Ist Goldman Sachs die Bank des Teufels?

30.04.2010 | Joseph von Radowitz

Die Anhörung von Lloyd Blankfein, dem Chef der Wall Street Bank Goldman Sachs, vor dem Finanzausschuss des US-Senats hat zunächst einmal eine emotionale Komponente. „Wie konntet ihr das tun?“, fragen die gutherzigen Volksvertreter immer wieder. „Ihr verkauft etwas an eure Kunden ohne ihnen zu sagen, dass ihr selbst dagegen wettet? Findet ihr das nicht unmoralisch?“

„Nein“, sagt Blankfein, „wir sind ein Market Maker, wir verkaufen an Profis. Wenn die ein Risiko eingehen wollen, bitteschön, dann können sie es haben. Wie wir über den Deal denken, ist uninteressant.“ Für Blankfein unterscheidet sich Goldman nun einmal von einer Sparkasse, die unwissende Großmütter in der Anlage ihrer Ersparnisse berät.

Er hat Recht. Viele übers Ohr zu hauen, damit wenige satt Geld verdienen, ist ihr Alltag. Blankfeins Goldjungs in der Rolle von Gebrauchtwagenhändlern: „Hauptsache, ich bekomme die Karre los.“ Entsprechend hoch ist auch die ihnen entgegengebrachte Wertschätzung. Mit einem Unterschied: Ihr obszöner Reichtum nötigt den meisten Kritikern einen heimlichen Respekt ab, wie man ihn siegreichen Gentleman-Gangstern entgegenbringt.

Blankfein schlägt sich bestens. Was wollt ihr eigentlich von mir? Habe ich ein Gesetz gebrochen? Dann weist es mir nach. Wir spielen nach den geltenden Regeln. Und wir spielen gut. Wir sorgen dafür, dass Risiken handelbar werden und bewirken so eine effizientere Struktur des Finanzsystems. Wir leisten der Gesellschaft einen Dienst.

In einem Zeitungsinterview hat Blankfein tatsächlich verkündet: „Wir tun nichts als Gottes Arbeit.“ Nun, das ist vielleicht nicht ganz wahr. Gottes Arbeit? Welchem Gott huldigt denn ein typischer Wall Street König? Du bist frei! Strebe wahnsinnigen Reichtum an, kümmere Dich nicht um den Rest, handle egoistisch, du bist nur ein kleines Rad im Ganzen, verschwende nicht deine Zeit damit, über Folgen nachzudenken, jeder hat seine Aufgabe, deine ist es, den Gewinn deines Unternehmens zu maximieren. So spricht der Gott der Wall Street.

Regt sich Widerwillen, gar Ekel, lieber Leser? Vorsicht: Sie laufen Gefahr, sich selbst zu betrügen! Welche Welt wollen sie denn? Sie wollen Freiheit? Sind sie denn bereit, die Auswirkungen von Freiheit zu ertragen?

Was man den Goldmaniten nicht vorwerfen kann, ist, dass sie das Freiheitsgebot nicht verinnerlicht hätten wie wohl sonst niemand auf der Welt. Was nicht verboten ist, ist erlaubt, ethische Bedenken hemmen den Erfolg.

Intelligenz liebt es, Probleme zu lösen. Es gibt keinen finanziellen Engpass, den Goldman für einen Kunden nicht überbrücken könnte. Man findet immer einen Weg, die Zahlungen zu verschieben – zeitlich oder geographisch. Wir erfinden einfach ein neues Finanzinstrument, mit dem man die Tilgung in die Zukunft legen oder, noch besser, einem anderen aufbürden kann.

Das ist unsittlich? Ha! Hier liegt die Wurzel des Übels, die große Lüge, vor der man sich hüten muss: Ich will Freiheit – aber nur, wenn es gut geht. Ich will hohe Gewinne und bejahe das Risiko – aber nur, wenn es gut geht. Ich will die Vorteile einer Marktwirtschaft – aber nur, wenn es gut geht.

Geht es einmal nicht gut, dann kommt das große Jammern: Wir ertragen die Härte nicht, wir können nicht sparen, wir wollen nicht verzichten, wir erwarten, dass es immer aufwärts geht.

Das führt zu Bankenrettungen, Staatsrettungen, zur Weltrettung. Durch immer mehr Schulden. Der aktuelle Bankrott wird verschoben, der zukünftige ins Unvorstellbare gesteigert.

Dann kommt der zweite unsinnige Gedanke: Wir müssen verhindern, dass es wieder geschieht!

Natürlich könnte man alles Riskante verbieten und die Finanzbranche wieder zur Langeweile verdammen. Doch die Besten und Fähigsten wollen, dass es spannend bleibt, und sie werden dafür sorgen.

Das ist auch richtig so. Gott will die Freiheit des Menschen. Der Christ sollte wissen, wie er mit Freiheit umzugehen hat, da ihn sein Wertesystem dazu befähigt. Es steht jedem frei, seiner Moral zu genügen oder ein Leben in Sünde zu führen.

Die Wall Street wird nicht durch Reglementierung gezähmt. Ihre schädlichen Auswüchse werden durch funktionierende Mechanismen des Marktes bestraft. Der Markt ist ein Naturgesetz. Wer sich verspekuliert geht pleite. Beim nächsten Mal ist er vorsichtiger oder erlebt noch eine Bauchlandung.

Aber weil sich Politiker einbilden, ihre Wähler würden die Härte dieses Naturgesetzes nicht ertragen, intervenieren, kanalisieren und unterstützen sie – immer zu spät, immer mit unerwünschten Nebenwirkungen.

Lasst es den Markt richten. Lasst Banken endlich pleitegehen. Lasst Griechenland den Bankrott erklären und aus dem Euro austreten. Hört auf, euch zu kümmern. Respektiert Gottes Freiheit und erspart uns eure bigotte Langeweile. Wir leben schon lange über unsere Verhältnisse.

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