Friede, Freiheit, Vaterland

19.08.2004 | Dr. Hans-Peter Zimmermann

Rede für Politiker des Neuen Zeitalters

Meine sehr verehrten Damen und Herren

Wir befinden uns mitten im Wahlkampf. Haben Sie sich schon einmal überlegt, was das bedeutet? Wir befinden uns im Kampf. Was bekämpfen wir denn? Unsere Partei propagiert, dass wir für etwas kämpfen anstatt gegen etwas. Hat Sie das nicht stutzig gemacht?

Kampf bedingt doch immer einen Gegner, sonst ist es kein Kampf. Und wenn wir vorgeben, für etwas zu kämpfen, dann ist das reine Schönfärberei. Was also bekämpfen wir?

Kann es sein, dass wir den politischen Gegner bekämpfen, der ebenfalls nur das Beste für Sie alle will?

Wenn er nur das Beste will, warum bekämpfen wir ihn dann? Weil er nicht die Wahrheit sagt? Weil er nur auf sein sicheres Beamtengehalt aus ist? Wer garantiert Ihnen denn, dass das bei mir nicht auch der Fall ist? Ein Mensch, der sich auf einen solch sinnlosen Kampf einlässt, der kann doch nicht besonders brauchbar sein.

Groucho Marx hat einmal treffend gesagt, er würde nie einem Club beitreten, der ihn als Mitglied akzeptiere. Ich bin versucht, etwas Ähnliches auszusprechen: Ich würde nie ein Volk regieren wollen, das mich als Regierungsmitglied gewählt hat. Und warum nicht, möchten Sie wissen? Weil wir davon ausgehen können, dass das Volk aufgrund der Wahlkampagne entscheidet. Kampagne ist nur ein schöneres Wort für Kampf. Wer über mehr Waffen verfügt, der macht das Rennen. Und es hilft uns nichts, wenn wir beschönigen wollen und sagen, es kommt auch noch auf die Geschicklichkeit an, mit der man die Waffen einsetzt. Es ist und bleibt ein Kampf.

Ich möchte nichts mit Kampf zu tun haben. Daher sehe ich eigentlich auch keine Chance, dass Sie mich jemals wählen könnten. Wenn ich hier dennoch vor Ihnen stehe und zu Ihnen spreche, so vermutlich nur, um mein Ego zu befriedigen, um Ihnen zu beweisen, dass ich logisch denken kann und dass ich anders bin als alle anderen. Damit habe ich mich allerdings wiederum als Kämpfer ausgewiesen, so dass meine Wahlchancen wieder etwas gestiegen sein dürften.

Dann muss ich wohl mit schärferem Geschütz auffahren. Unsere Partei hat Ihnen ein Wahlversprechen gemacht. Ich weiß nicht einmal genau, was wir Ihnen versprochen haben, so sehr langweilen mich diese Sprüche. Im Vertrauen gesagt, sie kamen noch nie aus unseren eigenen Reihen, sondern von mehr oder weniger geschickten PR-Büros.

Wahlversprechen langweilen mich vor allem aus einem Grund: Es gibt nichts zu versprechen. Wenn Sie glauben, dass wir Politiker Ihnen alle Probleme abnehmen sollten, dann haben Sie es verdient, uns an Ihrer Spitze zu haben.

Das Wort "Problem" ist eine lateinisch-griechische Wortkombination und heißt "das Vorgelegte" oder "die Aufgabe". Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass wir Politiker all Ihre Aufgaben für Sie erledigen sollten?

Ich bin der Meinung, wenn wir schon mit Wahlversprechen um uns werfen wollen, dann sollten sie auf Gegenseitigkeit beruhen. Wir versprechen Ihnen, dass wir Sie nicht belügen. Und Sie versprechen uns, dass Sie aktiv an unseren gemeinsamen Aufgaben mitarbeiten.

Man liest in der östlichen Literatur von sieben Bewusstseinsstufen, auf denen ein Mensch operieren kann.

Die unterste Stufe ist diejenige der Sicherheit. Viele Menschen operieren nur aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus. Ja nichts verändern, alles soll so bleiben, wie es ist. Lieber das Unangenehme, das man kennt, als etwas Neues, das man nicht kennt. Solche Menschen haben bekanntlich nicht sehr viel Energie.

Die zweite Stufe ist diejenige der Sinnlichkeit. Der Mensch will sinnliche Erlebnisse haben. Er will Neues sehen, hören, riechen, fühlen und schmecken. Essen ist ein sinnliches Erlebnis, ein Theater- oder Kinobesuch, und selbstverständlich auch der Sex. Sinnlichkeitssüchtige Menschen haben schon etwas mehr Energie als solche, die vom Sicherheitsdenken geprägt sind. Allerdings handelt es sich hier um sehr kurzlebige Energiestöße. Sinnlichkeit verlangt nach permanenter Steigerung.

Die dritte Stufe ist die Stufe der Macht. Wer es schafft, Einfluss auf andere Menschen zu haben, der verfügt über noch mehr Energie als die Sinnlichkeits- und die Sicherheitsbedürftigen. Das ist die Bewusstseinsstufe der meisten Politiker. Und hier liegt auch der Grund, warum Politiker in der Regel mit sehr wenig Schlaf auskommen. Machtkämpfe liefern Energie. Machtkämpfe halten wach.

