Gesetze der Nachhaltigkeit

19.02.2005 | Karl-Heinz Braun

Nehmen Sie bitte Papier und Bleistift zur Hand und lesen Sie dann weiter. Malen Sie in der oberen Hälfte des Blattes einen großen Kreis. Darunter nebeneinander 3 kleinere Kreise. Unten schließlich - in der Mitte - einen letzten Kreis.

  • Der obere Kreis stellt die Energiereserve der Sonne dar.
  • Der mittlere linke Kreis symbolisiert die Erde mit seinen Energiespeichern und Rohstoffreserven.
  • Der mittlere Kreis stellt unsere Wirtschaft dar und alles, was wir so produzieren an Gütern, Dienstleistungen und Kunst - kurzum: unseren Wohlstand.
  • Der mittlere rechte Kreis stellt die Finanzwelt dar, einschließlich Zins und Zinseszins.
  • Der Kreis unten schließlich symbolisiert unseren produzierten, angehäuften und nicht wieder nutzbaren Müll und alle sonstigen Verschwendungen.

Nennen wir die Kreise zur Vereinfachung S wie Sonne, E wie Erde, W wie Wohlstand, F wie Finanzwelt und M wie Müll.

Malen Sie nun einen Pfeil (S1) von S nach E. Er stellt die Sonnenergie dar, die auf die Erde fällt und in Biomasse sowie anderen Energieträgern gespeichert wird. Zeichnen Sie einen dicken Pfeil (S2) von S ins Nirgendwo. Er stellt die Sonnenenergie dar, die wir nicht nutzen.

Zeichnen Sie nun einen Pfeil (E1) von E nach W und einen in umgekehrter Richtung (E2). Ein weiterer Pfeil (E3) zeigt von W nach M. Diese drei Pfeile stellen den Energie- und Rohstoffverbrauch, das Recycling und die Müllproduktion dar.

Zeichnen Sie schließlich einen Pfeil (F1) von W nach F und einen in umgekehrter Richtung (F2). F1 sind die Tilgungen und Zinsen, F2 ist die Kreditvergabe.

S ist quasi unendlich groß. Jedenfalls für die nächsten 5.000.000.000 Jahre. Das Schrumpfen (über S1 und S2) dieser Energiereserve ist also vernachlässigbar.

Der Kreis E ist in unserem heutigen System dabei zu schrumpfen, denn wir verbrauchen mehr Energie und Rohstoffe, als die Erde heute selbst über S1 und E2 aufnimmt. E1 ist also bedeutend größer als E2.

Die Kreise W, F und M werden in unserem System immer größer. Mit W wächst unser Wohlstand, mit F der Kapitalertrag und mit M der Müll.

Wenn Sie möchten, können Sie die Pfeile unterschiedlich dick malen um die Flüsse korrekt darzustellen.

Seit der Diskussion um die nachhaltige Entwicklung ist jedem klar, dass das Schrumpfen von E nicht unbegrenzt weitergehen kann. Wenn nichts mehr da ist, ist Sense. Um dies zu vermeiden versucht man nun E3 zu verkleinern und E2 zu vergrößern. Wir sind mittlerweile Meister der Mülltrennung und auch die Industrie hat erkannt, dass recycelte Rohstoffe helfen, Kosten zu sparen.

Eine weitere Möglichkeit, das Schrumpfen von E zu beenden, ist die bessere Nutzung von S. S1, die Solarenergie, wird also gefördert.

Im ökologischen Idealfall bleibt E also bis auf die gewünschten oder tolerierten Schwankungen konstant und M wächst nicht weiter an. Mit Kyoto, dem Emissionshandel, der Maut, der Müllsteuer und der Ökosteuer sind wir hier auf dem richtigen Weg.

Bleibt die Gretchenfrage: Können W und F weiterhin unbegrenzt wachsen?

Ich sage: Nein!

Wenn E unser begrenztes Rohstofflager ist, kann W nicht unendlich groß werden. Unser Wohlstand kann durchaus noch wachsen, wenn unsere Lebensweise energie- und rohstoffeffizient wird. Im Verhältnis zwischen Produktionsmenge und Lagermenge besteht aber immer ein kritischer Punkt, an dem es zu Versorgungsabrissen kommen kann. Just-in-time-Prozesse sind nun mal störanfällig. Wir sollten den Bogen also nicht überspannen.

Wenn W also nicht unbegrenzt wachsen kann, dann kann es F erst recht nicht, denn jedes Wachstum von F geht auf Kosten von W wenn E und M konstant bleiben sollen.

Wollen wir also das Wachstum unseres Wohlstandes ökologisch maximieren, so müssen wir F auf ein nachhaltiges Niveau minimieren. F wird dann zum Finanzlager. F verliert seinen Selbstzweck und dient der Wirtschaft wieder als Getriebeöl. F1 und F2 halten sich - bis auf gewünschte oder tolerierte und zeitlich begrenzte Abweichungen - die Waage.

(F sollte auch deshalb minimiert werden, damit den F-Verwaltern (den Banken) keine allzu große Verfügungsgewalt über W gegeben wird. Aber das ist ein anderes Thema).

Die technischen Gesetzmäßigkeiten einer nachhaltigen Entwicklung können also wie folgt formuliert werden:

  • G1:
    E3 = 0 (kein Müll)
  • G2:
    Durchschnittliches Wachstum(E) = 0 (stabiles Energie- und Rohstofflager)
  • G3:
    Durchschnittliches Wachstum(F) = 0 oder anders ausgedrückt : F1 = F2 (stabiles Finanzlager).
  • G4:
    S1 = E1 - E2 = Wachstum(W)
  • G5:
    Max(W) = f(E,F,T)

G1 und G2 sind allgemein akzeptiert, wenn auch noch nicht umgesetzt. Hier stehen wir.

G3 hat zur Folge, dass das Zinswesen abgeschafft werden muss. Das wird wohl die nächste große Herausforderung sein. G4 und G5 stellen sich dann von selber ein.

G4 bedeutet: So wie wir die Sonnenenergie nutzen, so kann unser Wohlstand steigen.

G5 bedeutet, dass der Wohlstand begrenzt ist. Sein Maximum hängt von E und F ab, die konstant gehalten werden, und von T, dem technologischen Entwicklungsstand. Mit steigender Energie- und Rohstoffeffizienz kann auch der Wohlstand noch etwas gesteigert werden.

Wenn diese "Gesetzmäßigkeiten in Gesetze umgesetzt" werden sollen, brauchen wir Regeln und Regelwerke, d.h. Messgeräte und Feedback-Schleifen.

Die oben definierten Nullwerte für E3, Wachstum(E) und Wachstum(F) lassen sich durch entsprechende Gesetze sowie permanentes Messen und (Maß)Regeln erreichen. Das ist für mich Politik von morgen. Sie hat mehr mit Ingenieurwissenschaften zu tun als das heute allgemein angenommen wird.

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