Die Rhetorik der Macht

15.09.2009 | René Borbonus

Die Sprache der Kanzlerkandidaten zur Bundestagswahl 2009

Nur noch zwei Wochen trennen Deutschland von der nächsten Bundestags- und Kanzleramtswahl. Fast wie vorprogrammiert spitzt sich der verbale Machtkampf zwischen den Spitzenkandidaten der Parteien zu. Ein genaues Hinhören verrät, auf welches Arsenal an „rhetorischem Geschütz“ Merkel, Steinmeier und Co. dabei zurückgreifen.

Deutlich wird: Die sprachlichen Eigenheiten unserer Politgrößen lassen auch auf ihren Führungsstil schließen. Die verbalen Feinheiten zu kennen, lohnt sich daher für beide Seiten der Wahlurne. Schließlich haben 60 Prozent der Wähler noch nicht entschieden, ob und wem sie ihre Stimme geben.

Angela Merkel: die diplomatische Generalistin

Stille Wasser sind tief. Vier Jahre als Chefin und Vize in der ersten Großen Koalition nach der Wende haben Angela Merkel rhetorisch stark gemacht. Souverän bewegt sie sich auf dem Politparkett und bietet verbalen Angriffen von SPD und Opposition leichtgängig Paroli. Dabei geht die Unionsvorsitzende so subtil vor, dass sie in politischen Fachkreisen bereits bekannt dafür ist, die Arbeit ihrer Politgegner bloßzustellen, ohne auch nur den Namen der Partei in den Mund zu nehmen: Was in punkto „Politsprache“ trotzdem auffällt – insbesondere wenige Wochen vor der Wahl: Statt mit harten Bandagen kämpft ‚Helmut Kohls Mädle’ am Podium eher mit stiller Autorität ums wichtigste politische Amt. Bewusst vermeidet Merkel verbale Angriffe. Stattdessen gibt sie ironischen Bonmots den Vorzug. Aus ihnen spricht oft die betonte Lässigkeit und Überlegenheit einer Spitzenkandidatin mit Heimvorteil, denn als amtierendes Regierungsoberhaupt kennt Merkel die Untiefen des Kanzlerjobs und steht deswegen über den Dingen. Ihr Sprachstil deutet daher ganz auf einen präsidialen Machtkampf hin, der ihre Führungskompetenz unterstreicht. Dazu passt, dass sich die Kanzlerin sprachlich oft als imagebildend in Szene setzt – ähnlich wie auf dem aktuellen Wahlkampfplakat, auf dem neben ihrem Konterfei der Slogan „Wir haben die Kraft“ prangt. Die Gefahr: Wer sich zu pedantisch als brillant inszeniert, wirkt mit der Zeit unglaubwürdig. Gezielt Geistesblitze blicken zu lassen, hat sich zumindest am Rednerpult noch immer besser bewährt als rhetorisches Dauergewitter.

(Kein) Kanzlerbonus. Am Redner-Modell Merkel zeigt sich außerdem, dass der sogenannte „Kanzlerbonus“ auch seine Nachteile hat. Um bei aktuellen und künftigen Koalitionspartnern nicht anzuecken, bleibt Merkel oft im Allgemeinen. Statt Klartext zu reden, verläuft sich die Kanzlerin häufig auf den verschlungenen Pfaden der Diplomatie. Wendungen wie „vielleicht“ oder „so etwas wie“ sind typisch für die CDU-Frontfrau. Denn: Als Schiedsrichter einer streitlustigen Koalition erwartet man von ihr den verbalen Ausgleich statt einen strengen Abpfiff. Trotzdem schießt sich Merkel mit solchen Worthülsen eher ins politische Aus und im schlimmsten Fall erscheint es dem Wähler, als scheue die Unionsvorsitzende inhaltliche Auseinandersetzungen. Um beim Volk buchstäblich „anzukommen“, wäre daher mehr Prägnanz von Vorteil. Vor allem weil der gelernten Physikerin auf dem Podium nicht selten ihr akademischer Hintergrund in die Quere kommt. Zwar ist ihre Argumentation oft so hieb- und stichfest wie eine Doktorarbeit, aber genauso umständlich drückt sich die promovierte Naturwissenschaftlerin auch aus. So zum Beispiels in einem Statement zur Lage der Finanzmärkte: „Zum anderen ist es die Stunde, über den Tag hinaus zu denken, zu bewerten und zu entscheiden, das heißt, eine neue Systematik für das Zusammenwirken aller im Finanzsektor Tätigen zu entwickeln, also eine Zukunftsperspektive zu gestalten und präventiv zu handeln.“ Bei so viel Verklausulierung bleiben für Otto-Normal-Zuhörer die Zusammenhänge oft auf der Strecke.