Selbstverständlich sinken auch Politiker ab und zu auf die Sinnlichkeits- oder gar auf die Sicherheitsstufe. Aber die unteren beiden Stufen sind bei den meisten so sehr befriedigt, dass sie ihnen nicht mehr viel abgewinnen können. Außerdem: Ein Politiker, dem nach sinnlichen Erlebnissen dürstet, hat wenig Chancen beim nächsten Wahlkampf. Das hat uns die Geschichte bereits mehrfach gezeigt.

Ich möchte hier nur noch die vierte Stufe ins Feld führen, nämlich die Bewusstseinsstufe der Liebe. Sie wissen natürlich alle, was Liebe ist. Wenn es Ihnen noch unklar ist, gehen Sie ins nächste Schallplattengeschäft und kaufen Sie sich ein paar deutsche Schlager. Da wird man Ihnen sagen, was Liebe ist:

"Schon der Gedanke, dass ich dich einmal verlieren könnt,
dass dich ein and'rer Mann
einmal sein eigen nennt,
er macht mich traurig, weil du für mich die Erfüllung bist,
was wär' die Welt für mich, ohne dich?
Uhuuuh, uhuuuh..."
etc.

Das hat er vor zehn Jahren zu ihr gesagt. Mittlerweile klingt es anders, nur hat er leider daraus keinen Schlager gemacht:

"Du bist nicht mehr die Frau, die ich geheiratet habe.
Ich bin zutiefst enttäuscht von dir.
Da habe ich gemeint, ich hätte ein Juwel gefunden.
Und was bist du? Ein Stück Dreck.
Ich habe mich so danach gesehnt, eine problemlose Ehe zu führen.
Aber du lieferst mir ein Problem nach dem anderen.
Ich reiche die Scheidung ein."

Sie haben es schon gemerkt: Ich teile diese Definition von Liebe nicht.

Was aber ist Liebe? Für mich ist Liebe das pure Gegenteil von Sicherheitsdenken, Sinnlichkeitssucht und Machtgier. Liebe hat mit Loslassen zu tun. Was aber tun wir Politiker die ganze Zeit? Wir versuchen zu vergewaltigen. Und Vergewaltigung hat nun gar nichts mit Liebe zu tun, da werden Sie sicher mit mir einig gehen.

Ich setze ebenfalls Ihr Einverständnis voraus, wenn ich behaupte: Eine Politik, die von Sicherheitsdenken, Sinnlichkeitssucht oder Machtgier geprägt ist, führt in den Abgrund. Dann wäre die logische Konsequenz, dass wir Politiker auf der Stufe der Liebe operieren müssten. Rein energetisch würde das die besten Resultate bringen. Aber stellen Sie sich einen Politiker vor, der uns erzählt, er fälle seine Entscheidungen immer aus Liebe. Glauben Sie, dass der wiedergewählt würde?

Ich will Ihnen noch einen weiteren Grund liefern, der es Ihnen erleichtern wird, mich nicht zu wählen: Ich glaube nicht an Zufälle. Denn wenn es Zufälle gäbe, dann wäre die Erde vermutlich längst von ihrer klar beschriebenen Umlaufbahn um die Sonne abgekommen und rein zufällig in einen anderen Planeten geknallt. Oder Ihr Magen würde zur Zeit rein zufällig die Formel für den Abbau Ihres Mittagessens verwechseln und Ihren Körper vergiften. Ich könnte zahlreiche weitere Beispiele aufführen, die Ihnen beweisen, dass wir unmöglich in einem Zufalls-Universum leben können.

Wenn Sie also mit mir einig sind, dass es keine Zufälle gibt, dann ist es auch kein Zufall, dass wir reiche und arme Menschen haben.

Wussten Sie eigentlich, dass, wenn wir alles Geld der Welt gleichmäßig auf alle Menschen verteilen würden, jeder Mensch mehrfacher Millionär wäre? Und wussten Sie auch, dass nach wenigen Jahren das Geld wieder so verteilt wäre, wie es vorher war?

Es gibt keine Zufälle. Jeder ist genau dort, wo er aufgrund seiner Gedanken, Gefühle und Handlungen sein muss.

Und was tun wir Politiker? Wir versprechen Ihnen im Wahlkampf, dass wir das soziale Gefälle ausgleichen werden. Dabei wissen wir haargenau, dass wir das niemals schaffen werden. Jeder, der die Leiter des Erfolges hochgeklettert ist, weiß, dass Erfolg kein Zufall ist. Warum versuchen die Politiker also, Ihnen weiszumachen, dass sie etwas am sozialen Gefälle verändern könnten? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Und ich will auch keinem von ihnen Machtgier unterstellen. Vielleicht kommen sie einfach zu wenig zum Nachdenken. Das wäre verständlich, wenn man bedenkt, an wie vielen langweiligen Anlässen sie dabei sein und wieviel Leerlauf sie ertragen müssen.

Ich kann Ihnen also zum Abschluss nur eines versprechen: Dass ich meine Zeit nicht an Talkshows oder Männerchor-Jubiläen vertrödeln werde, dass ich an keinem Wahlkampf teilnehmen werde, dass ich niemals das Wort "Sachzwang" in den Mund nehmen werde und dass ich meine Arbeit immer mit Liebe verrichten werde.

Wenn Sie nur einigermaßen normal sind, dann werden Sie auf mich verzichten. Ich danke Ihnen!

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