Genfrei, der Weg zur sprachlichen Impotenz?

07.02.2006 | Tilman Kluge

Es gab immer Leute, die es sich zunutze machten, dass in der Bevölkerung eine große Verunsicherung gerade in naturwissenschaftlichen Dingen oder Angelegenheiten der Natur herrschte und herrscht. Auch künftig wird es solche Leute geben. Viele Diskussionen werden weiter mit Absicht und oft nicht ohne Nutzung eines vermeintlichen "Herrschaftswissens" nicht sonderlich detailliert, sondern eher mit Schlagworten geführt werden.

Vereinfachung schafft sich Platz, man denke nur an den "Rinderwahnsinn", der selbst in seriösen Nachrichtenredaktionen zum "Rinderwahn" [43], also zu etwas völlig anderem, mutierte.

Die Verunsicherung wird durch solche Trends weiter gefördert, Kritikfähigkeit der Bevölkerung gemindert. Dies umfasst auch das Themenfeld "Gentechnik". Wird dieses politische Feld ebenso politisch beackert, ist die Ernte oft abenteuerlich. Aus naturwissenschaftlicher Sicht erreicht das Abenteuer seinen Höhepunkt, wenn landwirtschaftliche Nahrungsmittel verbal oder wirtschaftlich als "genfrei" ge- und behandelt werden. Wenn auch aus naturwissenschaftlicher Sicht mangels tatsächlicher Genfreiheit die ansonsten unvermeidbare biologische Impotenz ausbleiben wird, so greift um so mehr sprachliche Impotenz in signifikantem Maße um sich. Wie könnten sonst Aussagen wie "Immerhin möchten etwa 70 Prozent der Deutschen auch in Zukunft genfrei speisen" [18] unwidersprochen stehen bleiben? Wenn sich dann ein Gericht (lt. Presse [29]) in Sachen McDonald's zu der Aussage versteigt, "Der ‚verständige Endverbraucher' wisse, dass sich die Genfrei-Werbung nur auf die ‚verarbeiteten Endprodukte' der Schnellrestaurants beziehe."[26], liegen die Diskrepanzen und die Frage nach dem Verständnis der Dinge offen zutage.

Man sollte bei der Einordnung des Niveaus, auf dem eine fachliche Diskussion geführt werden muss, von einem halbwegs normalen Schulwissen ausgehen dürfen. Aber weit gefehlt! Weder wird das politische Ziel konsequent verfolgt, ein solches Niveau zu erreichen, noch ist es in nennenswerter Breite festzustellen. Das Defizit erfährt auch akademische Weihen. Ein Fachschaftsratsprotokoll an der Bauhaus Universität Weimar vermerkt: Der "Antrag auf genfreies Mensaessen wurde im Hinblick auf das Gemüse genehmigt." [41]. Eine Mitarbeiterin der Uni Rostock stellte einem Bundestagsausschuss die Frage "Genügt es, dass sich der Unternehmer darauf verlässt, in Dokument in die Hand zu bekommen, aus dem sich die Genfreiheit der Ware ergibt oder muss er dennoch entsprechende Probenahmen veranlassen?" [42]. Unabhängig davon, dass die richtige Antwort aus dem Hohen Hause "weder noch" zu lauten hätte, ist angesichts der vorgeführten Kenntnisstände die folgende Feststellung nicht überflüssig:

Leben ohne Gene ist regelmäßig nicht möglich, alle biologischen Organismen haben Gene. Jeder Mensch hat Gene und die meisten Nahrungsmittel haben - ohne menschliches Zutun - auch Gene,

ausgenommen solche Nahrungsmittel, die chemisch rein zur Verwendung kommen wie z.B. Wasser (H2O), Kochsalz (NaCl) oder Zucker (C6H12O6, C12H22O11,...). Aber diese Köstlichkeiten dürften alleine für sich oder untereinander zum Menü vermengt eine weder kulinarisch noch degustativ suffiziente Begeisterung hervorrufen.

Die Berücksichtigung der Fragestellung, wie denn Gentechnik in naturwissenschaftliche oder ethische Folgenabschätzungen einzuordnen ist, ist keine Bedingung für die Behandlung der Thematik "Genfreiheit". Das Umgekehrte ist der Fall. Um so mehr geht es deshalb darum, inwieweit eine Verflachung der Sprache den Verbrauchern landwirtschaftlicher Produkte dienen kann. Denn, das wusste schon Konfuzius, wenn das Gesagte nicht mehr das Gemeinte ist, dann weiß das Volk nicht mehr, wohin Hände und Füße setzen [1]. Es muss daher bedenklich stimmen, wenn die Eigenschaft "ökologisch" allgemein mit "gut" gleichgesetzt wird oder Dinge, die Gene enthalten, auf vermehrte Verdächtigung stoßen, sie bürgen Gefahren für die allgemeine Gesundheit in sich.

