Familienfreundliche Arbeitszeitmodelle

21.11.2012 | Rainer Nahrendorf

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat Deutschland als Abstiegskandidaten ausgemacht. Sie prophezeit, dass große, schnell wachsende Schwellenländer wie Indien und Brasilien bis zum Jahr 2060 an Deutschland vorbeiziehen werden und das Land auf den zehnten Platz abrutschen wird. Jetzt sieht sie Deutschland noch auf fünften Rang der großen Wirtschaftsmächte. Als Grund für den Abstieg sieht sie die Überalterung und Schrumpfung der deutschen Bevölkerung, die nicht durch eine verstärkte Zuwanderung kompensiert werden könne.

Die Modellrechnungen von Bevölkerungsexperten wie von Prof. Eckart Bomsdorf und Jörg Winkelhausen sind in der Tat alarmierend. Nach ihren Berechnungen wird die Zahl der Bevölkerung im Erwerbsalter nach der mittleren wahrscheinlichen Variante (Geburtenrate 1,4; Wanderungssaldo 150.000) von heute 50 Millionen bis 2036 auf knapp 40 bis 42 Millionen zurückgehen und bis 2060 auf 35,6 Millionen sinken. Berücksichtigt man die neue gesetzliche Altersgrenze von 67 Jahren, werden es 1,7 Millionen mehr sein.

Das beharrliche deutsche Geburtendefizit mit noch nicht einmal 1,4 Kindern pro Frau (2012: 1,36) hat für Deutschland dramatische Konsequenzen.

An unzureichender Förderung der Familien kann der Geburtenmangel nicht liegen. Fast 200 Milliarden Euro (2013: 197) lässt sich der deutsche Staat die Familien- und Ehe bezogenen Maßnahmen kosten. Ein wichtiger Grund für Paare, auf Kinder zu verzichten oder nur ein Alibi-Kind groß zu ziehen, dürfte im Wertewandel liegen.

Viele meinen, man könne auch ohne Kinder glücklich sein, sehen den Lebenssinn in der beruflichen Selbstverwirklichung und Karriere oder im puren Lebensgenuss, ohne Verantwortung für Kinder. Wenn der Kinderwunsch fehlt oder so gering ausgeprägt ist, dass auf zweite und dritte Kinder verzichtet wird, können auch familienpolitische Maßnahmen wenig helfen.

Schaut man auf die Umfragen, sind es weniger die finanziellen Belastungen durch Kinder, die Paare bewegen, auf eine Familiengründung zu verzichten, sondern ist es die Sorge der Frauen, sie könnten eine Mutterschaft schlecht mit ihrem Beruf und ihrem Karrierestreben verbinden. Deshalb verzichten viele - wie 30 Prozent aller Akademikerinnen - auf Kinder oder schaffen sich kein zweites an.

Diese Sorge muss den Frauen genommen werden. Staat und Unternehmen müssen durch ein ausreichendes Angebot an kommunalen oder betrieblichen Kindertagestätten und Kindergärten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewährleisten. Mehr Ganztagsschulen müssen hinzukommen.

Nicht weniger wichtig ist eine familienfreundliche Arbeitswelt mit flexiblen, für Mütter passenden Arbeitszeiten und Freistellungsregeln bei der Erkrankung der Kinder.

Das familienfreundliche Krankenhaus ist nach Ansicht der deutschen Krankenhausgesellschaft eine ökonomische Notwenigkeit, wenn dem medizinischen Fachkräftemangel wirksam begegnet werden soll. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund hat eine Kampagne für ein familienfreundliches Krankenhaus gestartet.

Gute, nachahmenswerte Beispiele gibt es. Das Unfallkrankenhaus Berlin ist ein familienfreundliches Krankenhaus. 80 Kinder von Mitarbeitern des Krankenhauses und aus dem Wohnumfeld können werktags von 6 bis 21 Uhr sowie am Wochenende von 6 bis 18 Uhr betreut werden. Der betriebseigene Kindergarten soll das Krankenhaus als Arbeitgeber attraktiver machen und einem Ärztemangel vorbeugen.

Auf Ärztinnen sind die Krankenhäuser mehr denn je angewiesen, sind doch zwei Drittel aller Medizinstudenten Frauen. Wenn sie sich für eine Mutterschaft entscheiden, ist es nicht leicht, als Teilzeitkräfte weiter zu arbeiten. Die Schwierigkeit, familiengerechte Arbeitszeitmodelle zu erarbeiten, zeigt ein Thesenpapier der Krankenhausgesellschaft.

Familienverträgliche Arbeitszeitmodelle zu entwickeln ist nicht nur eine Herausforderung für Krankenhäuser, sondern für die Wirtschaft insgesamt und die Verwaltungen. Die Datenbank mit 150 guten Beispielen www.Erfolgsfaktor-Familie.de zeigt, was an familiengerechter Arbeitszeitpolitik möglich ist. Wenn die bessere Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf für Frauen nicht nur gefordert, sondern realisiert wird, könnte die OECD Prognose zur Zukunft Deutschlands günstiger ausfallen.

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