Prima Rede-Klima. Verständlicher, unverkrampfter und sympathischer wirkt dagegen ein einfacher Satzbau, der auch die Power, die Merkel in der Stimme hat, unterstreichen würde. Insgesamt hatte die amtierende Regierungschefin eine gute Grundlage, um beim Kanzlerduell am 13. September zu punkten. Vor allem wenn Merkel über ein Thema reden darf, das ihr am Herzen liegt. Bei Themen wie dem Klimaschutz nämlich nimmt das Rhetorikflaggschiff Merkel volle Fahrt auf und überzeugt sprachlich auf ganzer Linie. Der Grund: In diesen Fällen spricht nicht nur Kompetenz, sondern auch Anteilnahme und Engagement aus ihren Worten.

Frank-Walter Steinmeier: der gelassene Denker

Ein Mann – eine Stimme. Frank-Walter Steinmeier geht ins Ohr. Seine sonore Stimme macht das Zuhören selbst über einen längeren Zeitraum angenehm und sichert ihm im rhetorischen Wahlkampf zuverlässige Sympathiepunkte. Denn: Sprechweise und Tonfall sind Überzeugungsinstrumente erster Klasse. Indem der Außenminister bei öffentlichen Auftritten ansprechend tief, laut und deutlich spricht, kann ihm Volk und Plenum leichter folgen – das strahlt Kompetenz, Glaubwürdigkeit und innere Ruhe aus. Eigenschaften, die einem Kanzleramtsaspiranten gut zu Gesicht stehen.

Versteinmeierter Satzbau. Doch der überlegene, gelassene Ton, den Steinmeier vor Publikum häufig anschlägt, ist nur ein Element seines typischen Politsounds. Für den SPD-Frontmann ist vor allem seine juristisch verwinkelte Ausdrucksweise markant. Oft verpackt der Rechtsgelehrte einfache Aussagen in labyrinthisch verschachtelte Sätze, wie ein Auszug seiner Rede zur europäischen Krise zeigt: „Gerade das wird für Europa in diesen Zeiten zu einer Bewährungsprobe, weil wir eine solche Krise globalen Ausmaßes noch nie gemeinsam zu durchstehen hatten, weil nie gekannte Fliehkräfte an diesem europäischen Integrationsprojekt ziehen und zerren und weil manche versucht sein könnten – Anzeichen dafür gibt es – in nationale Denkmuster zurückzufallen.“ Bei so langen verbalen Umwegen verliert noch der aufmerksamste Zuhörer den Faden. Dabei lohnt es sich in punkto Rhetorik, Abkürzungen zu nehmen – vor allem auf dem politischen Parkett. Denn: Redner, die auf den Punkt kommen, demonstrieren, dass sie den Überblick und ihr Ziel deutlich vor Augen haben. Steinmeier hingegen signalisiert häufig das Gegenteil mit umständlichen Konstruktionen wie „Das Glück der Tüchtigen haben wir erworben, weil wir tüchtig sind“ und einer Neigung zur Verneinung. Mit Sätzen wie „Darum bemühe ich mich und habe nicht den Eindruck, dass das ohne jeden Erfolg war“ lässt er dank doppelter Negation offen, worum es ihm geht – und redet zudem direkt am Volk vorbei. Warum? Weil das menschliche Gehirn Negativaussagen nicht eins zu eins verarbeiten kann. Wichtige Aussagen sollten deswegen immer eindeutig und positiv formuliert werden.

Kein Kopf ohne Herz. Dass Steinmeier auch anders kann, zeigen prägnante O-Töne in typischer Obama-Manier, wie das selbstbewusste „Ich kann es“, dass er erst kürzlich in einem Interview zum Besten gab. Gut so! Klare emphatische Ansagen verleihen einer Rede die richtige Verve und auch die nötige Schubkraft, um zu überzeugen. Doch Prägnanz und Emotion bleiben in Steinmeiers Ansprachen eher die Ausnahme. Stattdessen vertraut der Kanzleramtskandidat fast ausschließlich auf das solide Fundament seiner ausführlich vorgetragenen Argumente. Ein Manko, denn ohne Gefühle entsteht zwischen Pult und Publikum eine Kluft, weil Engagement und Herzblut nicht bei denen ankommen, denen sie gelten. Um rhetorisch eine Brücke zu schlagen, greift nur noch das Steinmeiersche Allheilmittel: Ein aufrichtiges Lächeln. Das hilft immer.

