Ernährung und Marktwirtschaft

03.02.2009 | Hermann Kroll-Schlüter

Die Welt-Landwirtschaft

In der Zeit zwischen 1870 und 2000 hat die Welt-Landwirtschaft tendenziell immer mehr Nahrungsmittel für immer mehr Menschen zu immer geringeren Preisen produziert. In den vergangenen 50 Jahren sind die Weltagrarpreise, zumal die Getreidepreise, erheblich gesunken und haben heute noch nicht wieder das Niveau von damals erreicht.

Sinkende Preise führen zu sinkendem Interesse an der Landwirtschaft und zu geringen Investitionen. Dies führte auch zu einem sinkenden Anteil der Landwirtschaft an den weltweiten Ausgaben für Entwicklungshilfe. (Getreidepreise Anfang 2008 = 25 Euro, Ende 2008 = 12 Euro.)

6,6 Milliarden Menschen leben heute auf der Erde, davon 80 % in Entwicklungsländern. 8,3 Milliarden Menschen werden es in 2030 sein. Es müssen also viel mehr Nahrungsmittel produziert werden. Die globale Nahrungsproduktion muss bis dahin um 60 % ansteigen.

Zurzeit sind über 1 Milliarde Menschen übergewichtig. Wegen fehlender oder mangelhafter Lagerungs-, Verarbeitung- und Transportkapazitäten gehen über 40 % je Ernte verloren.

Über 920 Millionen Menschen hungern und mehr als 2 Milliarden leiden unter Mangelernährung. Paradoxer Weise leben rund 75 % der Hungernden auf dem Lande, also dort, wo eigentlich Nahrung produziert wird. Schätzungen der FAO gehen davon aus, dass mit den derzeitig in der Landwirtschaft angewendeten Verfahren und den vorhandenen natürlichen Ressourcen rund 12 Milliarden Menschen problemlos ernährt werden könnten.

Ackerbaulich werden weltweit zurzeit 1,5 Milliarden Hektar genutzt. Insgesamt verfügbar sind 4,2 Milliarden ha, die Hälfte davon Wald, der zu erhalten ist. Auf keinen Fall wird eine Ausweitung der Produktionsflächen die notwendige Produktionssteigerung erbringen können: dazu gehört Effizienzsteigerung. Der entscheidende Faktor in der Landwirtschaft ist das Wasser. Die Landwirtschaft ist der größte Wasserverbraucher. Für die Produktion von 1 kg Fleisch werden 20 t Wasser gebraucht.

Vor der Erfindung des Autos wurde ein gutes Drittel der Nutzfläche zur Fütterung der Reit- und Zuchttiere gebraucht. Der Konflikt zwischen Teller und Tank sollte dann weitgehend entschärft sein, wenn die nächste Generation von Biotreibstoffen aus organischen Reststoffen zur Verfügung stehen wird. Weltweit werden knapp 2 % der Nutzfläche für den Anbau von nachwachsenden Stoffen genutzt, in Deutschland sind es 3 %.

Marktwirtschaft und Spielregeln

Eine globalisierte Ökonomie ohne faire Spielregeln führt zu Fehlentwicklungen. Solche Spielregeln müssen von der Politik vorgegeben und durchgesetzt werden. Die Väter der sozialen Marktwirtschaft gingen davon aus, dass eine Marktwirtschaft in der ihr eigenen Dynamik Tendenzen eigener Zerstörung aufweist. Sie leiteten daraus ab, dass der Staat regulierend eingreifen darf und muss, um Monopole und Kartelle zu verhindern, um den Wettbewerb, also den Motor der Marktwirtschaft zu sichern. Die Idee, dass die Marktkräfte aufgrund ihres wohlverstandenen eigenen Interesses vernünftig handeln und sich entsprechende Regeln auferlegen, die den Bestand der Märkte sichern, ist eine Illusion. Ohne Kontrolle geht es nicht. Ging es nie. Denn der Mensch ist ein moralisches Mängelwesen. Er braucht Anreize zum richtigen Handeln. Die Menschen suchen sich immer einen Markt. Ist er versperrt, suchen sie den Schwarzmarkt. Die Marktwirtschaft entspricht dem natürlichen Verhalten des Menschen. Sie beruht auf den Prinzipien der Freiheit und dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit. Die Ordnungsvorstellungen der sozialen Marktwirtschaft sind dem christlichen Menschenbild entnommen. Markt und Moral sind keine Gegensätze. Der Markt ist eine wichtige soziale Institution, weil er wirksame Ergebnisse sichern kann. Ein von Wettbewerb bestimmter Markt ist ein wichtiges Mittel, um die Ziele der sozialen Gerechtigkeit zu erreichen. Der Markt braucht jedoch Regeln. In ihnen muss schon die moralische Zielsetzung verankert sein, zum Beispiel das Gebot der Nachhaltigkeit. Das Wissen der Menschen für die Menschen nutzbar zu machen, geschieht am besten im Wettbewerb und auf dem Markt.

