Globalisierung und Kolonialismus

02.03.2006 | Wolf Schneider

Wenn wir über die Globalisierung jammern, vergessen wir gerne, dass sie im Kolonialismus wurzelt. Jahrzehnte lang ist in Deutschland Jahr für Jahr der Lebensstandard pro Kopf angestiegen. Nun stagniert er und nahm letztes Jahr sogar um circa 1% ab. Aua, das tut weh!

Grad erst hat man sich an die Mitgliedschaft im Club der Reichen gewöhnt, nun ist sie in Gefahr, und es wird ausgiebig gejammert. Viel schlimmer als diese Stagnation oder das langsame Abnehmen des Lebensstandards aber finde ich, dass der Abstand zwischen den Reichen und Armen innerhalb der meisten Länder der Erde so sehr und schier unaufhaltsam steigt. Das schafft soziale Dissonanzen, erhöht die Korruptheit der Verwaltungen (bei Behörden ebenso wie bei Firmen), es ängstigt die Reichen und demütigt die Armen.

Mit Europas Welteroberung begann es

Die Verarmung der schlecht oder unpassend Ausgebildeten und abhängig Beschäftigten in den reichen Ländern ist eine Spätfolge des Kolonialismus. Davon lese ich nirgendwo etwas; bei all dem Gejammer über die Globalisierung, sollte man auch das mal nennen.

Vor 500 Jahren begann Europa die Welt zu »globalisieren«. Vasco da Gama und Kolumbus hatte neue Seewege und Kontinente entdeckt, damit begannen die Weltherrschaft Europas und der Kolonialismus. Europa war erst militärisch überlegen und überhaupt ziemlich aggressiv (verglichen etwa mit der riesigen chinesischen Flotte des Zheng He, die Anfang des 15. Jhd. bis Afrika fuhr), dann folgten die organisatorische und ökonomische Überlegenheit, die wiederum die militärische absicherte. Ungefähr viereinhalb Jahrhunderte hielt diese Herrschaft an.

Schon mit dem Aufstand der nordamerikanischen Kolonien und ihrer Unabhängigkeitserklärung bekann die europäische Herrschaft zu bröckeln, aber die dort noch Aufständischen gesellten sich bald zu den Weltherrschern, besorgten sich eigene Kolonien (z.B. die Philippinen), wurden gegen Ende des 20. Jhd. selbst zu DEN Weltherrschern und fürchten die Globalisierung nun ebenso wie die Europäer, obwohl sie doch – noch – davon profitieren.

Währungskursdifferenzen

Als ich vor 30 Jahren nach Spanien und Griechenland reiste, waren meine täglichen Unterhaltskosten dort noch ungefähr ein Viertel dessen, was ich in Deutschland ausgab. In Indien betrugen diese Kosten ungefähr ein Zehntel; dort ist es noch heute beinahe so, während Spanien und Griechenland inzwischen Teil der Bastion Europa geworden sind, die sich gegen den armen Teil der Welt abschottet.

Wer hier in Europa in einem Monat so viel verdienen kann, wie er z.B. in Südasien in einem Jahr verbraucht, kann dort herrschen über die Armen: sich einen Haushalt mit Bediensteten zulegen, sich Sex oder Pflege oder ein Haus oder Speichellecker kaufen – was er oder sie grad will. Die Währungskursdifferenz macht's möglich, und die ist ein Erbe des Kolonialismus, in dem die unterjochten Länder zu abhängigen Rohstofflieferanten degradiert wurden. Nicht nur den einzelnen Ländern der ersten Welt kam das zugute, sondern auch ihren Bürgern, insbesondere dann, wenn sie in die armen Länder reisten; dort wurde ihr Reichtum geschätzt, oft auch ihre helle Hautfarbe, manchmal ihre Bildung und Weltläufigkeit.

Weltmarkt auch für die Arbeit

Wenn nun mächtige Multis darauf drängen, den ganzen Globus zu einem einzigen riesigen Markt zu machen, ohne Handelsschranken, ohne Ein- und Ausfuhrzölle, und ihnen das aufgrund ihrer transnationalen Macht gelingt, dann stehen alle Unternehmen überall auf der Welt unter Druck, ihre Produktion in Länder zu verlegen, in denen Arbeitskräfte wenig kosten, was die Lohnkosten weltweit nivelliert. Das heißt, der Unterschied zwischen der Entlohnung eines deutschen Arbeiters oder Angestellten und der eines Inders wird geringer. Den Indern kommt das zugute, den Deutschen nicht. Am Ende dieses Prozesses, wenn er denn unbeschränkt so ablaufen kann, hätten wir einen freien Weltmarkt, offene Grenzen und die Lohnunterschiede zwischen Deutschen und Indern gibt es nicht mehr, so wie es sie heute schon kaum mehr zwischen Spaniern, Deutschen und Griechen gibt.

