Kapitalismus - Was ist das eigentlich?

31.10.2005 | Helmut Creutz

Dank SPD-Chef Franz Müntefering ist der Begriff Kapitalismus ins Gerede gekommen. Dabei versteht fast jeder darunter etwas anderes. Auch Müntefering war sich über die Hintergründe nicht ganz im Klaren, als er die Diskussions-Lawine los getreten hat.

Denn nachdem er von diversen Seiten mit massiven Vorwürfen bedacht wurde, die von "Unternehmerfeindlichkeit" bis hin zur beliebten Totschlagkeule "Antisemitismus" reichten, redete er sich ausgerechnet mit jenen Hedge- und Equityfonds heraus, die erst vor kurzer Zeit von der Politik in Deutschland zugelassen wurden.

Weil diese Fonds häufig über Betriebe herfallen, sie mit oft geliehenem Geld aufkaufen, zerlegen oder zerschlagen, um anschließend die Reste mit Gewinn und ohne Rücksicht auf die Beschäftigten an den nächsten Spekulanten weiter zu verscherbeln, war Münteferings Vergleich mit den "Heuschrecken" nicht unbegründet. Dabei vergaß er allerdings, dass man diesen "Heuschrecken" nicht nur selbst die Türen geöffnet, sondern sie durch die Verscherbelung öffentlicher Einrichtungen auch noch "angefüttert" hatte, von Wasserwerken bis hin zu hunderttausenden Mietwohnungen aus öffentlichem Besitz. Außerdem hatte man mit Renten-Ängsten und Unterstützungs-Kürzungen auch noch die kleinen Leute in die Arme jener Kapitalversicherungen getrieben, die dann mit diesen Mitteln, oft um drei Ecken, die spekulativen Fonds vergrößern. Und nicht zuletzt machten die Parteien, durch massive Senkungen der Unternehmenssteuern, den "Heuschrecken" das Fressen in unserem Land auch noch besonders schmackhaft!

Was heißt nun eigentlich Kapitalismus, Kapitalist und Kapital?

a) Kapital - ist alles Eigentum, das ohne eigene Arbeitsleistung ein Einkommen abwirft, gleichgültig ob als Zins, Bodenrente oder Sachkapital-Rendite. Eigentum das ein solches Einkommen nicht abwirft, z.B. der eigene Wagen oder das Häuschen im Grünen, ist also niemals Kapital, sondern lediglich Sachvermögen.

Der Unterschied zwischen beiden Definitionen wird deutlich, wenn man Geld übrig hat: Zu Hause in der Schublade bleiben 100 Euro immer 100 Euro, bei der Bank oder anderen Geldüberlassungen werden daraus jedoch jährlich mehr. Und wenn man auch die Zinsen stehen lässt, kommt es sogar zu jenem exponenziellen Anstieg, aus dem das heutige Überwachstum der Geldvermögen und Schulden resultiert.

Weil übriges Geld diesen Zins abwirft, wird auch das zum Erwerb von Sachvermögen investierte Geld, gleichgültig ob geliehen oder aus der eigenen Tasche, der Wirtschaft nur dann zur Verfügung gestellt, wenn es auch hier ein Mehr abwirft! Das heißt, der Geldzins überträgt sich auf alle in der Wirtschaft eingesetzte Sachvermögen und macht sie ebenfalls zu Kapital. Und dieser Geldzins ist gleichzeitig die Hürde, die bei jeder Investition, und damit jeder Schaffung eines Arbeitsplatzes, übersprungen werden muss!

b) Kapitalist - ist jeder, der über solche verzinsten Vermögenswerte als Eigentümer verfügt, gleichgültig ob Geld- oder Sachvermögen. Den Kapitalismus an bestimmte Personen zu binden, ist also kaum möglich. Denn so wie fast jeder Mensch zeitweise ein Arbeitender ist, so verfügt fast jeder auch über zinsbringende Vermögenswerte, und sei es nur ein Postsparbuch. Entsprechemd wurde in der Heuschrecken-Diskussion verschiedentlich heraus gestellt, dass auch diejenigen vom Kapitalismus profitieren, die Renten-Rücklagen bei Lebensversicherungen oder Banken bilden.

