Ich bin Gastfreund

16.08.2006 | Kathleen Battke

Die Welt war zu Gast bei Freunden. Das von Peinlichkeit durchdrungene Erschrecken über ausländerfeindliche Übergriffe und die prompte Markierung von No-Go-Areas in den Reiseführern der Gastländer wich während der Fußball-WM - oh Wunder - einem rauschhaften Nett-Sein und so gut wie aggressionsfreier Gemütlichkeit.

Ohne in Abrede zu stellen, dass in diesen Sommerwochen das Land tatsächlich fast freundlich wirkte, brennt die Frage: Was bleibt vom Taumel?

Mein Vorschlag: Nutzen wir doch die Fingerübung in Freundlichkeit zu einer Offensive für eine wahrhaft gastfreundliche Gesellschaft.

Gastfreundschaft, diese uralte Tugend, deren Kern die Freundlichkeit gegenüber dem Fremden ist, taugt in der Tat für eine moderne, humane Politik - und das auf mindestens zwei Ebenen:

1. Gesellschaftspolitisch kann Gastfreundschaft die Fragen von Integration und demografischer Entwicklung mit der positiven Vision aufladen, die dieser Debatte bisher fehlt. Die in zahllosen, weltweit und kulturübergreifend kursierenden Geschichten versammelten Rechte und Pflichten von Gastgebern wie Gästen geben weit mehr konstruktives her als jeder Integrationstest. Die "Einwanderer-Gesellschaft" verliert ihre Schrecken, wenn wir uns wie Gastgeber und Gäste aufeinander zu bewegen. Das meint kein Harmonie-Gesäusel: Streitbare und mutige, dabei aber respektvolle Gespräche zwischen den Weltreligionen, die Dogmen ebenso zu überwinden bereit sind wie liebedienernde "Toleranz", geben der eng geführten Diskussion Weite und Tiefe. Gastfreundschaft ist in allen Hochkulturen eines der vornehmsten Gebote. Terror-Angst kann sich unter dem Dach dieser Vision in Zivilcourage verwandeln.

Gastfreundschaft wirkt schließlich - und auch dies ist eine gesellschaftspolitische Dimension - auf eine ökologische Grundhaltung hin und fördert nachhaltige Denkweisen: Wir sind (nur?) zu Gast auf dieser Welt; also verhalten wir uns doch bitte entsprechend und erweisen unserem Gastgeber Respekt, in dem wir die Erde - für mögliche nächste Gäste - wenn schon nicht schöner als vorher, so doch wenigstens bewohnbar hinterlassen.

2. Wirtschaftspolitisch kann Gastfreundschaft den fruchtbaren Regen für die "Servicewüste Deutschland" bringen: Wer seine Kunden als Gäste behandelt, bringt ihnen die Wertschätzung entgegen, die zahlenden Leistungsabnehmern gebührt und die als Echo - natürlich von den unvermeidlichen Ausnahmen und schwarzen Schafen abgesehen - wiederum Wertschätzung hervorrufen wird. Dienstleistungen für Gäste zu erbringen adelt. Gegenüber Partnern, Lieferanten und sogar Konkurrenten sollte eine gastfreundliche Haltung nicht minder leicht fallen - schließlich sind wir auf globalen Märkten selbst dauernd Gäste und schätzen es, als solche behandelt zu werden.

Schließlich gibt die Haltung der Gastfreundschaft auch zukunftspolitisch Impulse: Das Fremde ist das Neue. Sind wir in der Lage - wollen wir uns in die Lage versetzen - das Neue willkommen zu heißen und endlich den Wandel für das Normale zu halten? Wenn die Zukunft an die Tür klopft - machen wir auf, laden wir sie ein, bewirten wir sie und sind neugierig auf ihre Geschichten? Oder wird sie nur einen misstrauischen Schatten hinter der Gardine wahrnehmen und weiter ziehen müssen?

Gastfreundschaft kann man lernen.

Weltmeister der Herzen ist nicht genug: Deutschland wird GastfreunD!

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