Die Politiker und die Wahrheit

06.01.2005 | Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Selenz

Oder: Die Probleme mit den guten Vorsätzen

Wer kennt sie nicht, die guten Vorsätze. Beispielsweise zu Jahresbeginn. Man nimmt sich so viel vor. Der eine will Pfunde verlieren. Ein anderer versucht, im neuen Jahr die Wahrheit zu sagen. Gute Vorsätze allemal. Nicht nur der Bürger hat sie. Hier zwei gute Vorsätze unserer Polit-Elite: Außenminister Joschka Fischer und Jürgen Gansäuer, Präsident des Niedersächsischen Landtages. Es geht um Pfunde und die Wahrheit.

Joschka Fischer nahm sich öffentlich vor, Pfunde loszuwerden. Präsident Gansäuer gab den Politikerkollegen den guten Vorsatz mit auf den Weg: "Die Politiker müssen sich mehr daran gewöhnen, die Wahrheit zu sagen". Löbliche Vorsätze - ohne Frage. Der Bürger vernahm sie mit Wohlgefallen. Was ist final aus ihnen geworden?

Bekanntlich haben Vorsätze - insbesondere gute - den Nachteil, dass man sich überwinden muss. Alte Gewohnheiten müssen aufgegeben, eingetretene Pfade verlassen werden. Das fällt schwer. Der Weg durch das Dickicht der Entbehrung ist dornenreich. Allzu oft siegt die Gewohnheit, folgen die müden Tritte lieber dem alten Pfad. Viele stehen folglich Jahr für Jahr vor denselben Vorsätzen. Doch hat man nicht auch von Wundern gehört? Wunder, bei denen Menschen sich final überwanden. Die Regale der Buchhandlungen sind voll von Erlebnissen derer, denen solches widerfuhr. Wunder, die man stolz vermeldet. Nach dem Motto: Ich habe es geschafft! So auch das Buch von Joschka Fischer mit dem griffigen Titel: "Mein langer Lauf zu mir selbst". Joschka hatte die berauschende Wirkung von Kupfer auf der Zunge verspürt. Jeder Dauer-Läufer kennt diesen Geschmack. Er stellt sich ein, wenn man am Limit läuft. Hurtig schrieb Joschka ein Buch über seine Erfahrungen jenseits der Schmerzgrenze. Jens Keuchel vermerkt in seiner Rezension "die Veränderung des aktuellen Außenministers vom "wandelnden Faß" zum laufenden Asketen". Mittlerweile steht Joschka Fischers draller Körper aber auch stellvertretend für all jene, die den Kampf mit sich selbst verloren. Er, der früher Cocktails warf, trinkt sie jetzt lieber. Mit jedem Kilo seines beständig wachsenden Leibes verstrahlt er - sichtbar leidend - die Scham derer, deren innerer Schweinehund letztlich doch obsiegte. Insofern wäre ein Fortsetzungsbuch angezeigt. Mein Titel-Vorschlag: "Der Asket in der Tonne". Als Verlag böte sich Diogenes an!

Mehr noch als die Figur des Außenministers interessiert jedoch den Bürger die Einstellung der Politiker zur Wahrheit. Was wurde aus dem guten Vorsatz des Landtagspräsidenten, Politiker müssten sich mehr daran gewöhnen, die Wahrheit zu sagen. Ein hehrer Vorsatz. Zugegeben! Johannes Rau sagte dazu: "Ich glaube, dass die Politiker sich um Glaubwürdigkeit bemühen müssen. Dazu gehört, dass sie aussprechen, was ist. Dass sie sagen, was sie tun und tun, was sie sagen. Und wenn Politik das tut, gewinnt sie an Glaubwürdigkeit". Die Botschaften hörte der Bürger wohl, allein ihm fehlte der Glaube. Der kam ihm mittlerweile völlig abhanden. Der Bürger glaubt den Politikern rein gar nichts mehr. Was ihm nämlich derzeit von der Polit-Elite geboten wird, ist das exakte Gegenteil dessen, was Rau und Gansäuer forderten. Viele Politiker machen was sie wollen. Regeln und Gesetze gelten nur noch für das Volk. Einige Volks-Vertreter haben völlig abgehoben, kassieren Firmen-Gelder mit kaltschnäuziger Dreistigkeit. Doch statt Fakten auf den Tisch zu legen, bittet die Abteilung "Regierungs-Beziehungen" (-Beteiligung?) der Volks-Wagen AG um eine Bedenkzeit von einem Monat, bevor man Fakten zu präsentieren gedenkt. Und das im Computerzeitalter. Strickt man da noch schnell "Legenden" für die Volks-Wagen-Vertreter? Und die Landesregierung, Hauptaktionär der VW AG, lässt sich dies alles bieten! Muss man sich da noch wundern, dass die Vorsätze von Parlamentschef Gansäuer mal wieder auf der Strecke bleiben. Aber so ist das halt mit guten Vorsätzen. Sind die Politiker und die Wahrheit mithin auf Dauer Gegensätze? Die Frage für den Präsidenten bleibt: Kann er seine Politiker-Kollegen mehr an die Wahrheit gewöhnen? Doch Wunder gibt es bekanntlich immer wieder. Vielleicht klappt es mit den guten Vorsätzen zur Wahrheit dann halt im nächsten Jahr ...

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