Ich sitze schon

27.07.2004 | Juliane Pilster

Eine in zahlreichen Schulbüchern abgedruckte Karikatur von Burkhard Mohr (www.burkhard-mohr.de) zeigt einen deutschen Michel, der es sich in seinem Fernsehsessel bequem macht und auf die Frage, ob er sich engagieren wolle, nur antwortet: "Ich sitze schon."

Als die Enquete-Kommission des Bundestages "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" eine mehrere Hundert Seiten umfassende Empfehlung für die Stärkung des Ehrenamtes aussprach, konnte man noch voller Hoffnung sein, dass sich auf dieser Strecke etwas bewegt - hin zu mehr ehrenamtlichem Engagement in Deutschland. Vielfach - vor allem in Ostdeutschland - ist bei all dem schätzenwerten Engagement einzelner Bürger jedoch wenig Fortschritt hin zu einer ehrenamtlich fundierten Bürgergesellschaft festzustellen.

Hinzu kommt: Das Vertrauen in die etablierte Politik lässt nach. Parteien verlieren Mitglieder, die Wahlenthaltung steigt, teilweise kreuzen "bewusste Protestwähler" gleich alle Kandidaten auf dem Wahlzettel durch, die Institutionen verlieren Vertrauen.

Dazu passt: Das Umsteuern in den aktuellen Politikfeldern hin zu mehr Eigenverantwortlichkeit wird von Interessengruppen - vor allem den Gewerkschaften - entschieden bekämpft. Hier herrschen noch Politikkategorien von Etatismus und Wohlfahrtsstaat vor, die anderen Leitbildern wie Eigeninitiative und Selbstorganisation der Bürger widersprechen.

Bundespräsident Rau in seiner Rede zum fünfzigjährigen Bestehen der Bundeszentrale für politische Bildung: "Das Politische ist in einer freiheitlichen und demokratischen Ordnung kein Vorrecht der Parlamente und Regierungen und kein staatliches Monopol, sondern Sache aller Bürgerinnen und Bürger und ein Anliegen der ganzen Gesellschaft."

Ganz praktisch bedeutet dies m.E.: Stärkung des Ehrenamtes, Stärkung der Bürgergesellschaft, Stärkung der Bürgerbeteiligung in und an der Politik, z.B. durch - mehr Volksinitiative/n und Volksbegehren - ein Plebiszit über die Europäische Verfassung auch in Deutschland - mehr Jugend-/Schülerbeteiligung in konkreten Projekten und in demokratisch legitimierten Jugendstadträten (vgl. www.kinderpolitik.de und www.jugendgemeinderat.de) - größere Offenheit von Parteien für das Engagement von Parteilosen - z.B. kandidierten bei den Kommunalwahlen in Magdeburg auf den FDP-Listen 32 (von 90) Kandidaten, die kein Parteibuch hatten - gezielte Anleitung zu ehrenamtlicher Arbeit und konkrete Unterstützung von Projekten durch die öffentliche Verwaltung.

Auch die politischen Jugendorganisationen haben hier eine große Aufgabe - sie sind diejenigen, die den Anfängen der Politik(er)-Verdrossenheit im frühesten Stadium entgegentreten können: Es muss möglich sein, sich (wie bei den Jungen Liberalen) ohne die Hürde "Eintritt in die Mutterpartei" in eine bestimmte Richtung politisch engagieren zu können. Das wichtigste ist, das die Jugendorganisationen ein gemeinsames Ziel verfolgen, statt die Grabenkämpfe der Parteien zu übernehmen: Die Jugend von politischem und ehrenamtlichen Engagement begeistern, um der Bürgergesellschaft von morgen ein Fundament zu geben.

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