Die soziale Entscheidung

05.04.2006 | Wilfried Michalski

Zu den interessanten sozialen Phänomen gehört sicherlich, welche unterschiedliche Stellung das Berufsleben in den verschiedenen Völkern und Kulturen einnimmt.

Während man sich mit manchen "Südländern" durchaus eine geraume Weile über alles Mögliche unterhalten kann, ohne das Berufsleben anzusprechen, ist im Umgang der Deutschen untereinander die Frage nach dem Beruf alsbald ein Thema des sich nur anbahnenden Gesprächs.

Viele Deutsche tragen bis heute Namen, die, manchmal schon seit Jahrhunderten, den Namensträger über den Beruf benennen. Jeder kennt irgendwo einen "Jäger," "Wagner", "Schreiner," "Müller," "Meier," "Schmied," "Fischer", usw..

In solchen Namen zeigt sich, wie sehr die Menschen mit ihrem Beruf verbunden sind. Wie tief die Tätigkeiten der Menschen in ihre gesamte Existenz hineinreichen und diese wesentlich bestimmen.

Der Beruf ist also in manchen Ländern, und Deutschland gehört dazu, der lebensbestimmende Inhalt schlechthin.

Darum wird auch insbesondere hier der Verlust der Arbeit als so tief bedrohend erfahren. In vielen Fällen ist der Arbeitsplatzverlust ein so gravierender Einschnitt, dass das gesamte soziale Wertgefüge des Betreffenden ins Wanken gerät. Er fühlt sich entwertet, unnütz und letztendlich seiner persönlichen Integrität beraubt.

Ein solches umfassendes und persönlichkeitsbestimmendes Aufgehen in der Berufsausübung hat natürlich enorme Folgen für den Fall, dass die Ökonomie eine solche lebensbestimmende Berufsausübung nicht mehr bieten kann.

Diesem Fall nähern wir uns in Riesenschritten.

Mit "Hauspantoffeln" an den Füßen!

Mit Vehemenz wurde und wird die Frage nach den weltökonomischen Verschiebungen im Zeichen der "Globalisierung" und den damit verbundenen Folgen ausgeklammert, verdrängt oder allenfalls als unvermeidlicher Schicksalsschlag hingestellt. Da wurde und wird viel gesagt von den freien Kräften des Marktes, von der Unaufhaltsamkeit der Entwicklung und den Anpassungen und Herausforderungen einer neuen Zeit etc...

Und auch hier zeigt sich wieder, dass man so gerne in der Weltgeschichte sitzt, wie in der Grundschule: ..."und dann, liebe Kinder, dann kam die Globalisierung!"

Jeder Hinweis darauf, dass es in der vorherrschenden Tendenz der Weltökonomie gar keine andere Wahl gibt, als die Gesellschaft hierzulande auf einen erschütternden Umbruch des gesamten Erwerbslebens vorzubereiten, wurde jahrelang mit einvernehmlichem Übersehen bedacht. Da wurde die Fahne der "Vollbeschäftigung" noch hochgehalten, als schon längst erkennbar war, dass mehr Jobs vernichtet würden, als neue entstehen.

Und auch heute ist der "Kampf gegen die Arbeitslosigkeit", das Lippenbekenntnis von jedem, der vielsagend die wichtigsten Fragen verschweigt Denn die unausweichliche Kern-Frage müsste in diesen Zeiten eigentlich sein, was denn an die Stelle des Erwerbslebens treten kann? Was denn an die Stelle der lebenslangen Berufsarbeit gesetzt werden kann? Wenn also diese Lebensform, in der man seinen Unterhalt durch fortlaufende Güterproduktion aufrechterhält, im Eiltempo wegbricht. Was kann, was wird dann kommen?

Es könnte, wenn man die Potentiale dieser Krise positiv ergreift, eine ganz neue Lebensintention dahingehend entstehen, dass man die Lebenszeit insgesamt als angeregte, und sich immer neu in die wechselnden Verhältnisse einstellende, Befähigungserweiterung ansieht.

Dass die Entwicklung der Fähigkeiten, gerade dadurch, dass sie nicht von vornherein einer ökonomischen Verwertbarkeit unterworfen sind, also gerade aus der Freilassung, aus der Freiheit heraus, zu ökonomisch verwertbaren Ergebnissen erwachsen können!

Dass es einen Wechsel geben kann zwischen verschiedenen Phasen. Phasen, in denen man zum einen in einem mehr nach außen gewendeten beruflichen Leben steht und man z.B. in einer "Firma" arbeitet und Phasen, in denen man eher in einer persönlichen Tätigkeit und Entwicklung lebt.

