Lasst uns die Globalisierung globalisieren!

05.09.2005 | Dr. Frank-Jürgen Richter

In Indien tobt derzeit ein Streit, ob die Vereinbarungen der Welthandelsorganisation im Agrarbereich nicht ein Ausverkauf indischer Interessen seien. Handelsminister Kamal Nath beteuert, dass er von den Industrieländern eine Absichtserklärung zum Abbau von Agrarsubventionen erhalten konnte. Dieser Subventionsabbau ermögliche indischen Bauern zukünftig ein besseres Abschneiden auf den Weltmärkten.

Naths Kritiker halten allerdings dagegen, dass die reichen Länder die armen erneut über den Tisch gezogen haben. Denn der Subventionsabbau sei mit einer weiteren Öffnung der Weltmärkte für Industriegüter und Dienstleistungen, die meist aus Europa und Nordamerika stammen, erkauft worden.

Dieser Streit verdeutlicht die kontroverse Debatte um die sogenannte 'Globalisierung', also die wachsende Verflechtung der Welt in wirtschaftlicher, sozialer, politischer und kultureller Hinsicht. Globalisierung ist sicherlich ein wichtiger Treiber von Wachstum - grenzüberschreitender Handel verbindet Volkswirtschaften und generiert mehr Wohlstand. Globalisierung als Wert per se ist gut und sollte nicht unterbunden werden.

Allerdings gibt es Teile der Gesellschaft sowie bestimmte Länder, welche weniger von Globalisierung profitieren als andere. Ein Prozess hin zu flächendeckender und gerechter Globalisierung ist nicht überall erkennbar. Neue Grenzen entstehen - innerhalb der Industriestaaten sowie zwischen den Industrie- und Entwicklungsstaaten. Folge sind wachsende Ungerechtigkeit und kulturelle Identitätsverluste. Globalisierung kann solange nicht als wirklich global und gelungen gelten, als grosse Teile der Weltbevölkerung von ihren Segnungen ausgeschlossen bleiben.

Paradoxerweise führte bislang der Versuch einer vermehrten Globalisierung der Entwicklungsländer zu direkten Nachteilen weniger qualifizierter Bevölkerungsschichten in den Industrieländern. Die Verlagerung von Produktionsprozessen - zur Zeit insbesondere nach Osteuropa sowie Ostasien - ergibt Beschäftigungsverluste in den Industrieländern. Man kann hier von einem 'Globalisierungsparadoxon' sprechen.

Globalisierung soll und kann nicht angehalten werden. Wie aber kann soziale Ungleichheit beseitigt werden kann? Lässt sich Exklusivität - d.h. Vorteilsgenuss nur weniger Akteure - vermeiden? Auf welche Art und Weise kann das 'Globalisierungsparadoxon' geknackt werden? Es sind drei Lösungen denkbar, wie sich 'Globalisierung globalisieren' lassen könnte:

Dialog: Globalisierungsgegner und -befürworter stehen sich meist konfrontativ gegenüber. Gemeinsamkeiten werden meist erst gar nicht gesucht. Dialog könnte, wie Jürgen Habermas vorschlägt, ein Weg sein, sich dem Anderen, dem Fremden, dem zunächst Unverstandenen radikaler als bisher anzunähern. Dialog könnte damit zu einer von Konsens getragenen Vision einer besseren Welt führen.

Normen: Niccolo Machiavelli's Gedanken, die um den Aufbau und Erhalt von Macht um jeden Preis kreisen, haben auf allen Ebenen in Politik und Wirtschaft Einzug gehalten. Doch gerade in einer vernetzten Ökonomie kann 'der Zweck nicht die Mittel heiligen'. Normen sollten das Zusammenwirken von Menschen, Institutionen und Nationen regeln. Multinationale Institutionen wie die Welthandelsorganisation sollten stärker als in der derzeitigen Praxis respektiert und gefördert werden.

Freihandel: Subventionsabbau in den Industrieländern sowie gezielte Produktionsverlagerungen können zu Beschäftigungs- und Produktivitätsgewinnen in den Entwicklungsländern führen. Beschäftigungsverluste in den Industrieländern müssen durch verstärkte Weiterbildung und Arbeitsplätze in neuen Industrien ausgeglichen werden. Freihandel soll spürbare und nachhaltige Verbesserungen für alle Beteiligten erbringen, ansonsten wird Globalisierung immer nur zum Vorteil einiger Weniger wirken.

Diese drei Lösungsansätze sollten von Regierungen, Wirtschaft und Gesellschaft in den Industrie- wie den Entwicklungsländern simultan verfolgt werden. Nur so kann sich die Globalisierung globalisieren lassen!

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