Im Hier und Jetzt

14.02.2005 | Canan Büyrü

Ein Blick in die politische Zukunft Deutschlands sieht düster aus: 1-Euro-Jobs, viele Arbeitslose, Kinderlosigkeit und Armut. Zwar sind die Deutschen Weltmeister im Jammern, aber so hatten sich das selbst meine Eltern nicht vorgestellt, als sie vor knapp 40 Jahren nach Deutschland gekommen sind.

Jahrelang hat mein Vater als Schweißer gearbeitet, zuletzt für dubiose Leihfirmen, hat in die Rentenkasse gezahlt, in die Arbeitslosenkasse gezahlt, kaum Krank gefeiert und jetzt, kurz vor seiner Pensionierung, füllen wir gemeinsam die Papiere für das Arbeitslosengeld II aus. Ein endloser Papierstapel, der selbst Akademiker erschlägt. Haben Sie ein Auto, eine Lebensversicherung, wie groß ist Ihre Wohnung? Das wollen die Beamten wissen. Und was wäre wenn ja? Müsste er erst alles verkaufen, in eine billige Wohnung ziehen, und in menschenunwürdigen Verhältnissen leben, damit er von dem wenigen Geld leben kann, das ihm die Agentur für Arbeit zahlt?

Mein Vater ist gewiss nicht der einzige Arbeitslose, der sich in den letzten Tagen mit den Unterlagen der Arbeitsagenturen quält. Und dabei bemüht er sich seit Jahren um einen Job. Als Schweißer wohlgemerkt. Doch seine jahrelange Erfahrung verblasst neben der Tatsache, dass er schon quasi zum alten Eisen gehört. Dabei wollte er nur fünf Jahre arbeiten - das war die magische Zahl vieler türkischer Einwanderer in den 60er Jahren - etwas Geld sparen und dann zurück in die Heimat.

Doch es kam alles anders: Er holte seine Frau nach, das Kind, und jetzt hieß es: Wenn der Kleine die Grundschule beendet hat, kehren wir zurück, damit er dort auf eine weiterführende Schule gehen kann. Deshalb kam mein älterer Bruder in eine türkischsprachige Klasse, damit er ja gerüstet war für eine vermeintlich bevorstehende Rückkehr. Die vier Jahre Grundschule waren schnell um, jetzt hieß es: Erst wenn die Tochter die Grundschulzeit beendet hat, werden wir umkehren. Mittlerweile habe ich nicht nur die Grundschule in Deutschland beendet, sondern auch hier das Abi gemacht und mein Studium beendet, und meine Eltern leben immer noch mit dem Gedanken an morgen. Jetzt heißt es bei mehr oder weniger wichtigen Entscheidungen. Erst wenn wir Rentner sind, dann sehen wir weiter.

Morgen immer das Morgen, was für eine verschwendete Jugend! Denn jung waren meine Eltern, als sie mit Anfang 20 nach Deutschland gekommen sind. Jung, dynamisch und voller Ehrgeiz. Doch nicht nur ihre Jugend haben sie in den Fabrikhallen gelassen, auch ihre Träume. Die erste Generation von Migranten in Deutschland hatte eine schwere Bürde. Sie sollten und wollten es allen Recht machen: Vor allem den Eltern und Verwandten in der Türkei, die auf Geld aus Deutschland warteten. Natürlich wollten sie ebenfalls zeigen, dass sie es zu etwas gebracht haben, was nicht selten in einem Spagat zwischen Schein und Sein endete. Selbst wenn meine Eltern den Daheimgebliebenen erzählten, dass das Leben in Deutschland kein Zuckerschlecken ist, gab es ja genug andere Türken, die im Dorf mit ihrem Mercedes prahlten und dort ein Haus bauen ließen. Nur um dann in Deutschland wieder nur mit dem Nötigsten auszukommen und in schäbigen Altbauwohnungen zu leben.

Für meine Eltern war es immer wichtig, dass wir Kinder eine gute Ausbildung bekommen und in einer vernünftigen Umgebung aufwachsen. Auch wenn sie damit keine großartigen Ersparnisse hatten wie andere ihrer Bekannten.

Immer wieder mal blicken meine Eltern wehmütig in die Vergangenheit, mit dem Gefühl, vermeintlich Vieles falsch gemacht zu haben. Dabei wäre den meisten Kindern der Einwanderergeneration schon geholfen, wenn die Eltern endlich anfangen könnten, im hier und jetzt zu leben.

Jetzt sind es nur noch drei Seiten zum Ausfüllen, die vor uns liegen: Dann haben wir auch die Hartz IV Formulare ausgefüllt, die mich in die Migrationsgeschichte meiner Familie zurückgeführt haben. Und es ist unmöglich, in die Zukunft, auch in die politische Zukunft zu blicken, ohne dabei an seine Wurzeln zu denken.

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