Gewalt in der Familie gegen Kinder und Jugendliche

09.01.2006 | Sueli Menezes

Die Familie ist eine jener gesellschaftlichen Institutionen, in der es wohl am schwierigsten ist, Gewalt zu erkennen. Es ist keine leichte Aufgabe von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu sprechen, zumal dieses Thema nur Leiden und Qualen zum Ausdruck bringt.

Die Gewalt in den eigenen vier Wänden ist ein vielseitiges Problem, und betrifft Tausende von Leuten, zumeist in einer lautlosen und verschleierten Form. Dabei handelt es sich um ein Problem, dass keinen geschlechtlichen Unterschied kennt und keinem sozialen, wirtschaftlichen oder kulturellem Niveau gehorcht, wie vielleicht einige denken mögen.

Relevant wird seine Wichtigkeit unter zwei Aspekten: zuerst wegen des unbeschreiblichen, oft stillen Leidens, das die Opfer ertragen, und zweitens, weil nachweisbar die häusliche Gewalt einschließlich der Vernachlässigung im frühen Alter und der sexuelle Missbrauch eine gesunde physische und geistige Entwicklung behindern.

Um diese Art von Gewalt zu verstehen, sollte man sein Augenmerk auf die Dynamik und den diversen Facetten der häuslichen Auseinandersetzung richten, so zum Beispiel:

PHYSISCHE GEWALT: Ist die Verwendung der körperlichen Stärke mit dem Ziel, weh zu tun, egal ob sichtbare Spuren verbleiben oder nicht. Die häufigste Form der Aggression, die soweit geht, dass Kinder mit Schnüren angebunden und mit Gegenständen wie Gürtel, Besenstiel usw. geschlagen werden.

Die physische Gewalt schließt noch andere Taten, wahren Sadismus ein, so zum Beispiel: Verbrennungen mit glühenden Zigaretten, übergießen mit heißem Wasser, Entzug von Essen und Trinken, etc.

Der Akt der Aggression resultiert für das Opfer meist in einem schweren Trauma. Fälle, wo Kinder auf dem Kopf geschlagen oder gegen Wände geschleudert werden, enden oft tödlich.

Über die physischen Wunden hinaus verursacht die häusliche Gewalt auch ernsten emotionalen Schaden. In der Kindheit werden die emotionalen Charakteristiken und die Persönlichkeit geformt, welche das Kind ins Erwachsenenleben mitbringt.

Kinder lernen mit den Erwachsenen, normalerweise und in erster Linie innerhalb ihres Zuhauses, wie man auf das Leben zu reagieren und in einer Gemeinschaft zu leben hat.

Die Ahnung über Recht und Respekt, Selbstachtung, die Art Konflikte zu lösen, Ziele zu erreichen, Verluste zu tolerieren, schlussendlich das Verhalten gegenüber der Existenz sind tief beeinflusst im jungen Alter.

Viele missbrauchte, geschändete und vernachlässigte Kinder werden so zu Aggressoren im Erwachsenenalter.

Indizien schlechter Wesensentwicklung können in frühreifem Alter beobachtet werden. Einige dieser Charakteristiken manifestieren sich durch Ernährungsprobleme, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen. Jene Kinder zeigen Anfänge von Überspanntheit, Introvertiertheit, extremer Schüchternheit, geringer Selbstachtung, Beziehungsschwierigkeiten, andere wiederum zeigen sich aggressiv, rebellisch oder auch sehr passiv.

Kinder, die bei häuslichen Auseinandersetzungen der Gewalt ausgesetzt sind, zeigen Probleme in der Schule und in der gesellschaftlichen Gruppe, der sie angehören.

Es kann zur Ablehnung kommen, über Probleme zu reden, egal ob mit dem Aggressor oder mit Verwandten und Lehrern. Ihnen fehlt das allgemeine Vertrauen gegenüber Erwachsenen.

PSYCHISCHE GEWALT: Oder emotionaler Angriff. Oft genauso oder noch schlimmer als physische Gewalt, wird diese Aggression von Ablehnung, Wertminderung, Diskriminierung, Demütigung, Nichtachtung und übertriebenen Bestrafungen charakterisiert. Dabei handelt es sich um einen Angriff, der keine sichtbaren physischen Male hinterlässt, aber gefühlsmäßig tiefe Narben für das ganze Leben verursacht. Einige der vielen Arten emotionaler Gewalt sind ausgrenzen, Minderwertigkeitsgefühle verursachen, Abhängigkeit und Schuldgefühle provozieren. Wohl einige der schlimmsten Arten von emotionaler Aggression. Das bösartigste Verhalten mit dieser Absicht ist, wenn der Angreifer vordergründig alles korrekt erscheinen lässt, jedoch der wahre Zweck darin besteht, dem anderen das Ausmaß seiner Inkompetenz zu demonstrieren. Häufig ist diese Form der Gewalt bei Vätern anzutreffen, wenn deren Söhne einen idealisierten Weg nicht so bestreiten wie gewollt.

