Ego und Nation

30.05.2011 | Wolf Schneider

Die Jungen lösen die Alten ab, so ist das überall, auch in der Politik. Und auch dort kann man von den Alten lernen – manches, aber nicht alles. Einiges muss von den Jüngeren völlig neu durchdacht werden. Helmut Schmidt gehört zu den »Ältesten« (the elders) der deutschen Politik. Er wird gehört und gelobt für seine weise Vorausschau. Doch auch hier braucht es eine Ablöse.

Antworten auf den zweiten Teil von Helmut Schmidts Rede

Forschung heißt, Verantwortung für die Zukunft zu tragen

Festansprache von Helmut Schmidt aus Anlass des 100. Geburtstags der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, dem Vorläufer der Max-Planck-Gesellschaft.

http://www.zeit.de/2011/03/100-Jahre-KWG-Rede

Was mir an Helmut Schmidts Rede gefällt, ist, dass er hier dem Thema Europa so viel Raum und Gewicht gibt und bei der Einigung Europas einige schwere Defizite feststellt. So weit so gut. Aber er geht mir dabei noch nicht weit gut. Vielleicht kann ein Politiker, der sein Leben im nationalen Denken und als Vertreter nationaler Institutionen (oder von Teilen einer Nation, wie das Land Hamburg) verbracht hat, eine so große Wende hin zum Internationalen nun kaum noch vollziehen. Auch wenn die frühen Sozialisten Internationalisten waren (ihre Hymne heißt sogar »die Internationale«), erwies sich dies mit dem Ausbruch ersten Weltkriegs als kaum mehr als eine schön glänzende Oberfläche. Auch der Sozialismus des 20. Jahrhunderts war weitgehend national geprägt.

Euro-Land ohne gemeinsame Politik

Schmidt hat Recht: Es gibt keine gemeinsame Politik in Euroland. Es gibt sie aber auch darüber hinaus nicht, in der Welt. Europa ist ein Teil der Welt, und zwar der Teil, der sich den Rest der Welt ungefähr 400 Jahre lang untertan gemacht hat – »Zeitalter des Kolonialismus« nennen wir das heute. Das Ende dieses Zeitalters war vor einem guten halben Jahrhundert, und die Folgen davon sind überall noch hautnah spürbar: Irak, Sudan, Libyen, fast der ganze Süden. Nun schrumpft Europa relativ zum Rest der Welt, sowohl was seine Bevölkerung anbelangt, als auch in seiner wirtschaftlichen und politischen Macht. Das ist ins Auge zu fassen, nicht nur die europäische Einigung. Es braucht eine Weltföderation, in der Europa nur einer der Kontinente ist, die die Weltpolitik mitgestalten, oder nur eine der Regionen; wobei Schwarzafrika und der arabische oder islamische Raum eigene Regionen bilden könnten, ebenso Lateinamerika, China und der indische Subkontinent. Eine Weltföderation ist nötig.

Staatenbund oder Bundesstaat?

Klar gibt es dabei Probleme und eine Reihe sehr schwieriger Entscheidungen zu treffen. Wie löst man die? Auf Seiten der Politik und der etablierten empirischen Wissenschaften könnte dabei ein Blick helfen, über den tiefen Graben hinweg, der die »Realpolitik« genannte machiavellistische Machtpolitik trennt vom Bereich der Religionen und spirituellen Philosophien. Dort drüben, jenseits des Grabens, gibt es den Begriff des »Ego«. Was ist das eigentlich, genau? Unter den etablierten Wissenschaftlern ist der Philosoph Thomas Metzinger von der Uni Mainz einer der wenigen, die das untersuchen. Mit seinem Buch »Der Egotunnel« hat er eine viel beachtete »neue Philosophie des Selbst: von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik« versucht.

Die spirituellen und religiösen Bewegungen der Welt haben sich nämlich sehr eingehend mit dem Thema »Ego« (Ich / Selbst) befasst. Viel Moralisiererei und ein breites Spektrum hohler Phrasen sind dabei herausgekommen, aber auch Substanzielles, das sich für ein Verständnis des Begriffs der Nation und den Umgang der Nationen miteinander nutzen ließe. Inwiefern ähnelt das künstliche politische Gebilde der Nation dem künstlichen psychischen Gebilde des »Ego«? Es ist ja geradezu religionsübergreifend Konsens, im Ego die Wurzelursache für jedweden Unfrieden zu sehen. Spinnen die denn alle? Hat vielleicht eher die Psychologie Recht, die im Ego eine unabdingbare Basis der geistigen Gesundheit sieht? Ein großes Thema für die Wissenschaft, meine ich. Hierhin zum Beispiel sollten die Forschungsgelder fließen, und nicht in die Eroberung des Mars, in die Militärtechnologie und das soundsovielte überflüssige neue Medikament (Generika).

Bei seinen Überlegungen zum Fehlen einer europäischen Verfassung sagt Schmidt, »hier fehlt ein Hugo de Groot«. Er meint damit den holländischen Philosophen und Rechtsgelehrten Hugo de Groot (1583-1645), der ein früher Verfechter der Souveränität der Nationen war. Ausgerechnet ihn! Die politische Philosophie der unantastberen Eigenmächtigkeit der Nationen, die im absolutistischen Europa entstand (während sie dabei waren, den Rest der Welt zu kolonialisieren), ist doch heute eines der größten Hindernisse für eine Einigung der Welt.

