Kulturkreative entdecken ihre gemeinsame Stimme im 21. Jahrhundert

23.11.2004 | Claudia Troßmann

Kulturkreative - die dritte Subkultur

2000 erschien das Buch "The Cultural Creatives, How 50 million people changing the world" von Paul H. Ray und Sherry Ruth Anderson. Ray und Anderson veröffentlichen hier die Ergebnisse ihrer dreizehnjährigen Untersuchung und stellen fest: Neben Traditionalisten, die Religion, Tradition und Werte bewahren wollen, und Modernisten, die Fortschritt und Wachstum ohne Rücksicht auf Verluste propagieren, gibt es eine dritte Subkultur: Die Kulturell-Kreativen oder auch Kulturkreativen genannt.

Diese Subkultur umfasst laut Ray rund 24 Prozent der amerikanischen Bevölkerung und im Gegensatz zu den Traditionalisten (29 %) steigt ihre Zahl. Auch wenn die Massenmedien derzeit ein anderes Bild zeichnen. Für Europa werden übrigens ähnliche Zahlen vermutet.

Anmerkung: Der Club of Budapest machte 2003 eine Umfrage in Europa, die zu ähnlichen Ergebnissen kommt wie Ray und Anderson. Die Umfrageergebnisse sind meines Wissens aber noch nicht veröffentlicht. Ich denke auch, dass diese Subkultur sich nicht nur in der westlichen Welt entwickelt. In "Tanz der Kulturen" beschrieben 1998 Joana Breidenbach und Ina Zukrigl die Vielfalt der Kulturen im Zuge einer globalisierten Welt und weisen in Ansätzen auf die Entwicklung einer dritten Kultur - eher Kulturen weltweit hin.

Was zeichnet Kulturkreative aus?

Kulturkreative sehen den Menschen als Ganzes, verantwortlich für sein Umfeld und für seine Umwelt. Ervin Laszlo trifft den ethischen Kern dieser Subkultur, wenn er schreibt: "Lebe in einer Weise, die es allen Anderen ermöglicht, ebenfalls zu leben." (S.130, Laszlo, Macroshift, 2003). Damit sind nicht nur wir Menschen gemeint, sondern alle Lebewesen, ob Flora oder Fauna auf der Welt. Zurecht bezeichnet er diese "planetarische Ethik" als Weiterentwicklung der bisherigen universellen Ethik, die sich nur auf den Menschen bezog. Kant und anderen waren Tiere und Pflanzen egal in ihren Betrachtungen über die menschliche Ethik und Lebensweise.

Kulturkreative widersprechen den modernen Mythen wie die Naturressourcen sind unerschöpflich und die Natur ist nur ein einfacher riesiger Mechanismus. Daneben verneinen sie die sozialdarwinistischen Auswüchse der Modernen und auch der Traditionalisten. Sie bezweifeln ferner, dass der Markt allen nützt und Konsum alles ist. Im ersten Moment denkt man, dass sind Alternative, Konsumverweigerer, Traumtänzer - Menschen, die aussteigen und sich Romantizismen hingeben. Aber es ist eher das Gegenteil der Fall: Sie sind vor allem vor Ort aktiv. Kulturkreative versuchen in allen Bereichen, ob Wirtschaft oder Kultur und Wissenschaft das Gute in beiden anderen Subkulturen zu verbinden und nachhaltig Neues zu entwickeln oder Altbekanntes wieder zu entdecken und eventuell zu verbessern, das allen nützt und keinem schadet. Kulturkreative sind keine Entweder-Oder-Individuen, sondern neigen zum Sowohl-Als auch-Menschsein.

Sie sehen den einzelnen Menschen als wertvollen Menschen, der das Recht dazu hat, dass seine einmaligen Talente und Fähigkeiten von der Gesellschaft gefördert werden und der umgekehrt sich verpflichtet diese zum Gemeinwohl einzusetzen. In dem Sinne stehen sie Begriffen wie Masse und Macht ablehnend gegenüber. Der Begriff Individuum hat für sie den Beigeschmack des konsumorientierten Einzelnen, der in seinem Bedürfnis sein Menschsein auszuleben wirtschaftlich missbraucht und vergewaltigt wird. Kurz und knapp: Kulturkreative versuchen jenseits der Individualisierung und der Kollektivierung einen anderen Weg zu gehen.

Jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben sie ihre gemeinsame Stimme gefunden, die ein deutliches Ja zum Menschen und der Welt ausspricht und ein klares Nein zur Ausbeutung aller Lebewesen beinhaltet. Wie Joachim Koch in Megaphilosophie sagt: "Wir sind sowohl Täter als auch Opfer; sowohl Individuen als auch Gemeinschaftswesen; sowohl Materialisten als auch Idealisten; sowohl Rationalisten als auch Gefühlsmenschen; sowohl eiskalt als auch Liebende; sowohl moralisch als auch unmoralisch. Wir sind immer beides. ... Warten wir nicht immer darauf, daß andere anfangen. Glauben wir nicht, wir kämen zu kurz, sobald wir die ersten seien, die es anders machten. Lernen wir vom ökonomischen Handeln, wenden wir dessen Stärken fürs Leben an." (S.420, Joachim Koch, Megaphilosophie, 2003). Ich sage es kürzer: "Ich bin keine Heilige auf Erden, aber ich nehme es persönlich - mein und aller Anderen Leben jetzt und in Zukunft."

Im Übrigen sind die Kulturkreativen nicht identisch mit der Kreativen Klasse, die von Richard Florida untersucht wurde. Hier gibt es nur bedingt Überschneidungen. Es gibt Kulturkreative, die der Kreativen Klasse angehören, aber generell gilt, dass Kulturkreative in allen gesellschaftlichen Klassen anzutreffen sind.

PS: Ich arbeite gerade an einem Buch über die Subkultur Kulturkreative und anderen Wegen, weil es so gut wie nichts darüber im deutschsprachigen Raum gibt. Das will ich über Winter ändern.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Kulturpolitik | Claudia Troßmann | weiterempfehlen →