Euro-VISIONEN

30.07.2004 | Rudolf Maresch

Bei ihrem Gipfeltreffen in Lissabon vor vier Jahren verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs der EU höchst Bemerkenswertes: 2010 wolle man die USA "überholen" und zum weltweit größten Binnenmarkt für den elektronischen Handel und Warenverkehr werden. Mit dem Ausbau der materiell-technischen Infrastruktur werde man dem Alten Kontinent seine vormalige Bedeutung wiedergeben und ihn zur allerersten Adresse für potentielle Investoren, Anleger und Dienstleister machen.

Trotz des zwischenzeitlichen Platzens der Internet-Blase signalisierte dieser Beschluss eine überraschende Wende in der Politik der EU. Europa scheint die Welt verändernde Macht von IuK-Technologien für Menschen, Märkte und Völker erkannt zu haben, es ist dabei, seine lang anhaltende Larmoyanz, Depression und Schwarzmalerei abzulegen. Und das nicht nur in Bezug auf die rasche Einführung und Anwendung digitaler Technologien in Schule, Beruf und Kommunikation.

Nutzten die Amerikaner das Ende des Kalten Krieges, um ihren Vorsprung in den vier Schlüsselbereichen der Macht (militärisch, ökonomisch, technologisch, kulturell) weiter auszubauen, legte Europa eine "strategische Verschnaufpause" (Robert Kagan) ein. Statt den Kollaps des Sowjetimperiums als Chance zu begreifen, ihre "geostrategische Einflusssphäre" zu erweitern, sahen die meisten Europäer im Ereignis nur die willkommene Gelegenheit, eine "beträchtliche Friedensdividende" einzustreichen. "In der Ersten Welt haben wir in den 90-er Jahren eine rauschende Fete gefeiert", bekannte Joschka Fischer jüngst freimütig im Interview mit der Berliner Zeitung vom 28.2.04. Noch der Maastrichter Vertrag von 1992 bestärkte etliche EU-Führer, ein durch den Euro geeintes Europa würde alsbald seine alte Größe in einer neuen Form wiedererlangen.

Balkan-Krise, der Angriff auf die Twin Towers und der Beginn des war on terror haben Europa aber etwas anderes gelehrt. Sie haben gezeigt, dass räumliche Ausdehnung (EU-Erweiterung) und ökonomische Potenz (dynamischster Wirtschaftsraum) allein noch keine Garanten für globale Macht und Stärke sind. Ohne entsprechende militärische, politische und kulturelle Unterfütterung wird Europa auch fortan ein ökonomischer "Koloss auf tönernen Füßen" bleiben, einer, der von den Interessen, Launen und Forderungen anderer Mächte abhängig ist.

Will Europa künftig einen dominierenden Part im System globaler "Großraumordnungen" einnehmen und zum Global Player avancieren, dessen Stimme weltweit beachtet und gehört wird, dann kommt es nicht umhin, seine politische Einigung voranzutreiben. Es muss lernen, mit einer Zunge zu sprechen; und es muss sich als eigenständige Marke präsentieren, mit klarem Profil, klar formulierten Interessen und geostrategischen Zielen.

Der neue Unilateralismus, die Missachtung des UN-Sicherheitsrates, die Ignorierung des Völkerrechts und die Reklamation eines Rechts auf Präemption durch die Bush-Administration haben die "transatlantische Drift" verstärkt und Europa diese Abnabelung von der US-Schutzmacht erleichtert. Vor allem seit Beginn der Irak-Kampagne wird deutlich, dass Amerika und Europa in eminent wichtigen Fragen und Feldern der Politik, der Wirtschaft oder des Rechts (Wohlfahrtsstaat, Sozialpartnerschaft, Rechtsgrundsätze ...) unterschiedliche Werte, Prinzipien und Interessen verfolgen.

Traut man geopolitischen Analysen, dann gibt es "den Westen" längst nicht mehr. Die Nato wird von New Yorker Meinungsmacher (New York Times vom 28.6.2004) bereits als "hollow alliance" (William Safire) angesehen. Und in den global-strategischen Planungen des US-Imperiums spielt Europa keine besondere Rolle mehr. Dort dient es allenfalls noch als "Brückenkopf" für den Griff nach Eurasien und den Größeren Mittleren Osten. Andererseits denken immer mehr Europäer laut über ihre geografische Nachbarschaft zu Russland nach. Eine "Eurasische Gegenmacht", eine Achse "Paris-Berlin-Moskau", die die Bodenschätze Eurasiens ausbeutet und dem US-Imperium militärisch wie weltpolitisch die Stirn bietet, oder ein neues "Eurabia", das sich an seine "christlich-islamischen" Wurzeln oder Traditionen erinnert und diese Kulturen neu miteinander verwirbelt, sind längst keine Zukunftsmusiken oder Hirngespinste vergangener Zeiten oder Ewiggestriger mehr.

