Freizeitpark Deutschland

05.10.2006 | Markus Wilms

Am Anfang war das böse Wort: "Wir können die Zukunft nicht dadurch sichern, dass wir unser Land als einen kollektiven Freizeitpark organisieren". Am 21. Oktober 1993 bashte Helmut Kohl mittels Regierungserklärung Forderungen nach kürzeren Arbeitszeiten und die vermeintlich zunehmende Null-Bock-Mentalität der Deutschen. Und wie steht es heute um den Freizeitpark Deutschland?

Freizeit

Vermeintlich bestens. Die Freizeitwirtschaft verzeichnet stabile Wachstumsraten, die weit über denen der Gesamtwirtschaft liegen. Mit weit über sechs Millionen Beschäftigten fungiert die Branche längst als Deutschlands größter Arbeitgeber und beschickt einen Milliardenmarkt, so Horst W. Opaschowski vom BAT Freizeitforschungs-Institut. Auch international boomt die Branche. Das World Travel & Tourism Council beziffert den Anteil der Freizeitindustrie am Welt-Bruttosozialprodukt auf momentan 11 Prozent mit der klaren Perspektive Richtung 20 Prozent - oder anders ausgedrückt: auf ein Marktvolumen von 7.500.000.000.000 Dollar. "Der Freizeitwirtschaft kommt die Rolle einer Leitökonomie zu. Sie wird die Lokomotive sein, die die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts antreibt", meint Opaschowski. Das Erfolgsgeheimnis sieht er im "wachsenden Wunsch der Menschen nach Lebensqualität, symbolisiert durch Mobilität und Aktivität, Geselligkeit und Lebensfreude."

Zu den Freizeitbeschäftigungen, für die wir Deutschen am meisten Geld ausgegeben, zählt das BAT Freizeitforschungs-Institut das Aus- und Essengehen in Restaurants (87%), den Medienkonsum durch Zeitschriften (77%), CDs/ DVDs (73%) und Handys (71%) sowie die Freizeitmobilität bei Tagesausflügen (71%) und Urlaubsreisen (59%). Das Statistische Bundesamt berichtet aktuell von jährlich 30,8 Millionen Besuchern bei 111.000 Aufführungen der 961 öffentlichen und privaten Theater, 127 Millionen Cineasten in den 4.687 Kinosälen, von 103 Millionen Besuchern der 4.878 Kunst-, Volks-, und Heimatmuseen und von 427,9 Millionen Entleihungen durch 9,1 Millionen Nutzer der 9.025 öffentlichen und 3,1 Millionen Nutzer der wissenschaftlichen Bibliotheken. Die GEZ zählt 42 Millionen private Hörfunk- und Fernsehempfänger, der Deutsche Sportbund 23,6 Millionen Sportler in 89.870 Vereinen, der deutsche Chorverband 1,7 Millionen Sänger in 22.701 Chören. Und wann das alles? Laut Statistischem Bundesamt nimmt parallel zum Freizeitmarkt auch die Freizeit an sich zu. Gegenüber Anfang der 90er Jahre bei Frauen um 18 Minuten (von 5:25 Stunden auf 5:43 Stunden täglich), bei Männern um eine knappe halbe Stunde (von 5:44 auf 6:11 Stunden).

In der neuen bunten Freizeitwelt spielen die traditionellen "Märkte" dagegen nur noch eine nachrangige Rolle. Die Mitgliederzahl in Parteien sank im Jahr 2004 auf 1,6 Millionen, gegenüber 2,3 Millionen im Jahr 1990. Der Organisationsgrad der Gewerkschaften fällt rapide. Ver.di, 2001 mit 2,8 Millionen Mitgliedern als größte Einzelgewerkschaft der Welt gestartet, hat heute 500.000 Mitglieder weniger. Die Evangelische Kirche verzeichnete 2004 25,6 Millionen Mitglieder, gegenüber 26,1 Millionen im Jahr 1980 - trotz der Wiedervereinigung. Die Katholische Kirche zählte 2004 25,9 Millionen Mitglieder, 1980 waren es noch 26,7 Millionen. Der moderat erscheinende Schwund bekommt eine andere Dimension, wenn man die Zahl der tatsächlichen Kirchgänger betrachtet. 1980 zog die Katholische Kirche 7,8 Millionen Gläubige allwöchentlich in die Gotteshäuser, 2003 waren es 4 Millionen.