Dass man, hinsichtlich dieser Freiheitsoptionen wirklich einmal positiv begreift, dass "Arbeitslosigkeit" ja nicht zwingenderweise heißen muss, das es "nichts mehr zu tun" gibt!

Warum "freut" man sich nicht endlich auch mal darüber, dass die Erwerbs-Arbeit weniger werden kann?

Haben nicht die Menschen früherer Zeiten geradezu ihre ganze Sehnsucht darauf verwendet, aus dem "Joch" der materiellen Bedarfssicherung aussteigen zu können?

Welche positiven Aspekte ließen sich also daraus gewinnen, dass wir an materiellen Gütern uns langsam gegenseitig alle mit allem versorgt haben. Welcher Lebensgewinn ließe sich auch aus einem "Arbeits-Verlust" gestalten?

Wie "ketzerisch" ist eine solche Frage?

Vor allem in einem Land, in dem man sich mit gegenseitigen Überforderungen traktiert und blockiert?

Oder ist in einem Staat, in dem der Kanzler vorgibt, sich an der "Zahl der Arbeitlosen messen zu lassen" und das wählende Publikum dieses "Versprechen" auch noch einfordert, nicht eine prinzipielle Überforderung von beiden Seiten eingetreten?

Und an dieser Stelle zeigt sich eben exemplarisch, wie wichtig es ist, rechtzeitig zu neuen Gesellschaftsmodellen zu kommen. Und wie wenig ergiebig war und es ist, wenn sich Wähler und Parteien-Kandidaten im vierjährigen Reigen versammeln, um sich, in gegenseitigem Wohlwollen und übertünchter Abhängigkeit ihr Beharrungsvermögen und ihre wechselseitige Unentbehrlichkeit zu bestätigen.

Damit kommt die Gesellschaft nicht in eine tragfähige Zukunft!

Damit lassen sich allenfalls Talkshows und Diskussionsrunden veranstalten. Mitsamt den sattsam bekannten, im fröhlichen Reigen zirkulierenden, Schuldzuweisung der Beteiligten und der allgemeinen Neigung, die Tat durch einen "Talk" zu ersetzen.

Will man den anstehenden Problemen auch nur ansatzweise adäquat begegnen, muss man eben endlich mal die Augen aufmachen und sehen, was eigentlich hinter der ökonomischen Dramatik steht und sich nun brachial nach vorne schiebt: Die soziale Entscheidung!

Die Grund-Frage an uns alle: Wie nehmen wir uns gegenseitig wahr, sofern wir uns überhaupt noch wahrnehmen und was wollen wir miteinander befördern, sofern wir überhaupt etwas miteinander befördern wollen?

Salopp gefragt: Leben miteinander - wozu?

Was wollen wir voneinander und miteinander?

Sind wir in unserer Lebensweise aufeinander bezogen?

Wenn ja, was lässt sich untereinander in freien Assoziationen regeln?

Was können freie Netzwerke und Assoziationen leisten und durch eigene Organe regeln? Welchen Ordnungsrahmen billigen die Bürger dem Staat zu – oder besetzt der Staat nahezu alle Lebensäußerungen mit seinen Regelwerken?

Wollen wir uns weiterhin nur über unser Berufsleben identifizieren und soll der Ertrag eines Berufslebens der einzige anrechenbare Ertrag eines Menschenlebens sein? Gibt es noch andere Ertragsmodalitäten, die sowohl zu einem persönlichen, als auch gesellschaftlichen "Gewinn" führen könnten?

Das sind die Kernfragen, die uns alle herausfordern.

Welche "Ertragsaustauschverfahren" wären jenseits der monetären Zirkularien zu entwickeln, sodass ein allgemein wirk-samer, also ein wirklich sozialer Ertrag und Gewinn, möglich wird?

Noch einige kurze Fragen ans "Eingemachte."

Wie zukunftsfähig sind unsere Lebensarbeitszeitmodelle mit radikalen Brüchen zwischen Erwerbsleben und Rentnerdasein? Welches Lebensverständnis drückt sich in einer Ökonomie aus, wenn man ab 45 schon keinen neuen Job mehr kriegt, weil man zu "alt" ist? Wie "intelligent" ist eigentlich ein Leben in dem man erst mit dem Rentenalter, dann aber unwiderruflich, aus dem "Erwerbsleben" ausscheidet? Kann man nicht auch zwischenzeitlich, z.B für eine private Fortbildung oder für ein Persönlichkeits-Entwicklungsprojekt "ausscheiden?"