Es gibt nur wenige Beteiligte an der Gentechnik, denen eine "genfreie" verbale Entgleisung nicht unterläuft.

Greenpeace, eine Organisation, die sich die Aufklärung der Verbraucher auf die Fahnen geschrieben hat, verkündete schon 1997 "Garantiert genfreie Kost gibt es nur im Reformhaus und im Ökoladen - für diejenigen, die es sich leisten können" [2]. Bereits zu dieser Zeit erfolgte also die auch aktuell noch zu beobachtende Vergesellschaftung zweier Worte, die inhaltlich vergewaltigt zu Schlagworten wurden. 1999 heißt es global "The label 'genetically engineered free' is licenced by the 'working group for guaranteed genetically free produced products'" [3] und das biologische Wunder "Gentechnik Konzern Mosanto hat selbst genfreie Kantine" wird an die Öffentlichkeit getragen [4]. Ein durchaus - wie sich zeigen wird nicht einmaliges - Greenpeace-Attentat auf die Österreicher folgt 2002: "Wir wollen aber, dass Österreich flächendeckend genfrei wird" [5]. Der nächste Eklat konnte 2004 nicht weit sein, "Gen-freie Ware wird zudem als gentechnisch verändert deklariert" [6]. Wie man etwas hätte verändern können, was erklärtermaßen nicht existierte, wird dabei auch Greenpeace nicht erklären können. Der BUND sah sich 2004 ebenfalls in die Pflicht genommen und verlangte "Nicht nur das Obere Schlüchttal, der gesamte Landkreis muss genfrei bleiben" [17] und der Landesnaturschutzverband stellt unfreiwillig korrekt fest "für den LNV sei deshalb ein Nebeneinander von genfreier und genveränderter Landwirtschaft - insbesondere bei Bio-Betrieben - nicht denkbar!" [20] Die Sorge ist biologisch unbegründet, steht allerdings in völligem Gegensatz zur Expertenmeinung aus dem BUND "Noch muss der Verbraucher nicht fürchten, dass sich Obst und Gemüse im eigenen Garten oder beim Biobauern mit Genpflanzen aus Versuchsfeldern kreuzen. Europas Landwirtschaft ist nahezu genfrei. Noch!" [21].

Auch die Presse trägt ein gerüttelt' Maß zur Verwirrung bei. Titel wie "Gene-Free Foods Could Cost You, Belgian Firm Says" [7], "Genfreies Fleisch im Supermarkt" [8], "Ställe müssen genfrei bleiben: Für die Kühe nur bestes Futter" [9], "Biologisch vlees blijft niet genvrij" [24] und "Totaal genvrij vlees bijna onbetaalbaar" [25], wobei in der Anwendung "bijna" durch "niet" zu ersetzen wäre, sind nicht entschuldbare Beispiele. So bleibt auch die Attacke des SPIEGEL auf McDonald's "Burger ohne Genfrei-Garantie" [26] unverziehen.

Missbraucht wird hier ein verbreiteter Glauben an verschiedenste "Experten". So wie ARD und ZDF ihre "Experten" für Sportsendungen rekrutieren, so tun dies auch andere Zeitgenossen. Dabei bleiben auch Ernährung und Gene nicht expertenverschont. "Diplom-Oectrophologe Klaus Heitkamp, Ernährungsexperte im Food-Ressort von JOURNAL FÜR DIE FRAU, gibt ausserdem Verbrauchertips und nennt die wichtigsten Adressen zum Thema genfreie Lebensmittel" [34]. Aber nicht an dieser Stelle!

Das Selbstverständliche wird zum Hoffnungsträger gemacht. "Bald genetisches Gemüse - Tomaten gegen Krebs" [12], umgekehrt wird die Vermehrungsunfähigkeit der Leserschaft angestrebt "Ganz Österreich muss zur genfreien Zone werden" [11] oder ihr ein entsprechender Willen " Schweiz gegen Gentechnik (...) Klares Votum für ‚genfrei'"[31] unterstellt. BIO PRO ruft im gleichen Jahr auf zum "Endspurt: Postkartenaktion für genfreies Saatgut" [14] und prangert 2004 die Politik an "CDU/CSU für Gen-Anbau" [15], so auch die TAZ "Schwarze für grenzenlosen Genanbau"[16]. Die damit verbundene Stigmatisierung des Gens, also eines essentiellen Bestandteils des Lebens, wird zudem durch die Schlagzeile "Weniger Öko auf dem Hof, mehr Gen auf dem Feld "[33] als Kritik an Bundesminister Seehofers politischen Absichten aus dem Herbst 2005, Gentechnik mehr zu fördern und sog. "Öko-Landbau" nicht zu bevorzugen, befördert.

