Es ist an der Zeit ...

15.07.2004 | Kristina Köhler

Plädoyer für eine neue Form des Miteinanders von Wählern und Gewählten

Bereits Anfang der 1990er Jahre beherrschte das Thema Politikverdrossenheit die Medien. Heute scheint Gleichgültigkeit, ja Resignation an die Stelle der Verdrossenheit getreten zu sein. Stetig sinkende Wahlbeteiligungen, Parteiaustritte, insgesamt mangelndes Vertrauen in die Politik künden von dem gestörten Verhältnis von Wählern und Gewählten.

Offenbar hat es die Politik in den letzten Jahren nicht verstanden, die Menschen in unserem Land ausreichend auf die notwendigen Reformen vorzubereiten, sie mit auf den Weg zu nehmen.

Dabei ist die Aufgabe eigentlich leicht zu umreißen: Wir müssen den Menschen in Deutschland verständlich machen, dass Reformen die unabdingbare Voraussetzung dafür sind, Solidarität und soziale Gerechtigkeit unter veränderten Rahmenbedingungen für die Zukunft zu sichern. Was in der Theorie so einfach klingt, gestaltet sich jedoch in der politischen Realität aus verschiedenen Gründen schwierig.

Zunächst diktiert die fortschreitende Individualisierung unserer Gesellschaft neue Spielregeln für die Politik. Immer mehr Menschen gehen bei der Gestaltung ihres Lebens eigene Wege und folgen dabei individuellen Leitbildern. Damit wird es für die Politik nicht leichter, mit ihren Ideen zu den Bürgern vorzudringen. Dazu kommt, dass viele Menschen lange anerkannte Strukturen und Organisationsformen verstärkt in Frage stellen. Die Bereitschaft, in Vereinen, Verbänden oder gar politischen Parteien mitzuwirken und sich damit langfristig für eine gemeinsame Sache zu engagieren, wird weiter sinken. Nicht zuletzt die zum Teil massiven Mitgliederverluste der politischen Parteien sind dafür ein sicheres Indiz. Die Wahlergebnisse der letzten Monate lassen vermuten, dass der Wechselwähler in Zukunft zur Regel werden wird, der pflegeleichte Stammwähler - Horrorszenario für alle politischen Parteien - die Ausnahme.

Dieser Wandel aber muss nicht ausschließlich von Nachteil sein, er birgt auch neue Herausforderungen und Chancen. Wenn wir den Wähler als selbstständiges und eigenverantwortliches Wesen begreifen, werden wir uns auch wieder stärker bemühen, ihn inhaltlich zu überzeugen. Die Vermittlung der dringend erforderlichen Maßnahmen, insbesondere der grundlegenden Reformen der sozialen Sicherungssysteme, wird die große Herausforderung der kommenden Jahre sein. Wir müssen deshalb frühzeitig, offen und ehrlich, engagiert und nicht zuletzt mit visionärer Kraft um Verständnis für die noch anstehenden Reformvorhaben werben

Gerade an der Möglichkeit, Visionen in das politische Geschehen einzubringen und zu verwirklichen, fehlt es den Politikern in unserem Land aber allzu häufig. Für politische Weitsicht und nachhaltige Kreativität bleibt mit Blick auf die nächsten Wahlen in der Regel kaum Raum; zu sehr ist die Politik auf Umfrageergebnisse, Prognosen und Wahlergebnisse fixiert. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Das aber werden wir nur schaffen, wenn sich Politiker und Wähler gleichermaßen ihrer Verantwortung für die Zukunft unseres Landes bewusst sind und den schwierigen Weg gemeinsam gehen.

Dazu gehört auch, dass die Wähler ihre Ansprüche an die Politiker realistischer gestalten. Wenn man z.B. von seinem Abgeordneten einerseits ständige Präsenz in Berlin verlangt, darf man sich andererseits nicht beschweren, wenn eben dieser Abgeordnete leider nicht am Neujahrsempfang des Stadtteils XY im Wahlkreis teilnehmen kann; wer die anstehenden Reformvorhaben in 30 Sekunden erklärt haben möchte, um sich dann später laut Gedanken über die Oberflächlichkeit seines Abgeordneten zu machen, sollte sich fragen, ob das noch den Regeln des fair-play entspricht. Insoweit sind nicht nur die Gewählten, sondern auch die Wähler gefragt. Denn, wie gesagt, den schwierigen Weg müssen wir gemeinsam gehen.

Es ist an der Zeit für eine neue Form des Miteinanders von Wählern und Gewählten.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Politikstil | Kristina Köhler | weiterempfehlen →

✪ Video-Tipp

Katharina Tempel

Nein

empfohlen von: webkultur.de | Der Video-Tagesimpuls