Die Arbeitslosenstatistiken, die wir jetzt monatlich von der deutschen »Agentur für Arbeit« bekommen, sind dann nicht mehr wichtig. Dann geht es um die Weltarbeitslosigkeit.

Arroganz der Macht

So leicht wird das mit der Erosion oder Schleifung der Grenzen nicht gehen, aber die Tendenz geht dort hin. Das muss gar nicht so schlimm werden, wie es uns manchmal scheint, aber die Arroganz der Macht ist dann dahin, die ein deutscher Underdog heute noch empfindet und ausüben kann, wenn er merkt, dass er sich in einem armen Land kaufen kann, was sich dort bisher nur die Reichen und Mächtigen der alten Familien der Oberschicht leisten konnten.

Manchmal kommt es mir so vor, als sei das, was wir in den reichen Ländern heute während der Wirtschafts-Globalisierung erleben, die späte Rache für die Sünde des Kolonialismus. Dabei kommen wir bisher noch glimpflich davon. Noch immer sind wir in Sachen Bildung, Infrastruktur und Sozialssystem den armen Ländern weit überlegen, zumindest wir Europäer sind das. Aber auch diese Unterschiede werden nivelliert.

Weltdemokratiebewegung

Sollte sich die Demokratie nach westlichem Muster tatsächlich weiter ausbreiten, wie das ja auf dem politischen Programm der Supermacht steht und seit 1989 tatsächlich stark voran geschritten ist, dann wird eine Weltdemokratie-Bewegung unausweichlich kommen. Das wird dann aber eine sein, die nicht zuvörderst Land für Land mehr regionale Demokratien einsetzen will (wie es die USA zur Zeit mit militärischer Gewalt tun, jedenfalls gegenüber »bösen« Regimes), sondern eine, die die Entscheidungen, die alle in der Welt betreffen, demokratisch legitimieren will. Entscheidungen, die heute noch die Supermacht für sich allein trifft, ohne gesetzliche Grundlage, allein nach dem »Recht des Stärkeren«, das ja gar kein Recht ist.

Die reichen Ländern fürchten die Weltdemokratie, deshalb fördern sie sie nicht. Vielleicht eine Weltdemokratiebewegung sich deshalb nur ausgehend von den Armen durchsetzen – oder so wie bei den anderen Revolutionen: von einer Bewegung des Mittelstandes, der sich gegenüber den Etablierten benachteiligt fühlt und aufbegehrt, denn die wirklich Armen, die sind so sehr mit dem Überleben beschäftigt, dass sich nicht für politische Ziele kämpfen, dafür haben sie nicht die Kraft und nicht die organisatorischen Strukturen.

Mögliche Koalitionen in einer Weltdemokratie

Was, wenn Indien und China eine demokratische Weltregierung mitbestimmen könnten, nach dem Prinzip »one man one vote«? Mit den Moslem der Welt zusammen in einer Koalition hätten sie die Mehrheit gegenüber eine Koalition des kulturell überwiegend christlich bestimmten Süd- und Nordamerika zusammen mit Europa. Merkwürdig, dass plötzlich die religiöse Herkunft weltpolitisch wieder so bedeutsam werden könnte.

Wo gehört dann Japan hin? Eher in den Westen, aber nicht zu den Christen, sondern zu den »aufgeklärten« oder besser gesagt postmodernen Ländern. Russland? Schon irgendwie europäisch, aber ostkirchlich postkommunistisch und nur bedingt aufgeklärt/postmodern.

Entmilitarisierung

Um überhaupt in der Welt durchsetzbar zu sein, bräuchte das Konzept einer solchen Weltdemokratie ein gutes föderales System mit starken regionalen Selbstbestimmungsrechten. Die Miltärbasen der USA in Asien und im indischen Ozean wären dann obsolet, die Welt würde entmilitarisiert. Das Innenministerium einer demokratisch gewählten und von einer unabhängigen Gerichtsbarkeit kontrollierten Weltregierung hätte über eine Polizei zu bestimmen mit Gewaltmonopol. Friedliche Zeiten würden anbrechen.

Eine Utopie? Ja, eine sehr erstrebenswerte.

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Katharina Tempel

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