Wir brauchen für die Zukunft keine liberale-, sondern eine humane Ökonomie

25.01.2006 | Ralf-Burkhard Hamm

In den westlichen Industrienationen verläuft die gesellschaftliche Entwicklung oft in zyklischen Spiralbewegungen. So wiederholen sich nicht nur bestimmte Moden von Zeit zu Zeit, sondern auch unsere Wert- und Moralvorstellungen erleben regelmäßig (in modernisierter Form) eine gewisse Renaissance. Beispielsweise kann weltweit zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine zunehmende Dominanz der liberalen Theorien beobachtet werden.

Parallel hierzu nimmt in vielen Gesellschaften die kulturelle Identität ab bzw. die Orientierungslosigkeit der Menschen nimmt stetig zu. Damit soll allerdings nicht zum Ausdruck gebracht werden, dass die liberalen Theorien für die Orientierungslosigkeit der Menschen verantwortlich sind.

Während in den arabischen Staaten aufgrund des gesellschaftlichen Wandels die Menschen Sicherheit und Halt im Islam suchen, wenden sich besonders in Europa immer mehr Menschen von den christlichen Kirchen ab. Diese sind nicht in der Lage sich zu modernisieren und schaffen so ein geistiges Vakuum, das esoterische Gruppen, Sekten und neoliberale Theoretiker wieder ausfüllen. In Europa und ebenso in den USA ist der "Neoliberalismus" auf dem besten Weg eine Staatsreligion zu werden. Obwohl der griechische Begriff "néos" so viel wie neu, jung oder frisch bedeutet, sind die Ideen dieser Wirtschaftstheorie ganz und gar nicht so fortschrittlich wie uns das seine Befürworter glauben machen wollen. Wenn man die heutigen sozioökonomischen und kulturellen Veränderungsprozesse besser verstehen möchte, dann sollte man sich mit den geistigen Vätern der Libertins beschäftigen.

In diesem politischen Essay möchte ich die Entstehungsphase der liberalen Wirtschaftstheorien etwas genauer betrachten. Wie wirkt sich diese Epoche auf unser Leben aus? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Theorie vom freien Markt bzw. der Herrschaft der Natur und der heutigen Inhumanität.

Die ersten liberalen Theorien entstanden Mitte des 18. Jahrhunderts, sozusagen als Gegenbewegung zum Colbertismus. Colbert forderte eine Regulierung der Wirtschaft durch entsprechende staatliche Vorschriften. Speziell in Frankreich entwickelten Francois Quesnay (1758) und Anne Robert Jacques Turgot (1751) das wirtschaftspolitische Konzept der Physiokraten. Der Begriff Physiokratie bedeutet so viel wie Herrschaft der Natur. Die Vertreter dieser Theorie gingen davon aus, dass wirtschaftliche Prozesse genauso wie Naturprozesse funktionieren müssten. Das Luststreben des einzelnen Menschen würde zum bestmöglichen Zustand der gesamten Gesellschaft führen. Jeder Eingriff in das natürliche Zusammenspiel der Marktkräfte sollte nach Auffassung der Physiokraten unterbleiben, und alle staatlichen Regulierungsversuche würden zur Stagnation oder zum Niedergang der Wirtschaft führen. Neben der Theorie von den freien Marktkräften verwendeten die Physiokraten bereits vor Marx ein dreistufiges Klassenmodell.

Eine konsequente Interpretation der Theorie zur "Herrschaft der Natur" und des "freien Marktes" findet man bei Marquis de Sade (1740-1814). Er besuchte wie Turgot das Jesuitenkolleg Louis-le-Grand in Paris. Marquis de Sade, der eigentlich durch seine pornographische Literatur bekannt wurde, schrieb: "Wenn also unbestreitbar ist, dass wir von der Natur das Recht erhalten haben, jeder Frau nach Belieben unsere Wünsche auszusprechen, so ist auch unbestreitbar, dass wir das Recht haben, sie zu zwingen, sich unseren Wünschen zu unterwerfen... Hat die Natur nicht dieses Recht bewiesen, indem sie uns die Kraft verlieh, sie unseren Wünschen zu unterwerfen" (vgl. Sade 1995, S.302)? Ein paar Seiten weiter schrieb er: "Die großen Mordtaten oder die Massenmorde in den Kriegen sind doch auch als nichts anderes aufzufassen, als wie sonst die Massenvernichtung der Menschen durch die Natur..." (vgl. Sade 1995, S.314). Für Marquis de Sade ist der Mord an Menschen, die Folter oder Vergewaltigung legitim und entspricht den Gesetzen der Natur. Er würde wohl zu den heutigen Menschrechtsverletzungen sagen: So ist das Leben und so funktioniert der freie Markt, nur die Stärksten setzen sich durch. Wobei der Begriff "freier Markt" nicht gleichgesetzt werden sollte mit dem freien Handel sondern für unkontrolliert und zügellos steht. Jeder macht das, was er tun will und tun kann, alle Handlungen sind erlaubt. Anders als im 18. Jahrhundert funktioniert unsere vernetzte Welt jedoch nur, wenn wir miteinander kooperieren, die Menschenwürde des anderen achten und wenn wir Rücksicht aufeinander nehmen.

