Jugend-Mariposien

11.10.2010 | Helga Müller

Neues Denken

Ausgehend von humanistischen Grundprinzipien wurde auf der Kanareninsel Teneriffa unter Mitwirkung zahlreicher Künstler aus aller Welt ein außergewöhnliches Kulturprojekt geschaffen.

Gelegen im Süden der Kanareninsel Teneriffa, auf 600 Metern Höhe, mit weitem Blick über den Atlantik, entstand – weitab vom Tourismus, in der Ruhe ländlicher Umgebung und inmitten einer wunderbaren subtropischen Pflanzenwelt – ein ca. 25.000 qm großer Kunst-Park mit vielen Skulpturen, künstlerisch gestalteten Wegen und Plätzen, individuell eingerichteten kleinen Häusern und komfortablen Jurten.

Zwei Konferenzräume, kleinere und größere Arbeitsplätze unter offenem Himmel, Bibliothek und Medienraum, eine Sommerküche, Frei-Schach, Boule und viele Spiel- und Freizeitplätze sowie ein Pool bilden den idealen Rahmen für geistige Arbeit, für sinnliches Erleben. Das Ambiente dieses Ortes, der notwendige räumliche Abstand zum normalen Alltag, beflügeln die Phantasie zu neuem Denken und inspirieren zu außergewöhnlichen Ideen.

Erwachsenwerden

"Einen Ort für nachhaltige Visionen von Zukunft zu bauen" - so formulierten wir das Ziel, als wir MARIPOSA planten. Menschen – vor allem junge Menschen – brauchen Visionen. Sie motivieren und setzen Energien, Ideen, Werte und Ziele frei. MARIPOSA ermutigt junge Menschen, sich ihrer eigentlichen Werte bewusst zu werden, und darüber zu reflektieren, welche wichtigen und tiefen Überzeugungen sie bejahen und leben wollen.

Erwachsenwerden ist das Erkennen des eigenen Weges, eine Standort-Bestimmung: „Woher komme ich? Wo stehe ich heute? Wo will ich hin?“ Wer den Sinn und die Ziele des eigenen Lebens definieren und seinen Platz in der Gesellschaft (schon in der eigenen Schule) finden will, muss sich diese Fragen stellen.

Die Jugend-Mariposien tragen dazu bei, die Antworten zu finden! Oder lassen wir weiter zu, was Robert Musil so formuliert hat: „Nichts ist trauriger, als anzusehen, wie aus einem lebendigen, Hoffnung versprechenden jungen Menschen ein ganz normaler Erwachsener wird.“

Jugend-Mariposien

Als Instrument der gezielten Förderung kleiner Gruppen begabter Schüler der Oberstufe, die sich für Ästhetik und Philosophie, für Natur-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften interessieren und im Unterricht in diesen Bereichen Engagement und Kompetenz gezeigt haben, sind jeweils acht bis zehn SchülerInnen zwei Wochen lang Gäste und Mitarbeiter auf MARIPOSA. Im Rahmen des 14tägigen Aufenthalts werden Zeiten theoretischer Arbeit und Diskussion, ergänzt durch Möglichkeiten der ästhetischen Rezeption - auch handwerklich-künstlerischer Mitgestaltung - durch Spiel und gemeinsame Unternehmungen zum Kennenlernen der Insel und ihrer natürlichen und kulturellen Sehenswürdigkeiten.

Im Zentrum der täglich jeweils dreistündigen Seminare steht die Frage: „Wer sind wir, woher kommen wir und wohin gehen wir?“ Dabei bezieht sich das „Wir“ auf die westliche Kultur: auf das Wesen, die Entstehung, die Gegenwart und die zukünftigen Möglichkeiten und Grenzen eines Systems des Denkens, der Werte und des Handelns, in dem „wir“ sozialisiert sind.

