Ich fühle mich belogen!

30.06.2004 | Bernhard Horstmann

Am schlimmsten ist es am Wochenende! Und ich kann fast nichts dagegen machen. Hauptort des "ich werde doch wohl nicht Belogengefühls" ist das Fernsehen. Da kann ich hin und herzappen, überall begegnen mir gewichtige Köpfe, die auf Talk-Shows gewichtig das Wort ergreifen. In der Woche geht es meist am Nachmittag um die Niederungen menschlichen Irrsinns und um die Schlachtordnungen im permanenten Geschlechterkampf.

Am Wochenende ist man dem Niveau verpflichtet. Da muss die Gesellschaft wieder mal gerettet werden, ein Reformstau wird unabhängig vom politischen Lager diagnostiziert. Ich erspare mir hier die Auflistung all der unerledigten Probleme, die der Lösung bedürfen - wir kennen sie alle.

Doch mag ich mich nicht beruhigt im Fernsehsessel zurücklehnen, irgendwie umschleicht mich ein unwohles Gefühl. Nicht weil die politischen Parteien sich nicht einigen können, das gehört nun mal zum politisch geführten Richtungsstreit dazu. Nein, irgendwie fühle ich mich nicht richtig im Bilde. Zwar schwirrt der Kopf bei all den Zahlen und Statistiken, doch mag ich gar nicht mehr hinhören, denn nach spätestens zwei Wochen muss zumindest - der arme Kerl- der Finanzminister seine Wirtschaftszahlen wieder korrigieren. Da hat es die Opposition schon leichter. Sie kann rechnen und behaupten was sie will, den aktuellen Beweis der Richtigkeit muss ja allein die Regierungspartei aufweisen. Und so frag ich mich, werd ich nun informiert oder manipuliert, gibt es hier den Tatbestand der bewussten Lüge, oder der blauäugigen Schönfärberei oder der lustvollen Apokalyptik (natürlich von der Opposition). Ich fühle mich belogen!

Aber, gemach, gemach! Ich glaube - schon aus meinem christlichen Verständnis heraus - an das Gute im Menschen, somit fällt also meine Unterstellung der bewussten Lüge aus. Aber dumm bin ich auch nicht und ich fühle mich auch psychisch stabil - ich kann die Wahrheit wohl ertragen. Warum sagt sie mir dann keiner? Gut, der Unterhaltungswert einer Talk Show fällt dann weg, denn wer will schon missgetröstet ins Bett gehen? Aber wenn ich aufwache, möchte ich doch hoffen dürfen, dass die oben zitierten Charakterköpfe auch an einer besseren Gesellschaft arbeiten und nicht nur davon träumend reden.

Ich verspüre in mir einen Hunger nach Vertrauenswürdigkeit, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit. Und es gibt diese Menschen, da bin ich ganz sicher - doch lässt man sie auch? Ich bin diesem Schauspiel des Taktierens müde, ich mag von Lobbyisten in teurem Zwirn nichts mehr hören, ich mag nicht mehr Zeuge sein, wenn von irgendwo her arme Witwen und Waisen als Prototyp der verarmten Gesellschaft in die Öffentlichkeit gezerrt werden. Doch keimt in mir eine unangenehme Erkenntnis auf. Um so schlechter die Zeiten, umso mehr dürstet der Mensch nach Unterhaltung, Brot und Spiele - auch wenn's brennt - sozusagen. Der Druck der Öffentlichkeit nach medialer Präsens von Politik- und Wirtschaftsprominez ist groß.

Vielleicht sollten wir ihnen diese Bühne entziehen und sie stattdessen an die Schreibtische bitten, dann ist schon viel gewonnen. Soviel Vertrauen hab ich dann doch noch. Ich sollte mit gutem Beispiel vorangehen und meinen Fernseher abmelden. Wie sagt Erich Kästner: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!"

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Politikstil | Bernhard Horstmann | weiterempfehlen →

✪ Video-Tipp

Katharina Tempel

Nein

empfohlen von: webkultur.de | Der Video-Tagesimpuls