Die Starken und die Schwachen

01.06.2006 | Wolf Schneider

Von der Logik, die Starken zu fördern, nicht die Schwachen

"Du weißt ja wie das ist mit den Bestsellern", sagte er zu mir. "Du kennst das Geschäft ja auch". – "Ja, ich weiß", antwortete ich. Nur ein Bestseller trägt einen Verlag, der ganze Rest der Titel wird mitgezogen. Wer nicht wenigstens einen Bestseller produziert, kann einstecken.

"Man muss die Gewinner fördern", sagte ich, "das ist die alte Marketingregel: Fördere das, was eh schon gut geht, nicht die Ladenhüter. Wer mit einem begrenzten Werbebudget (und jedes Werbebudget ist begrenzt) aus Mitgefühl ausgerechnet die Ladenhüter zu fördern versucht, der ruiniert damit sein Unternehmen".
Ist ja auch logisch: Was eh schon gekauft wird, dafür gibt es auf dem Markt Resonanz. Folglich lohnt es sich, das zu fördern. Ladenhüter zu fördern ist verschwendetes Geld: Man gibt es an die, bei denen eh schon alles Bisherige nichts geholfen hat, warum sollte es heute helfen? Das ist die Logik des Marktes. Denen, die schon haben, wird noch gegeben, und wer (fast) nichts hat, dem wird auch das noch genommen, so ähnlich soll Jesus das gesagt haben – und seine Absicht war dabei vermutlich nicht, den Vermarktern unter seinen Zuhörern einen strategischen Tipp zu geben für ihren Erfolg im Kapitalismus; es muss also eine tiefer liegende Wahrheit dahinter stecken.

Mit wenig Aufwand viel bewegen

Auf der Suche nach dieser Wahrheit fällt mir ein, dass es auch innerhalb des Individuums Erfolg versprechender ist, die Stärken zu fördern als sich die Schwächen abzutrainieren: Was man eh schon gut kann, darin sollte man noch besser zu werden – anstatt so dumm zu sein, auf den Gebieten, wo man nicht gut ist, zu versuchen ein bisschen weniger schlecht zu werden. Das ist dieselbe Logik. Innenwelt und Außenwelt sind sich eben ähnlich. Der Mensch ist ein Bündel von Fähigkeiten und Talenten, Stärken und Schwächen, ebenso wie die Individuen in einer Gesellschaft.
Damit ein Einstein, der (1905) schon die Spezielle Relativitätstheorie gefunden hatte, noch die Allgemeine Relativitätstheorie finden konnte (1916), brauchte es weniger Aufwand als mit tausend Arbeitern, die nichts von Physik verstehen und wenig von Technik, eine Verbesserung in der Produktion oder Energiegewinnung zu bewerkstelligen. Wo investiert man? Dort, wo ein Aufwand am meisten bringt. Wer einen Bill Gates in einem Gespräch von einer halben Stunde oder auch einem ganzen Tag dazu bewegen kann, Geld für Aidsforschung zu stiften, der hat damit mehr Gutes getan – Gates hat für diesen Zweck Milliarden gestiftet – anstatt sich gegenüber weniger Mächtigen jahrelang mit Anträgen oder Petitionen herumzuschlagen, um hier oder da mal ein paar tausend Unterstützungsdollars locker zu machen.
Oder auch in Sachen Bildung: Die USA haben die besten Universitäten der Welt; die Bildung für die Unterschichten aber ist dort für ein so ein reiches Land unvergleichlich schlecht. Wahrscheinlich kreiert das Bildungssystem der USA die besten "brains«" der Welt, andererseits aber auch hinterlässt es Millionen von Analphabeten und eine politische "Mitte", die zu dumm ist, um der Aufgabe gerecht zu werden, den Präsidenten eines wirtschaftlich und militärisch so mächtigen Landes demokratisch bestimmen zu können.
Es scheint ein kybernetisches Gesetz hinter diesen Steuerungsvorgängen zu stehen: Man versucht dort anzusetzen, wo man mit wenig Energie, Zeit, Masse, Geld, Intelligenz oder Kreativität viel bewegen kann. Um den Steuerknüppel eines Airbus zu bewegen, braucht es nicht viel Energie, aber die Wirkung ist groß. Die Tore eines Staudamms zu öffnen; eine Atombombe auszulösen; ein Lied zu singen oder ein Gedicht zu schreiben, das von Millionen gehört wird, nicht bloß von Hunderten. Oder diese alte Weisheit: Den größten Strom kannst du an der Quelle mit einem Schritt überqueren. Das größte Übel kannst du leicht beseitigen, wenn es grad erst anfängt. Das Ei eines Tyrannosaurus ist anfangs noch so klein, dass man es mit den Fingern zerdrücken kann. Hitler, als er noch jung war hätte man ihn noch lenken oder hindern können und hätte damit vielen Menschen das Leben gerettet – später brauchte es eine weltumfassende Allianz und 50 Millionen Menschenleben, um ihn niederzuringen.

