Insider-Trading durch Mitglieder des US-Senats?

10.08.2005 | Dr.-Ing. Artur P. Schmidt

Die wahren Anlage-Profis

Alan Zibrowski hat in einer jüngst veröffentlichten Studie das Anlageverhalten von US-Senatoren und die Ergebnisse ihrer Transaktionen näher unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse sind äusserst verblüffend, da die hierbei erzielten Renditen mit denen der besten Fonds-Manager locker mithalten können.

Innerhalb einer sechsjährigen Beobachtungsfrist von 1993 bis 1998 wurde herausgefunden, dass sich viele Aktien bevor diese von US-Senatsmitgliedern gekauft wurden völlig normal verhielten, um nach einem Einstieg der Repräsentanten des Volkes sehr stark anzusteigen. Alan Ziobrowski bringt es auf den Punkt, wenn er über die US-Senatoren sagt: "We suspect that they have some form of informational advantage that other people don't have. If you look at a chart of this stuff, you see that their stocks behave very, very normally almost until the day they buy it, and then all of a sudden, that curve takes off like a rocket." Doch darf man den US-Senatoren vorwerfen, dass sie in ihre eigene Tasche wirtschaften, wenn doch jeder US-Wähler vor allem die Partei wählt, die ihm sein Portemonnaie fühlt?

Beobachtung von INSIDER-Verstössen

Das Forschungsprojekt von Alan Ziobrowski zur Untersuchung des Anlageverhaltens von US-Senatoren wurde durch einen Bericht ausgelöst, den er 9 Jahre zuvor gelesen hatte und der aussagte, dass 3 von 4 Mitgliedern des amerikanischen Kongresses Investments hatten, die mit ihren gesetzgebenden Aktivitäten in Zusammenhang standen. Durch das Sammeln der sogenannten Personal Financial Disclosure Reports www.opensecrets.org/politicians/index.asp), konnten die Forscher ein aussergewöhnlich umfangreiches Datengerüst mit allen Transaktionen der Senatsmitglieder zusammentragen. Die Ergebnisse der Studie von Alan Zibrowski wurden bereits im renommierten Journal of Financial and Quantitative Analysis (http://www.jfqa.org) Vol. 39, No. 4, December 2004 veröffentlicht. Die sogenannten Personal Financial Disclosure Reports wurden vom Kongress im Jahr 1970 eingeführt, um die ethische Ausrichtung der Regierung zu erhöhen. Doch trotz dieser Transparenz waren die Zahlen im Grunde intransparent, weil sich niemand die Mühe gemacht hat, die Performance zu testen. Nachdem die Ergebnisse vorliegen, scheint es an der Zeit, die Aktien-Transaktionen von US-Senatoren zu begrenzen. Wenn Martha Stewart wegen der Nutzung von INSIDER-Informationen ins Gefängnis muss, so stellt sich die Frage, ob nicht alle Amerikaner vor dem Gesetz gleich sind. Sollte es sich bewahrheiten, dass auch US-Senatoren INSIDER-Informationen systematisch genutzt haben, so ist es an der Zeit die brillianten Stock-Picker anzuklagen.

Die Rolle des US-Senats

An dieser Stelle erscheint es angebracht kurz etwas über die Funktion des US-Senats zu schreiben. Der Senat ist das Oberhaus des US-amerikanischen Kongresses und besteht aus je zwei Senatoren pro US-Bundesstaat (d.h. 100 Mitgliedern), die auf jeweils sechs Jahre bestimmt werden. Die Senatoren werden genau wie Mitglieder des Repräsentantenhauses in direkten, freien Wahlen gewählt und müssen jedem Gesetz zustimmen. Die genaue Kenntnis der Gesetze und deren Verabschiedung, die oftmals auch die Gewinnentwicklung von Unternehmen beeinflussen, ist hierbei ein wichtiges INSIDER-Wissen, wenn staatliche Repräsentanten Aktien kaufen, die von den Gesetzen betroffen sind. Eine Sonderrolle im Senat fällt dem Vizepräsidenten der USA zu, der laut Verfassung zugleich Präsident des Senats ist und bei Stimmengleichheit den Ausschlag für eine Entscheidung gibt. Der ehemalige Halliburton-CEO, Geschäftsmann und aktuelle Vize-Präsident Dick Cheney (http://www.infoplease.com/ipa/A0882164.html), der in seiner Funktion als Staatsdiener zwei grosse Militäroperation in der US-Geschichte leitete (Operation Just Cause in Panama und Operation Desert Storm im mittleren Osten) kennt wie kein zweiter die Möglichkeiten der Einkommenssteigerung, wenn es gelingt Politik und Wirtschaft profitabel miteinander zu verbinden, wie nicht zuletzt die Sicherung der irakischen Öl-Quellen für amerikanische Firmen nach dem 2. Irak-Krieg belegen.