c) Kapitalismus - schließlich ist ein Wirtschaftssystem, in der die Bedienung des Kapitals Vorrang hat vor der Bedienung der Arbeit und jeglicher anderer Einkünfte. Das heißt, es ist ein System, in dem die Kapitaleinkommen, vor allem die der Geldvermögens-Besitzer, auf Grund der festgelegten Zinsen einen festen Erstanspruch an das Ergebnis der Wirtschaftsleistung haben, während sich die Arbeitleistenden mit dem "Rest des Kuchens" zufrieden geben müssen. Kapitalismus ist ferner ein System, in dem die Überlegenheit des Geldes, vor allem durch den Zinseszinseffekt, die Geldvermögen und Schulden schließlich ins Unermessliche wachsen lässt, ohne Rücksicht auf die wirklichen Bedürfnisse der Menschen und der Natur!

Ebenso fragwürdig wie der Kapitalismus selbst, ist aber auch seine ständige Verwechslung und Vermischung mit der Marktwirtschaft, obwohl im Grunde beide wie Feuer und Wasser sind. Denn eine funktionierende Marktwirtschaft beruht auf Gegenseitigkeit, die tendenziell zu einem Ausgleich der Interessen führt. Der Kapitalismus dagegen lässt eine Seite ständig reicher und die andere ärmer werden und verfälscht auf diese Weise die Marktwirtschaft, bis hin zu ihrer Zerstörung! Oder wie es Tristan Abromeit, einer der Mitbegründer der Grünen einmal definiert hat: Marktwirtschaft steht für leben und leben lassen, Kapitalismus für fressen oder gefressen werden.

Wer sind nun die Gewinner und Verlierer in diesem Kapitalismus?

Im Hinblick auf die sich überschneidenden Arbeits- und Kapitaleinkommen bei fast allen Haushalten, scheint diese Frage kaum lösbar zu sein. Beantwortbar wird sie jedoch, wenn man die ab- und zuströmenden Zinsen bei jedem Haushalt vergleicht. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass nicht nur die Haushalte mit privaten Schulden Zinszahler sind, gleichgültig ob für Hausbau, Auto oder Konsum. Zinszahler ist vielmehr jeder Mensch, der mit Geld in einen Laden geht und kauft! Denn in allen Waren- oder Leistungspreisen, die wir als Endverbraucher erwerben, stecken nicht nur sämtliche Kosten für Personal und Material, sondern auch sämtliche Kosten für das in der Wirtschaft eingesetzte Kapital!

Die Höhe dieses Zinsanteils in jedem Preis ist natürlich höchst unterschiedlich. Sie resultiert aus dem Umfang des Kapitaleinsatzes, der bei der Herstellung der Produkte oder der Leistungserbringung erforderlich war. Doch gleichgültig wie hoch der Zinsanteil jeweils ist: Auf jeden Fall wird er über alle Handels- und Verteilungsstufen bis zu den Endverbrauchern weiter gereicht, die ihrerseits keine Möglichkeit der Weitergabe mehr haben!

Relation Einkommen und Verschuldung

Wie sich diese Zinsbelastungen im Verhältnis zu den verfügbaren Einkommen der Haushalte bzw. der Erwerbstätigen von 1950 bis 2000 entwickelt haben, geht aus der Darstellung in DM-Größen hervor. Während diese Zinslast 1950 noch bei sechs Prozent der Einkommensgrößen lag, hatte sie im Jahr 2000 bereits 28 Prozent erreicht. Rechnet man die Verzinsungen des schuldenfreien Sachkapitals einschließlich des Bodens noch hinzu (die leider in den Statistiken nicht ausgewiesen werden!), so erhöht sich der Betrag noch einmal um etwa die Hälfte. Im Endeffekt ergibt sich also für jeden Haushalt, bezogen auf die verfügbaren Haushaltseinkommen, eine Last von rund 42 Prozent. Umgerechnet auf die tatsächlichen Haushalts-Ausgaben, also nach Abzug der Ersparnisse, ist der rechnerische Zinsanteil im Durchschnitt aller Preise sogar noch höher.

Wie ist das mit den Zinseinnahmen?

