Hoffnungsvolle Zukunftsbilder fördern

17.06.2005 | Werner Mittelstaedt

I. Vorbemerkungen

In den westlichen Industriegesellschaften gibt es seit einigen Jahren keinen qualitativen politischen und gesellschaftlichen Fortschritt. Politischer Stillstand und Rückschritte kennzeichnen unsere Zeit, ganz besonders in der Entwicklungs-, Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Umweltpolitik und im völlig misslungenen "Kampf gegen den Terror".

Auch in der Friedenspolitik der führenden Industrienationen gibt es große Defizite, wenn wir etwa an die Kriege in Afghanistan, im Irak, in Tschetschenien und die weltweit weiteren über vierzig gewaltsam ausgetragenen Konflikte und ihre Folgen denken, die in den letzten Jahren stattfanden und überwiegend zur Zeit noch ausgetragen werden.

Es ist keine Form von Wandel in Sicht, der die wirklich großen nationalen und globalen Herausforderungen ernst nimmt. Das allgemeine Unbehagen über die wirtschaftliche Entwicklung steht im Fokus der Menschen und der Politik - nicht Beiträge zur Minderung der akuten Gefährdung und Zerstörung der Biosphäre durch den Menschen, nicht die Möglichkeiten das Elend der Menschen in den Ländern der sog. Dritten und Vierten Welt zu lindern, nicht das Nachdenken über die Gefährdung der Lebensmöglichkeiten nachfolgender Generationen, nicht der Beitrag der Industrienationen zur Verhinderung von Kriegen und gewaltsam ausgetragenen Konflikten in der Welt.

Die Politik konzentriert sich primär darauf, "Antworten" auf die Probleme der wirtschaftlichen Globalisierung zu geben. Aber mit ihren Konzepten gelingt es ihr nicht. Weil sie seit vielen Jahren nicht erfolgreich sind, nimmt das Tempo politischen Wandels zu. Hektisch entworfene Reformen prägen die politische Realität. Sie müssen in immer kürzeren Intervallen korrigiert werden und können nicht verhindern, dass die Qualität der sozialen Sicherungssysteme immer schlechter wird und der Wirtschaft immer mehr Freiheiten eingeräumt werden. Freiheiten, die sich zunehmend gegen den Staat und ihre Bürger richten. Diese Form des Wandels kann keinen wahren Fortschritt für Mensch und Gesellschaft erzeugen.

Um qualitative Veränderungen zur Wiedererlangung der Zukunftsfähigkeit zu erzielen, müssen die Seelen der Menschen angesprochen und einbezogen werden und ihnen Visionen mit nachvollziehbaren Perspektiven für die Zukunft vermittelt werden. Darüber hinaus benötigen Menschen das Gefühl von Zukunftssicherheit und sozialen Schutz durch den Staat. Das Gegenteil trifft zu!

Das sind essentielle Gründe dafür, weshalb für die Mehrheit der Bevölkerung der derzeitige gesellschaftliche Wandel negativ besetzt ist und sie sich von der Politik abwendet.

Dieser Befund ist aber nicht nur ein politisches, sondern ein gesellschaftliches Versagen. An dem ist mehr oder weniger fast jeder beteilig.

Stattdessen benötigen wir eine grundlegende Reform des Fortschrittsbegriffs. Er muss auf das Ziel der nachhaltigen Entwicklung ausgerichtet sein. Dafür müssen hoffnungsvolle Zukunftsbilder gefördert werden, die uns allen einsichtig erscheinen. Eine gelingende Politik der Zukunft muss dafür nicht nur werben, sondern auch dafür kämpfen.

II. Aspekte des Status quo

Zu viele gesellschaftliche Veränderungen in den westlichen Industriegesellschaften bestehen aus Reaktion, kurzfristigem Aktionismus und Krisenmanagement. Ein großer Teil davon konzentriert sich fast ausschließlich auf die Probleme der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes. Nur ganz wenige gezielte Aktionen und überlegte Zukunftsplanungen bestimmen das politische Tagesgeschäft.

