Ist die Gesellschaft reformierbar?

04.08.2009 | Wolf Schneider

Die Krise hat die Fundamente noch nicht berührt

Ist diese Gesellschaft reformierbar? Ist sie wenigstens offen? Nicht wirklich. Es flutscht da zwar so einiges raus und rein – Ideen, Personen, vor allem Waren – was in geschlossenen Gesellschaften (Iran, Saudi Arabien, Nordkorea) nicht möglich wäre. Aber bei alledem bleibt diese Gesellschaft doch ungerührt. Sie bewegt sich nicht.

Angst vor der Systemkrise

"Too big to fail", hieß es, als die großen Banken und Autokonzerne vorigen Herbst ins Schleudern kamen. Die Regierungen fürchteten, durch das Scheitern dieser so großen Institutionen mit in in den Strudel der einstürzenden Neubauten gerissen zu werden und taten, was sie konnten, um das zu verhindern. Sie wollten damit sich selbst retten, den Staat und verhindern, dass wieder das passieren würde, was 1929 bis 1933 geschah – vor allem in Deutschland war das traumatisch, weil da erst "das Chaos" kam (der zerfallende Staat) und dann das dritte Reich. Aber auch in den anderen Staaten, die von der Wallstreet abhingen und abhängen, hinterließ die Weltwirtschaftkrise tiefe Wunden. Die Regierungen hatten Angst, und Angst macht erpressbar.

Es bleibt beim Alten

Nun heißt es in den Nachrichten immer öfter, die Krise habe ihren Tiefpunkt erreicht. Die Banken und Autokonzerne schreiben wieder schwarze Zahlen, ihre Aktienkurse steigen, und die Bankmanager zahlen sich Boni aus wie zu Boomzeiten. Die New York Times schreibt gerade, ein Grund der hohen Gewinne der Banken seien Fortschritte bei den Börsencomputern, die ein Kaufen und Verkaufen in Sekundenbruchteilen erlaubten. Die Spekulanten haben ein neues Spielzeug, und wer es nutzt, läuft den anderen davon. Anscheinend koppelt sich die virtuelle Wirtschaft, die zu Spekulationsblasen führt, nun noch mehr von der Realwirtschaft ab als vor der Krise.

Also alles beim Alten oder sogar noch schlimmer. Die Akteure haben nichts gelernt. Die Regierungen haben sich als erpressbar erwiesen, künftige Erpresser werden es noch leichter haben als vor dem Herbst 2008.

Während die Großen nicht Scheitern dürfen (too big to fail), weil sonst das ganze System abkrachen würde, müssen die Kleinen die Stützgerüste finanzieren, die gegen das Scheitern der Großen errichtet werden. Die überlebenden Kleinen werden das tun, denn sie wollen groß werden. Für den Tod der Kleinen ist die Gesellschaft offen, nicht für den Tod der systemrelevanten Großen.

Die da oben, die da unten

Dass es so ist, darf ich sagen, niemand bestraft oder verfolgt mich deshalb. Vermutlich stehe ich nicht mal auf der Liste irgendwelcher Geheimdienste; so wichtig bin ich nicht. Mein Blog ist ziemlich irrelevant, wie so viele andere auch. Man darf in unserer Gesellschaft zwar sagen, was man will, aber es hört keiner zu – keiner von denen, die etwas andern könnten oder wollten. Um gehört zu werden, müsste man bereits oben sein, an der Macht – Marktmacht oder politischen Macht. Man müsste groß sein. Groß zu werden aber kostet Geld. Das bekommt nur, wer schon etwas hat: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Wer schon hat, dem wird gegeben, wer noch nichts hat, dem wird auch das noch genommen, und so driftet "die offene Gesellschaft" zwischen reich und arm, mächtig und ohnmächtig immer weiter auseinander.

Innen und außen

Bin ich zu pessimistisch? Was ist mit meinen inneren Anteilen, die das Verlierersein unterstützen? Damit beschäftigt sich die spirituelle Szene ja sehr ausgiebig. Es gibt aber auch Fakten in der Außenwelt, die sich durch noch so positives Denken nicht beseitigen lassen. Man muss mit den Chancen kooperieren, die es da draußen gibt. Ja, es gibt sie, aber es sind wenige und es braucht ein sehr gutes Unterscheidungsvermögen, um sie erkennen zu können. Das sage ich nach dreißig Jahren intensiver und extensiver Praxis des positiven Denkens.

Schaun wir mal …

Die Krise, die seit vorigen Herbst grassiert, hat noch immer nicht die Fundamente erschüttert. Der Glaube der Akteure, dass alles schon irgendwie okay ist, so wie es ist, der ist ein bisschen erschüttert, aber die Fundamente des Systems sind es noch nicht.

Schaun wir mal, was da noch kommt. Die Gesellschaft ist zwar nicht wirklich offen, aber wenn die Risse im System allzu deutlich werden, könnte es doch erschütterbar sein, so wie jedes System. (Von der katholischen Kirche, der ältesten Institution der Welt, sehen wir hier mal ab). Auch 1989 könnte ein Vorbild sein, um mal von der weiter entfernten magischen Zahl 1929 wegzukommen. In den Monaten und Jahren nach dem Sommer 1989 stürzte das kommunistische System sehr schnell ein. Wer hätte das gedacht? Crashprognosen des kapitalistischen Systems gab und gibt es viele, aber diesen Einsturz hatte keiner so vorausgesagt.

Heute wie damals kann es schnell gehen und der Einsturz unvermutet kommen. Wer allerdings meint, die Erneuerung würde im Schoß der bestehenden Gesellschaft heranwachsen, so wie eine Schlange, die sich ab und zu häuten muss, träumt vermutlich – leider, denn eine Evolution wäre viel besser als eine Revolution, die fast unvermeidlich viele Opfer fordert, die ein geordneter Übergang ins neue System vermeiden könnte.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Gesellschaftspolitik | Wolf Schneider | weiterempfehlen →

✪ Video-Tipp

Katharina Tempel

Nein

empfohlen von: webkultur.de | Der Video-Tagesimpuls