Ist also auch auf dem Freizeitmarkt ein Ende der Wachstumsspirale in Sicht? Denn zum Ausleben des Freizeitangebots braucht der Mensch schließlich Zeit und Geld - und beides ist endlich.

Arbeitszeit

Noch nie hatte eine Generation - statistisch gesehen - so viel freie Zeit zur Verfügung. Doch der Trend befindet sich bereits in der Umkehr. Die Wirtschaftsentwicklung hängt immer mehr von der Leistungsbereitschaft und Innovationsfähigkeit qualifizierter Fachkräfte ab. Und so nimmt die Arbeitsbelastung wieder zu, das vielfach proklamierte "Zurück zur 40-Stunden-Woche" stellt der Freude über Beschäftigungssicherheit Freizeitverlust und Zeitnot an die Seite. Jobsicherung wird mit Privatleben bezahlt und mit tatsächlichen Wochenarbeitszeiten, die ohnehin etwa 2,5 Stunden über den vertraglichen Wochearbeitszeiten liegen. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes "kennt" jeder vierte Erwerbstätige Sonn- und Feiertagsarbeit. "Ständig" arbeiten demnach 4 Prozent auch an Sonn- und Feiertagen, "regelmäßig" tun das 8 Prozent, "gelegentlich" 13 Prozent. Klar ist: Längere Arbeitszeiten machen die Arbeit günstiger, weil die Lohnkosten pro geleisteter Arbeitsstunde sinken. Doch vor allem die Selbständigen verfügen schon jetzt über weniger Zeitautonomie und nehmen berufliche Probleme mit in die "Freizeit". Zeitwohlstand heißt der neue echte Luxus. Umso wichtiger wird, wie man seine Freizeit sinnvoll nutzt.

Das Statistische Bundesamt hat sich in der Studie "Wo bleibt die Zeit" auf die Suche gemacht und ist dabei auf eine äußerst sinnvolle Art gestoßen, wie immer mehr Menschen ihre freie Zeit nutzen: mit gesellschaftlichem Engagement. Dabei hängt der zeitliche Umfang von der Einbindung in Familie und Job ab. So kommen allein lebende Ehrenämtler auf durchschnittlich 6 Stunden und 4 Minuten ehrenamtliches Engagement pro Woche, Paare ohne Kinder wenden 5 Stunden und 6 Minuten auf, Paare mit Kindern, bei denen beide Partner erwerbstätig sind, immerhin 3 Stunden und 52 Minuten.

Zeit für gesellschaftliches Engagement

Nach Zahlen des "Freiwilligensurveys" von TNS Infratest Sozialforschung und dem Bundesfamilienministerium übten im Jahr 2004 bereits 36 Prozent der Bevölkerung mindestens eine freiwillige Tätigkeit aus, ein Zuwachs um 2 Prozentpunkte gegenüber der Vergleichsstudie von 1999. Zerlegt man das freiwillige Engagement in seine Bereiche, so nimmt der Sektor "Sport und Bewegung" den mit Abstand größten Raum ein: 11 Prozent der Bevölkerung engagieren sich hier, es folgen die Bereiche "Schule/ Kindergarten", "Freizeit und Geselligkeit" sowie "Kirche und Religion". Der Bereich "Freizeit und Geselligkeit" ist dabei der einzige Sektor, der sich rückläufig entwickelt hat, der "Soziale Bereich" ist dagegen um 1,5 Prozentpunkte gestiegen. Noch einmal in Zahlen: 2004 haben sich 22 Prozent mehr Menschen freiwillig im sozialen Bereich engagiert als noch 1999.

