Die Revolution hat begonnen

03.11.2010 | Heather De Lisle

Die Revolution hat begonnen. Das amerikanische Volk hat gesprochen. Es ist eine Botschaft an Washington, ein Aufschrei gegen das Establishment und vor allem eine Backpfeife für Barack Obama. Der Schlangenölverkäufer mag zwar immer noch im Weißen Haus regieren, aber auch viele demokratische Wähler haben inzwischen kapiert, dass man mit Hoffnung und Wandel sich eben nichts zu essen kaufen kann. Und schon gar nicht die Miete bezahlen.

Natürlich ist es nichts Ungewöhnliches, wenn die Midterm Elections zu Gunsten der Opposition ausfallen. Sogar der – meiner Meinung nach – größte US Präsident aller Zeiten, Ronald Reagan, hat damals kräftig eins auf die Mütze gekriegt. Mit 60 dazugewonnenen Sitzen im Repräsentantenhaus ist es aber diesmal der größte Umschwung in der Geschichte. So genervt waren die Wähler das letzte Mal, als Bill Clinton seine erste Amtszeit antrat – damals sind aber trotzdem nur 54 Sitze in die andere Richtung geflogen. Das, was jetzt passiert ist, kann man ja fast schon als Tsunami bewerten. Naja, vielleicht doch lieber nur einen Erdrutsch. Für eine Mehrheit im Senat hat es eben doch nicht gereicht, weil die Kalifornier mal wieder nicht mitgemacht haben.

Was war also bei dieser Wahl anders? Probleme mit der Wirtschaft hatten wir schon mehrmals in der Geschichte. Die hohe Arbeitslosigkeit ist auch nicht wirklich was Neues. Die Antwort zumindest darauf ist ganz einfach: Die Tea Party Bewegung. Diese lose Gruppierung verschiedener, konservativer Interessensgruppen ist das gelungen, was viele bis jetzt probiert, aber nie geschafft haben: nämlich einen maßgebenden Einfluss auf die Ausgang der Wahlen zu haben. Wer sind diese Leute? Laut deutschen Medien und der Mehrheit der Facebook-User: Waffennarren, fanatische Christen, Rassisten und Frauenhasser, rechtsextremistische Bekloppte und Leute, die sich für sich selber schämen sollten. Waffennarren sind viele Amis, egal welcher politischen Angehörigkeit. Eine Waffe zu besitzen gehört ja auch zu unseren Grundrechten. Fanatische Christen? Nicht wirklich. Die Mehrheit sind einfach normale Gläubige, die nicht möchten, dass ihre Steuergelder benutzt werden, um Babies zu töten. Zum Thema Rassismus: es gab in diesem Jahr 37 republikanische Afro-Amerikanische Kandidaten in 16 Bundesstaaten. Auch von der Tea Party unterstützt. Frauenhasser können sie ja auch nicht sein, da wohl die bekannteste Tea-Party-Unterstützerin überhaupt eben eine UnterstützerIN ist – Sarah Palin. Zu Deutsch Dumpfbacke. Aber eben diese Frau hat es geschafft, Scharen von Wähler zu mobilisieren, unter anderem viele Mütter, die sonst eher die Demokraten wählen. Und rechtsextremistisch erscheinen alle Republikaner aus deutscher Sicht sowieso, darauf braucht man nicht näher eingehen.

Apropos Republikaner – die Tea Party Anhänger sind keineswegs alles Republikaner. Laut einer CNN Umfrage sind 49 Prozent Republikaner, 43 Prozent Independent und sogar 8 Prozent demokratische Wähler.