Die Politik der Handelsliberalisierung

Ernährungssicherheit bedeutet das Recht auf ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln und liegt primär in der Verantwortung von Regierungen. Sie ist eine grundlegende Aufgabe, die im direkten Zusammenhang mit dem Wohlergehen und der Lebensqualität der Menschen steht. Ernährungssouveränität ist das Recht jedes Einzelnen und jeder Nation, Nahrungsmittel zu produzieren. Das Menschenrecht auf angemessene Ernährung ist Teil des geltenden Völkerrechts. Das Bemühen, dieses Menschenrecht auf Nahrung zu konkretisieren, hat zu Leitlinien geführt, die rechtlich nicht bindend sind. Allerdings hat die FAO einen Konsens von 148 Staaten erreicht, so dass die freiwillige Leitlinie zum Menschenrecht auf Nahrung ein Staatendokument darstellt, das verpflichtet.

In den Regelwerken der Welthandelsorganisation (WTO) finden sich keinerlei Verweise auf die Menschenrechte. Es ist an der Zeit, systematisch zu untersuchen, wie sich die Politik der Handelsliberalisierung auf die globale Menschenrechtssituation auswirkt. Wer mehr will als ökonomische Effizienz, der muss eine andere WTO wollen.

Bundespräsident Horst Köhler: „Vieles ließe sich schon erreichen, wenn sich die verschiedenen Organisationen der Vereinten Nationen besser koordinierten und damit stärker zu einem gleichgerichteten Vorgehen kommen könnten ... Die großen internationalen Organisationen sollten Leitlinien dafür entwickeln, wie die Dimensionen der ökonomischen, ökologischen und der sozialen Entwicklung miteinander in Einklang gebracht werden können.“

Auszug aus der Studie „Welthandel im Dienste der Armen“ im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz: „Vielfältige globale Verflechtungen und Abhängigkeiten haben freilich zur Folge, dass die Strukturen der Weltwirtschaft zunehmend den Handlungsspielraum für eine entwicklungsförderliche Politik auf der Ebene der Nationalstaaten einengen. Aus diesem Grund braucht es einen fairen Ordnungsrahmen für den Welthandel, damit alle und besonders die kleinen und ärmeren Länder seine Vorteile nutzen können. Ebenso sind Institutionen und Instrumente notwendig, um negative Rückwirkungen der Weltmarktintegration, besonders auf die Armen, wirksam einschränken zu können ... Eine globale Ordnung des Welthandels, die wirksam zur Bekämpfung der Armut beiträgt und eine nachhaltige Entwicklung fördert, bedarf funktionsfähiger und demokratisch legitimierter multilateraler Institutionen. Bisher sind die verschiedenen weltwirtschaftlichen Institutionen allerdings nur mangelhaft miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt. Dies gilt ganz besonders für die Organisationen und Institutionen, die für die internationale Sozial-, Umwelt-, Menschenrechts- oder Entwicklungspolitik zuständig sind. Die WTO und ihre Mitglieder sollten international verbindliche Ziele wie die Menschenrechte, die Rio-Konvention für nachhaltige Entwicklung oder die Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen als Maßstäbe auch der eigenen Politik begreifen. Einen Anknüpfungspunkt dafür bietet die Präambel der WTO, die sich zu Zielen wie der Erhöhung des Lebensstandards, der Förderung einer nachhaltigen Entwicklung und dem Schutz und Erhalt der Umwelt bekennt. Dazu sollten sich beispielsweise WTO und andere multilaterale Organisationen wechselseitige Beteiligungsrechte in ihren Ausschüssen, Lenkungsgremien und Generalversammlungen einräumen ...“

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