Weil noch immer daran festgehalten wird, über die Steigerung des Wirtschaftswachstums die meisten gesellschaftlichen Probleme lösen zu können, wurden auch die Kriterien richtigen Wertens und Handelns für viele Fragen unseres Alltags in den letzten Jahren zunehmend verschwommener. Die Aufgabestellungen und Probleme, denen wir ausgesetzt sind, können von vielen Menschen oftmals nicht mehr eindeutig als vernünftig oder richtig bzw. unvernünftig oder falsch beantwortet werden. Immer öfter gilt die Aussage: "Was gestern noch richtig war, ist heute schon falsch." Dieser Trend, der gleichzeitig ein Bestandteil unseres Wertewandel ist, könnte in den nächsten Jahren aufgrund der Lebensbedingungen unserer globalisierten, wissenschaftlich-technisch und durch die von der neoliberalen Weltwirtschaft geprägten Zivilisation fortschreiten. Heutzutage sind selbst so bedeutende Werte wie Solidarität und Gerechtigkeit auf dem Rückzug. (In der SPD gab im Jahre 2003 sogar Versuche, das Wort Gerechtigkeit aus dem Parteiprogramm streichen.) Krieg wurde für die meisten westlichen Industriegesellschaften seit dem Kosovo-Krieg im Jahre 1999 wieder ein Mittel der Politik. Ethische Grundsätze werden durch angeblich ökonomische Zwänge, insbesondere im Bereich der Gentechnik, nach und nach aufgegeben. Im diesem Kontext überrascht es nicht, dass das EU-Parlament Ende 2003 mit deutlicher Mehrheit (300 gegen 210 Stimmen) die Forschung an embryonalen Stammzellen fördert, in den Vereinten Nationen im Jahre 2004 der Versuch scheiterte, das Klonen weltweit zu verbieten und der britische Wissenschaftler Ian Wilmut im Jahre 2005 den angesehenen und mit staatlichen Mitteln dotierten Paul-Ehrlich-Preis erhielt (Ian Wilmut hat 1996 das Klonschaf "Dolly" der Welt präsentiert und in den letzten Jahren menschliche Embryonen zu therapeutischen Zwecken geklont!).

Auch wird immer weniger über die dramatische Zerstörung der Umwelt durch den Menschen nachgedacht bzw. entsprechend gegengesteuert. Der unbestreitbare Niedergang der Partei "Bündnis90/Die Grünen" in Deutschland, die seit Mai 2005 in keinem Landesparlament mehr in der Regierungsverantwortung steht und die auf allen Ebenen ihre umweltpolitischen, aber auch friedenspolitischen Vorstellungen nicht einmal ansatzweise durchsetzen konnte, ist dafür ein politischer Beleg. Das nicht besonders ausgeprägte Umweltbewusstsein und die darauf aufbauenden Wert- und Handlungsmuster der Menschen sind ein weiterer.

Unser Wertesystem lässt alles vernünftig erscheinen, was dem rein quantitativen Wachstumsmodell (mehr Waren und Dienstleistungen = mehr Wachstum) und der neoliberalen Wirtschaft dienlich sind. Es wurde instrumentalisiert durch eine gesellschaftliche Logik, die durch den globalisierten Weltmarkt bestimmt wird. Diejenigen, die in unserer Epoche an traditionelle Werte und Tugenden festhalten, stehen scheinbar auf der Verliererseite. Menschen, die sich für eine gerechtere Welt engagieren, werden nicht selten als Sozialromantiker und/oder Gutmenschen bezeichnet und damit für realitätsblind gehalten.

Wenn wir insbesondere die Zeit nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes betrachten, in der ohne jeden Zweifel die neoliberale Wirtschaftsdoktrin obsiegte, so müssen wir nüchtern festzustellen, dass die Welt ein andere geworden ist: Im Zuge der Globalisierung der Weltwirtschaft und der neoliberalen Wirtschaftsordnung der führenden Industriegesellschaften sowie der Shareholder-Value-Politik aller Global Players, hat sich herausgestellt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich überall auf der Welt noch größer geworden ist. Die weit verbreitete Shareholder-Value-Politik bedeutet, dass die Konzerne nur noch daran interessiert sind, ihre Aktienkurse zu steigern. Aber auch kleinere Unternehmen, die nicht an den Börsen notiert sind, versuchen ihre Gewinne durch Verlagerung der Standorte in Billiglohnländer zu steigern. Dabei wird, die Praxis belegt es seit Jahren, keine Rücksicht auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihre Familien und auf gesellschaftliche Mitverantwortung genommen. So suchen viele Konzernmanager unentwegt nach Möglichkeiten "Standorte" ausfindig zu machen und zu nutzen, wo "ihre" Konzerne die niedrigsten Steuern, Löhne und Gehälter zahlen. Außerdem werden Standorte bevorzugt, die die wenigsten Umweltauflagen haben. Sie investieren primär in Produktionen, die die höchsten Renditen erzielen und die niedrigsten Investitionskosten haben. Darüber hinaus agieren sie auf den Finanzmärkten der Welt mit dem Ziel, hohe Renditen möglichst ohne den Einsatz von Produktionsmitteln zu erzielen. Seit einiger Zeit spricht man deshalb auch vom "Casino-Kapitalismus", der es auch möglich macht, dass ca. 90% des globalen Geldumlaufs an Banken und Börsen aus puren Spekulationen bestehen und nur ca. 10% aus Finanztransaktionen Geld gegen Ware.

