Die Währung Vertrauen

02.02.2005 | Manfred Albrecht

Welche Währung haben wir? Euro? Dollar? Nein. Wir haben nur eine Währung und die heißt Vertrauen. Welches Vertrauen? Das Vertrauen in die Zukunft.

Nicht der Buchwert einer Immobilie, noch die Hypothek, die auf einer Wohnoder gewerblichen Immobilie lastet, bestimmen den wirklichen Gebrauchswert einer Immobilie. Es ist einzig das Vertrauen in die Zukunft. Das gilt auch für den Verkehrwerts eines Unternehmens, eigentlich für jedes Gut, daß Menschen kaufen und verkaufen.

Wie steht der Kurs des Vertrauens in die Zukunft?

Zum Dollar? zum Euro?

Das ist völlig unerheblich, denn der Kurs des Vertrauens in die Zukunft wird von der Gemeinschaft der Menschen bestimmt und dem in ihren Handlungen sich ausdrückenden Vertrauen in die Zukunft.

Der Kurs des Vertrauens in die Zukunft ist im freien Fall begriffen. Es gibt kein Vertrauen in die Zukunft mehr.

Wodurch wird das Vertrauen in die Zukunft gestört, zerstört oder gar wieder aufgebaut?

Vertrauen in die Zukunft entsteht nicht etwa durch eine anonyme allumfassende Marktintelligenz, sondern einzig und allein durch persönliche Integrität der Führung einer Gesellschaft. Die persönliche Integrität besteht aus Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, der Gewissheit, daß ein Mensch so handelt, wie er es sagt, wie er es ankündigt. Auch und vor allem selbst so handelt, wie er es von anderen erwartet. So ein Verhalten nennt man Vorbild. Tut er das alles nicht, spricht er mit gespaltener Zunge, besitzt er keine persönliche Integrität.

Dieses Land braucht dringendst wirtschaftliche Reformen. Sollte man meinen. Ist das wirklich so?

Braucht dieses Land aber in erster Linie wirtschaftliche Reformen?

Nein.

Es braucht in erster Linie glaubwürdige Reformer, eine Führungsschicht mit integeren Persönlichkeiten.

Haben wir diese integeren Persönlichkeiten in der Führung von Wirtschaft und Staat?

Wenn es hochkommt sind es 10 %. Das sind eindeutig zu wenig. Der Rest sind ethisch und moralisch fragwürdige oder schwache Menschen, die nur aufgrund ihres Amtes, nicht aber aufgrund ihrer Ausstrahlung Autorität besitzen.

Das Gefährliche an HartzIV und alle Veränderungen in den Unternehmen sind ja nicht die Reformen an sich, sondern daß sie von nicht integeren Führungskräften durchgeführt werden.

Reformen, die von solchen Menschen durchgeführt werden, zerstören nur das Vertrauen in die Zukunft, ohne neues Vertrauen aufzubauen.

Wie sollten solche Menschen auch Vertrauen aufbauen, Menschen ohne eigene Ausstrahlung, farblos und blaß.

Wie Westerwelle, Merkel, Schröder oder Müntefehring. Oder zahlreiche Führungskräfte der Wirtschaft. Menschen, die um sich herum das Gefühl der Beliebigkeit, des heute so und morgen so verbreiten. Oder das Gefühl der Eiseskälte, ja der gottähnlichen Unnahbarkeit. Ihnen fehlt jede Fähigkeit der persönlichen Ansprache der Menschen und vor allem fehlt ihnen jeder Sinn für ein persönlichen Vorbild. Es sind halt Menschen, die keine persönliche Integrität und daher keine Ausstrahlung besitzen.

Oder nehmen wir die Steuerreform. Wollen die Unternehmer wirklich eine Reform der Spitzensteuersätze, eine Reform der Gewinnbesteuerung?

Natürlich, die davon betroffen sind, die brauchen Sie. Die jungen Unternehmen im Wachstum, die etablierten Unternehmen mit überwiegender Fertigung und Absatz im Inland, die gut verdienenden Mitarbeiter und Selbständigen. All die werden ungerecht besteuert.

