Leib und Seele

02.08.2005 | Thomas Hegenauer

Erst letztens hat der Teufel persönlich mir wieder einen Besuch abgestattet. Zu mir kommt er öfter. Das zeugt in mir den Schluss, dass er oft in der Gegend sein muss, wohl zu Besuch bei so ziemlich jedem. Auch bei dir.

Wie jedes Mal bot er mir etwas und wollte dafür meine Seele.

Der Teufel ist ein talentierter Vertreter, schon lange hat er keine Verträge mehr dabei, die mit Blut unterschrieben werden müssen. Auch hat er mich noch niemals unter Druck gesetzt oder gezwungen, nein, er ist ein fairer Geschäftspartner.

So manches Mal konnte ich seinem Angebot schon nicht widerstehen, hab gekauft und bezahlt. Jaja, seine Schulden treibt er dann auch ein.

Und so manches Mal habe ich ihn freundlich zur Tür begleitet, ohne Deal, er murmelte dann nur was davon, ob es mir recht wäre, wenn er bei Gelegenheit wieder vorbeisehen dürfte, hätte er wieder ein interessantes Angebot. Verbieten kann man es ihm nicht.

Auf jeden Fall war er mal wieder da. Es spielte sich in etwa so ab:

"Tach, Herr Hegenauer."

"Herr Teufel - schön, Sie zu sehen!"

"Herr Hegenauer, hier meine Karte, ganz neuer Druck."

"Aber wir hatten doch vereinbart, Du zu sagen, Mensch, was wir schon alles durchgezogen haben, sind ja schon alte Bekannte."

"Ja, das fällt mir immer noch schwer, aber gerne."

"Also, ich bin der Tom".

"Ja, danke, also, ich bin der Teufel."

"Na, was führt dich vorbei."

"Ach, nichts besonderes. Wollt nur mal sehen, wie es dir so geht."

"Gut, danke!"

"Toll! Achja, hier, ne Weihnachtskarte."

"He, danke, sehr aufmerksam!"

"Herr ... ich meine, Tom, entschuldigung, da gewöhne ich mich nicht so schnell dran."

"Aber ich bitte dich ..."

"Danke. Also, ich habe da eine Idee."

"Ich liebe Ideen."

"Ich weiss."

"Worum gehts?"

"Es ist eine Geschäftsidee."

"Ich liebe Geschäftsideen!"

"Ich weiss."

"Na, sag schon, worum gehts?"

Der Teufel erzählte mir in entspannter Atmosphäre einen tollen Plan. Eine Geschäftsidee, mit der man "alles" (so beschrieb er es) erreichen könne. Ich wusste, dass er Recht hat.

Gespannt hörte ich zu - es gefällt mir, darüber nachzudenken. Bin ich doch mit Leib und Seele Unternehmer und immer interessiert an neuen Ideen.

Als er endete, fragte er nach:

"Und, wär das nicht was für dich?"

"Theoretisch schon."

"Du fängst also damit an?"

"Ach, ich weiss nicht so recht."

Nein, ich wusste nicht so recht. Es war eine tolle Idee. Ja, sie wäre "erfolgreich", das spürte ich. Sie würde Geld bringen. Sie wäre spannend in der Realisation. Ich würde neue Erfahrungen sammeln. Ja, es wäre schon eine schöne Sache.

Aber irgend etwas passte mir nicht. Tief in mir passte es nicht.

Die Realisierung würde viel Arbeit kosten. Dazu war ich nur bereit, wenn mein Herz dabei wäre. Doch es wäre nicht. Diese Idee zu realisieren, etwas aufzubauen, zum Laufen zu bringen - all das würde ich ohne mein Herz tun.

Wenn du etwas erschaffst, und dein Herz ist nicht dabei, dann hat das Ding keine Seele. Und das spürt man.

Warst du schon einmal in einem Laden, und es hat dir nicht gefallen? Es gab keinen Grund: Das Sortiment war OK, die Einrichtung - alles irgendwie in Ordnung, aber irgendwie ...

Und dann kommt man in einen anderen Laden, und da ist es anders: Es passt, schwer zu beschreiben. Vielleicht ist das Sortiment kleiner, die Einrichtung weniger perfekt, aber der Laden "hat was". Er hat Seele, könnte man sagen.

Du spürst es, kannst nie wirklich sagen, warum: Manche Dinge haben Seele, manche nicht.

Nur was Seele hat, lebt - das andere ist leer, starr, tot.

Ich hatte eine Idee, eine Geschäftsidee. Ich könnte sie realisieren, doch mein Herz wäre nicht dabei. Das entstehende wäre starr und leblos, ohne Seele.

Da wurde mir plötzlich klar, was es heisst, lebendig zu sein. Was es bedeutet, Seele zu haben, zu erschaffen und Seele zu geben.

Wir können auch Dinge ohne Seele schaffen - aber sie haben keinen Wert (was nicht heisst, dass sie billig sind).

Da plötzlich erkannte ich, mit wem ich sprach.

"Du bist ja der Teufel!" fuhr ich ihn entsetzt an.

"Ja, das hab ich doch gesagt." meinte er verblüfft, "steht doch auf meiner Visitenkarte."

Ich hielt seine Karte in der Hand, tatsächlich, da stand es - aber ich hatte es irgendwie nicht erkannt.

"Würde ich diese Idee realisieren," begann ich nachzuhaken und er hörte mir interessiert zu, "dann würde ich ein lebloses Konstrukt erschaffen, an dem ich keine Freude hätte."

"Ich habe nie etwas anderes behauptet," sagte er etwas verdutzt.

In Gedanken versunken, brachte ich ihn an die Tür. Das also wollen uns diese alten Geschichten erzählen. Von unseren eigenen Schöpfungen, die wir nicht mit Seele ausfüllen, weil wir nicht mit Leib UND Seele dabei sind, wie es so schön heisst. Von Berufen, die wir nicht aus Berufung, sondern aus anderen Gründen tun. Von Beziehungen, die nicht aus und in Liebe, sondern aus Gewohnheit, Angst oder sonstwas geführt werden. Von Wohnungen, in denen wir uns nicht wohl fühlen. Von falschen Freunden und Oberflächlichkeit.

Von all dem, mit dem wir uns umgeben, was aber keine Seele hat und daher nur leere, bedeutungslose Fassade ist.

Nicht der Teufel bekommt deine Seele, du selbst hältst sie dir vor. Du selbst bist der Teufel.

"Auf wiedersehen," sagte ich gedankenverloren.

"Ach, ich darf doch mal wieder ..."

"Lässt sich wohl nicht vermeiden," meinte ich.

"Nein," er zwinkerte mir freundschaftlich zu, "lässt sich nicht vermeiden."

Ich wusste, er würde wieder kommen. Werde ich ihn dann erkennen?

"Auf wiedersehen, Herr Hegenauer," verabschiedete er sich freundlich. Er hat nichts an sich, das ich als "böse" bezeichnen könnte. "Auf wiedersehen," sagte ich.

Dann besuchte er wohl seinen nächsten Kunden. Und ich warf einen letzen Blick auf seine Karte. "Teufel" stand da drauf, und auf der Rückseite in verschnörkelter Silberprägung:

"Sie haben immer die Wahl."

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