Die Politik der Deregulierung, Privatisierung und Monetarisierung, also die neoliberale Wirtschaftspolitik, die sich in den letzten 15 bis 20 Jahren in den westlichen Industrienationen mehr und mehr durchsetzte, hat den Global Players dafür die Basis geschaffen.

Politiker versuchen verzweifelt, die Arbeitslosenquoten zu senken und die sozialen und gesellschaftlichen Errungenschaften in Form der sozialen Sicherungssysteme zu verteidigen, die durch die neoliberale Globalisierung auf das Schlimmste gefährdet sind. Dabei lassen sie sich auf immer mehr Kompromisse ein und tragen zur Umverteilung des Volksvermögens von unten nach oben bei.

Als Zauberformel zur Problemlösung wird immer wieder die Belebung des primär quantitativen Wirtschaftswachstums angepriesen, dass nicht nur die Biosphäre zu zerstört, sondern durch die neoliberal orientierte Globalisierung sehr viele Verlierer und nur wenige Gewinner zulässt. Und es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass selbst Wachstum in Form satter Gewinne für die Unternehmen nicht ausreicht, um Arbeitsplätze zu erhalten. Entweder wollen Unternehmen ihre Gewinne durch Personalabbau steigern oder sie verlagern trotz hoher Gewinne Produktions- und Dienstleistungsbereiche in die Billiglohnländer des Osten und Südens.

Dieser zuletzt für diese Gedanken zur Politik von morgen grob skizzierte Sachverhalt wird durch die gravierenden Fakten der durch den Menschen extrem destabilisierten Biosphäre, der faktisch unbestreitbaren Ressourcenverknappung insbesondere auf dem Weltenergiesektor und der verheerenden Lebensbedingungen von mehr als die Hälfte der Menschheit in den Ländern des Südens und Ostens akut verschlimmert. 55,6 Prozent aller Menschen leben nach Angaben der Weltbank in Armut, also mit einem Einkommen unter 2 US-$ pro Tag, darunter 23,2 Prozent, die nur über einen US-$ pro Tag verfügen und damit in extremer Armut leben.

Fazit: Es darf nicht hingenommen werden, dass aufgrund der Folgen der Globalisierung die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zur Marginalie verkommen, die unter dem Begriff des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung zu subsumieren sind. Dieses Leitbild wurde auf der Rio-Konferenz für Umwelt und Entwicklung im Jahre 1992 beschlossen und besagt: "Das Recht auf Entwicklung muss so erfüllt werden, dass den Entwicklungs- und Umweltbedürfnissen heutiger und künftiger Generationen in gerechter Weise entsprochen wird."

Aber auf der politischen und wirtschaftlichen Ebene wird weder der Mut noch der Wille aufgebracht, das bestehende Konzept der ökonomischen Globalisierung mit ihrer obsoleten Wachstumsdoktrin schrittweise in ein global verträgliches, gerechtes und damit zukunftsfähiges im Sinne des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung zu überführen. Weder der Mainstream in Politik und Wirtschaft noch breite Teile der Menschen in den Ländern des Nordens sind ernsthaft dazu bereit.

III. Perspektiven

Das noch junge 21. Jahrhundert benötigt einen wirklich dramatischen Wandel in Richtung der nachhaltigen Entwicklung, die von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung unterstützt werden muss. Deshalb benötigt die Politik von morgen eine Kurskorrektur mit Bausteinen für eine Zukunft, in der:

  1. Die Lebensinteressen räumlich entfernter Menschen, anderer Regionen, Länder und Kulturen berücksichtigt werden müssen.
  2. Die Interessen der Kinder, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und noch nicht geborener Generationen an der Gestaltung offener Zukunftsentwicklungen mit wünschenswerten Lebensperspektiven nicht mehr durch kurzfristige Interessenwahrnehmungen auf individuellen, wirtschaftlichen und politischen Ebenen eingeengt werden dürfen.
  3. Sich qualitatives Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft durchsetzt, dass viel gerechter verteilt wird und geringst möglich der Biosphäre schadet.
  4. Hoffnungsvolle Zukunftsbilder, die in die Richtung der nachhaltigen Entwicklung führen, vehement gefördert werden.