Natürlich stehen diesen Zinszahlungen, nach Abzug der Bankmarge, auch ähnlich hohe Zinseinnahmen gegenüber, die ebenfalls überwiegend, direkt oder indirekt, wieder in den Taschen der Privathaushalte landen. Aber der Schlüssel für diese Rückverteilung der Zinsen ist ein ganz anderer als jener für die Zahlungen: Während man die gezahlten Zinsen als etwa gleich hohen Prozentsatz auf die Größe der Haushaltsausgaben beziehen kann, ist der Schlüssel für ihre Ausschüttungen der jeweilige Bestand an zinsbringendem Vermögen! Auch wenn heute fast jeder Haushalt über ein Sparguthaben verfügt und sich viele sogar zu den Aktionären zählen: Auf die ärmere Hälfte der Haushalte entfallen nach den offiziellen Erhebungen nur vier Prozent der gesamten Geldvermögen und damit auch der Zinseinnahmen, auf die reichere Hälfte somit 96 Prozent. Aber auch in dieser reicheren Hälfte konzentrieren sich rund 50 Prozent der Geldvermögen bei dem reichsten Haushalts-Zehntel, nach neueren Untersuchungen sogar rund 80 Prozent! Und bei den Beteiligungen an Immobilien und Betriebsvermögen ist die Konzentration bei einer Minderheit noch gravierender!

Entsprechend diesen Vermögensverteilungen flossen beispielsweise von den rund 300 Milliarden Euro, die im Jahr 2001 alleine von den Banken als Zinsen ausgeschüttet wurden, nur 12 Milliarden an die ärmere Haushalts-Hälfte, während bei der besser gestellten Hälfte 288 Milliarden zu Buche schlugen. Wie diese Verteilung auf die 38 Mio. Haushalte genauer aussieht, zeigt die Tabelle:

 

Verteilung der Zinsauszahlungen der Banken auf alle Haushalte -
Auszahlung: 303 Mrd. Euro - Stand 2001 - Quelle BBK/EVS

Haushalte:

Verteilung der Zinseinkommen p.a.:

Gruppen:

Anzahl:

in %:

in Mrd.Euro:

je Haushalt:

50%

19,0 Mio

4% =

12

632 Euro

40%

15,2 Mio

46% =

139

9.145 Euro

10%

3,8 Mio

50% =

152

40.000 Euro

100%

38,0 Mio

100% =

303

i.M.: 7.947 Euro

 

Wie daraus zu entnehmen, hätten bei Gleichverteilung jedem Haushalt 7.895 Eure Zinsen zufließen müssen. In Wirklichkeit flossen mit 632 Euro aber nur ein Zwölftel dieses Betrags an die Haushalte in der ärmeren Hälfte. Dafür lagen die Zinseinkünfte der reichsten 3,8 Millionen Haushalte mit 40.000 Euro je Haushalt beim Fünffachen des Durchschnitts!

Geht man davon aus, dass sich auch bei diesem reichsten Zehntels die Hälfte der Vermögen wieder bei einem Zehntel konzentriert, also bei einem Prozent aller Haushalte, dann ergeben sich für die reichsten 0,38 Millionen Haushalte jeweils Zinserträge von 200.000 Euro und damit das 25-fache des Durchschnitts bzw. das 316-fache jenes Betrags von 632 Euro, der als Durchschnitt an die ärmere Hälfte der Haushalte fließt! - Vor diesen 76 Milliarden Euro, die als Bankzinsen an das reichste eine Prozent der Haushalte gehen, verblassen auch die bei uns so heiß diskutierten paar hundert Millionen Euro, die jährlich von den überbezahlten Managern in unserer Wirtschaft beansprucht werden. Und dabei müssen diese immerhin noch dafür arbeiten!

Splittet man auch das letzte Prozent der Haushalte nach dem gleichen Muster im Verhältnis 9 :1 auf, dann ergeben sich bei den superreichen 38.000 Haushalten jährliche Zinseinkommen von durchschnittlich knapp einer Million Euro. Bedenkt man, dass in dieser Haushaltsgruppe die Milliardäre bereits eine deutliche Rolle spielen und schon ein einfacher Milliardär bei nur 4 Prozent Verzinsung p.a. auf 40 Millionen(!) Euro Zinseinkünfte kommt, können die hier ausgewiesenen Werte kaum überzogen sein.

Und die Konsequenzen?

