Chapeau, Herr zu Guttenberg. Gut gemacht.

12.01.2012 | Ulrich Sollmann

Wer hat schon Interesse an Halifax? Jeder, so scheint es, will man den ausführlichen Medienberichten über den „angesehen Staatsmann“ auf der hiesigen Seite des Atlantiks glauben schenken. Überraschend, wie Phönix aus der Asche, tauchte Herr zu Guttenberg, ganze 9 Monate nach seinem Rücktritt, Ende November 2011 wieder auf der Medienbühne auf.

Nur schlechtes denkt jetzt der, der dies als Zeichen einer gelungenen (Wieder-) Geburt deuten möchte. War er doch eigentlich nie richtig weg, nie richtig anders. Wer bekommt denn schon als Politiker trotz radikaler Abwesenheit 49 % Zustimmung in den Umfragen?

Leichte Veränderungen in seinem Aussehen bestätigen die Erkenntnis der Erinnerungsforschung, dass gerade das gut in Erinnerung bleibt, was einen Haken hat und irritiert. Kein Gel im Haar, keine Brille, weil eine gut aussehende Ärztin ihm davon abgeraten hat. Nur ein kurzes Lächeln huscht über sein ansonsten eher jetzt durch Lebenserfahrung gezeichnetes Gesicht. Oder hat der Maskenbildner nur gut gearbeitet?

Herr zu Guttenberg will im Gedächtnis der Menschen bleiben. Und er braucht sich offensichtlich keine Sorgen darum zu machen.
Auf jeden gewinnen diese Details, wie geheim unter den Medienmachern verabredet, neben all dem Gejammer über Euro, Syrien und Iran, Züge einer ansehnlichen weltpolitischen Ausgleichsberichterstattung. Nun ja, Erinnern geht eben nicht ohne gründliche Vorarbeit durch die Erinnerungsgestalter. Erinnern braucht eine Wahrnehmungsbühne, die die unbewussten Emotionen in der Bevölkerung bedient. Emotionen, die gerade dadurch so wunderbar zu bedienen sind, dass sie nicht in Worte gebracht werden (dürfen). Sie müssen scheinbar im Verborgenen bleiben, um den Nimbus des Magischen, des Unangreifbaren nicht zu verlieren.

Jedes große Welttheater lebt von solchen Emotionen. Jedes Schauspiel inszeniert sich gerade durch die diesbezügliche typische emotionale Überzeugungskraft. Jeder Akteur erfährt seinen Applaus, indem er die Herzen und nicht den Verstand der Zuschauer erwärmt.

Guttenberg beherrscht sein Handwerk nur zu gut. Guttenberg wird daher gerade so sehr geliebt und gehasst zugleich. Guttenberg spaltet die Medienbühne in Freund und Feind und scheint gerade dadurch emotional unverzichtbar zu sein. Unverzichtbar für beide Seiten.

Medien sowie Politik verneigen sich vor diesen magischen kollektiven Emotionen, die zu enträtseln einer Entweihung derselben gleichkäme. Einer ungebetenen Entblößung der Menschen. Würden doch die WählerInnen dann vermutlich verschreckt werden, hielte man ihnen den eigenen Spiegel vor, in dem sie sich ungeschminkt als emotionsgesteuertes Wesen erkennen würden.

Herr zu Guttenberg zeigt keine Berührungsängste Menschen zu verführen. Beherrscht er doch grandios die Klaviatur des im Hamelner Märchen abgebildeten politischen Auftragsfängers. Um dann beinah schon mit faustischer Eleganz die Geister der Hamelner Stadtväter gegen dieselben zu richten, indem er nicht nur die weit gefürchteten Ratten mit seiner Zaubermelodie aus der Stadt entführte. Nachdem ihm nämlich von den Politikern der Stadt der Lohn versagt wurde, scharte er auch die Kinder eben dieser Politiker um sich, um sie schließlich zu entführen.

Guttenberg war Menschenfänger im Bundestag. Guttenberg ist Menschenfänger im öffentlichen Wahrnehmungsraum. In und durch Guttenberg verfangen sich die Medien aber auch selbst gerade dadurch, dass sie ihn so ausgebreitet, differenziert seziert, politisch zurecht, aus eben diesem medialen Wahrnehmungsraum vertreiben wollen.

Sein Buch „Vorerst gescheitert“ unterstreicht die Rolle Guttenbergs von besonderer sozialer Exponiertheit. Allein schon dieser Buchtitel suggeriert Weg und Ergebnis der medialen Kunstfigur Guttenberg zugleich. Während einerseits das Scheitern als vorläufig definiert wird, birgt es gleichzeitig (die Option auf) zukünftigen sozialen Erfolg. Während das Buch andererseits durch die aktuelle Berichterstattung eine Medienlawine losgetreten hat, mit dem Ziel des „sozialen Tods“ von Guttenberg, scheint sich alles ins Gegenteil zu wandeln. Je mehr dieser „soziale Tod“ Guttenbergs betrieben wird, desto stärker wächst die emotionale Fangemeinde von Guttenberg. Es heißt dann nicht mehr: „lassen wir ihn wieder rein“ sondern wie arrangiert man sich damit, dass er nie weg war.

Die ungeteilte Begeisterung galt nur ihm. Als Hoffnungsträger bediente er anfangs die Union, weil sie nun einen Publikumsliebling vorweisen konnte. Einen Politik-Star, der von weiten Teilen der Bevölkerung bejubelt wurde. Ein Charismatiker, der endlich die Quoten sprudeln ließ. Dabei schien es unerheblich zu sein, aus welchen Motiven heraus die Menschen ihn liebten. Sie brauchten ihn. Und sie wollten auch dann nicht auf ihn verzichten, als er Amt, Doktortitel und Reputation bereits abgelegt hatte.

Als abschreckendes Beispiel für die Opposition wurde er zum (abgewehrten) Vorbild mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Intensität der Ablehnung dieses Politikers scheint dabei der Intensität der geheimen Bewunderung für eine solche Popularität zu entsprechen. Einer Bewunderung, die gleichzeitig nach dem Zugang zu den kollektiven Emotionen der Menschen sucht, ohne aber ernsthaft danach zu fragen.

Wäre ich Bürger von Hameln, würde ich mich stattdessen fragen, warum unsere Kinder dem Rattenfänger nachlaufen. Wäre ich eine Figur aus diesem Märchen, würde ich versuchen unsere Kinder zu überzeugen. Und überzeugen tun mal nicht Argumente. Sondern überzeugen können nur Menschen.

Politiker sind auch Menschen.

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