Doch nicht nur einzelne Interessenverbände (NGO) und Medien, auch Firmen oder Firmenverbände sind in der Produktwerbung nicht kleinlich.

Aus der Apothekerlobby liest man "Wer garantiert genfreie Nahrungsmittel auf dem Teller haben will, dem bleibt derzeit nur der Griff zu Produkten, die Ökosiegel tragen oder auf deren Siegel der Hinweis ‚gentechnikfrei erzeugt' vermerkt ist." [10] Und die Firma Alpro fragte und antwortete 2003 "Was leistet Soja für ein gesünderes Leben? 1. Rein pflanzlich 2. Die wertvollen Bausteine 3. Für Herz und Kreislauf 4. Nicht nur für Allergiker 5. Absolut genfrei 6. Von Experten empfohlen" [13]. In die gleiche Kerbe schlägt ein anderes Unternehmen und bietet "Lebensmittel: Frisch, kontrolliert ökologisch, genfrei, schonend zubereitet" [27] an, ein anderer Anbieter " Soja-Streifen S aus genfreiem Soja 500 Gramm (...) Soja-Streifen L aus genfreiem Soja 500 Gramm" [32]. Dass damit wegen unwahrer Werbeaussagen (vom Lockangebot ganz abgesehen) gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb [28] verstoßen wird und dass hier Straftatbestände berührt werden [30], ficht die Werbenden nicht an. Eine Metzgerei garantiert ihren Kunden "Ich habe die volle Garantie unserer Erzeuger und Landwirte, dass sie ihren Tieren nur genfreies Futter verabreichen und kann deshalb getrost ausschließen, dass deren Produkte genmanipuliert sind. Wir haben die ausdrückliche Garantie unserer Landwirte und deren Vereinigungen!" [19].

Nun sollte man meinen, Politiker würden, wie bereits eingangs angesprochen, der allgemeinen Erwartung und ihrer individuellen Aufgabe gerecht, Verwirrung im Lande zu mindern und Transparenz zu fördern. Aber schon früh vernahm man vermeintlich staatstragend Grundsätzliches "Einerseits herrscht grundsätzliches Einverständnis darüber, dass die Art von Landwirtschaft, wie sie derzeit in Österreich von Österreichs Bauern betrieben wird - (...) sauberes Wasser, Genfreiheit der Nahrungsmittel und so weiter -, unbedingt beibehalten werden muss" [25]. Später ist gleichermaßen kategorisch zu hören "A gene-free food chain is possible" [38]. Befürchtungen wie diese, dass "sich Verunreinigungen anderer Produkte mit GVO technisch leider nicht immer verhindern lassen - Rückstände von GVO im Tanklaster vermischen sich z.B. mit genfreiem Weizen (...)" [40] werden durch biologisch Visionäres "Deutschland ist kein genfreies Land und wird es auch nicht werden (...)" [39] ausgeräumt. Fragt der geneigte Leser schließlich nach, ob die Befürchtung in Sachen genfreier Weizen ernst zu nehmen sei, wird von den Befürchtenden eine solche Nachfrage als nicht geeignet angesehen, sachlich und auf Informationen ausgerichtet zu sein.

Derlei wechselt sich mit trivialen Abwegigkeiten ab. "Zur Unterstützung junger KandidatInnen dient das ‚Kochbuch': die KandidatInnen stellen sich und ihr Lieblingskochrezept (natürlich genfrei und fair trade) vor" [22]. Provinzielles und Europäisches wechseln sich ab. Die Forderung "(...) Gesetz zur Gentechnikfreiheit - Jetzt Einrichtung von genfreien Zonen im Odenwaldkreis " [23] fixiert programmatisch biologisch den allseitigen Wählerschwund, eine Frage im britischen Unterhaus beweist Neugier der besonderen Art "To ask the Minister of Agriculture, Fisheries and Food, what discussions (a) he has had with European Environment ministers, and (b) his officials have had with Commission officials on the definition of genetically free products for labelling purposes" [36]. Ein Dolmetscher bei der EU trug zur Verwirrung bei, als er "medical and hygiene products derived from either non-GM or GM plant material" mit "Medizin- und Hygieneprodukte, die aus gentechnisch verändertem bzw. aus genfreiem Pflanzenmaterial hergestellt werden" [37] übersetzte.