Die menschenverachtende Weltanschauung eines de Sade ist keineswegs die Einzelmeinung eines "kranken" oder "perversen" Schriftstellers. So schrieb der Urvater der Libertins Bernard de Mandeville (1670-1733): "Das Mitleid ist zwar der sanfteste und unschädlichste von allen unseren Affekten, aber doch ebenso sehr eine Schwäche unserer Natur wie Wut, Stolz oder Furcht" (vgl. Mandeville 1998, S.105). Sehr interessant ist auch folgendes Zitat von Mandeville: "Der einzige mit Rücksicht auf die Ruhe und den Frieden der Gesellschaft nützliche Affekt des Menschen ist also seine Furcht; je mehr man sich dies zunutze macht, desto gesitteter und lenkbarer wird er sein" (vgl. Mandeville 1998, S.243). Diese Strategie klingt heute im Zeitalter der Globalisierung irgendwie vertraut. Wenn der Mensch nur genügend Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut hat, dann arbeitet er gerne 16 Stunden am Tag, geht trotz Krankheit zur Arbeit, verzichtet auf seinen Jahresurlaub und bringt demnächst auch seine Kinder wieder mit in den Betrieb, weil die anderen Unternehmen im Ausland erstens günstiger produzieren und zweitens die Kinder hierzulande noch nicht durch die Gewerkschaften so indoktriniert sind. Ist diese Behauptung eine böse Übertreibung? Zumindest damals sprach sich Mandeville gegen die Armenschulen und für die Kinderarbeit aus, weil ein Kind in der Schule nur das Stehlen lernen würde. Almosen an arme und kranke Menschen sollten nicht gegeben werden, das würde lediglich zur Faulheit führen.

Im Gegensatz zu den Physiokraten, dem Schriftsteller de Sade, oder Mandeville, vertritt der eigentliche Begründer der liberalen Wirtschafstheorien Adam Smith (1723-1790) ein humaneres Gesellschaftsbild. "So wurde der Mensch, der nur in Gesellschaft bestehen kann, von der Natur jener Situation angepasst, für die er gemacht war. Alle Mitglieder der menschlichen Gesellschaft bedürfen des gegenseitigen Beistandes..." (vgl. Smith, S.118). Neu war diese Gesellschaftsauffassung von Smith allerdings nicht. Bereits Thomas Hobbes (1588-1679) schrieb in seinem Leviathan: "Wäre folglich keine Macht da, welche allen das Gleichgewicht halten könnte, so wäre das Leben der Menschen nebeneinander natürlich nicht bloß freudlos, sondern vielmehr auch höchst beschwerlich" (vgl. Hobbes 1998, S.114). Es sollte indes erwähnt werden, dass Thomes Hobbes ein Verfechter der Monarchie war.

Rückblickend wird deutlich, dass sich die physiokratische Theorie vom freien Markt und der Herrschaft der Natur gegenüber den humanistischen Strömungen innerhalb des liberalen Lagers durchgesetzt hat. Die heutigen Neoliberalen möchten wenn überhaupt nur noch einen Nachtwächterstaat. Sie sind wie Mandeville nicht bereit, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Eine protestantische Ethik, wie Max Weber sie beschrieben hat, ist schlecht für das Geschäft. Die Unternehmenskultur in Deutschland ist "sozialdarwinistisch" orientiert, jeder kämpft gegen jeden, bis keiner mehr übrig bleibt. Daher ist auch die Kooperationsbereitschaft zwischen den deutschen Unternehmen nur sehr gering ausgeprägt. Es wird sich bald zeigen, ob sich die deutschen Betriebe mit solchen Strategien beispielsweise gegen den chinesischen Markt behaupten können.