Ich habe zahlreiche hoffnungsvolle Zukunftsbilder in meinem Buch "Kurskorrektur. Bausteine für die Zukunft" aufgeführt. Es sind solche, die schon heute - nicht selten avantgardistisch - den Weg weisen, wie die Entwicklung der menschlichen Zukunft evolutionär und dadurch zukunftsfähig gestaltet werden könnte. Darunter befinden sich auch einige besonders unorthodoxe, die die Zukunftsdiskussion beleben sollen. Nachfolgend werden einige hoffnungsvolle Zukunftsbilder in Stichworten skizziert, weil detaillierte Ausführungen hier den Rahmen sprengen würde:

  • Mehr Rechte und Pflichten für Kinder und Jugendliche.
  • Förderung des Subsidiaritätsprinzips auf breitester Basis.
  • Entwicklungshilfeleistungen auf mindestens 0,7 Prozent des Bruttosozialproduktes erhöhen.
  • Eine Entwicklungshilfesteuer einführen, die alle Bürger bezahlen müssen.
  • Wesentlich mehr freiwillige regelmäßige Spenden an Hilfsorganisationen.
  • Förderung von Öko- und Nachhaltigkeitsfonds.
  • Massiver Schuldenerlass für die Länder des Südens.
  • Das Bruttosozialprodukt parallel anders, also nach qualitativem Wachstums, bewerten.
  • Die Friedensforschung massiv fördern.
  • Die evolutionär orientierte Zukunftsforschung auf breiter Basis fördern.
  • Die Effizienzrevolution vorantreiben (weniger Energie und Rohstoffe für die Erzeugung von Produkten und Dienstleistungen).
  • Weltsteuer auf Devisenspekulationen, die sog. "Tobin-Tax" einführen.
  • Ausbau eines global repräsentativen Naturschutzgebietssystems: Die Natur muss vor dem Menschen geschützt werden! Bisher sind nur gut 10 Prozent aller Landflächen der Erde als Schutzgebiete ausgewiesen. Notwendig wären aber mindestens 30 bis 50 Prozent!
  • Waldoption: Um der Atmosphäre überschüssiges CO2 (Kohlendioxid), das maßgeblich am anthropogenen Treibhauseffekt beteiligt ist, zu entziehen, ist es notwendig, Aufforstungsprogramme im großen Stil durchzuführen. Durch das Pflanzen von Bäumen wird der Atmosphäre CO2 entzogen und es wird im Holz der Bäume als gebundene Ordnungsenergie (Kohlenstoff) gespeichert. Ein Hektar neuer Wald entzieht der Atmosphäre rund 10 t CO2.
  • Die Windenergie weltweit massiv ausbauen.
  • Die Photovoltaik und weitere regenerative Energiequellen weltweit fördern.

Für das visionäre Ziel einer wirklich nachhaltigen Entwicklung müssen diese "hoffnungsvollen Zukunftsbilder" und ungezählte andere, die aus den Umwelt-, Dritte-Welt-, Menschenrechts- und Emanzipationsbewegungen sowie aus der kritischen Wissenschaft resultieren, aus ihrem Nischen-Dasein zum Mainstream des Wertens und Handelns werden.

Damit sich aber eine so orientierte Politik heranbildet sind wir alle gefragt. Nur durch mehr Druck auf die Politik und ihre Institutionen kann das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung mit Leben erfüllt werden, kann mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt herrschen. Deshalb benötigt eine Politik der Zukunft viel mehr Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Wer heute über die Politik klagt, sich aber nicht einmischt, der macht sich in gewisser Weise mitverantwortlich für den Zustand dieser Einen Welt.

Aber auch die Massenmedien sind hier gefordert! Sie sollten mehr über die gelungenen Projekte und Aktivitäten berichten, die im Kontext des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung anzusiedeln sind. Sie sollten auch mehr über das wahre Ausmaß der Zerstörung der Biosphäre berichten und zwar unübersehbar in den Printmedien, im Internet, im Radio und Fernsehen. Es muss eine Stimmung für einen Wandel hin zu mehr Gerechtigkeit, tiefgreifender ökologischer Kurskorrekturen und qualitativem Wachstum erzeugt werden, der Mehrheiten davon überzeugt, dass er notwendig ist.

