Die Wut der Mittelschicht

01.03.2008 | Dr. Joachim Betz

Alle Parteien schreiben sich auf die Fahnen, ihre jeweilige Zielgruppe in der Mitte der Gesellschaft zu sehen. Aber da jede Partei die Mitte nach den eigenen wahltaktischen Kriterien definiert, bleibt am Ende ein Befund: Sich der Mittelschicht wirklich anzunehmen, schafft eigentlich keine Partei.

Mittelschicht ist nicht gleichbedeutend mit Durchschnitt – weder vom Einkommen noch von der Sozialstruktur her. Die Mittelschicht ist der Kern der Gesellschaft und der Wirtschaft. Hat sie Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des Landes, wird sie konsumieren, investieren. Fehlt dieses Vertrauen oder geht es verloren, gerät das Gemeinwesen insgesamt unter Druck.

Das „Blöde“ an der Mittelschicht: Sie ist belastbar, veränderungserprobt, stressresistent und sehr, sehr geduldig. Sie hat weder so viel Geld noch so wenig, als dass sie ernsthaft darüber nachdächte, dem eigenen Land den Rücken zuzukehren. Was sie aber hat, sind feine Antennen dafür, was dem Zusammenhalt des Landes dient, was anständig ist und was nicht.

Dass die meisten Unternehmensvorstände auf Kritik an der Höhe ihrer Bezüge ähnlich hysterisch reagieren wie eine in die Jahre gekommene Hollywood-Diva auf die Frage nach ihrem Alter, verletzt das Gerechtigkeitsgefühl vieler Menschen. Wie sehr auch Führungskräfte dies empfinden, können Sie der jüngsten Umfrage unseres Manager-Monitors entnehmen.

Dass Spitzenmanager bisweilen die Neigung an den Tag legen, Gewinne zu privatisieren, Verluste aber zu sozialisieren, macht die Mittelschicht ärgerlich.

Misstrauisch macht sie die am anderen Ende des Einkommensspektrums zwar abnehmende, aber immer noch in gewissen Umfang verbreitete Anspruchshaltung der im Wesentlichen von der Mittelschicht finanzierte Staat habe gegenleistungsfrei für ein sorgenfreies Leben auch derer zu sorgen, die ihren Unterhalt nicht selbst erwirtschaften wollen.

Sehr zornig macht sie schließlich, dass manche Repräsentanten von links der Mitte ständig nach einer Subventionierung der niedrigen Einkommen verlangen, während manche Vertreter von rechts der Mitte immer nur einer Entlastung der Unternehmen das Wort reden.

Für Wut sorgt dies vor allem, weil die Mittelschicht unter einem Phänomen leidet, das Gering- wie Spitzenverdienern ziemlich gleichgültig ist: der so genannten „kalten Progression“. Die Grenze, ab der der Spitzensteuersatz greift, ist seit Jahren nicht mehr angepasst worden. Jede Gehaltserhöhung, und sei sie auch nur zum (nominellen) Ausgleich des durch die Inflation eintretenden Kaufkraftverlusts gedacht, führt dazu, dass der Fiskus sich absolut und relativ einen noch größeren Anteil des Einkommens sichern kann.

Auf diese Weise vergrößert sich das Steueraufkommen des Staates ganz automatisch, und zwar ohne dass auch nur einmal das hässliche Wort „Steuererhöhung“ fallen würde. Kein Wunder, dass die Neigung aller Finanzminister, etwas daran zu ändern, gegen Null tendiert.

Ein Blick in die Schweiz zeigt, dass es auch anders geht: Dort ist der Gesetzgeber verpflicht, den Steuertarif zu ändern, sobald die kumulierte Teuerung sieben Prozent seit der letzten Anpassung beträgt.

Es wäre ein Zeichen von gesetzgeberischem Anstand, eine vergleichbare Regelung in Deutschland einzuführen.

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Steuerpolitik | Dr. Joachim Betz | weiterempfehlen →