An dieser Stelle sollte betont werden, dass Marktwirtschaft oder Globalisierung keine Subjekte sind, die gute oder schlechte Handlungen begehen. Die Hypothese: Das Luststreben bzw. das ökonomische Handeln des einzelnen Individuums fördere das Gemeinwohl, hat sich jedoch als eine falsche Annahme erwiesen. Aus der Spieltheorie wissen wir, dass Strategien wie die der Defektion also der Nicht-Kooperation zum schnellen Ende des Spiels (sprich zum Systemzusammenbruch) führt. Am Rande bemerkt, der Wirtschaftswissenschaftler und Mathematiker John Nash hat in seiner grundlegenden Analyse des Gleichgewichts in nicht-kooperativen Spieltheorien nachgewiesen, dass es besser wäre, wenn unsere Handlungen so ausfallen, dass wir dabei nicht allein auf unsere eigenen Interessen achten, sondern dabei auch das Gemeinwohl im Auge behalten. Für diese Theorie hat John Nash 1994 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten. Der geistige Vater der Libertins Adam Smith drückte es einmal so aus: "In der Herrschaft über jene körperliche Begierden besteht die Tugend, die im eigentlichen Sinne Mäßigkeit genannt wird. Die Begierde in jenen Grenzen zu halten, die die Rücksicht auf Gesundheit und Vermögen vorschreiben, ist Aufgabe der Klugheit. Sie aber in jene Schranken zu weisen, die Anmut, Schicklichkeit, Feingefühl und Sittsamkeit erfordern, ist Sache der Mäßigkeit" (vgl. Smith 1949, S.49).

Der Begriff "Mäßigkeit" ist im Kasinokapitalismus ein Fremdwort. Aktionäre und besonders die großen Konzerne wollen nur noch eins: mit relativ geringem Kapitaleinsatz einen maximalen Gewinn erzielen. Um Arbeit geht es dabei schon lange nicht mehr, die Belohnung oder der "Lustgewinn" soll wie bei der Bedürfnisbefriedigung kleiner Kinder sofort geschehen: alles und grenzenlos. Gut qualifizierte Mitarbeiter werden nicht als Chance für das Unternehmen begriffen sondern nur noch als ein Kostenfaktor angesehen, der wegrationalisiert werden muss. Inzwischen haben die neoliberalen Ökonomen erreicht, dass die gesamte Gesellschaft durchrationalisiert wird. Selbst das Alltagsleben unterliegt dem Diktat des wirtschaftlichen Handelns. Hieraus ergeben sich oftmals paradoxe Situationen, zum Beispiel dann, wenn in einer Klinik überlegt wird, ob ein Patient in einem Hotel untergebracht wird und die Behandlung ambulant erfolgen soll, weil das billiger ist als die Unterbringung im Krankenhaus. Ein zweites Beispiel: Wenn sie heute eine staatliche Förderung für ein Forschungsprojekt bekommen, dann benötigen sie ca. 60 Prozent der Arbeitszeit für die Verwaltung und Evaluation des Projekts. In den restlichen 40 Prozent können sie ihrer eigentlichen Forschung nachgehen. Inzwischen arbeiten immer weniger Menschen produktiv an etwas. Stattdessen kontrollieren, evaluieren und berechnen wir die Effizienz der anderen. Sie als Leser kennen mit Sicherheit genügend weitere Beispiele dafür, dass ökonomische Zwänge zu paradoxen Situationen führen. Lustig ist das Ganze schon lange nicht mehr. Wird möglicherweise die Euthanasie in Deutschland auch deshalb wieder interessant, weil sie hilft Kosten zu sparen? Die Ideologie vom ökonomischen Handeln hat zur Folge, dass wir zunehmend in unmenschlichen Systemen leben müssen.

Wenn es darum geht soziale Sicherungssysteme abzubauen, dann begründen dies die Neoliberalen mit der Globalisierung und damit, dass die Unternehmen Geld für ihre Kriegskassen benötigen. Sollte einmal der Prozess der Globalisierung abgeschlossen sein, dann würde es allen besser gehen. Doch ehrlich gesagt, die neoliberale Idee von einer Welt die nur aus schönen, reichen und starken Menschen besteht, ist nicht realisierbar. Marktwirtschaft funktioniert anders. Sie schafft soziale Ungleichheit und bedarf der Regulation durch die Gemeinschaft (Artikel 20 Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland). Dank dieser Erkenntnis ging es den Menschen in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg relativ gut. Selbst wenn jetzt Kritiker einwenden könnten, dass der Begriff Marktwirtschaft lediglich ein wirtschaftspolitisches Konstrukt sei. Was war schlecht am rheinischen Kapitalismus bzw. an der sozialen Marktwirtschaft?

