiheit, mehr Demokratie, aber doch nicht so.“

Besonders empfindlich reagieren Menschen in den ländlichen Gebieten aller Kontinente des Südens, wenn es um das Überleben von Mensch und Natur geht. „Wie habt ihr es in den Industrieländern nur geschafft, die unendlich großen Meere so zu verseuchen, dass die Fische schon darunter leiden? Wie habt ihr es geschafft, die riesige Luftmenge rund um den Globus zu verpesten? Und wie könnt ihr jetzt auch noch so weit gehen, den Weltraum mit Müll zu überhäufen, sodass eure eigenen Satelliten Gefahr laufen zu zerschellen?“, fragen Bauern in Mosambik.

Und Kautschuksammler in Amazonien verstehen nicht, warum wir immer nur von Ökologie im Zusammenhang von Millionen und Milliarden Dollars reden, die ausgegeben werden müssen. Ökologie kostet in ihren Augen kein Geld. Wir sollten einfach diesen Unsinn lassen. Einfach nicht mehr diese Verschmutzungen verursachen. Wir aber machen aus der Beseitigung der Schäden auch noch ein Geschäft. Das ist für sie unbegreiflich: „Ihr habt den Kontakt zu einer intakten Natur absolut verloren. Ihr kennt nicht mehr den Zusammenhang, wie alles ineinander spielt, wie wir das hier am Amazonas tagtäglich sehen. Da hat jede Pflanze, jedes kleine Tierchen eine Funktion. Alles ist miteinander verwoben, und man darf es nicht aus dem Gleichgewicht bringen.“ Wir seien inzwischen davon so weit entfernt, dass wir den Zusammenhang schon gar nicht mehr kennen. „Ihr seid für Naturreservate. Um Gottes willen, was heißt das? Wir müssen die Natur vor den Menschen schützen? Wie traurig! Ihr erfindet so perverse Dinge wie Verschmutzungszertifikate. Da handelt ihr mit Rechten, die es euch erlauben, die Umwelt zu verschmutzen. Daraus macht ihr dann auch wieder ein Geschäft und handelt hin und her, über Grenzen hinweg.“

Reisbauern in Bangladesch verstehen unseren Konsumismus nicht „Immer mehr, immer mehr. Wir sehen so viele Produkte im Internet, die doch niemand braucht.“ Und dann die Müllberge: „Wenn ihr nicht mehr wisst, wohin mit dem Abfall, dann bringt ihr ihn zu uns, besonders den giftigen.“

In China diskutieren Seminarteilnehmer als Sprachübung in Deutsch am Goethe-Institut den Unterschied zwischen Wissen und Weisheit. Eine Studentin fasst zusammen: „Noch nie hat es so viel Wissen gegeben über die globalen Zusammenhänge, über die Umweltverschmutzung und über die Klimaerwärmung.“ Aber noch nie habe es „so wenig Weisheit gegeben, das umzusetzen“.

Weise Worte von jungen Menschen aus dem fernen Osten, die unsere Sprache lernen, damit sie mit uns reden können. Wir brauchen den Dialog mit der Dritten Welt, denn das „Ende der weißen Herrschaft ist bereits eingeläutet“, wie Peter Scholl-Latour es ausdrückt.

Ob man es als die Angst vor dem weißen Mann bezeichnet, oder den „Hass auf den Westen“ wie Jean Ziegler es sieht, die erstarkten Teile der Dritten Welt werden gegenüber den krisengeschüttelten Industrieländern eine neue Rolle spielen. Welche, das hängt maßgeblich von unserer Lernfähigkeit ab.

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