Der Freiwilligensurvey trifft auch Aussagen über die Beweggründe gesellschaftlichen Engagements. Die häufigste Rechtfertigung lautet: "Ich will durch mein Engagement die Gesellschaft zumindest im Kleinen mitgestalten." Zwei Drittel der Befragten stimmen dem "voll und ganz" zu. 60 Prozent stellen den geselligen Aspekt in den Vordergrund und stehen "voll und ganz" hinter der Aussage "Ich will durch mein Engagement vor allem mit anderen Menschen zusammenkommen." Nur 21 Prozent sehen ihr freiwilliges Tun vor allem als eine Form politischen Engagements. Der Grad politischer Integration ist, bezogen auf die traditionellen, institutionalisierten Formen der Beteiligung, in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Interessensgruppen wie Gewerkschaften und Parteien verlieren im Vergleich zu Freizeitorganisationen an Mitgliederattraktivität. Andererseits haben nicht institutionalisierte Formen politischer Beteiligung keineswegs an Bedeutung verloren. Ein Warnsignal an die institutionalisierte Politik, aber auch ein Hoffnungszeichen für basisnahes bürgerschaftliches Engagement, ein Plädoyer für eine starke Zivilgesellschaft. Das heutige ehrenamtliche oder bürgerschaftliche Engagement ist nicht mehr dauerhafter Teil eines Lebensplans, sondern wechselnd und projektorientiert. Es muss zum Individuum passen. Das ist die neue Ehrenamtlichkeit.

Die Stärkung der Zivilgesellschaft fällt in eine Zeit großer wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche. Es bleibt abzuwarten, wie sich Sozialreformen á la Hartz IV oder der demografische Wandel auswirken. "Das zunehmende Engagement von Arbeitslosen ist ein Hinweis darauf, dass Menschen in schwierigen sozialen Lagen bereits mit öffentlicher Aktivität und freiwilligem Engagement auf soziale Umbrüche und Belastungen reagieren", meint Thomas Gensicke von TNS Infratest Sozialforschung. Und mit diesem Engagement, so Gensicke weiter, zielten Arbeitslose nicht nur auf die Verbesserung der eigenen Beschäftigungsfähigkeit und -chancen, sondern ausdrücklich auch auf gesellschaftspolitische Einflussnahme.

Tatsächlich ist die Grenze zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen Öffentlich und Privat, fließend geworden. Und so setzt die politische Kultur in einer demokratischen Gesellschaft bei den Bürgern Werthaltungen und Verhaltensweisen voraus, die von bürgerschaftlichem Engagement, Toleranz und fair Play bestimmt sein müssen. Soziologen stellen fest, dass gegenüber den Anfangsjahren der Bundesrepublik mit der positiven Einstellung zur Demokratie auch die Bereitschaft zu Engagement und die Forderung nach Beteiligung gewachsen sind. Aktuell sprechen die rückläufige Beteiligung an Wahlen und die permanente Postulierung vermeintlicher Politikverdrossenheit eine andere Sprache. Doch die demokratische politische Kultur braucht eine Verankerung in allen gesellschaftlichen Bereichen. Eigeninitiative und Verantwortung entstehen nur dort, wo man in Familie, Schule, Beruf und eben auch in der Freizeit - im Verein, in der Kirche, in der Partei, in der NGO - die Chancen uns Risiken selbstverantwortlichen Tuns ausprobieren kann. Und es bedarf eben dieses intensiven gesellschaftsgestaltenden Handelns einer - auch politischen - Gemeinschaft, um Freiheit und Demokratie zu sichern. Und auch alle Forderungen nach Modellen und Formen von mehr direkter Demokratie, nach plebiszitären Ergänzungen des Grundgesetzes, hängen an der Verwirklichung gesellschaftlichen Engagements durch das Individuum. Von Freizeitpark und Null-Bock keine Spur.