Nun könnte auch hier zum versöhnlichen Abschluss jemand meinen, das mit "genfrei" Gesagte sei doch eindeutig und allgemeingültig - sozusagen als linguistischer Shortcut in wortgefüllten Zeiten - als das mit "genfrei" Gemeinte, nämlich "gentechnikfrei" zu erkennen. Dem sei entgegengestellt, dass man spätestens mit dem dann logischen Gegenteil ein Problem bekäme. Oder dürfte man sich noch weiter ernst nehmen, sei es als Politiker, Naturwissenschaftler oder anderweitig verantwortlich denkfähiger Mensch, zollte man künftig im beschriebenen Umfeld einem Shortcut "genhaltig" die Anerkennung? Wäre es dann noch political correct, einem Vater zum familiären und - woher man es auch immer weiß - gelungenen Nachwuchs zu gratulieren und ihn damit in coram publico als genhaltig bloßzustellen?

Fundstellen (Stand 1/2006):

[1] KONFUZIUS, Analects XIII iii; [2] Koch, Svenja, Pressesprecherin Greenpeace Deutschland (16.1.1997); [3] Schweiger, Thomas, EU GMO Advisor, Greenpeace International European Unit (press release Greenpeace Austria) (15.1.1999); [4] Greenpeace (Online Newsletter 23.12.1999); [5] Fertl, Thomas, "Gentechnik-Experte" von Greenpeace (08.4.2002); [6] Greenpeace (13.5.2004); [7] REUTERS Ltd. (16.12.1998); [8] Bio-Verlag GmbH (30.8.1999); [9] KRONEN ZEITUNG (19.7.2001); [10] APOTHEKEN UMSCHAU (28.11.2001); [11] KRONEN ZEITUNG (08.4.2002); [12] Medizin Aspekte (Das eJournal für Medizin und Gesundheit) Mai 2002; [13] Alpro GmbH, Hersteller von u.a. "Alpro-Soja" - Drinks, Düsseldorf (Juni 2003), teilw. korr. Anf.1/2006; [14] bio verlag gmbh Aschaffenburg (naturkost.de 11.09.2003); [15] bio Verlag GmbH (26.3.2004); [16] taz 30.3.2004; [17] BUND Regionalverband Hochrhein (01.04.2004); [18] Rommel, Helga, Geschäftsführerin VuN - Verbraucher für unbelastete Nahrung - (April 2004); [19] Metzgerei Schaible, Stuttgart (April 2004); [20] Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg e.V. (16.4.2004); [21] Moldenhauer, Heike, "Genexpertin" Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND, Stand 19.4.2004); [22] GRÜNE JUGEND Bundesverband (29.4.2004); {23] PM GRÜNE Odenwaldkreis (21.6.2004); [24] De Volkskrant (26.07.2004); [25] Het Financieele Dagblad (27.07.2004); [26] Bruns, Angelika, DER SPIEGEL (29.10.2004); [27] Voit Partyservice (© 2001 - 2005) korr. 12/2005; [28] Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb / UWG; [29] wie {26]; [30] wie [28]; [31] Vorarlberger Nachrichten (VN Online 28.11.2005); [32] Yakeba Natural Products, Stadtbergen (06.12.2005); [33] Berliner Zeitung (16.12.2005); [34] JOURNAL FÜR DIE FRAU (Pressemitteilung 20.1.1998); [35] Rodek, Peter, Bundesrat ÖVP (Sten. Protokoll 650. Bundesratssitzung 19.2.1999); [36] Ruddock, Joan (Lewisham, Deptford), MP - Labour, Question 93192 (26.7.1999); [38] Müller, Klaus, Minister für Umwelt, Natur und Forsten des Landes Schleswig-Holstein (01.8.2002); [39] Daldrup, Bernhard, MdL, landwirtschaftspolitische Sprecher CDU Fraktion Sachsen Anhalt (CDU Fraktion Sachsen Anhalt 22.08.2003); [40] Roth Behrendt, Dagmar SPD MdEP (20.9.2003); [41] Fachschaftsrat B - Bauhaus Universität Weimar (Sitzungsprotokoll Fachschaftsrat 06.7.2004); [42] Schlacke, Sabine Dr., Universität Rostock, Juristische Fakultät (Wortprotokoll Bt.-Ausschuss für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft 33. Sitzung 08.3.2004);[43] ARD Tagessschau 21.05.2004

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