Also, wie man sieht, quer durch Amerika hat man Schnauze voll von Obama. Aber wieso? Vor zwei Jahren noch wurde Obama ja noch als Messias gefeiert, als der Anti-Bush, der Retter in Not, der, der alles anders macht, alles besser macht. Nur ist nichts besser geworden und das, was anders geworden ist, wollen wir nicht. Wir sind Amerika, nicht Europa. Amerikaner, die europäische Verhältnisse wollen, ziehen nach Europa, gerne auch nach Deutschland. Und wenn sie keine Lust mehr darauf haben, dass die Regierung ständig vorschreibt, was alle zu tun und lassen haben, ziehen sie wieder nach Amerika. Vor ein paar Tagen habe ich auch endlich kapiert, wieso Obama hierzulande so verehrt wird. Er wäre nämlich ein toller Bundeskanzler. Er reicht allen die Hand, möchte den Weltfrieden, will weniger militärische Intervention und ein soziales Netzwerk, in dem hart arbeitende Bürger bezahlen müssen, für die, die keine Lust haben, zu arbeiten oder was zu der Gesellschaft beizutragen. Das kommt mir sehr bekannt vor. Aber es ist eben nicht das, was wir in Amerika brauchen. Jeder hat seine Aufgabe in dieser Welt. Und noch ein Europa auf der anderen Seite der Atlantik wird niemandem was nutzen. Wen ruft Europa dann an, wenn es hier wieder brennt? Wer schickt denn die Soldaten in Krisengebiete, wenn Amerika ihre militärische Macht gegen einen Sozialstaat eintauscht? Vor allem, wem gibt ihr dann die Schuld, wenn alles in der Welt schiefläuft?

Ihr könnt ja Obama gut finden. Aber den Medien würde ich dringend raten, bei der Berichterstattung sich an die Fakten zu halten. Und Fakt ist, dass Obama schon seit dem Sommer einen Beliebtheitsgrad von unter 50 Prozent vorweist – also Bush-ähnliche Verhältnisse. Fakt ist, dass 67 Prozent der Amerikaner Obamas berufliche Leistung als mangelhaft bezeichnen. Aber wieso? Objektiv gesehen hat der Präsident viele historische Maßnahmen eingeleitet und Gesetze unterschreiben, er hat auch sein Bestes für die Wirtschaft getan. Aber er hat den Wählern das nicht erklärt. Ironie der Ironien, der große Orator hat ein Kommunikationsproblem. Obama platzte ins Weiße Haus und machte dann einfach den Cäsar. „Ihr habt doch keine Ahnung, was für euch gut ist!" schrie er ins Land. „Stellt nicht so viele Fragen, ich weiß, was ich mache!" Und jetzt schmollt er, weil das eben nicht gereicht hat. Wir Amerikaner mögen es nämlich nicht, wenn man uns für dumm verkauft. Und genau das macht Obama. Dafür hat er jetzt eine fette Rechnung gekriegt. Zu den offenen Posten gehört auch Obamas misslungener Versuch, das Volk dazu zu zwingen, eine Krankenversicherung abzuschließen. Nicht nur, dass sein Gesetz verfassungswidrig ist (wird gerade von Bundesrichtern geprüft), es ist schlicht und einfach anti-amerikanisch. Oder besser gesagt, sehr europäisch. Und wenn ich sehe, wie „super" das Krankenkassensystem hier in Deutschland funktioniert, kann ich nur sagen, nein danke! Ich bin ja auch hier gesetzlich versichert und habe am Dienstag erfahren, dass ich wohl bis zum Jahresende nicht mehr zum Zahnarzt gehen darf, weil das Budget schon erschöpft ist. Na super. Und so was sollen wir auch in Amerika einführen? Nochmal, nein danke!

Die Republikaner mögen vielleicht keine bessere Ideen haben im Moment, aber das ist offensichtlich den Wählern egal. Hauptsache weg mit den überheblichen, Champagner-Trinkenden, Elite-Uni-Absolventen, die im Moment die Kontrolle über das Land halten. Es ist höchste Zeit, Amerika das amerikanische Volk wieder zurückzugeben. John Boehner, der die meistgehasste Frau Amerikas, Nancy Pelosi, als Chef des Repräsentantenhauses jetzt ablösen wird, nannte gleich nach der Wahl die Hauptprioritäten der neuen Mehrheitspartei: weniger öffentliche Verwaltung, mehr wirtschaftliche Freiheit, eine Reduzierung staatlicher Ausgaben und vor allem die Förderung von persönlicher Verantwortung. Davon könnte man sich auch hier in Deutschland eine Scheibe abschneiden.

Eine gekürzte Fassung dieses Artikel war heute bei WDR5 in der Sendung Politikum um 19:05 Uhr zu hören:
http://www.wdr5.de/sendungen/politikum/s/d/03.11.2010-19.05/b/eine-backpfeife-fuer-obama.html

Weiterlesen / Weiterempfehlen

← zurück | Demokratie | Heather De Lisle | weiterempfehlen →