Kommunikationsmethoden in Polit-Talkshows

21.01.2006 | René Borbonus

Wie der Ministerpräsident von Niedersachsen die Herzen der Menschen erobert

In vermeintlich schwierigen Zeiten, in denen uns fast täglich der Untergang der Republik prophezeit wird, suchen wir nach politischen Führern, denen wir zutrauen, die augenscheinliche Krise zu meistern. Das wählbare Personal wird uns dann Woche für Woche in zahlreichen Polit-Talkshows präsentiert. Sabine Christiansen, Maybrit Illner und ein ganzer Kollegen-Reigen auf den privaten Sendern organisieren den großen Politik-Laufsteg.

Eine Eigenschaft, nach der wir in Krisenzeiten dürsten, ist soziale Intelligenz. Was wir stattdessen von der politischen Elite kommunikationsmethodisch geboten bekommen, lässt jedoch vielmehr auf charakterliche Abgründe schließen denn auf emotionale und soziale Intelligenz.

Soziale Intelligenz dürfen und müssen wir von dem politischen Führungspersonal erwarten – und besonders genau achten wir darauf, wenn es schwierig wird und Integration nicht mehr bloß ein leeres Schlagwort ist. Häufig indes suchen wir diese soziale Intelligenz vergeblich. Dabei wäre es gar nicht so schwer, mit ein bisschen Sprachbewusstsein eben diese persönliche Stärke unter Beweis zu stellen.

Empathie – Was der Wähler denkt

Neulich wurde ein Spitzenpolitiker in einer Talk-Show von der Moderatorin damit konfrontiert, dass die Forderung seiner Partei, die Mehrwertsteuer anzuheben, von ca. 80 Prozent der Bevölkerung abgelehnt würde. Er entgegnete darauf, kurz und trocken, dass das der richtige Weg sei, denn Arbeit hätte Vorrang usw. Was immer man inhaltlich davon halten mag, kommunikationsmethodisch ist eine solche Antwort doch sehr bedenklich. Denn hier wird deutlich: Man denkt nicht daran, sich auf das Denken und Empfinden von 80 Prozent der Bevölkerung einzulassen. Selbst wenn das Unpopuläre (das ja oftmals auch das Richtige sein kann) getan werden muss – nein, gerade dann –, kommt es auf einen empathischen Kommunikationsstil an. Wie kommunizieren wir empathisch? Indem wir auf die Bedürfnisse unserer Zuhörer achten. Diese zu erkunden, sie zu erkennen und in unseren Redebeiträgen zu berücksichtigen, darauf kommt es an. Interessanterweise geht es den meisten Politikern ja genau darum. Sie schaffen politische Konzepte, in denen sie die Bedürfnisse der Bevölkerung antizipieren und berücksichtigen – das ist schließlich ihre Aufgabe, nur kommunizieren sie das nicht.

Wie läuft es also besser? Eine denkbare Antwort zum o. g. Problem der Mehrwertsteuererhöhung wäre z. B.: "Dass 8 von 10 Menschen eine Steuererhöhung ablehnen, zeigt doch, wie groß die Sorge vor Mehrbelastung ist, wenn man um seinen Arbeitsplatz fürchten muss oder ihn gar schon verloren hat. Daher möchten wir den Bürgern die Sicherheit zurückgeben, indem wir neue Investitionsanreize schaffen." Die Aussage bleibt also dieselbe, nur dass wir hier eben die Bedürfnisse der Wähler spiegeln. Wir zeigen ihnen, dass wir keine Politik über das Volk hinweg veranstalten wollen, sondern Politik für das Volk betreiben.

Oft begegnet man überdies folgenden bedenklichen Kommunikationsgewohnheiten:

Beschuldigungen – Der gespielte Witz

Was man von Politikern sehr häufig hört, sind Beschuldigungen à la: "Sie hatten 16 Jahre Zeit, die Missstände zu beheben…" oder "Was Ihre Partei zu leisten imstande ist, sieht man ja in dem Bundesland XY…". Man wirft sich quasi gewohnheitsmäßig Führungsschwäche, Ideenlosigkeit und einige andere Evergreens vor. Das erinnert uns Zuschauer zuweilen an diese lästigen Sandkasten-Auseinandersetzungen, in denen es darum ging, wer denn nun angefangen hatte. Das ist anstrengend und demonstriert uns nur die Hilflosigkeit der Akteure. Beschuldigungen einfach einmal wegzulassen, wäre eine durchaus vertrauensbildende Maßnahme, denn zornige Menschen sind nicht diejenigen, denen wir unsere Zukunft anvertrauen möchten. Es wäre ganz wichtig, dass sich das einmal herumspricht.