Aber warum sollen die Unternehmen und vermögenden Privatpersonen, die bisher gar keine Steuern zahlen, plötzlich Steuern zahlen, auch wenn der Steuersatz deutlich geringer sind? Diese Gruppe von Privatpersonen und juristischen Personen will überhaupt keine Steuern zahlen, allenfalls die Konsumsteuern, an denen sie ja nicht vorbeikommen.

Ihre Vorstellung ist die, daß nur die Beschäftigten und die in ausschließlich in diesem Lande produzierenden und Umsatz erzielenden Unternehmen Steuern in diesem Lande zahlen. Sie selbstverständlich nicht. Keinen Pfennig. Wozu bezahlen Sie ihre Bank, ihre Vermögensberater, ihre Steuerberater?

Doch nur dafür, daß sie keine Steuern zahlen, ja ganz im Gegenteil. Sie erwarten, daß Sie vom Finanzamt für die herablassende Gnade bezahlt, hier wirtschaftlich tätig zu sein. Sie erwarten, daß ihre Lieferanten Jahr für Jahr ihre Kosten senken, bis sie ausgeblutet sind.

Sie erwarten, daß die hohe Löhne gesenkt werden. Welche hohen Löhne eigentlich? Einerseits haben die meisten Menschen erhebliche Gehaltseinbußen erlebt, andererseits wer arbeitet den wirklich noch nur 40 Stunden der Woche. Wieviele arbeiten 50, ja 60 Stunden in der Woche. Aus Angst davor, daß ihr Unternehmen ihre Fertigungsstätte stilllegen wird. Obwohl Sie alle wissen, daß sie diese Schicksal hinauszögern, aber nicht verhindern können. Weil bereits längst beschlossen ist, daß erst diese, dann diese Fertigungsstätte stillgelegt wird.

Das ist eben das Fatale mit dem Vertrauen in die Zukunft. Es ist ein sehr zerbrechliches Gut. Wenn man es zerredet, nur von düsteren Zukunftsaussichten spricht, wie viele Führungskräfte der Wirtschaft und Politik, muß man sich nicht wundern, daß diese Prophezeiungen sich selbst erfüllend werden. Das ist ja das Fatale an Menschen ohne Integrität und Ausstrahlung. Ihre Fähigkeit zur konstruktiven Gestaltung der Zukunft aller ist begrenzt. Ihre Fähigkeit zur destruktiven Zerstörung der Zukunft ist es leider nicht. Sie können eigentlich nichts Konstruktives. Aber zerstören, daß können sie. Jeden Tag. Ohne Unterbrechung.

Es gibt überhaupt keinen Grund, kein Vertrauen in die Zukunft zu haben. Die wirtschaftliche Probleme sind lösbar, wenn in der Führung von Wirtschaft und Politik integere Persönlichkeiten die notwendigen Reformen einleiten und vor allem mit vorbildlichen Verhalten in die Zukunft vorangehen.

Und genau daran, genau daran mangelt es. Es mangelt nicht an der Reformunwilligkeit der Bevölkerung, es mangelt nicht an der Einsicht der Bevölkerung, es mangelt nicht an der Opferbereitschaft der Bevölkerung, es mangelt ausschließlich an der Integrität der Führung in Wirtschaft und Staat.

Die Menschen in der gegenwärtigen Führung haben kein Vertrauen verdient und deswegen hat die Bevölkerung zu Recht kein Vertrauen in die Zukunft. Und diesem Verlust des Vertrauens in die Zukunft können sie sich schließlich auch die wirtschaftlich Verantwortlichen in diesem Land nicht mehr entziehen. Dazu sind sie zu schwach. Es sind halt keine integeren Persönlichkeiten, die aus sich heraus Ausstrahlung besitzen. Es ist die Bevölkerung und ihr Verlust des Vertrauen in die Zukunft, durch die schließlich auch die wirtschaftlichen Verantwortlichen in diesem Land kein Vertrauen in die Zukunft haben können.

So kommt die Saat der Niedertracht als Ernte zu ihren Verursachern zurück. Aber mit Not und Elend dafür bezahlen werden andere müssen, nicht die leichtfertigen Brunnenvergifter.

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