Die Zeit wird knapp - Wo bleibt die kostbare Pädagogik?

26.10.2007 | Helga Lindner

Ein Aufruf für eine fundamentale Rückbesinnung zur humanistischen Pädagogik – Ein Jahr nach meinem Artikel „die Zeit in der Pädagogik“. Nein, es kann nicht sein! Pädagogische und soziale Arbeit kann in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht von wirtschaftlichen Interessen, bürokratischen Zwängen und medizinischen Allmachtsphantasien aufgezehrt werden!

Pädagogen aller Strömungen, vereinigt Euch! Entwickelt Projekte, Einrichtungen, Zentren, die das Prädikat „pädagogisch wertvoll“ wirklich verdienen und zwar nicht nur für manche begüterten Privatversicherten, sondern für jedes Kind, jeden Behinderten und jeden älteren Menschen in unserer Gesellschaft!

Mütter, Väter, Erzieherinnnen und Erzieher, Sozial- und Heilpädagogen, Kranken-, Kinder- und AltenpflegerInnen, Ihr habt keine Lobby, ihr seid die Lobby für alle diejenigen, die Eurer Hilfe, Pflege und Erziehung bedürfen!

Doch, ich räume selbstkritisch ein, wir Pädagogen haben uns zum Teil mit in die momentane Sackgasse hineinmanövrieren lassen.
Zum einen, weil wir, noch bis vor 10 Jahren, idealistisch, hoch motiviert und eigenverantwortlich, alle Zeit der Welt hatten, uns unsere pädagogische Arbeit mit Zielen, Handlungsplänen, Durchführungen und Reflexionen zu bepacken, ohne uns um Effektivität Gedanken machen zu müssen. „Da müssen wir mal darüber reden“, ein wichtiger Baustein jeden sozialen Handelns, ihn kultivierten wir bis ins Privatleben und vergaßen dabei oft angemessenen Zeitrahmen und den Bezug zur realen Lebenssituation des Klienten.
Auch Klischees haben ihren wahren Ursprung…

Auf der anderen Seite habe ich im sozialen Bereich fast immer praktisch orientierte Menschen kennen gelernt. Sie handeln, kennen sie erst einmal ihren klaren Auftrag, in großer Selbstverantwortung und sehen sofort, wo sie gebraucht werden. Sie sind belastbar und ausdauernd und scheuen keine Arbeit, kommen mit schwierigen Arbeitsbedingungen lange Zeit gut zurecht. Warum konnte sich also die soziale und pädagogische Arbeit nicht von wirtschaflichen Maßstäben und Qualitätskontrollen befreien?
Weil viele von uns Einfaches auch einfach verpacken möchten. Weil gerade Einfaches darzustellen oft so schwer ist. Weil die meisten Pädagogen gerne auch Praktiker sind und handeln ohne erst drei Rechenschaftsberichte abzugeben. Weil unsere Fachsprache auch die Sprache ist, die jede Mutter und die uns anvertrauten Menschen verstehen kann und sie deshalb nicht gleich verunsichert. Weil wir selten an den Positionen sitzen, wo wir befugt sind, unsere Arbeit transparent zu machen für andere Berufsgruppen.

Aber hat wirklich jemand allen Ernstes daran geglaubt, man könnte soziale und pflegerische Berufe wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten unterwerfen? Glaubt unsere Gesellschaft wirklich, wir könnten unsere Kinder und Jugendlichen gut erzogen und gebildet in Stückzahlen vom Band lassen wie Autos oder Fensterrahmen? Wir könnten ältere Menschen im 10-Minutentakt von ihrer Notdurft befreien, ihnen Essen eingeben oder sie baden und dann nicht in Konflikt mit der Menschenwürde kommen?
Niemand, auch nicht unsere Politiker, kann allen Ernstes glauben, dass das Einsparen von „Humankapital“ im sozialen Bereich mit gleichzeitiger Zertifizierung vom TÜV und Qualitätsmanagement unsere Menschheit voranbringen kann.
„Zeit ist Geld“ – in der Pädagogik ein Paradoxon. Quantität ist nicht Qualität, gerade nicht in der Pädagogik.

