Kinder lernen nur, was sie verstehen

28.06.2006 | Barbara Küppers

"Bildung für alle" braucht Qualität

Eigentlich hatte sich Julinho auf die Schule gefreut, und nun das: Jeden Morgen muss der Siebenjährige fünf Kilometer laufen, um dann doch nicht zu begreifen, was die Lehrerin sagt. Sie spricht eine Sprache, die er nur bruchstückhaft versteht: Portugiesisch.

Das ist zwar die offizielle Amtssprache in Mosambik, aber Julinho und seine 60 Klassenkameraden sprechen Shangan. Die meisten von ihnen werden die Schule bald frustriert abbrechen, denn das Gefühl, etwas Nützliches zu lernen, haben sie nicht.

In vielen ehemaligen Kolonien treffen die Kinder mit der Einschulung auf eine europäische Unterrichtssprache, auf europäische Werte und pädagogische Konzepte. Ein Blick in die Schulbücher zeigt: Texte, Zeichnungen und Bilder entstammen einer städtischen, modernen Welt und haben kaum Bezug zur Umwelt und zum Wissensschatz der ländlichen Bevölkerung. Das Ergebnis dieser Erziehung sind Entfremdung und Identitätsprobleme. Wenn die Kinder die Schule beenden, blicken sie danach oft auf die "ungebildeten" alten Gemeinschaftsmitglieder herab und schämen sich ihrer Muttersprache und bäuerlichen Herkunft. Ältere Generationen empfinden die Schule häufig als Angriff auf ihre Werte und kulturelle Identität.

Zwar existieren in einigen Ländern – vor allem in Regionen mit ethnischen Minderheiten – zweisprachige Schulen, die zusätzlich zur (kolonialen) Amtssprache des Landes muttersprachlichen Unterricht anbieten. Dies ist ein erster wichtiger Schritt. Aber vielerorts werden die Schulbuchtexte lediglich aus der Kolonialsprache in die lokale Muttersprache übersetzt und transportieren so noch übermächtiger europäische Denkmuster, die den Betroffenen unverständlich bleiben.

Potenziale entdecken und fördern

Ein Unterricht, der nichts mit der Lebenswelt der Kinder zu tun hat und in einer fremden Sprache stattfindet, schlecht ausgebildete und schlecht bezahlte Lehrer, zu weite Schulwege und kein Transport, die Notwendigkeit, Geld zu verdienen oder im Haushalt und auf dem Feld zu helfen, völlig überfüllte Klassen – all das erklärt, warum so viele Mädchen und Jungen die Schule wieder verlassen, noch bevor sie die fünfte Klasse erreicht haben. In Schwarzafrika und in Südasien ist jedes dritte Kind ein Schulabbrecher. Wer "Bildung für alle" fordert, darf also nicht nur hohe Einschulungsquoten als Maßstab nehmen, sondern muss sich auch um eine gute Qualität des Unterrichts bemühen. Nur für das alltägliche Leben relevante Lerninhalte und kulturell wirksame Lernmethoden führen auch zu spürbaren Ergebnissen.

terre des hommes versucht deshalb durch Modellprojekte, Politikberatung oder die Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern pädagogische Konzepte durchzusetzen, die die Kinder nicht disziplinieren, sondern sie als Menschen mit eigenen Sorgen und Nöten ernst nehmen, ihre Potenziale entdecken und fördern und ihnen die Freude am Lernen nahe bringen.

Das heißt: Bildung muss einen Bezug zur Lebenswelt der Kinder haben und in einer Sprache stattfinden, die sie verstehen. Erforderlich ist weiterhin die perspektivische Relevanz der Unterrichtsinhalte, denn eine gute Bildung bedeutet die Chance auf qualifizierte Arbeit und damit ein Leben ohne Armut. Was können die Kinder mit ihrem erlernten Wissen später anfangen? Welche Fähigkeiten und Schulabschlüsse brauchen sie für das Berufsleben? Schließlich ist Bildung auch Erziehung: Sie dient der Vermittlung von Werten, Rechten und ethischen Prinzipien. Sie ist das wichtigste und Erfolg versprechendste Vorhaben auf dem Weg zu einer Erde der Menschlichkeit.

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