MÜNDLICHE GEWALT: Geht normalerweise Hand in Hand mit psychischer Gewalt. Einige verbale Aggressoren richten ihre Angriffe gegen andere Mitglieder der Familie selbst in Momenten der Präsenz Fremder. Die mündliche Gewalt existiert auch in der Abwesenheit des Wortes, das heißt, sogar bei Leuten, die in Ruhe verharren. In so einem Fall schweigt der Aggressor dann, wenn ein Kommentar oder Argument von ihm erwartet wird. Evident, dass dieses Schweigen verletzend wirkt, oft mehr noch als irgendetwas Gesprochenes.

In diesem Fall besteht die "Kunst" des Angreifers darin, zu demonstrieren, dass er eine Meinung hat, aber nicht gewillt ist, diese mitzuteilen.

Scheint krank, aber klagt nicht, ist verstimmt oder vergrämt, aber nimmt es hin, und so weiter. Zusätzlich misst er sich das Attribut des "ruhig in seiner Ecke sitzen" zu, beschwert sich über nichts und provoziert so Schuldgefühle bei anderen.

SEXUELLE GEWALT: Unter den drei wichtigsten Formen der Gewalt in der Familie, ist die sexuelle Gewalt die komplexeste. Diese tendiert dazu im Verborgenen abzulaufen, einerseits fürchtet das Opfer weitere Repressalien, andererseits wegen der Scham und der Furcht, nicht glaubwürdig zu sein. Gerade ein Kind, durch den Vater vergewaltigt, müsste andere Leute wachrütteln, besonders die Mutter, die sich meistens gefällig hinter der Maske der Ignoranz verbirgt.

Dieses Thema ist für gewöhnlich sehr kontrovers und schwierig zu handhaben. Es bewegt sich normalerweise mit dem Standard und der Dynamik der Familie und bringt Bestrafungen und Trennungen mit sich. Nicht selten, dass ein durch sexuelle Gewalt eingeschüchtertes Kind mit harten Konsequenzen zu rechnen hat, nachdem es Geschehenes anderen Familienmitgliedern anvertraut hat oder als Lügner abgestempelt wird. Man betrachtet das Opfer als jemand, der Zwistigkeiten heraufbeschwört, verleumderisch handelt und beschuldigt es, Aggressionen förmlich zu provozieren.

Die sexuellen Verstöße führen Schuld, Scham und Angst nicht nur beim Opfer herbei, sondern oft auch bei den möglichen, dem Opfer sich solidarisch zeigenden Denunzianten.

Unzählige Fälle sind bekannt, wo Mütter mit Vehemenz sexuelle Gewalt von Seiten der Ehemänner bzw. Lebensgefährten ihren Kindern gegenüber bestreiten und aus Angst vor den sozialen Konsequenzen und innerfamiliären Folgen es bevorzugen, weiterhin mit ihren Partnern zu leben. Letzten Endes entsteht hier eine Nachlässigkeit, die genauso kriminell sein kann wie die Aggression.

Folglich sollte die Frage der Vernachlässigung nicht ausschließlich materieller Armut zugeschoben werden. Das Fehlen von materiellem Rückhalt charakterisiert keine Nachlässigkeit, aber eine Notwendigkeit, zumal solche Ressourcen bereitgestellt werden würden, sollten sie vorhanden sein. Vernachlässigung ist eine verhängnisvolle Einstellung, sei sie nun materieller oder affektiver Natur (materielle Vernachlässigung, emotionale Vernachlässigung). Unzählige Arbeiten bestätigen, dass die affektive Unterstützung, die Zuneigung und die Liebe für die Entwicklung eines Menschen genauso oder noch wesentlicher sind, wie der reichlich gedeckte Tisch.

Im Buch AMAZONASKIND beschreibe ich meine Lebensgeschichte, das Buch ist keine Lösung, aber ich wollte damit zeigen, dass es möglich ist, nicht für immer ein Opfer zu sein. Heute, als erwachsene Frau, weiß ich zu gut, was es bedeutet, von den Schatten der Vergangenheit eingeholt zu werden. Deswegen ist wichtig, dass jene, die so eine Erfahrung in der Kindheit gemacht haben, lernen, sich davon zu befreien, damit sie in der Zukunft einen glücklichen und zufriedenen Lebensweg führen können.

Als Opfer und Überlebende von solchen Misshandlungen möchte ich hier an die Regierungen auf der ganzen Welt appellieren, mehr Unterstürzungen für die Menschen, die es alleine nicht schaffen, sich zu befreien, und mehr Interesse für dieses Thema zu zeigen. Denn hier geht es um unsere nächste Generation, und die soll besser werden.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Familienpolitik | Sueli Menezes | weiterempfehlen →