Globale Aufklärung - Globale Chance

27.10.2005 | Dr.-Ing. Jürgen Albrecht

Status Nascendi

An den Grenzen des Wissens wird deutlich, wie wenig wir von uns selbst und unserer Umwelt verstehen. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass die menschliche Evolution gerade erst begonnen hat. Analysiert man den Status unserer Zivilisation, werden gravierende Widersprüche sichtbar.

Sie sind für die Labilität unserer globalisierten Gesellschaft und ihre Konflikte verantwortlich. Aus dieser Perspektive erklärt sich die kurze Historie der Menschheit und es stellen sich Fragen nach der Politik von morgen.

Fundamentale Widersprüche

Für die wesentlichsten Widersprüche existiert keine Rangordnung. Sie sind gleichwertig und eng miteinander verflochten. Durch hunderte weiterer Spannungsfelder könnten sie untersetzt werden. Folgende Widersprüche aber sind die Spitze des Eisbergs:

Steinzeitliches Verhalten: Menschen von heute sind steinzeitliche Jäger und Sammler, die plötzlich und unerwartet in einer technisierten Massengesellschaft gelandet sind. Das Gattungswesen dieser Menschen: Gier nach Eigentum und Macht, Eigennutz, Gewaltbereitschaft, Revierverhalten und Selbstüberschätzung. Beherrscht von den Emotionen, kaum Vernunft, kein Weitblick, keine bewusste Sinngebung. Völlig ausgelastet mit der Existenzsicherung und der Reproduktion. Und sobald die Existenz gesichert ist: Maximierung und Verteidigung von Macht und individuellem Wohlstand. Menschen mit solchem Verhalten sind unfähig, deutlich sichtbare Zukunftsfragen (und die hier beschriebenen Widersprüche) zu lösen (Rio, Kyoto, Johannesburg ...). Deshalb entwickeln sich menschliche Gesellschaften zwangläufig immer wieder zu Dynastien, Kaiserreichen, Diktaturen und Oligarchien.

Gewalt statt Vernunft: Gewaltanwendung, Lüge und Täuschung sind die bevorzugten Verfahren für die Erringung und Verteidigung von Eigentum und Macht. Je grösser ein Konflikt, umso wahrscheinlicher wird er mit Gewalt 'gelöst'. Vernunft und Bildung haben gegenüber Gewalt und Militär praktisch keinen Stellenwert. Diese Gesellschaft funktioniert weitgehend ohne Vernunft, ohne Bildung und ohne Kenntnis der Naturwissenschaften. Denken und naturwissenschaftliche Bildung sind nur bei technischen Spezialisten zwingend erforderlich, für Politiker aber hinderlich, wegen der daraus resultierenden, moralischen Skrupel. Unsere Zivilisation - Eine animalische Gesellschaft, emotional gesteuert, gewaltbereit und ausgestattet mit einem nie dagewesenem Waffenarsenal.

Permanentes Wachstum: Endliche Recourcen und unendliches Wachstum schliessen sich aus. Deswegen ist permanentes Wachstum ein unvernünftiges Ziel einer Gesellschaft. Ständig wachsender Wohlstand und steigender Mehrwert ist mit offenen Kreisläufen, extensiver Ausbeutung der Natur und auf Kosten anderer Menschen (und Staaten) auf Zeit erreichbar. Die Folge aber ist die globale Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen: Verbrauch natürlicher Recourcen oder ihre Umwandlung in Müll; Verschmutzung von Landschaft, Wasser und Klima; irreparable Eingriffe in den natürlichen Genpool. Die Zinswirtschaft hat entscheidenden Anteil am gesellschaftlichen Ziel des permanenten Wachstums. Wachstum nährt die Illusion, der Inflation zu entkommen.

Akkumulation von Eigentum: Die Gier nach Eigentum und die inflationäre Zinswirtschaft waren und sind die Grundlagen aller bisherigen Zivilisationen. Die Gier nach Eigentum wurde optimiert durch das Eigentumsrecht, die Einführung des privaten Grundeigentums und die Privatisierung der Bodenschätze. Das Erbrecht sichert das Eigentum über den Tod hinaus. Der Rausch der Profitmaximierung und reale Macht verdrängen moralische Skrupel. Daran ändert auch die Demokratie nichts, im Gegenteil. Geld ist der höchste Wert der Demokratie, der universelle Tauschwert in einer liberalisierten Marktwirtschaft. Dieses System sorgt für die zwangläufige Akkumulation von Eigentum (und Macht) in den Händen einer kleinen Gruppe von Menschen. Damit aber wird der Unterschied zwischen Arm und Reich unaufhaltsam grösser.

Perspektivlose Armut: Die Reichen (Staaten) wurden und werden reich auf Kosten der Armen (Staaten). Kapital und Macht sind identisch, deshalb teilen die Reichen mit den Armen nicht. Sie haben auch kein Interesse daran, dass die Armen aus eigener Kraft wohlhabend werden, denn das läuft letztendlich auch auf Teilen hinaus. Das Gefälle von Eigentum, Wohlstand und Bildung läuft in Form eines Naturgesetzes auf die Reichen und die reichen Staaten zu. Trotzdem versucht die Erste Welt, diesen Ausgleich mit Gewalt aufzuhalten. Auch wenn längst bewiesen wurde, dass Armut, Fanatismus und Terrorismus mit Gewalt weder aufzuhalten noch zu beseitigen sind, wird genau das mit immer effektiveren Waffen ständig neu versucht (ABC-Waffen, Weltraumrüstung, Präventivkrieg, Krieg gegen den Terrorismus, Nation-Building). Das Wohlstandsgefälle aber bleibt, solange es existiert, die wesentlichste Ursache globaler Konflikte.