Qualitativer Bildungseffekt

Eine im Jahr 2008 durchgeführte externe Evaluierung durch das Regierungspräsidium Stuttgart hat am Geschwister-Scholl-Gymnasium – der Pilotschule – die besondere Rolle der Jugend-Mariposien für die Individualförderung ausdrücklich hervorgehoben. Die bisherige Erfahrung hat gezeigt, dass ein solch umfassender qualitativer Bildungseffekt in dieser Eindrücklichkeit nur auf MARIPOSA möglich ist. Jugend-Mariposien fördern insbesondere:

  • Soziale Kompetenz durch intensive kognitive und emotionale, gruppendynamische Prozesse.
  • Fachliche Kompetenz durch umfassende philosophische und lebenspraktische Inhalte.
  • Fächerübergreifendes Denken im gemeinsamen Diskurs.
  • Ästhetische Kompetenz durch Kunstbetrachtung und schülerorientiertes, praktisches Üben.
  • Erweitertes Naturverständnis durch das Erleben des Genius loci von MARIPOSA und der paradiesischen Kanareninsel Teneriffa.
  • Selbsterkenntnis durch die kreative Umsetzung des anspruchsvollen Seminarprogramms im Hinblick auf Selbstfindung und persönliche Positionierung in der Gesellschaft sowie einer daraus resultierenden ethischen Haltung.
  • Die Gewinnung neuer Perspektiven für das eigene Leben und die berufliche Zukunft.

Die wissenschaftliche Leitung liegt in den Händen des Philosophen und Sozialwissenschaftlers Dr. phil. Joachim Rossbroich, der u.a. viele Jahre für die Bayerische Hypotheken- und Wechsel Bank München die sogenannten „Kempfenhausener Gespräche“ organisiert und durchgeführt hat - ein Forschungs- und Dialogprojekt zur Zukunft unserer Kultur und Gesellschaft, an dem eine Vielzahl prominenter Vertreter aus Kultur, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft aus aller Welt teilgenommen haben.

Anspruchsvolles Seminarprogramm

Die Seminare sind geprägt durch natur- und kulturphilosophische, ethische und ästhetische Fragestellungen und durch einen interdisziplinären systemtheoretischen Ansatz, der hauptsächlich natur- und kulturwissenschaftliche Begriffe, Theorien und Erkenntnisse verbindet. Das umfangreiche theoretische Programm steht auf Wunsch zur Verfügung.

Durch den Blick von „außen“ auf das Umfeld, in dem die Menschen sozialisiert sind, sowie das anspruchsvolle Seminarprogramm werden die Fähigkeiten der Teilnehmer zum synthetischen Denken gefördert, Wertesysteme und Zusammenhangswissen vermittelt und Verantwortungsbewusstsein geweckt – Qualitäten, die wir in Zukunft dringend brauchen. Im Versuch, „über den Tellerrand zu schauen“ und gemeinsam über „das Ganze“ nachzudenken, gehen die Seminare zunächst einen weiten Schritt zurück in die Naturgeschichte, um von hier aus über die Evolution des Lebens und der Kultur auf der Erde eine ganzheitliche Perspektive auf unsere westliche Kultur und die Zukunft Europas zu erarbeiten und – nicht zuletzt – Perspektiven für die eigene und die Zukunft der Gesellschaft zu entwickeln.

Umwerfend schön

Die Schüler und Schülerinnen beschreiben die Veränderung und Bereicherung ihres Denkens und Fühlens in MARIPOSA als produktive Irritation und Inspiration, die Welt neu und kritischer sehen, ein Gefühl für ihre Schönheit und ihre vielfältige Verunstaltung zu entwickeln. Sie erleben – in ihren eigenen Worten – MARIPOSA als einen Ort, an dem sie Mut und Kraft schöpfen und ein neues Selbstbewusstsein gewinnen, ihre Mitverantwortung für die Zukunft unserer Welt spürbar und Möglichkeiten ihrer Mitgestaltung erkennbar werden.

So sagt Andrea Bröckel: „MARIPOSA ist eine unbeschreibliche Insel, in der jeder Einzelne die Zeit, die Umgebung und die Gelassenheit geschenkt bekommt, um die Welt von außen neu zu überdenken, zu entdecken und Mut zu fassen, sie zu verändern....."

Seit September 2009 haben die bisherigen Teilnehmer an den Jugend-Mariposien eine eigene Website kreiert:

www.umwerfendschön.de

„Ich denke manchmal, es fehlt uns nicht an gelehrter Prosa, sondern an gelehrter Poesie. Vielleicht sollte es für anspruchsvolle Theorieleistungen eine Art Parallel-Poesie geben, die alles noch einmal anders sagt und damit die Wissenschaftssprache in die Grenzen ihres Funktionssystems zurückweist.“ Niklas Luhmann

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