Gemeinsamkeiten hervorheben

08.04.2005 | Georg B. Mrozek

Gemeinsamkeiten hervorheben, Unterschiede achten - zugegeben, eine ziemlich simple Formel für eine Vision, doch wenn man etwas näher hinschaut, ist klar zu erkennen, dass die Menschheit heute mehr verbindet als sie trennt.

Kulturen, in denen der Krieg das Maß aller Dinge war, sind gottlob ausgestorben. Traditionen sind eben nicht allein ihrer selbst willen schützenswert. In allen Kulturen und Religionen gibt es heute Gemeinsamkeiten, die nur gesehen werden wollen. "Du sollst nicht töten", das ist doch eine fundamentale Aussage, die mittlerweile in allen Religionen und Gesellschaften an erster Stelle steht. Das war nicht immer so, im Mittelalter galt das Fehderecht stärker, und Mord zur Erhaltung damals verstandener Ehre war erlaubt. Solch kranke Sichtweisen sind nur noch in vereinzelten Landstrichen der Erde erhalten geblieben, in den Weltreligionen finden sie hingegen keine Beachtung mehr.

Es gibt weitere ethische Grundhaltungen, die überall gleich sind. Etwa dass man nicht lügen soll oder die Nächstenliebe. Meine Vision wäre die der Verknüpfung all dieser Werte.

Einen zweiten wichtigen Aspekt sehe ich im Erstarken des Selbstbewusstseins breiter Bevölkerungsschichten. Dies kann mittels Bildung für alle leicht erreicht werden. Die Bildung macht möglich, dass es heute undenkbar ist, beispielsweise den französischen Nachbarn als Feind zu betrachten, wie es bei meinem Großvater im Zweiten Weltkrieg noch der Fall war. Auch der Zusammenbruch des Sozialismus, von "Solidarnosc" bis zum Fall der Berliner Mauer, hat gezeigt, dass ein kluges und selbstbewusstes Volk nicht ewig an der Nase herumgeführt werden kann. Wo im vorletzten Jahrhundert noch Millionen des Lesens und Schreibens unkundiger Leibeigener ein kärgliches, gewaltsam unterdrücktes Dasein fristeten, gehen heute selbstbewusste kluge Menschen auf die Straßen, um einen Putsch abzuwenden und für die Demokratie zu streiten. Wo in den 1950er Jahren noch Massen zusammengeknüppelt werden konnten, stehen ihre Kinder unerschütterlich auf den Straßen vieler Städte und erreichen mit dem Ruf "Wir sind das Volk", dass ein machtkorrupter Staat sich endlich seinem eigenen Volk beugt und die Macht diesem Volke zurück gibt.

Der dritte Aspekt zieht die Mächtigen mit hinein in die Vision. Beim Weltwirtschaftsgipfel in Devos wurde erstmalig der Schuldenerlass für ganz Afrika in Erwägung gezogen. Vor 20 Jahren noch undenkbar, setzt sich langsam die Einsicht bei den Mächtigen dieser Welt durch, dass Wohlstand für Alle neben politische auch wirtschaftliche Stabilität verspricht.

Natürlich ist es nicht von heute auf morgen erreichbar, die Interessen von 6 bis 8 Milliarden Menschen unter einen Hut zu bringen, doch wenn die wichtigsten Punkte, nämlich die Gemeinsamkeiten ins Bewusstsein gerückt werden, dann gewinnen Entwicklungen sehr oft eine Eigendynamik, die Erstaunliches zu bewirken in der Lage ist.

Die Hoffnung gehört ebenfalls zu meiner Vision; sie soll die drei Aspekte verbinden, dann bin ich davon überzeugt, dass wir einem Weltfrieden noch nie so nah waren wie heute.

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