Religiöse Weltbilder: Die gesamte Technik der Gesellschaft basiert auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Moderne Menschen sind von einer technisierten Umwelt abhängig, leben aber mit archaischen, religiösen Weltbildern. Ideologien sind nicht besser als Religionen, weil auch sie auf fiktiven 'Glaubenssätzen' beruhen. Die Aufklärung hatte in Europa nur eine zeitlich begrenzte Wirkung, global hat sie nie stattgefunden. Es existiert kein wissenschaftlich fundiertes Weltbild, das mit Religionen oder Ideologien konkurrieren könnte. Der menschliche Geist ist nicht annähernd adäquat mit dem naturwissenschaftlichen Wissen gewachsen. Sinngebung, vernünftiges Handeln, Denken und Moral sind auf dem Niveau mystischer oder utopischer Fiktionen stehen geblieben. Ein konfliktträchtiger Anachronismus.

Steigender Energiebedarf: Die gegenwärtige Zivilisation basiert entscheidend auf Technik, die ohne Energie und natürliche Recourcen (beide nur endlich vorhanden) nicht funktioniert. Die Abhängigkeit der Gesellschaft von Technik und Energie ist umfassend. Durch die Informationstechnologien wurde sie total. Ein globaler, 14-tägiger Stromausfall wirft die hochtechnisierte Zivilisation schlagartig um 20.000 Jahre zurück. Es funktioniert nur noch die Natur, mit der 'zivilisierte' Menschen nicht mehr umgehen können. Im Jahr 2005 ist die westliche Welt davon abhängig, dass täglich 85 Millionen Barrel Rohöl gefördert werden. Weltweit werden 90 Prozent der Energie in offenen Kreisläufen aus fossilen Energieträgern erzeugt. Der Energiebedarf steigt, die Deckung des Bedarfs wird teurer, die Recourcen sind endlich. Energiekrisen sind absehbar und bereits akut. Kriege um natürliche Recourcen sind so alt wie die Menschheit.

Ungeahnte Komplexität: Zivilisatorische Strukturen und technische Systeme sind prinzipiell labil, weil Naturgesetze, natürliche Systeme und menschliches Verhalten eine Komplexität besitzen, die der Mensch weder ahnt noch beherrscht. Technik ist deshalb grundsätzlich störanfällig, wartungs- und energieabhängig. Technische Konzepte sind kurzsichtig, Folgeabschätzungen unterbleiben, oder sind unmöglich, offene Kreisläufe werden bevorzugt, weil sie scheinbar effektiver sind. Die gängige Methode in Forschung und Entwicklung ist Trial and Error und nicht gedankliches Probehandeln. Niemand steuert oder kontrolliert die wissenschaftlich-technische Entwicklung. Sie wird durch brennende Neugier und die Aussicht auf Gewinn angetrieben, aber nicht durch Moral begrenzt. Daraus erwachsen völlig unkalkulierbare Risiken.

Politik von morgen

Wie wird unter diesen Umständen unsere Welt morgen aussehen? Alle aufgelisteten Widersprüche haben ihre Ursache im emotionalen Verhalten des Menschen und in seinem begrenzten Wissen. Es ist Illusion, auf den 'Neuen Menschen' zu hoffen. Das beweist der Zusammenbruch des sozialistischen Lagers nach 70 Jahren Sozialismus und Kommunismus. Politik muss von realen Menschen ausgehen, von ihrem genetisch determinierten Verhalten, ihren Stärken und Schwächen. Aber als einziges Lebewesen verfügt der Mensch über Vernunft. Hier liegt die Chance für die Politik von morgen: Alle Menschen müssen und können lernen, ihren Verstand zu gebrauchen und ihre Emotionen zu kontrollieren. Nur eine weitere Utopie? Nicht, wenn die Staatsführer ihren Völkern mit gutem Beispiel voran gehen würden.

Globale Aufklärung

Aus meiner Sicht gibt es nur eine Strategie, die langfristig zu einer Politik mit weniger Gewalt und mehr Vernunft führen könnte: Eine langfristige, globale Bildungs- und Menschenrechtsoffensive mit dem Ziel, Dummheit und Armut aus der Welt zu schaffen. Es geht immer noch um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Nicht um Gleichmacherei, aber um die globale Verwirklichung der elementarsten Menschenrechte. Die UNO sollte eine neue Epoche der Aufklärung initiieren. Diesmal aber muss die Aufklärung global sein. Die UNO besitzt die organisatorischen und mit den IT-Medien auch die technischen Mittel dazu. Es fehlt 'nur' der Wille.

Hunger, Armut, Unwissenheit und religiöse Verblendung sind die Ursachen der allermeisten, grössten und weltweiten Konflikte. Unsere Gesellschaft verfügt bereits heute über die Mittel, alle Menschen satt zu machen und ihr Wissen über vernünftiges Handeln, Natur und Technik auf ein qualitativ höheres Niveau zu heben. Das einzige Problem besteht darin, dass diese Mittel (Kapital, Macht, Bildung und Technik) ungleich verteilt sind. Können die Vernünftigen den Mächtigen klar machen, dass ein Paradigmenwechsel notwendig ist? Weg von Profit und Gewalt gegen Menschen und Umwelt, hin zu einer ideellen Sinngebung im Einklang mit der Natur. Aus meiner Sicht haben wir keine Wahl: Globale Aufklärung ist die einzige Chance, wenn unsere Zivilisation nicht - wie alle menschlichen Kulturen vor ihr - mit ihren fundamentalen Widersprüchen untergehen soll.

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Katharina Tempel

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