Die Zukunft der Arbeit

29.09.2004 | Richard Beiderbeck

Der Mensch hat nie gerne gearbeitet. Stets war sein Bemühen, sich die Arbeit leichter und einfacher zu machen oder sie ganz auf andere abzuwälzen. Er ersann Werkzeuge, er zähmte Tiere und er unternahm Raubzüge und Kriege, um Sklaven zu erbeuten. Und heute strebt er danach, Reichtümer zu erwerben, um andere bezahlen zu können, die für ihn arbeiten.

Wenn die Arbeit also etwas so Unangenehmes ist, warum beklagt man dann, daß es so viele Arbeitslose gibt ? Hat man die Maschinen, die automatischen Fabriken und die Computer nicht gebaut, damit der Mensch in den paradiesischen Urzustand der Arbeitslosigkeit zurückkehren kann ? Und jetzt, da immer mehr Menschen arbeitslos sind, spricht man auf einmal von einer schweren Krise.

Daß es so viele Arbeitslose gibt, ist die natürliche Folge einer Reihe von Entwicklungen, die von der Politik, der Industrie, der Wissenschaft und dem größten Teil unserer Gesellschaft bewußt vorangetrieben wurden und die erwünscht waren: Computerisierung, Globalisierung und Berufstätigkeit der Frauen. Alles Dinge, denen sich nur Minderheiten widersetzen wollen, und die letztlich auch unvermeidlich sind.

Jede Frau, die einen Beruf lernt oder studiert, will natürlich auch einen Arbeitsplatz, und zwar einen, der ihren Fähigkeiten und ihrer Ausbildung adäquat ist. Das erzeugt eine starke Nachfrage nach Arbeitsplätzen.

Die Globalisierung des Kapitals (leider nicht der Politik) läuft darauf hinaus, daß die Sklaverei indirekt wieder eingeführt wird. Die Menschen in den Billiglohnländer haben nur die Wahl, sich als Lohnsklaven zu verkaufen oder zu hungern. Globalisierung bedeutet, daß der deutsche Facharbeiter unter Umständen mit einem Lohnsklaven an einer Maschine konkurriert, die irgendwo ihn Asien steht.

Mit Hilfe der Maschinen und Computer wird weit mehr produziert als man verkaufen kann. Das Problem ist nicht, die Güter zu produzieren, sondern sie zu verkaufen. Und das Problem ist, die Rohstoffe und die Energie dafür zu besorgen und die Umwelt durch die Produktion nicht zu verseuchen.

Wenn man das alles in Betracht zieht, erscheint es als logisch, daß wir weniger produzieren, weniger konsumieren, weniger verschwenden müssen.
Dann müssen wir auch weniger arbeiten. Sehr viel weniger arbeiten. Vielleicht 20 Stunden in der Woche. Ich bin dafür.

In zwanzig bis dreißig Jahren wir die Produktion der Industriegüter und die Verwaltungsarbeit bei Banken, Versicherungen und Behörden in den Händen von Computern liegen. Die Menschen in den reichen Ländern bzw. in den gehoben Schichten werden nicht mehr arbeiten, aber sie werden einer Tätigkeit nachgehen. Das hat es schon immer gegeben; eine "leisure class" gibt es in jeder Gesellschaft. Aber es ist zu hoffen, daß diesmal ein weit größere Zahl von Menschen das Privileg eines Einkommens ohne Plackerei und Mühe wird genießen können und je nach Wunsch ihren Vergnügungen oder einer anregenden und ehrenvollen Tätigkeit nachgehen kann.

Aber was wird mit den Menschen in den armen Ländern und in den unteren sozialen Schichten geschehen ? Was werden diejenigen tun, die nicht gebraucht werden, weil die Computer und Automaten alle Arbeit erledigen ?
Diejenigen also, die nichts gelernt haben und die bestenfalls alimentiert werden, damit sie gerade noch Überleben können ? Werden sie mit ihrem Los zufrieden sein, oder werden sie einen Krieg gegen die Reichen und Saturierten beginnen ? Vielleicht hat dieser Krieg schon begonnen.

Wird die Welt in zwei Hälften zerfallen: Hier die hochstehenden Industrieländer, die sich durch Mauern und Kontrollen gegen den Rest der Welt abschotten und dort eben jener barbarische Rest ? Also hier die glanzvolle und geordnete High-Tech-Welt des Konsums und dort die Welt der Hoffnungslosen, in denen Bürgerkriege und Seuchen verhindern, daß man diese Länder überhaupt noch besuchen kann, so wie man in manchen Metropolen bestimmte Stadtviertel unbedingt meiden soll. Werden diese verschiedenen Welten auf Dauer nebeneinander bestehen können ? Die reiche Welt wird sich gegen die arme Welt abschotten und alles und jeden nicht nur an den Grenzen, sondern überall kontrollieren - von der panischen Angst getrieben, daß ins Land geschmuggelte Massenvernichtungswaffen eine ganze Großstadt auslöschen könnten oder daß ein Sabotageakt eines der lebensnotwendigen Netze, die Verkehr, Strom oder Information verteilen, lahm legen könnte. Wird diese Kontrolle aller Bürger nicht die Bürgerrechte massiv aushöhlen ? Das ist zu befürchten. Wird die Demokratie dann noch Bestand haben ?

So, wie ein erheblicher Teil unserer Computerkapazitäten mit der Suche nach Viren und Würmern beschäftigt ist, so wird in Zukunft ein erheblicher Teil unserer Ressourcen für die Abwehr von Terroristen und Verrückten eingesetzt werden. Denn die moderne Industriegesellschaft ist sehr verletzlich. Das wird uns noch eine Menge Arbeit und Sorgen bereiten. Und einige Leute werden daran sehr reich werden.

Eine andere Gefahr droht uns noch: Es sind die Computer selbst. Sie werden immer intelligenter, und wir werden von ihnen immer abhängiger. Aber die Menschheit wird deshalb nie und nimmer auf die Computer verzichten. Das wird schon die gegenseitige Konkurrenz der Nationen und Wirtschaftsunternehmen verhindern. Zu groß sind auch die Verheißungen, die uns die Computer machen: Ein Leben ohne Mühsal und im Überfluß, in Sicherheit und Wohlstand. Wer würde da schon "Nein" sagen ?

Und was ist, wenn die Computer eines Tages die Macht übernehmen ? Die Fortschritts-Optimisten hoffen, daß die Computer die Menschen dann gut behandeln werden. Immerhin haben wir sie ja erschaffen. Sie sind unsere "mind children", um einen Buchtitel von Hans Moravec zu zitieren. Aber Kinder sind oft undankbar gegenüber ihren Eltern. Vielleicht wird es sich erweisen, daß Computer auch nur Menschen sind.

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