Überalterung und Zuwanderung

Auch was das Thema der Überalterung und der Migrationen anbelangt, denkt Schmidt immerhin ein bisschen weiter als die agierenden Politiker, die zu oft Launen einer verängstigten Bevölkerung nachgeben (Populismus), zum Teil schüren sie diese sogar noch. Der Blick aufs Ganze der Weltbevölkerung zeigt einem jedoch, dass den wenigen Ländern mit einer »zu alten« Bevölkerung die vielen mit einer »zu jungen« gegenüber stehen, und dass der Migrationsdruck von den »zu jungen« Ländern ausgeht. Wenn beim Ausgleich zwischen diesen Ländern kulturelle Identiäten zwar geschont werden, aber nicht als sakrosankt gelten, lässt sich das lösen durch eine Migration, die die »zu alten« Länder verjüngt. Ein Grenzschutz, der noch mehr als bisher von den über das Mittelmeer herüberkommenden Schiffen frühzeitig zurückweist (oder diese sogar untergehen lässt, um »ein Exempel zu statuieren«) ist kein menschlich akzeptabler Weg; er ist auch für die Insassen der Festung Europa kein guter Weg, nicht mal ein nützlicher.

Auch hier fehlt wieder das, was den Schwerpunkt meiner Antwort auf den ersten Teil von Schmidts Rede bildete: eine Einsicht in die Historie, Beweglichkeit und Künstlichkeit des menschenlichen Identitätsbewusstseins. Solange dieses als unantastbar sakrosankt gilt (wie etwa in der Souveränitätslehre der Nationen), wird es Kriege geben, Angst, Psychoterror und Demütigungen, die wieder zu Aufständen und neuen Kriegen führen. Wenn Konservatismus (conservative politics, die gemäßigte Rechte, von lat. conservare, bewahren) doch ein Konservieren unseres Biotops bedeuten würde! Dann wäre ich ein bekennender Konservativer. Aber nicht, wenn es ein Konservieren eingebildeter Identitäten bedeutet – denn jede Identität ist eingebildet. Jeder Sinnsucher, jeder auf dem spirituellen Weg ist insofern ein »Heimatvertriebener«, ein Vertriebener aus seiner Heimatidentität.

Wissenschaft und Politik

Wissenschaftlich erforscht wird das, wofür Forscher bezahlt werden; die paar Privatgelehrten und Hobbyforscher, die es gibt, fallen insgesamt kaum ins Gewicht. Wer Geld zu vergeben hat, bestimmt auch, was erforscht wird. Bisher waren das in der Geschichte der Menschheit vor allem Militärtechnologien. Im Kapitalismus ist auch alles forschungswürdig, was den Produzenten Geld bringt – und das ist nicht unbedingt auch das, was Menschen nützt. Umso wichtiger, dass in demokratischen Staaten die Menschen Parteien wählen, die Forschungsgelder in Projekte stecken, die ihnen Frieden, Glück und Wohlstand bringen. Ebenso sollten auch die Forscher selbst ihr Gewissen darauf ausrichten, was für uns Menschen Sinn macht, zu erforschen und nicht das, was einer politisch oder wirtschaftlich dubiosen Partei als nützlich erscheint.

Das Gewissen der Forscher

Mein Vater war Leiter eines Max-Planck-Institutes und einer der weltweit führenden Erforscher des Riechens. Als das US-Militär in Vietnam gegen den Vietcong nicht vorankam, setzte es mit Agent Orange großflächig ein auch für Menschen hochgiftiges Entlaubungsmittel ein. Die Feinde sollten sich nicht mehr im Dschungel verstecken können. Außerdem hatten sie die Idee, dass man, nachdem der Riechvorgang wissenschaftlich durchschaut war, vielleicht würde Maschinen bauen können, die auf den Geruch des Feindes reagieren. Mein Vater lehnte ab, dort mitzuarbeiten, obwohl er wusste, dass andere das Angebot wohl annehmen würden. Es war bekannt, dass das US-Militär gut bezahlt. Er würde die Forschung also nicht verhindern können.

So ähnlich ist es auch auf dem grenzenlosen Markt des Kapitalismus: Wenn ich das nutzlose oder gar schädliche Produkt, für das ich eine Nische erkenne, nicht herstelle, dann macht es ein anderer, und dann macht der den Gewinn. Also warum nicht ich (der ich in der Hinsicht immerhin ein bisschen Gewissen habe, rede ich mir ein)? Was das Riechen der Vietcong anbelangte, war mein Vater sich sicher, dass das maschinell nicht realisierbar wäre. Insofern hat er sich vielleicht gefreut, dass das Pentagon da womöglich Gelder in etwas Nutzloses gesteckt hat, was geholfen haben könnte, diesen schrecklichen Krieg ein bisschen zu verkürzen. Aber wer weiß … vielleicht hätte es doch gelingen können? Wer hätte 1910 schon geahnt, dass Menschen 30 Jahre später Atomkerne würde spalten können und 1945 die erste Atombombe fällt?

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