Wird jeder auf der faulen Haut liegen, wenn er "arbeitslos" ist?

Oder sind nicht andere andere sinnvolle und gemeinschaftsfördernde Tätigkeiten denkbar, zu denen man sich berufen fühlt, ohne sie gleich als "Beruf" ausüben zu wollen oder zu können?

Lässt sich unser Zusammenleben in einer arbeitsteiligen Welt ausschließlich so organisieren, dass Existenzmöglichkeiten grundsätzlich nur mit "erwirtschaftem" Geld gegeben sind, oder können wir die Leistungsausgleichsmethode, also das "Geld" unseren eigenen und neuen Erfordernissen anpassen?

Oder sind wir, und da liegt die tiefere Gefahr, nicht intelligent und vor allem nicht beweglich genug, dem "dumm gewordenen" Geld, (dem, nach Manier des sich selbst aus dem Sumpf ziehenden Baron von Münchhausen, sich aus sich selbst vermehrendem Geld) ein anderes, besseres, weil gemeinschaftsdienlicheres Geld, entgegen zu setzen. (Der Name spielt dabei keine Rolle. Die "Funktionsweise" ist das Entscheidende.)

Haben wir also keine Arbeit mehr, weil das Geld fehlt sie zu bezahlen, oder weil es nichts mehr zu tun gibt?

Diese Fragen - und noch viel mehr, muss man jetzt stellen. Darüber gilt es jetzt zu sprechen.

In baldiger Zukunft könnte es schon zu spät sein!

Jetzt muss darüber gesprochen werden, ob "Arbeit" nur da sein kann, wenn das Geld auch "da" ist. Jetzt muss man diskutieren, was passiert, wenn die Aufgaben wachsen und das Geld schwindet. Das Geld mit dem man die Lösung der Aufgaben bezahlen kann!

Was passiert zum Beispiel mit Deutschland, wenn sich die ungelösten Aufgaben vergrößern und das große Geld sich neue "sichere" Anlageplätze sucht?

Wenn dann noch mehr "Arbeitsplätze "wegbrechen."

Sind wir darauf vorbereitet?

Eindeutig Nein!

Oder ist eine große öffentliche Diskussion über andere "Verfahrenstechniken" des Geldes und irgendwo angesagt?

Da sind so ziemlich alle hochdotierten Wirtschaftsexperten in der Tauchstation versammelt.

Dieses "Arrangement" der sogenannten Wirtschaftseliten mit einem in sich desaströsen Wirtschaftssystem, darf wohl dem gravierendsten Versagen einer "Elite"zugerechnet werden.

Doch es hat den Anschein, dass die Zeitumstände uns ein weiteres Abtauchen vor diesen Fragen nicht erlauben wollen.

Irgendwann ist die Zeit ganz einfach mal reif!

Und irgendwann gilt es eben zu erkennen, dass wir in Zeitverhältnisse eingetreten sind, in denen andere Anfragen an unser Menschsein gestellt sind als in der Vergangenheit.

Eine Umkehrung der ökonomischen Abwärtstendenz, wird ohne die bewusste Entscheidung für den anderen und seinem "Arbeits-Ertragswert" nicht zu haben sein...

Es wird sich also z.B.jeder fragen müssen, womit er seinen Kunden oder Geschäftspartner an seinem Arbeitsplatz oder in seiner Firma sehen möchte: Mit Gewinn im Portemonnaie oder mit Kostendruck im Nacken?

Letztendlich können wir nur diese zwei Polaritäten weitergeben: Gewinn oder Kostendruck!!

Da entscheidet jeder tagtäglich mehr, als manchem lieb ist.

Auf dem Gesetzes- und Verordnungsweg, wird jedenfalls keine "soziale Marktwirtschaft" die diesen Namen auch nur halbwegs verdient, zu installieren sein.

Die soziale Komponente der Ökonomie wird nur mit einer neuen und erweiterten Wahrnehmung des anderen einhergehen können.

Wir müssen neue, auf Unterstützung und auf Synergie-Effekte bauende, wirtschaftliche Vernetzungen entwickeln.

Förderung und Teilhabe, statt Abwehr und Konkurrenz.

Kurzum: Partnerschaften statt Plattmachen!

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Arbeitspolitik | Wilfried Michalski | weiterempfehlen →