Ungleichheit im Kapitalismus

Solche Gedanken einer intelligenten Steuerung sind es wohl auch, die im Kapitalismus kluge Menschen dazu bringen zu sagen: Den Reichen zu ermöglichen noch reicher zu werden bringt der ganzen Volkswirtschaft mehr, als wenn man die Armen fördert. In einem Land mit so viel Superreichen wie den USA sind selbst die Armen noch reicher als die Mittelschicht in Uganda oder Bhutan. Es geht doch mehr darum, die Armen absolut besser zu stellen, nicht bloß relativ zu den (einst) Reichen, so wie in Kuba, wo alle arm sind. Es soll doch nicht der Neid uns dazu bringen, den Reichen ihren Reichtum wegzunehmen, wenn wir damit die Armen letztlich noch ärmer machen. Wenn man die Linderung des Loses der Armen bewerkstelligen kann, indem man die Reichen noch reicher macht, dann ist das doch das Richtige.
Diese wirtschaftspolitische Argumentation verkennt allerdings, dass Reichtum und Armut immer als relativ zu anderen Besitzenden oder Habenichtsen empfunden werden und vor allem dies das subjektive Glück oder Unglück ausmacht. Zweitens verkennt sie, dass bei großen sozialen Unterschieden die Reichen Angst haben, ihren Reichentum zu verlieren und die Armen sich zurückgesetzt oder gar gedemütigt fühlen; außerdem grassieren in wirtschaftlich ungleichen Gesellschaften Sekundärübel wie Menschenhandel, Korruption und juristische Ungerechtigkeit.

Spezialisten und Generalisten

Die Empfehlung, viel mehr die Starken und die Stärken zu fördern als die Schwächen zu beseitigen und den Schwachen zu helfen, das ist auch ein Loblied auf das Spezialistentum. Generalisten können von allem ein bisschen, sie sind also nirgendwo exzellent. Sowas kann sich in einer Marktwirtschaft, die auf USP und Branding setzt, nicht durchsetzen. Be excellent, sei herausragend, das ist die Devise in diesen Wirtschaften. Sei ein Spezialist, am besten der einzige auf deinem Fachgebiet, und wenn es noch so speziell und noch so klein ist. Sei der beste Programmierer eines hochspezialistierten, komplizierten CAD-Programms, dann brauchst du nicht kochen und Wäsche waschen zu können, dein Fahrrad nicht reparieren oder mal ein Ikea-Regal aufbauen und keinen Knopf annähen können, denn alles wird für dich gemacht, du kannst es dir leisten. Du brauchst nicht einmal einen Führerschein zu haben, du nimmst dir einfach ein Taxi. Was für ein trauriges Dasein, aber hochmodern ist das und unserer Wirtschaft gut angepasst.

Was für eine Wahl!

Wer früher vor den hundert Mitbewohnern des eigenen Dorfs gut Gitarre spielen oder singen konnte, der hatte was. Er war ein geachteter Künstler und Entertainer, auf Festen machte er was her. Heute reicht es nicht, vor hundertausenden von Zuhörern der Beste zu sein, du muss vor Milliarden der Beste sein, um auf dem Weltmarkt zu bestehen, sonst wird irgendeine koreanische oder argentinische CD billiger oder besser sein als die mit deinen Liedern, und du hast keine Chance. Die Globalisierung treibt den Druck zum Fachidioten zu werden noch auf die Spitze: Auf einem Gebiet der Weltmeister, auf allen anderen ein Flasche, das ist das Rezept, denn alles sehr gut zu können, das geht nicht. Einen Leonardo da Vinci gibt es nur ein oder zwei Mal unter Milliarden, sowas kann als Vorbild nicht dienen. Also haben wir nur die Wahl, es auf einem klitzekleinen Gebiet zur Meisterschaft zu bringen und dafür in Kauf zu nehmen, auf allen anderen zu versagen – oder andererseits eine rundum gut verteilte Mittelmäßigkeit. Na, Prost, was für eine Wahl! Es lebe die Freiheit ...

Jenseits der platten Marktwirtschaft

Ich koche mir trotzdem mein Essen selbst und pflege meine Pflanzen im Haus und Garten. Ich heile mich selbst, so gut ich kann und richte meine Wohnung ein. Ich mache in meinem Verlag ein bisschen von fast allem – aus Lust, Neugier oder auch zum Ausgleich gegen Fachidiotie oder zur Erholung von einer hochkonzentrieren, sehr speziellen Tätigkeit. Dabei weiß ich: Wenn ich nicht nur eine Stunde am Tag schreiben würde, sondern drei oder vier Stunden, dann wäre ich darin viel besser. Wenn ich nicht nur ein oder zwei Stunden lesen würde, sondern vier oder sechs, dann wüsste ich viel mehr. Ich könnte mich spezialisieren und hätte dann mehr Erfolg auf dem Markt. Das ist verlockend.
Dennoch: Ich will nicht nur den Schwachen, sondern auch meinen Schwächen aufhelfen. Etwas ruft mich, das zu tun, auch wenn es marktwirtschaftlich Unsinn zu sein scheint. Es gibt noch etwas Tieferes, Mächtigeres als die platte marktwirtschaftliche oder kybernetische Argumentation. Ich fühle, dass es das gibt, deshalb sind die Entscheidungen, wenn es Spitz auf Knopf kommt, für mich dann doch nicht so schwer. Außerdem weiß ich, dass auch das logisch erklärbar ist, es ist nur ein bisschen komplizierter und umständlicher. Das Herz ist eben schneller als der Kopf.

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