Wir qualifizieren ab – Das Reizwort "aber"

Das Wort "aber" deutet immer auf einen Widerspruch hin: "Das Produkt ist qualitativ in Ordnung, aber wir können uns das nicht leisten." In dem Moment, in dem es ausgesprochen wird, wertet es die erste Aussage merklich ab. In vielen Fällen verwenden wir das Wort, ohne diese Abwertung zu beabsichtigen – ja, ohne dass es überhaupt nötig wäre. Neulich hörte ich einen Vorstandsvorsitzenden auf einer Jahreshauptversammlung sagen: "Letztes Jahr waren wir erfolgreich, aber dieses Jahr wollen wir noch erfolgreicher sein!" Der Satz hätte sofort eine ganz andere Energie, wenn er lauten würde: "Letztes Jahr waren wir erfolgreich, und dieses Jahr wollen wir noch erfolgreicher sein!" Das Wort "aber" ist für uns ein Reizwort, wir mögen es einfach nicht, weil es uns nur allzu oft in negativ assoziierten Situationen über den Weg läuft. Wir alle kennen diese unsäglichen "Ja, aber"-Sager, wenn wir mit einer guten Idee daherkommen. Wann immer es also geht: Ersetzen Sie das Wort "aber" durch "nur", "bloß" oder besser noch "und".

Wir müssen nichts müssen

Vielleicht kennen Sie diese Situation auch: Wir sprechen mit jemandem über unseren anstehenden Arbeitstag und formulieren wie folgt: "Ich muss noch Rechnungen schreiben, ein Mitarbeitergespräch führen, dann muss ich noch einen Termin auswärts wahrnehmen, und ich muss noch die und die Besorgungen machen." Mit jedem Mal "muss" wächst die Last auf unseren Schultern, und die Laune verschlechtert sich ein Stückchen mehr. Daher wäre es für Politiker, die zukünftige Maßnahmen vermitteln wollen, ratsam, den Wählern nicht eine Last nach der anderen aufzubürden, sondern statt "müssen" lieber Formulierungen wie z. B. "Es gilt…", "Wichtig ist…" oder "Es ist vorteilhaft, wenn…" zu verwenden.

Wider die Arroganz bei Einwänden

Einwänden begegnet die politische Elite oftmals mit einer gehörigen Portion Arroganz. Sätze wie "Hätten Sie sich unser Programm einmal genau durchgelesen, dann wüssten Sie…" oder unqualifizierte Sprüche wie "Also das liegt selbst unter Ihrem Niveau" hören wir leider nur allzu oft. Inhaltliche Konfrontation ist gut und wichtig, und niemand wird sie negativ bewerten. Doch wir schauen genau hin, wie da mit Menschen (denn auch politische Gegner sind Menschen) umgegangen wird. Seien Sie in der Sache beharrlich und hart, doch bleiben Sie fair zum Menschen. Das ist die Devise. Es gibt Persönlichkeiten in den Medien, die das durchaus verstehen.

So frage ich mich zum Beispiel hin und wieder, wie Christian Wulf, der Ministerpräsident eines Bundeslandes von relativ geringer überregionaler Bedeutung, es schaffen konnte, in den Hitlisten der beliebtesten Politiker die Pole-Position zu erlangen. Ich glaube, die Antwort liegt unter anderem in seiner Art, mit Einwänden umzugehen. Er verhält sich die meiste Zeit wertschätzend – auch und gerade dem politischen Gegner gegenüber. Das wirkt natürlich auch auf Dritte (den Wähler) Vertrauen erweckend und souverän.

Sie sehen, dass das bewusste Gestalten des eigenen Kommunikationsstiles – gerade natürlich bei öffentlichen Auftritten – nachhaltige Effekte haben kann, die Ihr Image und Ihre Glaubwürdigkeit auch langfristig positiv beeinflussen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg in Talkshows, Podiumsdiskussionen und politischen Auseinandersetzungen. Kommen Sie gut an!

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Katharina Tempel

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