Auf Grund der angeführten Verteilungsschlüssel kann sich jeder Haushalt selbst ausrechnen, ob er zu den Gewinnern oder Verlierern des Zins-Monopoly-Spiels gehört. Er braucht nur seine direkt und indirekt gezahlten Zinsen, die bei etwa 40 bis 45 Prozent seiner Jahresausgaben liegen, mit jenen Zinsen zu vergleichen, die er im Laufe eines Jahres für alle seine Vermögenswerte erhalten hat! - Als Faustregel kann man sagen, dass zum Ausgleich der zu tragenden Zinslasten, zinsbringende Vermögenswerte in zehnfacher Höhe der Haushaltsausgaben erforderlich sind.

Teilt man die gesamten Haushalte einmal in zehn gleich große Gruppen auf, dann ist bei den ersten acht Gruppen der auf diese Weise errechnete Saldo zwischen gezahlten und erhaltenen Zinsen deutlich im Minus. Erst in der neunten Gruppe gleicht er sich langsam aus und bei der zehnten Gruppe schlagen sich dann die Verluste aller anderen als Zins-Überschüsse nieder und vergrößern damit jedes Jahr die bereits vorhandenen Reichtums-Überschüsse!

Auf Grund dieses Umverteilungssystems gehen bei der Masse der Bürger, die diese Zinszahlungen erarbeiten müssen (und die zum Teil noch echte Bedürfnisse haben!), die Einkommen relativ und schließlich absolut zurück und damit auch ihre Kaufkraft und Kaufmöglichkeiten. Bei der reichen Minderheit, deren Bedürfnisse längst erfüllt sind, können diese sich ansammelnden Einkommensüberschüsse weitgehend nur noch über zusätzliche Kreditvergaben (und damit einer weiteren Eskalation der Schulden und Umverteilungen von Arm zu Reich!) in den Wirtschaftskreislauf zurück geführt werden! Die Hoffnungen, dass diese eskalierenden Probleme durch Wirtschaftswachstum aufgefangen werden könnten, sind angesichts des Wachstums-Tempos der monetären Größen und der Begrenztheit unserer Erde ähnlich illusorisch, wie die Hoffnung eines 18-Jährigen, das Überwachstum eines Tumors durch eigenes Wachstum auszugleichen.

Resümmee:

Der Kapitalismus ist zweifellos ein Wirtschaftssystem, das als Antriebsmotor für Arbeit und Wohlstand in der Anfangsphase phantastisch funktioniert. Problematisch ist jedoch, dass dieser Motor ständig höhere und immer schneller steigende Drehzahlen benötigt, um weiter rund zu laufen. Doch solch ein positiv rückgekoppeltes System, das auf ständige Vermehrung und Beschleunigung ausgelegt ist, muss letzten Endes genau so zusammenbrechen wie jeder Kettenbrief oder jedes Pyramidenspiel!

Die Ursache dieses Auseinanderdriftens zwischen dem Wachstum der Wirtschaft und den monetären Größen ist letztlich nur ein kleiner Konstruktionsfehler: Es ist der Tatbestand, dass ausgerechnet der wichtigste Preis in diesem System, nämlich der Geldzins, durch marktwidrige Knapphaltung hoch gehalten werden kann! Konkret: Der Knappheitspreis des Geldes kann sich auf Grund der Überlegenheit des Geldes den sonst geltenden Marktgesetzen entziehen, nach denen alle Knappheiten und Knappheitsgewinne mit den Sättigungen der Märkte immer gegen Null herunter konkurriert werden! Würde auch der Knappheitspreis Zins auf diese Weise gegen null herunter gehen, könnte jede Gesellschaft ihre Wirtschaftsleistung schließlich auf einem gleich bleibenden Niveau stabilisieren. Trotz der nun nicht mehr steigenden Wirtschaftsleistung, würde der (sich ansammelnde) materielle Wohlstand von Jahr zu Jahr weiter zunehmen. Und im Zuge des weiteren technologischen Fortschrits könnten sogar die Arbeitszeiten und -Leistungen laufend weiter reduziert und in größere Freizeit und Freiheit umgesetzt werden, ohne jegliche ökonomischen oder sozialen Probleme und mit positiven ökologischen Folgen!

Unsere Demokratien, sowie die Umwelt und der Frieden in der Welt, sind also nicht durch die immer wieder beklagten angeblich überzogenen Ansprüche der Bürger an den Staat gefährdet, sondern durch die überzogenen und exponenziell wachsenden Ansprüche des Geldkapitals an das Sozialprodukt, die sich selbst dann nicht abbremsen, wenn unser Globus von den Geldvermögen nach Heuschreckenart zunehmend aufgefressen wird!

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