Vergessen haben die neoliberalen Funktionäre auch folgendes: Weil der Mensch "...sich in dem Zustande des Krieges aller gegen alle befindet und jeder sich der Leistung seiner eigenen Vernunft überlässt und das es nichts gibt, was er nicht irgendeinmal zur Verteidigung seines Lebens gegen einen Feind mit Erfolg gebrauchten könnte, folgt, dass im Naturzustande alle ein Recht auf alles, die Menschen selbst nicht ausgenommen, besitzen. Solange daher dieses Recht gilt, wird keiner, solle er auch der Stärkste sein, sich für sicher halten können" (vgl. Hobbes 1998, S.119). Jeder Mensch mit ein wenig Verstand müsste doch eigentlich bereit sein, seinen Anspruch auf Gewaltausübung an den "Leviathan" zu delegieren, damit wir alle in Sicherheit miteinander leben können. Wenn allerdings ein Staat aus ökonomischen Interessen gegen ein anderes Land in den Kreuzzug zieht, andere Menschen entführt, foltert oder tötet, dann darf dieser Staat sich nicht wundern, wenn durch seine Handlungen seine eigene Sicherheit gefährdet wird. Das Recht des Stärkeren führt nicht nur zur Armut in der Dritten Welt sondern fördert auch den internationalen Terrorismus. Die Welt ist nach dem Irak-Krieg nicht besser sondern noch unsicherer und gewalttätiger geworden.

Problematisch ist außerdem: Nicht nur das Recht des Stärkeren bzw. die Ideologie des freien Marktes fördert die Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es scheint so, dass die neoliberale Variante der Marktwirtschaft die Demokratie nicht mehr benötigt. Wiederholen sich möglicherweise gesellschaftliche Strukturen in der Form, dass wir eine "modernisierte" Feudalgesellschaft bekommen, in der Kapital, genetische Patente, Informationen, Produktionsmittel und der Boden wieder wenigen Lehnsherren bzw. Aktionären gehören?

Was wäre eine adäquate Antwort auf die Frage der internationalen Sicherheit? Bereits Thomas Hobbes und John Locke (1632-1704) haben einige Ideen entwickelt, die uns heute helfen könnten. Zunächst John Locke: "Das Zusammenleben der Menschen nach ihrer Vernunft, ohne einen gemeinsamen Oberherrn auf Erden mit der Macht, ihnen Recht zu sprechen, bedeutet den reinen Naturzustand. Gewalt aber, oder die erklärte Absicht, gegen die Person eines anderen Gewalt zu gebrauchen, bedeutet, wo es keinen gemeinsamen Oberherrn gibt auf Erden, den man um Hilfe anrufen könnte, den Kriegszustand" (vgl. Locke 1983, S.16).

Auf die heutige Zeit übertragen bedeutet dies, dass wir eine starke UNO brauchen, die bei Verstößen gegen das Völkerrecht Polizeigewalt bekommt, die für Katastrophenfälle mobile Expertenteams entsenden kann und die ein internationales Kartellamt einrichtet, das die Bildung von Oligopolen und Monopolen verhindert. Wir brauchen eine internationale Instanz, die steuernd im Sinne einer sozialen Marktwirtschaft eingreift. Wir brauchen nicht nur in Europa verbindliche soziale Standards, die ein Leben in Würde und ohne Hunger ermöglichen.

Nun zu Thomas Hobbes. Er schrieb um 1650; "Im Naturzustande gibt es keine Gerichtshöfe, folglich finden da auch keine Anklagen statt" (vgl. Hobbes 1998, S.127). Es wird Zeit, dass sich auch Länder wie die USA am Internationalen Gerichtshof beteiligen. Warum hat die Regierung der USA so große Bedenken gegen einen solchen Gerichtshof, wenn sie selbst die "good boys", also kein Schurkenstaat sind? Damit die Sache nicht einseitig wird: Die Menschenrechtsverletzungen in der ehemaligen Sowjetunion gehören ebenfalls vor den Internationalen Gerichthof. Unabhängig davon könnte ein internationaler Gerichtshof beispielsweise bei transnationalen Geschäftsbeziehungen recht nützlich sein.

