Keine Visionen, keine Klasse, keine Perspektiven, keine Persönlichkeiten!

03.11.2005 | Michael Kuss

"Wer heutzutage in die Politik geht oder schon drin ist, hat in der Regel das Niveau und die Fähigkeit, einen Geflügelzuchtverein zu leiten, oder glaubt, wenigstens eine kleine Nebenrolle im Vereinsgetriebe übernehmen zu können.

Viel Gegackere, peinliche Hahnenkämpfe um Eitelkeiten, Macht und Positionen, und die Perspektiven reichen gerade bis zur nächsten Vorstandswahl oder bis zur kommenden Hühnerschau. Mit Mief und Mittelmäßigkeit dümpeln wir von der Hand in den Mund. Es fehlt an Visionen, an Klasse, an Persönlichkeiten, an Durchsetzungskraft und Durchsetzungswillen".

Das sind meine ersten Gedanken, wenn ich eine Aussage zur gegenwärtigen und zukünftigen Politik machen soll. Aber bin ich Sartre oder Einstein oder jemand aus der griechischen Mythologie, um hier eine Analyse vornehmen oder Perspektiven aufzeigen zu können? Oder bin ich nicht genauso Mittelmaß und Durchschnitt wie unsere Politiker? Denn offensichtlich gibt es da einen Zusammenhang, eine unheilige Symbiose zwischen Wählern und Gewählten.

Als Kind und Heranwachsender hatte ich noch die Idealvorstellung, ein Lehrer oder ein Polizist, eine Bürgermeisterin oder ein Abgeordneter, meine Eltern oder der Herr Pfarrer sind immer Vorbilder! Hilfreich, rein, selbstlos und idealistisch! Sie wissen - jeder in seinem oder ihrem Arbeitsbereich - zu lenken und zu leiten, sie haben Ideen und Perspektiven, mitunter sind sie sogar Visionäre, können begeistern und überzeugen, und sie denken und handeln nicht nur verantwortlich bis zu ihrer eigenen Rente, sondern bis weit über die Urenkel und denken über ihren eigenen Clan hinaus auch an die Nachbarn.

Na schön, zugegeben, das wäre ein bisschen zu paradiesisch, so viel Perfektionismus ist wohl nur im Traum erhältlich. Aber müssen es denn gleich jene Niederungen sein, in denen wir jetzt mehr herum stochern als gestalten?

Wo sind sie, die demokratischen, die humanen Gestalter, die endlich merken, dass die Interessen einer globalisierten Wirtschaft längst den Parlamenten Motor und Ruder aus der Hand genommen haben? Wenn sie diese Werkzeuge denn jemals wirklich in Händen hatten. Wo sind die Weitsichtigen, die Analytiker, die Generationen übergreifend sich an die Problematik "soziale Gerechtigkeit und - politische oder religiöse - Radikalisierung" heran wagen? Wer erkennt - und zieht daraus Schlussfolgerungen - dass die Grenzen überschreitende Kriminalität uns lange Nasen macht, weil die polizeiliche Zusammenarbeit sich in mittelalterlicher Kleinstaaterei abspielt?! Wer denkt bei "Völkerwanderung und Immigrantenströme" an mehr als an ein Auffanglager in Nord-Afrika? Wo sind sie, die Weitsichtigen, die die Ausmaße unserer Umweltkatastrophen einsehen und ernsthaft dagegen einschreiten? Spätestens bei der Marionette Bush bemerken wir unsere Hilflosigkeit. Und schon gerate ich in Konflikte mit meinen eigenen Ansprüchen und Möglichkeiten. Darf ich deshalb nachsichtiger mit Politikern sein, die doch eigentlich Hehres versprochen hatten, und sich dann doch als ganz normaler Bürgermief, als schlichter Durchschnitt mit Vereinsgehabe entpuppen?

Jede Medaille hat bekanntlich mindestens zwei Seiten. Wir, das Volk, sind - im großen Maße - nämlich genau so miefig, genau so klein kariert, genau so ideenlos! Wir kontrollieren nicht! Wir hinterfragen nicht! Wir geben keine eigenen Impulse! Aber wir fordern! Mehr Geld, mehr Wohlstand, mehr Sicherheit von "denen da oben"! Und weil die "da oben" (welch schrecklicher Begriff) uns befriedigen müssen, damit wir bis zur nächsten Wahl das Maul halten, geben sie unseren Forderungen nach. Seit Jahrzehnten. Zwei Löcher aufwühlen und nur eines zuschütten! Einen Schritt vor und zwei zurück! Alle Seiten dieser Gesellschaft verantwortungslos bis zum Tellerrand und nicht darüber hinaus.

Manchmal habe ich den Eindruck, als würden wir wie Nichtschwimmer, wie hilflos Suchende in einem reißenden Fluss treiben. Zwischen uns treiben unsere Politiker; verkrampft recken sie die Arme hoch und schreien großspurig "Folget mir, ich bin die Rettung!" Dabei steht ihnen selbst das Wasser schon bis zum Hals.

Zurück zur Frage nach meinen Erwartungen: Es ist die Hoffnung, dass das Gegenteil meiner negativ- fatalistischen Beschreibung eintritt! Es ist die Hoffnung, dass es in jeder Generation Leute mit konstruktiven Visionen, mit Durchsetzungsvermögen, mit Glaubhaftigkeit geben wird; dass das Herumstochern im Heuhaufen und der Marktplatz der Eitelkeiten wenigstens zwischendurch mal unterbrochen wird. Und es ist die Hoffnung, dass ich selbst versuchen werde, diesen Ansprüchen näher zu kommen. Unterdessen wird die Welt sich weiter drehen ...

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