Mit dem Terroranschlag von Madrid hat der Einigung Europas nochmals einen Schub bekommen. Die Europäer haben ihre nationale Egoismen und Ressentiments vorerst ad acta gelegt. Die Chancen auf die Verabschiedung einer gemeinsamen Verfassung sind seither merklich gestiegen. Der Plan der Neocons, einen Keil zwischen altes und neues Europa zu treiben oder die EU-Staaten zu zwingen, sich zwischen "Washington oder Paris zu entscheiden" (David Frum/Richard Perle), könnte zum Rohrkrepierer werden. An die Stelle eines vielzüngigen und in sich zerstrittenen Europas könnte alsbald ein politisch geeintes Europa treten, das sich zum "neuen Byzanz" auswächst und sich als echte Alternative und attraktiver Gegenentwurf zum "Neuen Rom" und deren Ideen von Demokratie, Freihandel und Erfolg präsentiert. Schon sieht Joschka Fischer am Horizont ein "strategisches Europa" auftauchen, eines, das in "kontinentalen Größenordungen" denkt und handelt, sich an "große Staaten" wie Russland, China, Indien und den USA orientiert und sich mit ihnen geopolitisch misst.

Damit Europa nicht in "klein-europäische Vorstellungen" (Kerneuropa) zurückfällt und die Globalisierung auch kulturell meistern kann, muss es sich aber auch auf seine Geschichte und seine sozialtechnischen Errungenschaften besinnen. Diese Erinnerung muss nicht bei den blutigen Erfahrungen zweier Weltkriege, bei Völkermord, Vertreibung und Gulags beginnen oder enden, sie sollte vielmehr bei all jenen Visionen und Utopien ansetzen, die weniger Skepsis und Zweifel am technisch-wissenschaftlichen Fortschritt üben.

Jahrhunderte lang war Europa Quelle und Sitz utopischen Denkens. Hier entstanden die ersten Ideen über einen idealen Staat oder eine umfassende Wissensgesellschaft; hier wuchs die Hoffnung auf die Beseitigung von Hunger, Krankheit und Armut und einen "Ewigen Frieden"; hier wurden die ersten Arbeits-, Erziehungs- und Gesellschaftsutopien formuliert und erprobt; und hier haben alle Sehnsüchte der Menschen nach Unsterblichkeit, Schönheit und ewiger Jugendlichkeit ihren Ursprung, die mittlerweile in die Neue Welt aus- und in die Gen-, Nano- und Computertechnologie eingewandert sind. Immer noch wird in Europa viel zu prinzipiell über das Für und Wieder des Klonens von Lebewesen verhandelt, über die Forschung an embryonalen Stammzellen, die Optimierung und Züchtung des Menschen durch genetische Selektion oder die sozialen Folgen der Globalisierung von Märkten und Netzwerken. Amerikanern stehen derlei Fragen meist viel offener und unbefangener gegenüber. Fällt ihnen bei der Selektion von Stammzellen eher die Petrischale ein, denken Europäer zuallererst an die Rampe von Auschwitz. Ohne neue Patente, Geschäftsideen und Visionen aber, die den Alten Kontinent katapultartig aus der Gegenwart tragen; und ohne Mitschrift am Takt, Rhythmus und Code, den Lebenswissenschaften und Informationstechnologien vorgeben, wird Europa ein "Museum" bleiben; es wird in die zweite Liga absteigen und "Schädelstätte des absoluten Geistes" werden.

Um den "technologischen Vorsprung" Amerikas aufzuholen und das daran gekoppelte "Machtgefälle" zwischen alter und neuer Welt zu beheben, reicht das freilich bei weitem nicht aus. Dazu braucht es schon noch mehr. Beispielsweise den Aufbau einer eigenständigen europäischen IT-Industrie, die offenere und stabilere Betriebssysteme entwickelt als die Firma Microsoft. Programmentwickler wie Linus Torvalds wären nicht mehr gezwungen nach Silicon Valley abzuwandern, um dort die Früchte ihrer Erfindung zu ernten. Die europäische Geschichte lehrt: Erst die mathematische Revolution, die Kopplung von indischem Stellenwertsystem und dem Buchdruck Gutenbergs, brachte dem neuzeitlichen Europa nämlich eine wissenschaftlich-technische Macht ohnegleichen.

Gelänge es Europa, sich darauf wieder zu besinnen, Hunderte neuer Betriebssysteme und Chiparchitekturen blühen und gegen die lausigen Standards der Pax americana anlaufen zu lassen, dann könnte es durchaus sein, dass die Weltgeschichte sich doch nicht in einer "radikalen Negation" der europäischen vollzöge, wie der Philosoph und Kybernetiker Gotthard Günther vor mehr als fünfzig Jahre vermutet hat.

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