Wie reagieren die Linken und die Communitarier in Deutschland auf die Dominanz der Neoliberalen? Wenn sie nicht selbst wie große Teile der Sozialdemokraten und Mitglieder der Grünen Partei die Ziele und Ideale der Liberalen übernommen haben, dann warten sie passiv und in freudiger Erwartung auf den Zusammenbruch des Wirtschaftssystems. Das wird wahrscheinlich auch irgendwann passieren. Doch zu welchen Preis? Auch wenn ich mich jetzt wiederhole, was ist so schlecht an der sozialen Marktwirtschaft und warum treten wir nicht stärker für sie ein?

Wenn die Linke in Deutschland (gemeint ist keine spezielle Partei) weiterhin auf den Untergang des Kapitalismus wartet, dann bekommen wir schon bald wieder politische Verhältnisse die man sehr schön bei Mandeville (1670-1733) nachlesen kann: "Mir ist glaubhaft versichert worden, dass ein Pack Lakaien zu solchen Unverschämtheiten gelangt sind, dass sie einen Verband gegründet und Statuten geschaffen haben, durch die sie sich verpflichten, nicht für weniger als die und die Summe zu dienen..." (vgl. Mandeville 1998, S.337). "Sollte nicht beizeiten die Ordnung wiederhergestellt werden, sollten jene Lakaien die Mitgliederzahl ihrer Gesellschaft soweit wie möglich vergrößern, und sollten sie sich, so oft es ihnen beliebt, straflos versammeln können, so wird es in ihrer Macht liegen, aus der Komödie eine Tragödie zu machen, sobald sie dazu Lust haben" (vgl. Mandeville 1998, S.338).

Für Mandeville sind Menschen, die sich zusammenschließen und für bessere Lebensbedingungen eintreten, Kriminelle. Wenn man sich beispielsweise die jüngsten Äußerungen der FDP hinsichtlich der Gewerkschaften anhört, dann kann man sich ungefähr vorstellen, welchen politischen Zustand das neoliberale Klientel wieder herstellen möchte.

Wie könnte eine mögliche Zukunft aussehen, bzw. welche Alternativen haben wir zur neoliberalen Ideologie?

Spätestens in 200 Jahren werden die Menschen in einer "Weltgesellschaft" leben, vielleicht so, wie Niklas Luhmann sie beschrieben hat. Die Globalisierung ist nicht nur negativ, sondern hat auch positive Aspekte, die gestärkt werden müssten. Eine solche Globalisierung bewahrt die Identität und Vielfalt der unterschiedlichen Kulturen, erweitert die individuellen Sichtweisen auf unsere Welt und ermöglicht der Menschheit kognitiv und emotional zu wachsen. Nicht die Durchsetzung der eigenen Interessen bedeutet Stärke sondern die Vielfalt, sie ermöglicht uns das Überleben. Notwendig ist, dass wir stärker aufeinander Rücksicht nehmen, die Würde des Anderen achten und besser miteinander kooperieren. Die Kooperation wünsche ich mir allerdings nicht um jeden Preis. Intoleranz, Habgier und Rücksichtslosigkeit müssen durch die Gemeinschaft sanktioniert werden. Jeder Mensch hat das Recht zu leben, ohne Hunger und Durst, ohne Krieg und Terrorismus, in Sicherheit, mit Kleidung, Bildung, medizinischer Versorgung und einem Dach über dem Kopf. Alle Menschen haben das Recht auf Arbeit. In der Regel gibt es nur wenige Menschen, die nicht etwas sinnvolles tun möchten. Das Recht auf Arbeit darf nicht zum Zwang werden (in Europa gab es schon zu viele Arbeitslager und Gulags), denn auch ohne Arbeit steht jedem Mensch Nahrung, Kleidung und sauberes Trinkwasser zu. Kein Mensch darf auf Grund seiner ethnischen Herkunft, seiner religiösen oder politischen Vorstellung, seines Geschlechts, seines Alters, seines körperlichen oder geistigen Zustandes benachteiligt werden.