Zeit schafft die Basis für Qualität im sozialen Bereich und zwar im Sinne von präsent sein. Zum richtigen Zeitpunkt da zu sein, Rückhalt zu geben wenn notwendig, Trost oder Mut zu zusprechen usw. ist ein einmaliges pädagogisches Gut, das nicht im Minutentakt aufgerechnet werden kann.
Wenn eine Mutter in der Küche arbeitet, während ihr einjähriges Kind (oder auch die 93-jährige Großmutter) friedlich und alleine im Wohnzimmer spielt (sitzt), könnte sie nicht einfach auch nicht da sein? Nein, sie muss da sein, denn sonst verletzte sie nicht nur fatal ihre Aufsichtspflicht, sie erschütterte ebenso die Bedürfnisse des Kindes nach Schutz und Sicherheit.

Auch in der institutionellen Pädagogik müssen wir Erwachsene da sein, präsent sein, auch wenn wir nicht gerade Einheiten am Kind abrechnen können.
Wir müssen innerhalb unserer Arbeitszeit eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen, die den Nährboden jeglicher Pädagogik/ Therapie darstellt. Dazu gehört die Sorge und Pflege des Raumes, des Materials, des Büros, der Küche, der Pflanzen, usw.

Dazu gehört auch das psychische Wohlbefinden in der täglichen Arbeit des Erziehers, seine Vor- und Nachbereitungsphase, seine Pausen, seine gedankliche Einstimmung auf das jeweilige Kind, das es zu behandeln gilt. Aber auch seine Erschöpfungs- oder Krankheitszeiten, die, nicht ausgelebt, zu burn-out oder nervlicher Daueranspannung führen. Dazu gehören Fortbildungen ebenso wie Supervision oder Dokumentation.

Von großer Bedeutung erscheint mir auch der Zufriedenheitspegel unter den Kollegen zu sein. Erstens spiegelt sich ein freundlicher Umgang im Team direkt auf Kinder, Patienten oder behinderte Menschen wider und zweitens kann in Stoß- oder Stresszeiten ein gut funktionierendes Team ein schnelles Arbeitstempo besser durchstehen. Eine gemeinsame Tasse Kaffee, ein kleiner small-talk über den letzten Kinofilm müssen die letzten Dinge sein, von dem sich die Soziale Arbeit verabschieden sollte.

All' diese Tätigkeiten kosten Zeit und Zeit ist in unserer Zivilisation bekanntlich Geld, auch in den karitativen Einrichtungen, die sich angeblich dem Wohle der Bildung und Erziehung von Kindern in unserer Gesellschaft verschrieben haben.
Kinderpflegerinnen, Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen, auch diese scheinbar „unwesentlichen“ Aufgaben müssen uns bezahlt werden und zwar ohne schlechtes Gewissen. Wir sind nicht die heiligen Schwestern der Moderne, sondern wir haben einen interessanten Beruf gewählt, der uns Spaß macht und uns ernähren soll.
Wir bilden uns ein, nichts zu tun, nur wenn wir am Rand vom Sandkasten stehen und kein besonderes pädagogisches Angebot durchführen. Wir bereiten uns in unserer Freizeit vor, weil uns die Verfügungszeit nicht ganz ausreicht, wollen wir gewissenhaft und verantwortungsvoll arbeiten...

Die Zeit wird knapp, im doppelten Sinne. Für die einzelne Erzieherin, die ohne Kinderreduzierung immer mehr zu bewältigen hat und für unsere Gesellschaft, deren Kinder ihr so schnell entwachsen, ohne richtig Wurzeln geschlagen zu haben.

Der Erziehung und Bildung in den ersten Lebensjahren und der Vorschulzeit wird seit einigen Jahren größte gesellschaftliche Hoffnung und Verantwortung entgegen gebracht. Gleichzeitig erleben diese Berufsbilder in der Praxis täglich Einspar- und Existenzbedrohung, angeblich aufgrund sinkender Kinderzahlen. Und eine neue Studie der OECD über Ausgaben für Bildung lässt Deutschland ins erschreckende Hintertreffen geraten.

Ja, lieber Staat, liebe Gemeinden, liebe Träger und Arbeitgeber, Geld wäre schon da, würde man es für den wirklich kostbarsten „Rohstoff“ Deutschlands, unsere Kinder, investieren. Doch dann würde mancher Papierkorb auf einem feudalen Autoparkplatz am Stadtrand nicht aus Edelstahl, sondern aus Blech sein müssen. Oder statt 2000 Alpenveilchen um eine Verkehrsinsel würden nur 500 stehen oder evtl. sogar nur grüne Bodendecker. Oder statt …
Unseren Kindern würde das ziemlich egal sein. Und Ihnen?

Unsere Kinder haben und brauchen nur alle Zeit der Welt. Und Sie?

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