Die Zukunftsstudie des BAT Freizeit-Forschungsinstituts bestätigt den Trend. Die Werte- und Orientierungslosigkeit hat demnach ein Ende. Die Bundesbürger richten sich wieder auf verbindliche Spiel- und Verhaltensregeln ein. Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Hilfsbereitschaft führen die Skala an. Der Zeitgeist verordnet Selbstdisziplin, die der Selbstverwirklichung nicht mehr im Wege steht. Die Suche nach dem Sinn ersetzt die Flucht in die Sinne. Und diese Sinnorientierung, so Horst Opaschowski, wird zu einer großen Herausforderung der Wirtschaft werden. Denn mit jedem neuen Konsumangebot müsse zugleich die Sinnfrage "Wofür das alles" beantwortet werden. "Zukunftsmärkte werden immer auch Sinnmärkte sein. Die Gesellschaft will nicht auf Konsum verzichten, dafür aber die Wertehaltigkeit des Konsums zum Ausdruck von Lebensqualität erheben."

Gemeinschaftliches Engagement im Ehrenamt entsteht, wenn Menschen darin einen individuellen Sinn erkennen. Dafür müssen Freiräume eröffnet werden, so dass freiwilliges Engagement sowohl für die Gesellschaft als auch für den Einzelnen einen Nutzen generiert.

Zeit für Corporate Citizenship

Und diese Freiräume finden die Menschen immer öfter auch im Unternehmen vor. Nach einem Strategiepapier des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) betreiben immer mehr Unternehmen Corporate Citizenship, indem sie in ihr gesellschaftliches Umfeld investieren, Verantwortung für die Belange ihrer externen Stakeholder übernehmen und dabei nicht nur materielle Ressourcen heranziehen, sondern sich mit persönlichem Engagement einsetzen. Nach 2005 vorgestellten Untersuchungen des Instituts zeigen sich 82,4 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen "zumindest mittelfristig gesellschaftlich aktiv", das heißt "mindestens ein Mal in fünf Jahren". Als "jährlich gesellschaftlich aktiv" wurden 41,1 Prozent der untersuchten Unternehmen eingestuft. Echtes Corporate Citizenship im engeren Sinne betrieben demnach 26,0 Prozent. Dieser Wert bedeutet einen Zuwachs um 3,4 Prozent gegenüber dem Vergleichsjahr 2001. Die meisten Unternehmen engagierten sich im Bereich Soziales (73,8%), vor den Sektoren Freizeit (63,4%), Kultur (61,4%), Bildung (54,5%) und Umwelt (38,6%).

Die Globalisierung forciert dabei die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch die Unternehmen. Corporate Giving (Sachspenden) und Corporate Volunteering (Bereitstellung von Personalressourcen) sind Teil einer Unternehmensstrategie zur sozialen Verankerung von Betriebsstandorten und in Gesellschaften, in denen man produziert und verkauft. Der Wirtschaftssoziologe Holger Backhaus-Maul hat festgestellt, dass Unternehmen gesellschaftliches Engagement als "gesellschaftspolitische Partizipation und Einmischung auffassen, die einen integralen Bestandteil der wirtschaftlich begründeten Unternehmensstrategie darstellt." Denn die Differenzierung erfolgt nicht mehr nur über Qualität und Preis, sondern auch über die gesellschaftspolitische Rolle eines Unternehmens.

Der Wachstumsmarkt "Freizeit" wird weiter wachsen, muss sich aber gleichzeitig höheren Erwartungen stellen. Und: Das Leben im Freizeitpark Deutschland ist nicht mehr das Leben, vor dem Helmut Kohl warnte. Es ist sinnerfüllter geworden. Seine Bewohner gehen verantwortungsbewusst mit den Ressourcen um. Sie kümmern sich um die Gesellschaft und um sich selbst. Und sie finden ausrechend Gelegenheit, die Möglichkeiten auszukosten, die hohe Löhne und viel Freizeit bieten. Jeder kann hier nach seiner Fasson glücklich werden.

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