Jeder Mensch hat das Recht Fehler zu machen. Auch durch Fehler oder gerade durch Fehler können wir besser werden. Alle Menschen haben das Recht auf eine zweite und dritte Chance. Wir benötigen gemeinsame Regeln, die uns das Zusammenleben erleichtern. Manchmal werden Regeln unbrauchbar, dann müssen wir uns auf neue verständigen. Ein begrenzter Regelbruch kann manchmal für alle nützlich sein (beispielsweise im Straßenverkehr, wenn durch die Regelbefolgung das ganze System zusammenbrechen würde). In solchen Fällen sollten wir vielleicht auf eine Sanktionierung verzichten. Jeder Mensch braucht Liebe. Jeder Mensch darf über sein Leben, seine eigenen Gene, seinen Aufenthaltsort und über seine Daten selbst bestimmen. Jeder Mensch hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Freiheit und die freie Meinungsäußerung. Menschen dürfen an das glauben, woran sie glauben wollen, solange sie nicht anderen ihre Vorstellungen von der Welt oder was auch immer aufzwingen. Menschen dürfen sich selbst aussuchen, mit wem sie zusammen leben möchten, unabhängig von der Rasse, dem Geschlecht oder der Herkunft des anderen. Alle Menschen haben das Recht mit gleicher Stimme an den Entscheidungen der Gemeinschaft teilzunehmen. Die Informationen der Gemeinschaft müssen kostenlos für alle Menschen zugänglich sein. Jeder Mensch hat das Recht auf Kommunikation.

Thomas Hobbes würde vielleicht sagen, der Mensch sei von Natur aus böse und die hier geäußerten Wünsche seien unrealistisch. Möglicherweise hätte er mit dieser Antwort recht. Andererseits "glaube" ich an die Aufklärung und an die Erkenntnisse eines Jean-Jacques Rousseau: der Mensch wird erst durch die andern Menschen zum schlechten "erzogen". Wer konnte sich schon vor ca. 350 Jahren vorstellen, wie heute die Menschen in Westeuropa zusammenleben? Die Schlussfolgerung von Hobbes, dass wir einen "guten" Leviathan brauchen der uns Schutz gewährt, ist weiterhin gültig. Jedoch sollte es sich dabei um einen demokratischen "Leviathan" handeln. Der Prozess der Zivilisation wird weiter gehen, wenn wir nicht zulassen das die Herrschaft der Natur und die Ideologie des "unkontrollierten" Marktes obsiegt.

Hier kommen ein paar Vorschläge wie die nächsten Schritte aussehen könnten:

  • Die Staatengemeinschaft muss den Internationalen Gerichtshof stärken.
  • Wir Verbraucher müssen durch unser Konsumverhalten auf wirtschaftliche Fehlentwicklungen stärker reagieren bzw. müssen dagegen steuern. Die Politiker in Deutschland sind dazu scheinbar nicht mehr in der Lage.
  • Die UNO muss mehr Kompetenzen und finanzielle Ressourcen erhalten. Sie braucht mobile Expertenteams für Katastrophenfälle, ein internationales Kartellamt, eine gemeinsame Sozialcharta bzw. soziale Mindeststandards für alle Länder und möglicherweise die Polizeigewalt bei Übertritten gegen das Völkerrecht.
  • Wir dürfen Krieg und Menschenrechtsverletzungen nicht mehr schweigend hinnehmen.
  • Wir benötigen Aktionäre und Unternehmer, die ein moralisches Gewissen bzw. einen sozialethischen Kodex haben, Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und sich, um es in den Worten von Adam Smith zu sagen, "mäßigen". Denn sonst ist das Spiel bald aus...

Literatur

Hobbes, Thomas; Mayer, Jacob P. 1998: Leviathan. Erster und zweiter Teil. Universal-Bibliothek. Stuttgart: Verlag Philipp Reclam jun.

Locke, John 1983: Über die Regierung. Stuttgart: Verlag Philipp Reclam jun.

Mandeville, Bernard de 1998: Die Bienenfabel oder private Laster, öffentliche Vorteile. 2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag

Sade, Marquis de 1995 : Die Philosophie im Boudoir. Oder die lasterhaften Lehrmeister. Bd. 5, Köln: Könemann Verlagsgesellschaft mbH

Smith, Adam 1949: Theorie der ethischen Gefühle. Oder: Versuch einer Analyse der Grundveranlagungen, mit deren Hilfe die Menschen natürlicherweise das Verhalten und den Charakter zunächst ihrer Mitmenschen und sodann auch ihrer selbst beurteilen. Frankfurt am Main: Erschienen bei Georg Kurt Schauer

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