Outperforming the Market

Die Auswertungen der Transaktionen der Senatsmitglieder führte zu aussergewöhnlichen Resultaten. So schlugen die Aktientrader des US-Senats den Marktdurchschnitt deutlich. Senatoren gelang es in exzellenter Weise jeweils zu tiefen Kursen zu kaufen und nahe der Höchstkurse zu verkaufen. So fand die Studie, die die Jahre 1993 bis 1998 beleuchtet, heraus, dass die US-Senatoren den Marktdurchschnitt um 12 % pro Jahr outperformten. Die Auswertung von mehr als 6.000 Aktientransktionen, die von 62 US-Senatoren durchgeführt wurden, zeigte, dass einige Senatoren sehr aktive Trader waren und etwa ein halbes Dutzend Gesetzgeber für nahezu die Hälfte der Transaktionen verantwortlich zeichnet. Der aussergewöhnliche Erfolg dieser Anlagen legt den Schluss nahe, dass es sich hierbei um eine besondere Form der Bereicherung durch INSIDER-Transaktionen handelt, die durch den US-Steuerzahler finanziert wurden. Ein weitere interessante Beobachtung der Studie ist, dass die jüngeren Senatoren die älteren bei den Kursgewinnen hinter sich liessen und dass die demokratischen Anleger bei den Renditen gegenüber ihren republikanischen Tradern, wenn auch nur leicht, vorn lagen. Der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry ist ein besonders trading-orientierter Senator wie ein Blick auf seine Portfoliostruktur aus dem Jahr 2003 erkennen lässt. Der Chart von United Parcel Service belegt die aussergewöhnlichen Kursgewinne, die US-Senator Kerry nach seinem Einstieg erzielen konnte.

INSIDER-Verstösse sind offensichtlich

Die Forscher der Studie heben hervor, dass obgleich die Zahlen den Erfolg der Anlagestrategien der Senatoren belegen, diese ihn nicht erklären können. Es gibt keine Möglichkeit herauszufiltern, wer nur Glück gehabt hat und wer gezielt INSIDER-Informationen ausgenützt hat. Was jedoch gesamthaft festgestellt werden muss ist, dass die Senatoren die besondere Fähigkeit besitzen, die richtigen Aktien mit dem richtigen Timing zu kaufen. In einer Studie aus dem Jahr 2000, die über 66.465 US-Haushalte zwischen 1991 und 1996 untersuchte, wurde herausgefunden, dass der Durchschnittshaushalt 1,44 Prozentpunkte schlechter als der Markt abgeschnitten hat. US-Senatsmitglieder operieren daher offensichtlich mit einem deutlichen Informationsvorsprung gegenüber dem normalen Anleger, wenn diese 12 % besser als der Markt abschneiden. Einer der weltbesten Fonds-Manager Peter Lynch outperformte den S&P 500 um etwa 13% pro Jahr während der den Magellan Fund von 1977 bis 1990 managte. Die US-Senatoren waren lediglich um 1 % schlechter in ihrer Performance und dies obwohl diese keinen Research, Marktanalysen oder Computerprogramme eingesetzt haben. Selbst sogenannte Unternehmens-INSIDER schlagen den Markt nur um 5 % pro Jahr. Was bei den Transaktionen der Senatoren besonders ins Auge fällt, sind die genau getimten Verkaufs-Transaktionen. Aktien, die von Senatoren verkauft wurden, haben sich nicht besser als der Markt entwickelt. Woher sie dies wohl wussten?

Club der Millionäre

Betrachtet man die sogenannte Efficient Capital Markets Hypothesis (siehe unten), die besagt, dass kein Marktteilnehmer den Markt schlagen kann, ohne Zugang zu nicht-öffentlichem Material zu haben, so dürfte es kaum mehr zu leugnen sein, dass es sich bei den meisten Transaktionen von US-Senatoren um INSIDER-Geschäfte handelt. Es ist kaum zu glauben, dass nicht-professionelle Trader mehr Kursgewinne realisieren können als Investment-Investment-Stars wie Peter Lynch oder Warren Buffet. Vielleicht sollten die Senatoren ihren Beruf wechseln und besser Stock oder Mutual Funds managen, als die USA politisch zu steuern. Senatoren wissen am besten welche Gesetzesänderung den Senat passieren wird und welche Firmen davon profitieren werden. Senatoren, die in einem bestimmten Ausschuss sitzen wissen darüber hinaus, welches Unternehmen einen Auftrag von der Regierung bekommt oder welches Medikament am Markt zugelassen wird. Der Historiker Matthew Josephson aus den 30er Jahren hat es in seinen damaligen Best-Seller "Robber Barrons" auf den Punkt gebracht, als er den Senat als Club von Repräsentanten ökonomischer Interessengruppen der Branchen Holz, Öl, Zucker, Silber, Kupfer oder Stahl sah. Wegen seiner finanzkräftigen Mitglieder wurde der Senat damals auch "The Millionaires Club" genannt, was beim Blick auf die finanzielle Situation heutiger Senatoren immer noch voll zutreffend erscheint. So machen insbesondere die Senatoren John D. Rockefeller und Edward Kennedy diesem Image alle Ehre.