Guido Westerwelle: der raffinierte Provokateur

Die Macht der Fakten. Mit außerordentlicher Eloquenz glänzt der traditionelle Spitzenkandidat der FDP, Guido Westerwelle. Mehr als ein Jahrzehnt in der Opposition gab dem Liberalen Zeit, an seiner verbalen Raffinesse und Ausdruckskraft zu feilen. Mit Erfolg. Erst vor kurzem kürte ihn der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache zum besten Wahlkampfredner 2009. Westerwelles rhetorisches Rezept: Als versierter Redner ist er stets sachlich, präzise in seinen Aussagen und trotzdem abwechslungsreich im Satzbau. Westerwelles einziges Manko ist sein Faktenfaible. Der Rechtsanwalt in ihm neigt zu nüchterner Logik und vergisst dabei gern, dass politische Visionen auch emotionalen Rückhalt brauchen: „Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft ja, aber mehr bürokratische Staatswirtschaft nein.“ Sätze wie aus dem Parteiprogramm gestanzt.

Doch auch ohne Gefühlsbooster kommt Westerwelles Vernunftrhetorik bei den Wählern an. Denn: Dramaturgisch sind die Reden des Oppositionsführers nahezu perfekt abgestimmt. Jedes Wort sitzt und mit der Wichtigkeit der Aussage steigt auch die Intensität seiner Worte. Oft greift der FDP-Chef auf rhetorische Dreiklänge zurück, um seine Wirkung zu steigern. So entwickelte Westerwelle erst vor kurzem einen wahren Polit-Krimi, bei dem ein provokatives Argument das nächste jagte, um die Bundeskanzlerin zu kritisieren: „Sie haben die Steuern so stark erhöht wie nie zuvor. Wir sind in der Gesundheitspolitik in der Planwirtschaft so stark wie noch nie zuvor. Sie haben mit dieser Regierung Deutschland nicht gestärkt. Es waren vier verlorene Jahre.“ Dieser Dramatik passt sich zudem Westerwelles Stimme dynamisch an. Vom nachdrücklichen Poltern bis zur leisen Bitte – am Mikro ist der liberale Rhetoriker zu Hause, das merkt man.

Wortspiel, Satz und Sieg. Zu Westerwelles verbalen Spezialitäten zählt vor allem die kreative „-Isierung“: Um seine Gegner am Rednerpult bloßzustellen, übernimmt der Pult-Profi ihre Fehler gern mit raffinieren Neuschöpfungen in den aktiven Sprachgebrauch. Heraus kommen eingängige Begriffe wie etwa „Zwangs-AOK-isierung“. Rhetorik, die informiert, kritisiert und unterhält – darauf versteht sich der Spitzenpolitiker. Getreu dem Motto „Alte Rede neuer Sinn“ gehört zu seinem Fundus auch der deutsche Sprichwort-Schatz oder gelungene Analogien. Zum 60. Parteitag der FDP polterte der Vorsitzende: „Wenn bei den Großen einer pleite geht, kommt der Bundesadler. Aber wenn ein Kleiner pleite geht, kommt der Pleitegeier.“

Sein Talent für politisches Infotainment beweist der FDP-Frontmann nicht zuletzt durch seine kabarettistischen Einlagen bei Redebeginn: „Diese Große Koalition hat nie den Anspruch auf geistige Führung erhoben. Mal hat sich diese Große Koalition zusammengerauft; meistens hat sie sich nur gerauft“, setzte Westerwelle vor dem Bundestag an und beweist damit, dass er eine goldene Rednerregel verinnerlicht hat: Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Seine verbalen Eisbrecher sichern ihm von Anfang an ein aufmerksames Publikum. Doch für den Liberalen – wie auch für seine Mitstreiter um den Kanzlerposten – gilt: Das letzte Wort in punkto politischem Rednererfolg hat immer noch der Inhalt.

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