Kleid der Gesellschaft

26.10.2004 | Dr. Erhard Eppler

Dass der Staat kein Mythos mehr ist, kommt uns allen zugute. Aber was ist er dann? Vielleicht täten wir gut daran, ihn als Kleid unserer Gesellschaft zu betrachten, ein Kleid, das sich die Bürger aus Gründen der Zweckmäßigkeit selbst gewählt haben. Dieses Kleid kann einengen oder bequem sitzen, häßlich oder schön sein.

Dafür sind in der Demokratie die Staatsbürger zuständig, die Citoyens und die Citoyennes. Damit wir ein ansehnliches, solides Kleid bekämen, das genug Bewegungsfreiheit ließ, aber notfalls auch wärmte, gingen viele in die Politik.

Heute geht es vor allem um die schützende, wärmende Funktion dieses Kleides. Alle haben ein Recht darauf. Es ist unser Kleid. Vielleicht lässt sich am Bild vom Kleid auch die Notwendigkeit eines Prinzips deutlich machen, ohne dass staatliche Strukturen nicht mehr tragen werden: das der Subsidiarität. Wenn wir uns ankleiden, beginnen wir nicht mit dem Wintermantel, auch nicht mit dem Wollpullover, der auf der nackten Haut recht unangenehm sein kann.

Staatliche Institutionen müssen mit dem beginnen, was uns am nächsten liegt: den Gemeinden. Erst was sie nicht leisten können, müssen die Kreise, das Land übernehmen, und so fort, bis zur Europäischen Union und schließlich zur UNO. Nur die subsidiäre Gliederung kann dem Bürger den Staat näher bringen: Nur wo wir von den Bedürfnissen der Bürger ausgehen, können diese den Staat als passende Kleidung ihrer Gesellschaft annehmen.

Und dann auch begreifen, dass wir ohne Staat alle nackt sind, so hilflos wie die Kinder in den "entités chaotiques".

("Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt")

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Katharina Tempel

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