Zum Abschluss noch folgende Gedanken: Eine gelingende Zukunft der Menschheit wird sehr davon abhängen, ob sich ein planetarisches Bewusstsein entwickelt. Es schließt in den Wert- und Handlungsmustern die Biosphäre, alle Menschen der Welt und sehr lange Zukunftszeiträume (mehrere Generationen) ein. Menschen mit planetarischen Bewusstsein werden u.a. von folgenden Wertorientierungen geleitet:

  1. Ich bin ein Teil der Biosphäre und muss mein Handeln so anlegen, dass ich sie nicht gefährde.
  2. Ich bin Weltbürger und trenne Menschen nach keinerlei Kategorien.
  3. Mein Leben wird durch die Vielfalt der Völker, Religionen und Kulturen bereichert.
  4. Mein lokales Handeln hat grundsätzlich globale Folgen.
  5. Ich strebe nach qualitativem Wachstum und innerer Ruhe (Muße). Dafür begrenze ich meine materiellen und erhöhe meine ideellen Ansprüche.
  6. Eine gute Lebensqualität schließt für mich die Mitarbeit an wünschenswerten gesellschaftlichen Entwicklungen ein.
  7. Ich kann auch mit kleinsten Beiträgen wünschenswerte Entwicklungen fördern.

Ein Schritt in die Richtung planetarischen Bewusstseins ist die Entwicklung einer Zukunftsethik. In ihr dominiert vorausschauendes Werten und Handeln, das über der persönlichen Interessenlage und dem Zeitraum der eigenen Existenz liegt. Sie bedingt die Solidarität mit den hungernden, besitzlosen, verfolgten und unterdrückten Menschen und die uneingeschränkte Anerkennung der Biosphäre als Grundbedingung für alles Leben und ein dementsprechendes ökologisches Bewusstsein aufzubauen.

Die globalen Trends zeigen nicht in die Richtung einer sich ausbreitenden Zukunftsethik. Aber jeder Trend erzeugt auch Gegentrends. Kaum noch jemand in den Ländern des Nordens ist nicht aufgeklärt darüber, dass wir mit den Ressourcen sparsamer umgehen müssen und auf Kosten der Menschen des Südens und kommender Generationen leben. Zunehmend mehr Menschen richten ihren Lebensstandard nach ökologischen und ethischen Kriterien aus. Mit den vielen NGOs hat sich in den letzten Jahrzehnten eine globale Instanz herausgebildet, die sich, unabhängig von Politik und Wirtschaft, für mehr Gerechtigkeit zwischen den Menschen und für den Erhalt der Biosphäre einsetzt.

Aber trotz dieser Gegentrends überwiegt der globale Trend der Zerstörung auf vielen Ebenen, hat der Bewusstseinswandel bislang nur zu kosmetischen Korrekturen in den Industriegesellschaften geführt. Es reicht nicht aus, wenn nur wenige Prozent der Bevölkerung "ein richtiges Leben im falschen" zu leben versuchen, um mit Theodor W. Adorno zu sprechen.

Deshalb muss das Wissen über globale Zusammenhänge geschärft werden. Die sich zuspitzende Lage der Menschheit muss uns allen klar werden. Die Akzeptanz für das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung, die zum Teil auch Unbequemlichkeiten und finanzielle Einbußen erfordern, muss gefördert werden. Es sollte ein breites Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass hoffnungsvolle Zukunftsbilder, die dazu beitragen, die Qualität der Lebensbedingungen für längere Zeithorizonte sicherzustellen, ein Gewinn für jeden Menschen sind. Viel mehr Menschen müssen motiviert werden, an hoffnungsvollen Zukunftsbildern mitzuwirken. Sie müssen letztendlich selbst erkennen, dass sie ein Teil eines neuen Ethos werden müssen. Dass ein derartiger Transformationsprozess möglich ist, zeigt die Evolution. Arten passen sich ihrer Umgebung an, um zu überleben. Die Menschheit hat in den letzten Jahrhunderten eine viel zu schnelle wissenschaftlich-technische Entwicklung hervorgebracht. Dabei konnten die mannigfachen Irrtümer in keiner Phase richtig korrigiert werden. Erst seit wenigen Jahrzehnten wird uns bewusst, dass die Errungenschaften der Moderne, insbesondere die industriellen, die zur Konsumgesellschaft mit ihrem quantitativen Wachstum und zur Wegwerfmentalität geführt haben, sich mehr und mehr gegen uns selbst richten.

Wir wissen, dass das Streben nach Wachstum dem Menschen inhärent ist. Aber es muss ein Wachstum sein, das sich durch Qualität statt Quantität auszeichnet, das nicht wenigen Einzelnen, sondern der Gesellschaft nützlich ist, das nicht die Biosphäre zerstört, sondern mit ihr harmoniert. Wenn sich die Menschheit als Art erhalten will, dann muss bald der Zeitpunkt eintreten, an dem jede und jeder seinen Platz auf dem Planeten Erde erkennt und dementsprechend wertet und handelt.

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