Die Dollar-Millionäre

In dem Buch "The Future of Freedom: Illiberal Democracy at Home and Abroad" zeigt Fareed Zakaria auf, dass der US-Senat das am wenigsten repräsentative Oberhaus der Welt ist. Die Auswahl der Senatoren unabhängig von der Bevölkerungszahl eines Bundesstaates beleget, dass in der amerikanischen Gesetzgebung der Fisch von oben stinkt. Gemäss der letzten Erhebung gibt es im US-Senat mindestens 40 Millionäre (22 Republikaner und 18 Demokraten). Da die Personal Financial Disclosures keine öffentlichen Gehälter, Pensionen und die selbstbewohnten Häuser einbeziehen, dürfte die Zahl der Senats-Millionäre noch weitaus höher liegen. Es war im Jahr 1913 als der ramponierte Ruf der Senatoren zum "17th Amendment to the Constitution" führte, welches die direkte öffentliche Wahl von Senatoren einführte (zuvor wurden diese durch spezielle Interessengruppen an die Macht gebracht). Mit diesem Zusatz wurde die Korruption beendet und Senatssitze nicht aufgrund von Bestechung vergeben. Fast hat es heute den Anschein als ob wir in einer Art Revival der damaligen Zeit leben. Wie damals spielt das grosse Geld, welches an den Finanzmärkten verdient werden kann, wieder eine Rolle im neu auferstandenen Club der Millionäre. Zu diesem Club gehört mittlerweile auch die Familie Clinton, wobei Hillary Clinton, die ausufernden Reden-Honorare von bis zu 500.000 US-Dollar ihres Mannes, des Ex-Präsidenten Bill Clinton, in ihrem Personal Financial Disclosure aufführen musste.

Gesetze gegen die Allgemeinheit

Oftmals entscheiden die Senatoren in ihrem eigenen Interesse (eine Ausnahme bildeten hier lediglich Demokraten wie Corzine, Kennedy, Kerry, Boxer, Dayton und Lautenberg). Das Hauptinteresse liegt hierbei dabei, die Legislative durch das Big Business abzusichern, der Quelle des Reichtums der US-Senatoren. Eines der grössten Skandalgesetze welches den US-Senat in den letzten Jahren passiert hat, ist das sogenannte "Bankruptcy Abuse Prevention and Consumer Protection Act of 2005" (www.cch.com/bankruptcy/Bankruptcy_04-21.pdf), welches vom Weissen Haus und der Finanzdienstleistung-Industrie forciert wurde. Dieses Gesetz, macht es für den Durchschnittsamerikaner schwieriger Konkurs anzumelden und beschützt das Vermögen von reichen Amerikanern. Die besondere Identifikation der Senats-Mitglieder mit der Wall Street und den grossen Vermögen, wurde bereits schon während des grossen Bullenmarktes in den 90er Jahren deutlich, als viele Senatoren massiv in Dotcom-Aktien investierten, jedoch erstaunlicherweise auch wieder rechtzeitig ausstiegen. So nimmt es kaum Wunder, dass der Stand des Nasdaq-Indexes oder das Fonds-Investment für viele Senatoren wichtiger war, als sich um die arbeitslosen Amerikaner zu kümmern. Etwa ein Drittel der Senatoren handeln während eines Jahres mit Aktien, wobei der durchschnittliche Senatoren-Trader mehr als 10 mal pro Jahr Aktien kauft oder verkauft. Auch wenn zwei Drittel der Senatoren keine Aktien handeln, so wiegen die häufigen Trader diesen Umstand wieder auf, indem diese den Markt deutlich schlagen. Nachfolgende Beispiele zeigen das Trading in Investment-Nischen wie Gold-/Silberminenaktien von Senator Ron Paul oder die Spezialisierung auf das Fonds-Management von Senator John McCain.

Fazit

US-Senatoren sind scheinbar aussergewöhnliche Investment-Genies, da diese die allgemeine Marktentwicklung im Untersuchungszeitaum um 12 % outperformed haben, während von 346 unterschiedlichen Portfolios von Newslettern nur 11 % den Markt schlagen konnten. Gemäss der der effizienten Markthypothese (www.investorhome.com/emh.htm) hätten US-Senatoren, selbst wenn diese den besten Research eingesetzt hätten, kaum den Markt übertreffen können: "But if markets are efficient and current prices fully reflect all information, then buying and selling securities in an attempt to outperform the market will effectively be a game of chance rather than skill." Es gibt nur eine plausible Erklärung: US-Senatoren haben ebenso wie Führungskräfte von Unternehmen Zugang zu wertvollen INSIDER-Informationen. Diese kennen die Veränderungen in den Steuergesetzen, die Vergabe von Regierungsaufträgen, Verhandlungen in Handelsfragen sowie die Vergabe von Fördermitteln für die Forschung. Anders wie Unternehmensführer dürfen US-Senatoren jegliche Aktien ohne Beschränkungen kaufen und verkaufen. Senatsmitglieder müssen ihre Transaktionen nicht wie Führungskräfte der Securities und Exchange Commission melden. Deshalb kann es nur eine Lösung aus diesem Dilemma geben: US-Senatoren müssen mit einem generellen Transaktionsverbot belegt werden, so lange diese in Amt und Würden sind. Nur so lässt sich der Missbrauch von INSIDER-Informationen komplett ausschliessen!

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